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Full text of "Gesammelte Schriften .."

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WALTHER RATHENAU 

GESAMMELTE SCHRIFTEK 

IN FÜNF BÄNDEN 



Erster Band 






A 19 18 

S. FISCHER . VERLAG • BERLIN 



Erste bis vierte Auflage. 

Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung. 
Copyright S. Fischer, Verlag. 



ZUR KRITIK DER ZEIT 



AN GERHART HAUPTMANN 

Deinen Namen schreibe ich auf die erste Seite 
dieses Buches. Du weißt, ich habe gezögert^ 
es zu veröffentlichen, weil zweierlei mir fehlt: 
die Ausführlichkeit, die der Leser von Betrach- 
tungen verlangt, und die Überredungskunst des 
dialektischen Beweises, die ich nicht achte. Ich 
glaube, daß jeder klare Gedanke den Stempel der 
Wahrheit oder des Irrtums auf der Stirn trägt. 
Dir, Gerhart, habe ich stets geglaubt, ohne Beweis 
und ohne Umschweif. Nimm dies Buch als Zeichen 
der Dankbarkeit, die ich als Deutscher dem Dichter 
unsres Zeitalters schulde, und als Gabe herzlicher 
Freundschaft. 



DAS PROBLEM 

Durch die Mitte des vergangenen Jahr- 
hunderts geht ein Schnitt. Jenseits liegt 
alte Zeit, altmodische Kultur, geschicht- 
liche Vergangenheit, diesseits sind unsere Väter 
und wir, Neuzeit, Gegenwart. Das ist nicht etwa 
eine Täuschung des rückwärts gewandten Blickes, 
nicht eine Erscheinung, die jedem sich besinnenden 
Geschlecht begegnet : denn wir können die Zeitpunkte 
bestimmen, wo das neue Wesen sich vom alten 
sondert. Freilich nicht auf ein Jahr oder ein Jahr- 
zehnt genau; denn wie sollte eine Kulturgrenze 
sich als scharfkantige Bruchfläche darstellen ? Viel- 
mehr weist sie, aus geringer Entfernung betrachtet, 
ein Bündel von Splitterungen auf, die jede einzelne 
Faser des Gesamtlebens je an andrer Stelle treffen. 
-So können wir sagen, wann man begonnen hat, 
ein neues Deutsch, Zeitungsdeutsch, Abhandlungs- 
deutsch, Geschäftsdeutsch zu reden und zu schreiben, 
wann die humanistische Bildung von der historisch- 
pragmatischen abgelöst wurde, wann die geschäftliche 
Staatenpolitikbegann,wann die Weltstadtphänomene 
sich erhoben, wann die faßbaren Ideale dem un- 
bestimmten Sehnen unsrer Zeit gewichen sind. 

Vollends erkennen wir diesseits der Epochen- 
grenze, etwa seit Beginn der fünfziger Jahre, die 

II 



nicilt mehr unterbrochene Gleichförmigkeit eines 
Zeitalters, das bis zu diesem Augenblick nur großen- 
hafte Steigerungen und technische Verschiebungen 
erlebt hat. Vor allem aber sind alle diesseitigen 
Menschen uns als Zeitgenossen ohne Erläuterung 
verständlich, indem wir ihre Sprache, Lebensauf- 
fassung, Wünsche und Denkweise bis in die jüngste 
Generation unsrer Stadtbürger hinein erhalten 
und wiederholt finden. Unstet und gesellig, sprung- 
haft, gedankenbegierig und sehnsüchtig, interessiert, 
kritisch, strebend und hastend ist die Stimmung 
nun schon des dritten Geschlechtes westlicher 
Menschen. 

Jenseits des Zeitalters jedoch, bis in die Anfänge 
des abgelaufenen Jahrhunderts, erblicken wir die 
Ausläufer des älteren Geschlechtes : seßhafte Men- 
schen, die auf Ererbtem beruhen, von handge- 
fertigten Werken umgeben, im Wechselkreis des 
Herkommens ihr Leben erfüllend. Wollte man 
meinen, der Gegensatz sei durch den Abstand ver- 
größert, so genügt es, das flache Land oder die 
Städte an der nördlichen und südlichen Grenze 
unsres Sprachgebiets aufzusuchen, um wahrzu- 
nehmen, daß trotz Zeitung, Eisenbahn, Industrie 
und Politik ein altes, dem Großstädter fernes Deutsch- 
land dort sich erhält und verteidigt. So wird man 
in den alten Ortschaften Holsteins oder der Nord- 
schweiz den Unterschied der Stände, die Gegen- 
sätze der Berufe in Sprache, Gebaren und Gesichts- 
zügen ausgeprägt finden, Beschaulichkeit der Denk- 
weise, Handlichkeit des Ausdruckes, Festigkeit der 
Überlieferung nicht vermissen. Wie denn über- 
haupt in wundervollem Erhaltungstriebe die Erde 
abseitig und oft in Schlupfwinkeln alles scheinbar 

12 



Vergangene, selbst das Entfernteste, uns aufbe- 
wahrt hat, so daß alle zentrische Bildung von heute 
zur peripherischen von morgen wird, und jeder 
Schritt abseits vom Wege auch einen Schritt ab- 
seits von der Zeit bedeutet. 

Betrachtet man aber die zentrischen Gebilde 
unsrer Zeit, so ist es zum zweiten Male merk- 
würdig und fast erschreckend zu bemerken, wie 
sehr diese Wesen trotz aller Verschiedenheit des 
Himmelsstrichs, der Herkunft und Vergangenheit 
einander gleichen. 

In ihrer Struktur und Mechanik sind alle größeren 
Städte der weißen Welt identisch. Im Mittel- 
punkt eines Spinnwebes von Schienen gelagert,^ 
schießen sie ihre versteinernden Straßenfäden über 
das Land. Sichtbare und unsichtbare Netze rollen- 
den Verkehres durchziehen und unterwühlen die 
Straßenschluchten und pumpen zweimal täglich 
Menschenkörper von den Gliedern zum Herzen. 
Ein zweites, drittes, viertes Netz verteilt Feuchtig- 
keit, Wärme und Kraft, ein elektrisches Nerven- 
bündel trägt die Schwingungen des Geistes. Nah- 
rungs- und Reizstoffe gleiten auf Schienen und Was- 
serflächen herbei, verbrauchte Materie entströmt 
durch Kanäle. So ist denn das steinerne Bild, 
auch im Schnitt betrachtet, allenthalben das gleiche : 
Wabenzellen, mit geschmeidigen Stoffen, Papier, 
Holz, Leder, Geweben ausgestattet, ordnen sich 
reihenweise ; nach außen gestützt durch Eisen, Stein, 
Glas und Zement. Ein wenig höher oder ein wenig 
flacher getürmt, die Öffnungen etwas dichter oder 
etwas weiter gestellt, durch senkrechte oder wage- 
rechte Ritzungen und Schnörkel gegliedert, zeigen 
die Straßenwände in allen Ländern den gleichen 

13 



Ausdruck. Nur im alten Inneren der Städte, wo in 
Kirchen und Staatshäusern jahrhundertelang Seele 
und Geist der Gemeinschaft wohnten, erhalten 
sich noch Reste physiognomischer Sonderheiten 
als fast erstorbene Schaustücke, während im Um- 
kreis, gleichviel ob in der Richtung der Werkstätten, 
der Wohnstätten oder der Ruhestätten das inter- 
nationale Weltlager sich ausdehnt. 

Nicht mindere Einförmigkeit begegnet im Gei- 
stigen. Im täglichen und nächtlichen Spiel werfen 
die Städte der Welt einander ihre Bälle zu: ihre 
Launen, Moden, Leidenschaften, Lieblinge, ihre 
Vergnügungen, Freuden und Künste, ihre Wissen- 
schaften und Werke tauschen sie aus und finden am 
Wechsel Gefallen. Das gleiche Theaterstück wird 
in Berlin und Paris gespielt, die gleiche Ladenaus- 
lage prangt in London und Newyork, das gleiche 
wissenschaftliche Problem hält sie in Atem, der 
gleiche Skandal macht sie lachen, die gleiche Küche 
ernährt sie, der gleiche Hausrat umgibt sie. Nie 
waren im Mittelalter zwei benachbarte Städte 
eines Landes : Nürnberg und Köln, Genua und Vene- 
dig, einander im wesentlichen so ähnlich wie heute 
London und Paris, Newyork und Berlin. 

So kommt es, daß die städtischen Zeitgenossen 
dieses Kulturkreises in unerhörter Weise sich ver- 
stehen, ja zuletzt gar einander gleichen; so daß 
mancher Reisende, der in einem Nachtschlaf 
Berlin mit Paris vertauscht, sich eigentlich nur 
darüber wundert, daß er beim Aussteigen andre 
Sprachlaute vernimmt als beim Abschied. 

Wer dürfte aber leugnen, daß die Städte sich 
des wirkenden Geistes unsrer Zeit bemächtigt 
haben ? Wenn auch nicht das Treiben der Straße 

H 



lind des Marktes das Wesen der Länder verkörpert, 
so ist doch das wirkende und das sichtbare Leben 
zuletzt eines; was in der Seele keimt, das spiegelt 
sich im Auge, und was im Auge leuchtet, das zuckt 
in den Händen. 

Die Betrachtung aber bestätigt: in verschiedenen 
Zungen sprechen die Gedanken aller Länder die 
gleiche Sprache. Hier gibt es kein Land mehr des 
vorwiegend imperialen Denkens, keines mehr des 
künstlerischen oder religiösen oder merkantilen 
Geistes. Rom, Athen, Jerusalem und Karthago 
sind verschmolzen, alle denken und trachten alles, 
und alle das gleiche in gleicher Weise. 

So haben wir zeitlichen Stillstand und örtliche 
Einform als Wesen dieser bewegtesten und mannig- 
faltigsten aller Zeiten, die sich stündlich mit Neuig- 
keiten sättigt und keinen Gedanken so feierlich 
betont wie den der örtlichen, nationalen und per- 
sönlichen Individualität. 

Und nun den Blick in die früheren Jahrhunderte 
unsrer Zeitrechnung zurückgewendet! Lassen wir 
die Wandlungen des technischen Gehabens unbe- 
achtet; halten wir uns an menschliche, physische, 
ethische, transzendente Eigenschaften: und wir 
müssen eingestehen, daß eine ähnliche Wandlung 
des Leibes und der Seele bei gleichbleibendem Volks- 
körper in aller bekannten Geschichtsentwicklung 
uns nicht begegnet. Wir kennen Völker mit tausend- 
jähriger Geschichte; wir ahnen, daß Ägypten, 
Persien, Rom und China gewaltige Wandlungen 
der Menschen und ihrer Sitten zwischen Anfang 
und Ende ihres Völkerlaufes erblickt haben. Aber 
Wandlungen germanischer Krieger in deutsche 
Gelehrte, preußische Beamte, Berliner Hausbesitzer, 

15 



sächsische Industriearbeiter,Wandlungen frankogalli- 
scher Abenteurer in französische Bourgeois, Pariser 
Journalisten und Coulissiers -Wandlungen des Blutes 
und Geistes von solch erstaunlicher Verwegenheit 
i:ennen die uns erschlossenen Historien nicht. 

Immer wieder fühlt man sich versucht, die taci- 
teischen Schilderungen als Fabeleien eines nord- 
landsüchtigen Italieners zu verwerfen; allein die 
Geschichte des Mittelalters und die Werke dieser 
großen Zeit lassen uns Menschen empfinden, die 
der römischen Zeichnung gleichen. Vor den deut- 
schen Domen und ihren Steinbildern, aus den 
Gesängen Walthers, Gottfrieds und Wolframs blickt 
uns die Gewißheit entgegen, daß Völker dieses 
Schlages gelebt haben: Menschen von demuts- 
vollem Stolz, von kluger Treue, von furchtlosem 
Glauben, von kraftvoller Zartheit. 

Suchen wir nach den Gestalten dieser Menschen, 
so brauchen wir nur unsre Museen zu betreten: 
das ganze Mittelalter hindurch, teilweise bis in 
die ersten Jahrhundertc der neueren Zeit, zeigen 
die Bilder von Menschen und Gottheiten das deut- 
sche Antlitz. Bis tief nach Italien und Spanien 
hinein, wo heute kein Tropfen dieses Blutes mehr 
sichtbar ist, tragen die Idealgestalten die gleichen 
Züge. Wo dunklere Gestalten erscheinen, kenn- 
zeichnen sie den Niedriggeborenen, den Frem- 
den und Bösen. Selbst die Bildnisdarstellungen 
der beginnenden Neuzeit zeigen in Deutschland, 
den Niederlanden, Frankreich überwiegend, in 
Italien häufig, die Gestalten, die bei uns so 
selten geworden sind. Man möchte sagen, daß 
das moderne Bildnis vom alten mehr durch den 
Unterschied der Dargestellten als durch Ver- 

i6 



schiedenheit der Gewandung und der Malweise . 
abweicht. 

In den Straßen der Großstädte treffen wir die 
Menschen dieser Bildnisse selten. Es könnte jemand 
tagelang Unter den Linden auf und ab spazieren, 
ohne auch nur einen einzigen Menschen vom ^Iten 
Schlage zu erblicken: und träfe er ihn, so würde in 
den meisten Fällen eine kurze Unterhaltung offen- 
baren, daß die Seele eines Hohenstaufcn in diesem 
bevorzugten Körper nicht wohnt. Entfernt man 
sich jedoch von den städtischen Zentren nach 
jenen abgelegenen Gauen hin, etwa nach Friesland, 
Jütland und dem südlichen Schweden, so finden 
sich heute noch Menschen, ja Stämme, welche die 
antiken Schilderungen rechtfertigen und retten. 
Freilich tragen auch sie nicht Schild und Brünne; 
auch sie sind bisweilen Kaufleute, Rechtsanwälte, 
Techniker, Ärzte; aber seltsam ist zunächst das 
eine, wie starr sie an einigen alten Berufen, des 
Ackerbauers, Züchters, Fischers, Jägers, Schiffers, 
festhalten. Und da, wo sie in neuzeitlichen Berufen 
stehen, bemerkt man bald eine seltsame, losgelöste, 
dingliche und kühne Auffassung, die auf den Kern 
der Sache geht, nicht auf die Zwecke, und die daher, 
wie Glück und Umstände es wollen, das eine Mal 
zu ungewöhnlichen Erfolgen, das andre Mal zum 
gänzlichen Mißlingen führt. 

Das seltsamste aber ist dies : wo wir Menschen des 
früheren Schlages treffen, da erkennen und ver- 
stehen wir auch den Geist alter Zeiten. Die ruhige, 
treu zuversichtliche und vornehm freie Art des 
Betragens, die karge, zur Untertreibung neigende 
Sprache, die des Rühmens bare Freude an Kraft 
und Mut, die leise Verspottung überklugen Wesens, 



die Heimatliebe, Geistigkeit und immaterielle Fröm- 
migkeit, diese Wesenszüge erinnern zugleich an die 
höchsten Erscheinungen unsrer eigenen Zeit und füh- 
ren wiederumhinauf zu den Liedern des Vogelweiders, 
zu Fischarts Schwänken und zu Ekkharts Mystik. 

Was ist nun im Laufe dieser Jahrhunderte ge- 
schehen ? Was hat die Menschen, ihre Leiber, ihre 
Seelen so gewandelt ? Was hat ihren Geist ergriffen, 
um durch ihn die Welt so gänzlich umzugestalten 
und diese umgestaltete Welt rückgewandt auf Geister 
und Seelen wirken zu lassen ? Gibt es eine Grund- 
erscheinung als Ursprung und Achse dieser neuen 
Zeit und Welt, die, was man auch von Wiederkehr 
der Dinge sagen mag, schlechthin ohne Vorbild und 
Gleichung uns umgibt und beherrscht? Die Er- 
kenntnis dieser Urkraft und ihres Wirkens würde 
uns Wesen und Zusammenhang der Moderne, von 
vorgespiegelter Selbstverständlichkeit losgelöst, ob- 
jektiv fühlbar machen, aus dem Übermaß der Er- 
scheinungen das Notwendige vom Zufälligen son- 
dern und am Ende gar eine Vorstellung von der 
Richtung der Entwicklung gewähren. Und selbst ein 
Irrtum im Zielen auf die Grunderscheinungen wird 
nicht unter allen Umständen wertlos sein, wie denn 
ein erster Schuß, auch wenn er fehlt, dem Geschütz- 
führer Anhalt für Richtung und Abstand gibt. 



VERSUCHTE LÖSUNGEN 

Wer sich in eine stetige Erscheinung vertieft 
in dem Bestreben, ihre Änderungen auf 
irgendeine Gesetzmäßigkeit aufzureihen, das heißt, 
sie als Funktion einer einfacheren oder bekannteren 

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zeltlichen Erscheinung festzulegen, der kommt 
leicht in Gefahr, Kontinuität und Kausalität 
zu verwechseln, indem die einzelnen Phasen teils 
ihrer mählichen Übergänge wegen, teils infolge 
eines Gegensatzes sich wechselseitig zu erzeugen 
scheinen, während sie in Wahrheit der Zentral- 
bewegung einer unbekannten dritten Kraft folgen. 
Ein alltägliches Beispiel mag diese Erwägung bis 
zu einem gewissen Punkt erläutern. Hat der Wind 
eine Zeitlang von Süden her geblasen, dann von 
Südwesten und jetzt von Westen, so werden manche 
sagen: Dies war vorauszusehen; es liegt eben eine 
nach Westen drehende Neigung des Windes vor. 
Ist er statt dessen von Süden nach Nordosten 
gegangen, so wird man hören, dies sei die Folge 
eines notwendigen und üblichen Gegensatzstrebens. 
In beiden Fällen bleibt unbeachtet: warum hat 
die westdrehende Neigung nicht schließlich nach 
Nordwesten, Norden oder weiter geführt ?, warum 
hat das Gegensatzstreben nicht statt nach Nordosten 
nach Nordwesten gewiesen ?, schHeßlich : warum ist 
überhaupt, und gerade jetzt, eine Änderung vor- 
gegangen ? Die Wahrheit ist, daß nicht in irgend- 
einer Tendenz der Windrichtung, sondern in dem 
tieferliegenden Spiel der meteorischen Kräfte der 
Urgrund dieser wechselnden Erscheinung, dem 
beobachtenden Sinn unerkennbar, ruht. 

Mit einer Verwechslung von Kontinuität mit 
Kausalität wird häufig die Frage nach der Herkunft 
der Neuen Zeit beantwortet. Ihre Ursache, so 
heißt es meistens, liegt im Verkehr. Und woher 
kommt der Verkehr ? Von der Maschine. Und die 
Maschine ? Von der Entwicklung der Technik. 
Woher stammt die Technik ? Sie ist angewandte 

*• 19 



Wissenschaft. Wie kam die okzidentale Wissen- 
schaft empor? Sie war das gegensätzliche Erzeug- 
nis der Scholastik. Und so fort bis zu Adam und 
Eva. 

Gewiß ist es verlockend, die tausendjährige Ent- 
wicklung an die Kette der Geistesevolution zu 
reihen, deren Glieder uns als lückenlose, unzerreiß- 
bare kausale Folge erscheinen. Aber wie bedenklich 
wäre es, auch nur die Geschichte eines mensch- 
lichen Lebenstages oder eines ganzen Lebenslaufes 
an die Kette einer Gedankenfolge reihen zu wollen ! 
Noch schwerer wäre die innere Kausalität dieser 
Gedankenfolge selbst glaubhaft zu machen, und 
es würde für die Haltbarkeit der Reihe wenig ge- 
wonnen, wenn man sich auf den allgemeinen Ur- 
sprung als Ausfluß einer Persönlichkeit beschränkte. 

Gewiß ist es eine schöne Aufgabe, darzustellen, 
wie ein jugendliches Heidentum in gläubige Mystik, 
in dürre Scholastik sich verwandelt; wie aus dem 
sterbenden Reis die Forschung, das freie Denken 
und die Wissenschaft hervorsprießt; wie diese in 
zweckhafter Verzweigung die Technik abspaltet; 
gewiß mußte es so sein, denn es ist; aber warum 
mußte es gerade so sein und nicht anders ? Die 
Griechen hatten Mystik, aber keine Scholastik; 
sie hatten Wissenschaft, aber keine Technik; die 
Juden hatten Scholastik, aber keine Forschung; 
die Römer hatten freies Denken, Technik, aber 
keine Wissenschaft; die Ägypter und Chinesen 
hatten Technik, aber weder freies Denken noch 
Forschung. Somit sind Geistesevolutionen denk- 
bar, die von verschiedenartigen Ausgängen zu glei- 
chen Ergebnissen, und wiederum solche, die zu 
verschiedenartigen Ergebnissen bei gleichem Aus- 

20 



gang gelangen, und deshalb bietet die scheinbar 
so feste Kette keinen genügenden Halt, um den 
eisernen Weg der Völkerentwicklung zu tragen. 

Glücklicher scheint der Versuch, den Neuere 
gemacht haben: die Wandlung Germaniens in 
ein prussianisiertes Weltreich — und gleichzeitig 
die Parallelgestaltungen aller westlichen Länder — 
als Funktion wirtschaftlicher Vorgänge aufzufassen, 
und zwar sie an den Übergang von der Individual- 
wirtschaft zur Universalwirtschaft, die man Kapita- 
lismus nennt, zu ketten. Nur seltsam, daß sie es 
sich nicht angelegen sein ließen, die letzte Triebkraft, 
die die Wirtschaftsverschiebung verschuldet, ans 
Licht zu ziehen, obwohl es mit Händen zu greifen 
war: die Volksvermehrung; die ungeheuerste, pro- 
portional und absolut gewaltigste Volksvermehrung 
seit Anbeginn menschenkundiger Zeiten. Man zog es 
vor, zu eigenartigen Hypothesen Zuflucht zu nehmen ; 
so schuf man ein besonderes Naturgesetz, wonach 
die Menschheit das Bestreben habe, zwischen 
Begierde und Genuß möglichst viele Stadien zu 
schalten: nicht sehr überzeugend zwar, doch gut 
zupaß; wie es denn von alters her stets ein Vor- 
recht der Erklärer war, ein factum durch eine 
facultas zu erleuchten. 

Wie eng die wirtschaftliche Evolution mit der 
Volksvermehrung sich verknüpft, ist augenscheinlich. 
Einzelwirtschaft bedeutet Abgeschlossenheit, Nach- 
barlosigkeit; Gesamtwirtschaft bedeutet enge Berüh- 
rung, Zusammenschluß. Einzelwirtschaft kann nur 
aus dem vollen schöpfen, ohne Rücksicht, wie viel, 
wie wenig übrigbleibt. Gesamtwirtschaft lebt von 
Ersparnis; Ersparnis an Zeit, Kraft, Material, 
Lagerverlust, Reibungsverlust. Gesamtwirtschaft 

21 



ist noch heute ebenso undenkbar bei spärlicher 
Bevölkerung, wie Einzelwirtschaft bei großer Dichte. 
Gesamt Wirtschaft muß daher mit Naturnotwendig- 
keit eintreten, sobald eine gewisse Verdichtung statt- 
gefunden hat. 

Wenn trotz dieses offensichtlichen Zusammen- 
hangs die Vertreter der wirtschaftlichen Auffassung 
nicht gewagt haben, die Volkszunahme schlechthin 
als Evolvente zu wählen, so läßt sich eine Erwägung 
anführen, die dies Zögern zu rechtfertigen scheint. 

Denn immer wieder tritt bei Aufgaben, die sich 
auf Massenphänomene beziehen — mögen nun Flüs- 
sigkeitsbewegungen oder thermische Erscheinungen 
oder lebendige Gemeinschaften der Betrachtung 
dienen — die Erfahrung hervor, daß jede kleinste 
Verschiebung durch die benachbarte bedingt und 
abgewandelt ist; keine Kraft wirkt losgelöst und 
ungehindert; daher denn auch im vorliegenden 
Fall nicht bestritten werden kann, daß rückwirkend 
bis zu einem gewissen Grade die wirtschaftliche 
Entwicklung und der ihr folgende Wohlstand auf 
die Volksvermehrung habe einwirken können. Es 
konnte am Ende gar der Zweifel entstehen: ob 
nicht überhaupt das Phänomen umgekehrt aufge- 
baut sei : zuerst Wirtschaftsumsrhwung, dann Volks- 
verdichtung. Dies wäre freilich nicht viel anders, 
als wenn jemand den Satz „Volksansammlungen 
veranlassen Verkehrsstörungen" grundsätzlich um- 
kehren wollte, weil unbestreitbar Verkehrsstörungen 
auch schon manchmal Aufläufe hervorgerufen 
haben. 

Mit besserem Recht könnte man geltend machen, 
hier werde nur ein Rätsel durch ein anderes ver- 
drängt: denn wie in aller Welt sei eine Volksvcr- 

22 



dichtung erklärlich, die allen Seuchen und Kriegen 
des Mittelalters und der neueren Zeit standgehalten 
und von der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts 
an die gewaltigsten Menschenkonzentrationen er- 
zeugt habe, die je von europäischem Boden er- 
tragen wurden? 

Um dieser seltsamen Frage zu begegnen, wird es 
nötig sein, nochmals einige Schritte zurückzutreten 
und von neuem auszuholen. 



GESCHICHTETE VÖLKER 

In seltsamem Doppelsinn deutet das Wort „Ge- 
schichte" — das von geschehen kommt — auf 
das Geheimnis, daß nur geschichtete Völker 
Historie machen und erleben. Einschichtige Völker, 
das heißt solche, die aus einheitlich entstammten 
oder gut zusammengekochten Rasseelementen be- 
stehen, zeigen, von den Ägyptern bis zu den Chinesen, 
im Stande der Zivilisation das gleiche Bild: Abge- 
schlossenheit und Konservativismus, lange Dynastien- 
reihen von wesentlich gleichartiger Physiognomie, 
langsam-stetige technische Entwicklung, die aber 
keinen Aufstieg zu einer idealen Kultur bedeutet, 
vielmehr in Geist und Kunst eine allmähliche 
Verflachung und Vernüchterung erlebt, indem die 
lebendige Kraft des einstmaligen, vorzeitlichen 
Anstoßes sich nach und nach aufbraucht. 

Eine Geschichte hingegen, das Werden und Ver- 
gehen politischer Formen, geistiger Ziele, Erleb- 
nisse und Träume, Wechsel von leidenschaftlichen, 
friedlichen und tätigen Epochen, Aufstieg, Aus- 
breitung und Niedergang, kurz das, was im Leben 

23 



des einzelnen dem freien, heroischen und tragischen 
Schicksal entspricht: eine Geschichte ist nur den- 
jenigen Gemeinwesen beschieden worden, die von 
einer Oberschicht beherrscht, von einer stammver* 
schiedenen Unterschicht getragen waren. Solche 
Zweischichtigkeit prägt sich mit Entschiedenheit 
aus im Bestehen von Aristokratien; daß alle Kultur 
dieser Erde von aristokratischen Gebilden ausge- 
gangen ist, bezeugen Indien, Griechenland und 
Rom, Florenz und Venedig, England und die Nie- 
derlande, Frankreich und Deutschland. Selbst im 
fernen Osten muß den Japanern die Führung und 
Verantwortung zufallen, weil ihr Feudalsystem die 
Reste alter Zweischichtigkeit am Leben erhält. 
Diese Schöpferkraft des Zwiespalts entspricht 
einem einfachen Gesetze. Wir können uns keiner 
Vorstellung bewußt werden als durch den Gegen- 
satz, die Polarität. Wer die See kennt, begreift 
das Binnenland, wer die Fremde kennt, begreift die 
Heimat, wer seinen Nächsten kennt, begreift sich 
selbst, soweit denn ein Begreifen uns beschieden ist. 
Ein rechtes Volk aber erblickt in seinen Nachbarn 
den Spiegel nicht; sie sind ihm zu fern, zu fremd 
und zu verhaßt. Den Spiegel erblickt es im fremden 
Landesgenossen, und bei diesem Anblick wird es 
sich seiner selbst bewußt. Es beginnt die feinere 
Scheidung und Erkenntnis der physischen, sitt- 
lichen und geistigen Gegensätze, eine Selbster- 
kenntnis, Kritik und Wertung tritt ein, und mit 
diesen ersteht ein Ideal. Zugleich brechen die 
schönsten Kräfte menschlicher Gegensätze und 
Pflichten hervor: der Obere herrscht, leitet, ver- 
antwortet und schützt, der Untere gehorcht, leistet, 
dient und strebt. Der Obere erzieht sich zur Ge- 

24 



sinnung und Freiheit, der Untere zur Ausdauer 
und Fertigkeit. Daß solche Arbeitsteilung Großes 
hervorzubringen bestimmt ist, zeigt jede bewußte 
Organisation bis in die jüngste Zeit. 

Nun ereignet sich aber in diesen zweischichtigen 
Volkswesen jeweils etwas Wunderbares, in einem 
jeden zu seiner Zeit und ein einziges Mal : die beiden 
Schichten, einst wie öl und Wasser getrennt, 
beginnen sich zu lösen, die Kontraste verfließen 
(die Unteren sagen: die Vorurteile), ein näheres 
Erkennen, ein engeres Zusammenwirken tritt ein. 
Noch hat die Oberschicht soviel Recht und Gel- 
tung, daß ihre reineren und freieren Ideale den 
Geist der Gesamtheit beherrschen, noch hat die 
Unterschicht soviel Glauben und Respekt, daß 
sie ihr Können, ihr herkömmliches Handwerk, 
ihre Kunstfertigkeit in den Dienst dieser Ideale 
stellt. Die Kunstwerke solcher Epochen sind die 
edelsten Zeugnisse des irdischen Geistes ; vor Zeiten 
nannte man sie hohen Stils, heute werden sie als 
archaisch oder primitiv verehrt. 

Sodann beschleunigt sich der Vorgang, dem 
Phänomen vergleichbar, wenn zwei Flüssigkeiten 
hoher chemischer Affinität durch Mischung in 
Reaktion treten. Es lösen sich die lang verhaltenen 
Energien in einer Epoche heißen Aufschäumens 
und leidenschaftlicher Lebenssteigerung. Jetzt stei- 
gen die Befähigten der Oberschicht aus der Herr- 
schersphäre hinab in die Schar der Ausübenden; 
jetzt steigen die Bedeutenden der Unterschicht 
empor in die Zahl der Bestimmenden; ihre innersten 
Geheimnisse rufen die beiden Stämme freudig und 
rückhaltlos einander zu; jede Wahrheit hat Gel- 
tung, jeder Gedanke findet Hörer, man erlebt das 

25 



Ungeheure und erwartet das Unmögliche. In 
solchen Zeiten ersteht der Kunst aus der Mischung 
der Freiheit und des Ausdrucks die Blüte, die 
wir aus der Zeit des Phidias und des Lionardo 
kennen. 

Noch lange bleiben die Elemente in Bewegung, 
aber das Phänomen ist vollbracht, die Mischung ist 
geschehen. Die Unteren waren die Zahlreicheren, 
und so trägt das Gemenge ihre Färbung. Meist 
haben sie der Staatsform ihren Stempel aufgedrückt, 
zum mindesten herrschen sie faktisch. Die trans- 
zendenten Ideale der alten Führer sind gefallen, 
an ihre Stelle tritt der freie Bewerb um den Ge- 
schmack der Menge. Dieser Geschmack aber ist 
geistig Skeptizismus, Negation, Aberglaube und 
Rationalismus, künstlerisch Materialismus, Dekla- 
mation und Ekstase. Einer Epoche dieser Art hat 
man die Bezeichnung des „Barock" gegeben, ein 
Name, den man füglich auf die Parallelepochen an- 
wenden könnte, so daß bei allen Kulturzeitaltern 
von einer archaischen, einer gipfelnden und einer 
Barockperiode kurz und verständlich gesprochen 
werden könnte. 

Mit dem Abschluß dieses dritten Abschnitts 
tritt die Beruhigung ein, und zwar für immer, 
sofern nicht neue Eroberer neue Oberschichten 
schaffen und den Kreisprozeß von neuem vorbereiten. 
Geschieht dies nicht, so bleiben die Affinitäten ge- 
sättigt, die freien Energien sind verpufft, und die 
ausgebrannten Völker bleiben oftmals wie tote 
Schlacken am Wege liegen. So sind aus Dorern und 
Attikern innerhalb weniger Menschenalter die 
Graeculi der Römer geworden, so aus den Römern 
selbst römische Italiener, 

26 



Im Gegensatz zu diesen Erscheinungen der Ver- 
mischung bleiben einschichtige Völker sich selbst 
ihr Leben lang gleich, wie die Nationen Asiens 
beweisen. Technische Erfindungen mögen ihr 
äußeres Dasein langsam bewegen; ihr Geist, ihr 
Wille und ihre Seele bleiben, wie sie waren, und 
kaum merklich ändern sich die Zeugnisse des inneren 
Lebens: Religion und Kunst, Schrift und Sprache. 
Hier sei eine Anmerkung gestattet: 
Bei der großen Aufmerksamkeit, die unsre Zeit 
dem Wesen, der Geschichte und dem Austausch 
der Sprachen zuwendet, scheint es seltsam, daß 
man sich um das eigentlich Physiologische ihrer 
Entwicklung wenig kümmert. Daß und wie die 
Sprachen sich umgestalten, wissen wir; aber wie 
kommt es, daß die eine sich jahrhundertelanger 
Ruhe erfreut, die andre in stetem Wechsel sich 
bewegt, die dritte im Laufe knapper Jahrhunderte 
von Grund auf sich erneut? Betrachtet man die 
Sprache als einen Teil der geistigen und körper- 
lichen Physiognomie, so liegt die Erklärung nahe. 
Nur gleichbleibende Individuen können gleich- 
bleibend sprechen. Veränderte Denkweise und ver- 
änderte Muskulatur muß veränderten Sprachaus- 
druck schaffen; wie denn ein jeder beim Erlernen 
bemerkt, daß es einer zwangsweisen körperlichen 
und geistigen Nachahmung bedarf, um neuer Rede 
sich anzupassen. Starke Persönlichkeiten sind nur 
in früher Jugend biegsam genug, dieser doppelten 
Schauspielerei sich zu bequemen; übertrieben 
vielsprachige Befähigung hat bei Alteren etwas 
Prostitutionsmäßiges. Sollen ganze Völker ihre 
Sprache ändern, so muß in ihrer physischen Be- 
schaffenheit eine Änderung vorgegangen sein; 

27 



und es wird vielleicht einstmals in der beschleunig- 
ten Wandlung der Sprache das feinste und zuver- 
lässigste Reagens auf den Zutritt neuen Blutes 
gefunden werden. 

Damit die Doppelschichtung eines Volkes ihre 
natürliche Wirkung ausübe, ist keineswegs erfor- 
derlich, daß eine äußerlich erkennbare Trennungs- 
fläche die entgegengesetzten Massen scheide, noch 
gar, daß jeder Volksgenosse sich seiner Rolle als 
oberes oder unteres Glied klar bewußt sei. Voraus- 
setzung ist lediglich, daß die Oberen den Geist 
und Willen der Gesamtheit bestimmen und leiten; 
so wie etwa zur republikanischen Zeit die Römer 
echten Blutes das intellektuelle Leben der namen- 
losen Italiker und Eingewanderten derart beherrsch- 
ten, daß die winzige Zahl der Herren einem Welt- 
reich und einer Weltepoche Stimmung und Namen 
aufzwingen konnte. Ebensowenig darf man ver- 
langen, daß der attische Plebejer, der das Handwerk 
des Steinmetzen übte, bei jedem Meißelschlag zu 
jenem blonden Patriziersohn aufblickte, der ihm 
sein Götterbild bestellte. Es genügte, daß Geist 
und Geschmack des Adels das Zeitalter erfüllte 
und den Bildner zwang, die menschhche Gestalt 
unter der Form des göttlichen Ideals zu erblicken; 
denselben Bildner, dessen Vorfahren und Nach- 
kommen, von der Überwachung befreit, weit lieber 
Monstren, Süßlichkeiten und Karikaturen schufen. 

Umgekehrt wird man sich hüten müssen, in 
unklarer Verallgemeinerung eine historisch wirk- 
same Schichtung überall da zu erblicken, wo eine 
Abstufung auftritt. Dann freilich gibt es in jeder 
Volksgemeinschaft Starke und Schwache, Reiche 
und Arme, Geschützte und Hilflose. Aber diese 

28 



Gruppen stehen einander nicht als Rassen und 
Völker gegenüber; indem vielmehr sie auf- und nie- 
dertauchen wie die Flüssigkeitsteile eines Wellen- 
zuges, können sie wohl im Zustande der Erhebung 
eine etwas veränderte geistige Temperatur oder Fär- 
bung gewinnen und den Tiefen mitteilen ; Wechsel- 
wirkung und Austausch grundsätzlicher Eigenschaf- 
ten und Kräfte zu vermitteln, vermögen sie nicht. 



DIE AUFZEHRUNG DER OBERSCHICHT 

Noch heute sind die Länder des mittleren 
Europa nicht von durchweg einschichtigen 
Völkern bewohnt. Die Herrscherhäuser deutscher 
Zunge und ihre Gefolgschaften entstammen einer 
Oberschicht, die sich bei Strafe des Verlustes edel- 
ster Rechte mit fremdem Blute niemals mischen 
darf. Die Heere als Träger und Garanten der Natio- 
nalmacht nach außen, der Herrschermacht nach 
innen, gehorchen adligen Führern. Die Geschäfts- 
führung deutscher Staaten und ihre Vertretung 
geschieht durch Zugehörige der oberen Schicht, 
nicht minder die höchste Leitung der Regierung 
und der größere Teil ihrer Exekutive. Ja selbst 
die Gesetzgebung kann der Billigung und des 
Vetos einer Herrenkurie nicht entbehren. Der 
Geschichtschreiber später Zeiten wird vor einem 
Rätsel stehen, wenn er sich zu vergegenwärtigen 
sucht, wie unsre Zeit mit den äußeren Organen 
ihres Geistes demokratisch zu fühlen glaubte, 
während das Wollen ihrer inneren Seele den Aristo- 
kratismus noch immer duldete und zu erhalten 
strebte. 

29 



Freilich ist seit den letzten Jahrhunderten 
Adel nicht mehr reines Abzeichen edleren Blutes; 
dennoch zieht er seine stärksten Kräfte aus dem 
Stammhaften: Gesinnung und Physis. Wer ein 
preußisches Regiment defilieren sah und die Ge- 
stalten der Truppe mit denen der Führer verglich, 
der hat, wenn anders sein Auge für Betrachtung 
organischer Wesen geschärft ist, den Gegensatz 
zweier Rassen erkannt: gleichzeitig aber hat er 
ein sichtbares Symbol und Abbild der Gliederung 
unsres Volkes erblickt. 

Weist somit unsre Zeit, bei allem offenkundigen 
Hang zum Demokratischen, noch immer sichtbare 
Spuren der Doppelschichtung auf, so können wir 
uns den Beginn unsrer Geschichte nicht anders als 
im Charakter ausgesprochener Zweiheit der Be- 
völkerung denken. 

Vom ganzen ostelbischen Deutschland wissen 
wir, daß es zu geschichtlich bekannten Zeiten durch 
Eroberung und Kolonisation als doppelschichtiges 
Volksgebilde entstand. Die Sieger waren Ger- 
manen, die Besiegten Slawen, das Ereignis geschah 
vom zwölften bis ins vierzehnte Jahrhundert. Auf 
welchen Unterschichten besiegter Urbevölkerungen 
das übrige Deutschland ruhte, als es mit seiner 
aristokratischen Gliederung von Freien, Halbfreien 
und Hörigen in die Geschichte eintrat, ist unbekannt ; 
doch ahnen wir aus frühen Sagen und späteren Dar- 
stellungen manches vom Wesen der Unterworfenen. 
Dunkelhaarig war der Knechtsbruder des frei- 
geborenen Knaben. Handfertigkeit, schlaue Künste 
und feiger Sinn ist das Erbteil der Dunkelwesen. 
Sie sind klein von Gestalt; ihr Haar ist kurz und 
kraus; deshalb muß zur Hervorhebung des Gegen- 

30 



Satzes der Freie in allen Ländern das blonde Haupt- 
haar lang und schlicht um den Scheitel wallen lassen. 
Bis in die neuere Zeit hinein zeigen die älteren 
bildlichen Darstellungen von Bauern, Hörigen und 
Verbrechern die gleichen Züge: runde Schädel, 
breite Gesichter, aufgestülpte Nasen, kurze, ge- 
drungene Glieder. Daß hier nicht Merkmale des 
Berufes, sondern des Stammes dargestellt werden 
sollten, beweisen die germanischen Gebiete des 
Nordens, wo Jahrhunderte bäuerlicher Arbeit den 
feingegliederten, schlanken und edlen Schlag nicht 
verwandeln können. 

Indem nun jeder der südwestlich gerichteten 
Germanenströme die dunkleren Urvölker über- 
deckte, und zwar mit einer Schicht, die um so 
schwächer je weiter sie von der Einbruchszone 
entfernt war, so mußte denn auch die Aufzehrung 
in verschiedener Geschwindigkeit und verschiedener 
Vollkommenheit erfolgen: die südwestlichen Halb- 
inseln Europas, verglichen mit der nordöstlichen, 
zeigen heute den entschiedenen Kontrast dunkler 
Bevölkerung. 

Versucht man, sich die Bilanz der Kräfte zu 
vergegenwärtigen, denen im Laufe der europäischen 
Geschichte die beiden Elemente des Volkes, vor- 
nehmlich in Deutschland, ausgesetzt waren, so 
treten folgende Tendenzen hervor: 

I. Bezüglich der Herrschaft. Sie war von den 
Eroberern mit Gewalt gewonnen und wurde zu- 
nächst mit Gewalt behauptet; solange, bis sie ver- 
fassungsmäßige, soziale oder plutokratische Geltung 
erlangt hatte. Dann aber mußte die Erhaltung der 
Herrschaft den Mächten der Ordnung anheimge- 
geben werden; Gewaltakte waren nur noch statthaft 

31 



bei der Bekämpfung Aufständischer und Ungläu- 
biger, denn die beiden großen Erbteile des Ostens, 
Kaisertum und Kirche, wirkten im Sinne der Zivili- 
sation. So blieb das Herrschaftsverhältnis im Inner- 
sten ungefestigt und unverteidigt, mußte zerbröckeln 
wie jeder Bau, den man nicht pflegt und erneuert, 
sondern seiner eigenen Festigkeit überlassen zu 
können glaubt. 

2. Bezüglich der Herrschenden. Aus Waldland 
waren sie hervorgetreten, jagd- und waffengeübt, 
unbekannt mit verfeinerten Bedürfnissen, unge- 
wohnt der Arbeit und des Zusammenlebens. In 
nicht unähnlicher Lage, wenn auch um vieles 
tiefer stehend, erblickte man vor einem Menschen- 
alter die edleren Stämme des mittleren Afrika, die 
seither ihrer Natur entrissen, zum Teil vernichtet 
sind. 

In wenigen Jahrhunderten lichtet sich das Land. 
Die Jagdgründe wichen zurück, der Zwang des 
Glaubens, des Lernens, des Erwerbes, des häus- 
lichen und gedrängten Lebens trat heran. Die 
Frage war: Wie wird dies Waldvolk bestehen und 
gedeihen in steinernen Häusern, bei fremdartiger 
Nahrung, tagsüber dicht bekleidet, des Nachts in 
heißen Betten, im Leben von neuen Bildern, Ge- 
danken und Pflichten umgeben und beherrscht? 
Die Sehnsucht des Mittelalters blieb der schwin- 
dende Wald. Und wenn die heitere Schwermut 
dieser Zeit zu Ausbrüchen der Schwärmerei, zu 
Vorstellungen des Verfolgungswahns sich verdüsterte, 
8o wurden die Wirrnisse einer Volksseele offenbar, 
die ihre Heimat verloren hatte. Kriegszüge und 
Fehden hielten ununterbrochen ihre Auslese der 
Vernichtung unter den Besten, indes der Leib des 

32 



Volkes von periodischen Seuchen erschüttert wurde, 
deren Verheerungen nicht ihresgleichen gefunden 
haben. So wirkten veränderte Bedingungen des 
Bodens und Klimas, neubegründete Lebensweise, 
Krieg und Pestilenz auf das doppelschichtige Vollis- 
gebilde ein; symmetrisch, Gleichgewicht erhaltend 
zwischen beiden so verschieden gearteten Organis- 
men, konnten diese Kräfte sich nicht erzeigen: 
und wenn die eine Schale sinken, die andre steigen 
mußte, so war der herrschende Stamm, der reicher, 
feiner organisierte, kriegerische und abenteuerliche 
bestimmt, schwerer unter den neuen Lebensformen 
zu leiden, die seiner Natur feindseliger waren als 
der Natur seiner Knechte. Auch darf hier nicht 
unterschätzt werden, daß eine Religion des Frie- 
dens, der Feindesliebe, der Demut, mit instinktiver 
Abneigung begrüßt, mit Gewalt aufgezwungen, 
zwar zur Milderung der Sitten führen, gleichzeitig 
aber die Niederen erhöhen, die Hohen erniedern 
mußte. 

3. Bezüglich der Beherrschten. Ihr sklavisches 
Schicksal konnte sich nur mildern; die Stärken der 
Knechtschaft blieben ihnen erhalten. Zähigkeit 
und Anpassung, Schlauheit und Voraussicht sind 
die Eigenschaften aller Schwachen, Unterdrück- 
baren und Unterdrückten; tritt Besitz hinzu oder 
ein anderer Hebel der Macht, so materialisieren 
sich diese Eigenschaften zu gewaltigen Kräften. 
Fruchtbarkeit und Vermehrung, bei hochstehenden 
Stämmen sich selbst das Maß setzend, finden hier 
Beschränkung nur durch Not und Sterblichkeit, 
so daß sie, wie gespannter Kesseldampf, sich schran- 
kenlos ergießen, sobald das hemmende Gewicht 
beseitigt ist. So sehen wir heute im preußischen 

^•3 33 



Osten das Bild einer Unterschicht, die ihr Gegen- 
gewicht überwunden hat und nun in rastloser Aus- 
dehnung den Raum des Landes zu erfüllen trachtet. 

Dem Wachstum kommt die Bildsamkeit und 
Anpassung zustatten, die abhängigen Menschen- 
schlägen eigen ist. Denn da sie ihre Lebensbe- 
dingungen nicht selbst schaffen, vielmehr von 
anderen empfangen, so ist ihre Natur, einmal 
elastisch gemacht, allen späteren Änderungen der 
leiblichen und geistigen Umwelt widerstehend. 
Das Beispiel der Juden bestätigt dies, und noch ein 
weiteres : daß die Gewohnheit rastloser und zwang- 
läufiger Arbeit allmählich den Arbeitsdrang als neue 
Notwendigkeit schafft, und um ihn zu rechtfer- 
tigen, Zwecke hinzuerfindet; ähnlich wie der Traum 
des Erwachenden nachträglich ein Erlebnis erdich- 
tet, um das erweckende Geräusch sinnmäßig ein- 
zuordnen. Arbeitstrieb, Fertigkeit und die ängst- 
liche Vorsicht bedrückter Menschen gehen aber 
eine Verbindung ein, die als Vorläufer des Erwerbs- 
und Geschäftssinns auf eine der stärksten Waffen 
im Rassenkampf hinausläuft. 

Auch die gewaltigen Landerschließungen des 
Mittelalters durch Roden und Urbarmachen konn- 
ten, so seltsam es scheint, nur die Unterschicht der 
Bevölkerung stärken und erweitern. Denn die 
Territorialbesitzer, die von jeher in ihrer Subsistenz 
gesichert und daher in ihrer Expansion ungehindert 
sich fühlten, konnten durch die Erschließung ihrer 
Besitztümer höchstens bereichert werden; für die 
Unterworfenen aber wurde Raum, Nahrung, Tätig- 
keit und damit die Möglichkeit der Ausbreitung 
gewonnen. Begann erst einmal die Unterschicht, 
von ihrem gesindeartigen Zustand befreit, sich Raum 

34 



und Lebensmöglichkeiten selbst zu schaffen, so 
mußte durch immer nachhaltigere Bearbeitung der 
Erdgüter die arme Natur zu einer reichen, die dürf- 
tige Bevölkerung zu einer behäbigen, die spärliche 
zu einer dichteren sich entwickeln. Die Herren aber 
konnten die gleitenden Zügel nicht länger halten; 
zu Fürsten des Landes konnten sie aufsteigen, 
Besitzer des Landes und seiner Menschen höch- 
stens dem Namen nach bleiben. Die Bewohner 
des Landes indessen waren ein neues Volk, das sich 
allmählich mit den Söhnen und Töchtern seiner 
Herren vermischte. 

So neigt sich die Kräftebilanz nach der Seite 
der Unterdrückten, bei einer Betrachtungsweise, 
die keinerlei Entwicklungsstufen und gelegentliche 
Ereignisse vorausnimmt, die sich hütet, geistige 
und technische Errungenschaften als Ursachen 
anzusprechen, da sie ja ebensogut Wirkungen und 
Mittel eines unbewußt wollenden Massengeistes 
sein könnten, die vielmehr lediglich von eingeborenen 
und uranfänglichen Voraussetzungen auszugehen 
sich bestrebt. 

Entschließt man sich nach diesen Erwägungen 
zu der Annahme: in einem zweischichtigen Volke, 
das durch fremde Kolonisation und Erschließung 
des Landes in veränderte Lebensweise geraten war, 
habe die Unterschicht von den Umwälzungen den 
größeren Nutzen gezogen, sich rascher vermehrt 
und allmählich einen großen Teil der Oberschicht 
aufgezehrt, so verschmilzt diese Hypothese mit der 
vorhin berührten Frage nach den Ursachen der 
nachmittelalterlichen Volkszunahme zu einem ein- 
heitlichen Theorem; und es wird augenscheinlich, 
daß das Gesamtphänomen nicht als eine sekundäre 

3* 3S 



Erscheinung, sondern als die dem ganzen neuzeit- 
lichen Erscheinungsinbegriff zugrunde liegende Ur- 
sache betrachtet werden muß. Tiefere Ursachen 
können alsdann nur noch in den physisch-psychischen 
Elementen gesucht werden, die als ein Gegebenes 
gelten müssen. Dagegen werden alle äußeren, 
also zeitgeschichtlichen Einwirkungen nur als be- 
schleunigende oder verzögernde Momente, alle 
inneren Einzelevolutionen — und unter ihnen die 
Reihenfolge der Geistesrichtungen, der wissen- 
schaftlichen und technischen Errungenschaften — 
nur als Willensakte und Hilfsmittel eines in bestimm- 
ter Richtung strebenden Gesamtorganismus zu 
betrachten sein. Und da in letzter Linie Wille, 
Geist und Seele des Gesamtorganismus erkennbar 
den Weg entscheiden, unerkennbar zum Ziele 
treiben, so darf diese Betrachtungsweise, obschon 
sie auf zählbar-sichtbare Elemente sich stützt, 
den Vorwurf materieller Einseitigkeit ablehnen. 

Aufgabe weiterer Erwägungen wird es sein, 
nach Erledigung einiger Nebenfragen zu prüfen, 
wieweit die neuzeitliche Weltgestaltung aus dem 
geschilderten Phänomen: Verdichtung und Um- 
lagerung, sich ableiten läßt. 

Es soll jedoch schon jetzt ausgesprochen werden, 
daß nach der hier vertretenen Auffassung die Dop- 
pelerscheinung der Ursachen durch eine Doppel- 
erscheinung der Wirkung unsrer Zeit den Stempel 
aufprägt : die Verdichtung schafft sich in der sicht- 
baren Welt ihre Kompensation, die ich Mechani- 
sierung nennen will, und die darauf hinzielt, einem 
übervölkerten Planeten die Möglichkeit der Subsi- 
stenz und Existenz ungeahnter Menschenschwärme 
abzuzwingen; die Umlagerung spricht sich in der 

36 



geistigen Verfassung unsrer Völker als Entger- 
manisierung aus, die ein neues, für die Aufgaben 
der Mechanisierung seltsam geeignetes Menschen- 
material erschaffen hat. 

Indem nun der veränderte Volkskörper dem 
Mechanisierungsdrang sein Bestes liefert: neugierig 
forschende Geschlechter mit leidenschaftlichem 
Interesse für Tatsachen, Zusammenhänge und An- 
wendungen; indem wiederum die Mechanisierung 
diesen Menschenschlag fördert durch Assoziation, 
Organisation und Werkzeug, verzweigen und ver- 
weben die Wirkungskomplexe sich so mannigfach, 
daß man einer einheitlichen Erscheinung gegen- 
überzustehen glaubt, die gerade deswegen einzig- 
artig und unerklärlich wirkt. Immerhin lassen sich die 
Geäste sondern, wenn man den Zivilisationsstand der 
Mechanisierung und die Geistesverfassung der Ent- 
germanisierung losgelöst voneinander betrachtet. 

Erste Anmerkung 
Naturvorgang und Geschichte 

Die geschichtlichen Evolutionen und Einzcl- 
leistungen verlieren nichts von ihrer Größe 
und Schönheit, wenn sie im Rahmen dieser an- 
scheinend physikalisch-geometrischen Entwicklung 
betrachtet werden. Denn die Einreihung in ein 
größeres und einfacheres Gesetz streift zwar von 
heroischen Ereignissen einen Teil des Zufälligen 
und Willkürlich-Freien ab, sie läßt es aber um so 
mehr als ein Notwendiges und Zuverlässig-Sicheres 
erkennen und stärkt unsre Zuversicht, daß die 
Kraft der göttlich-menschlichen Natur noch jeder- 
zeit ausreicht, um veränderten Bedingungen zu 

37 



entsprechen, notwendige Heilkräfte zu bezeugen 
und aus Bedrängnissen Möglichkeiten höherer Ent- 
wickelung zu gewinnen. Tatsächlich beherrscht 
den ganzen Kreis des uns bekannten Lebens ein 
Gesetz, das sich in gleicher Umfassung im Vege- 
tabilischen wie im Animalischen offenbart: das 
Gesetz der Ausnutzung jeder gegebenen Lebens- 
bedingung und der Erfüllung jedes gegebenen 
Lebensraumes. So wie ein Wasserstrom zerklüf- 
tetes Gestein durchdringt, derart, daß jede Spalte 
und Ader sich mit Flüssigkeit erfüllt, gleichviel, 
welchen verworrenen, kaum auffindbaren Weg ein 
jeder Teil des Elements zu nehmen hatte, so ergießt 
sich das Leben, immerfort verwandelt und umge- 
staltet, unerschöpflich an Erfindungskraft, in jede 
Existenzmöglichkeit, in jeden durch noch so ver- 
wickelte Bedingungen beschränkten Hohlraum. Dies 
schöpferische Gesetz wirkt früher als das der Aus- 
lese: denn um unter geschaffenen Lebensorgani- 
sationen auszuwählen, müssen Lebensorganisationen 
geschaffen sein; und die stündlich erneute Anpas- 
sungsarbeit jedes fertigen Organismus zeigt, daß 
nicht Zufall noch das Gesetz großer Zahlen die 
Entwicklungsarbeit der Kreatur bestimmt, sondern 
ein erfinderischer Lebenswille. Was nun, uns un- 
bekannt, etwa in den Geweben eines Pflanzen- 
körpers, sich vollzieht, der sich veränderter Bestrah- 
lung, Temperatur, Nahrung oder Lebensgemein- 
schaft anzupassen gezwungen ist, das erblicken wir 
sinnlichen und geistigen Auges, bis in die feinsten 
Einzelregungen zergliedert, in einer Volksgemein- 
schaft, deren Anfangszustand gegeben, deren End- 
zustand bestimmt ist. Sollte dieser Endzustand 
bezeichnet sein durch den komplexen Begriff, den 

38 



wir Mechanisierung genannt haben, so wird der 
Weg des Geistes von der Naturbetrachtung zur 
Naturberechnung führen, der Weg der Wirtschaft 
vom Einzelbetrieb zur Organisation, der Weg der 
Arbeit vom Handwerk zur Technik, der Weg der 
PoHtik vom Territorialbesitz zum Nationalstaat; 
und die geschichtliche Betrachtung wird staunend 
verzeichnen, wie an jeder Wegkreuzung, von den 
tiefsten Mächten emporgesandt, ein genialer Geist 
ersteht, um der Menge die Richtung ihres unbe- 
wußten Willens zu weisen, der sie zürnend folgen muß . 
Wird dies anerkannt, so bedarf es nicht mehr der 
Frage, ob und wieweit die Forschung in den letzten 
Jahrhunderten den Geist der Neuzeit bestimmt 
habe: wenn Kepler und Newton Himmelsgesetze 
niederschrieben, so waren sie in sich nicht minder 
frei und vom Genius getragen, indem sie doch dem 
Willen zu neuen Produktions- und Lebensgesetzen 
gehorchen mußten, der, um Tatsächlichstes zu 
erzeugen, der Tatsache und ihrem Gesetz neuartigen 
Wert verlieh. 

Zweite Anmerkung 
Der Anbruch der neuen Zeit 

Versucht man, den Vorgang der Umlagerung 
sich zu vergegenwärtigen, an den unsre Ge- 
schichte sich aufreiht, so muß man auf die Vor- 
stellung verzichten, es könne der Rassenkampf im 
wesentlichen unter dem sinnfälligen Bilde von 
Aufständen, Revolutionen oder Verschwörungen 
erblickt werden. Denn nicht einmal die Kämpfen- 
den selbst waren sich des Kampfes bewußt. Die 
einen verteidigten als Erben Rechte, Vorteile, 

39 



Ehren und Besitztümer, nach denen die andern 
als Erblose die Hände ausstreckten; und da weder 
Kämpfer noch Bekämpfte ihre, unsern Augen doch 
so sichtbaren Rassenmerkmale deuteten, vielmehr 
beide eines Landes, einer Sprache und eines Glau- 
bens waren, so erblickten sie ihre bald ruhende, bald 
erwachende Feindschaft unter dem Licht gegneri- 
scher Interessen, ständischer Gegensätze und erb- 
licher Mißbräuche. Überdies sind innere Rassen- 
kämpfe reich an friedlichen Eroberungen; denn das 
Ziel ist nicht Vernichtung, sondern Angleichung 
und Vermischung. Jede Mißehe, jede Deklassierung, 
jede Rangeserhöhung ist ein Sieg und eine Niederlage. 

Dennoch sind große Episoden des Gesamt- 
kampfes auch der chronistischen Geschichtsbe- 
trachtung erkennbar : das Ringen um freien Grund- 
besitz, Vormacht der Kirche, Feudalrechte des 
Adels, Herrschaft der Zünfte, evangelische Freiheit, 
Leibeigenschaft, Ablösung der Lasten, Gewerbe- 
freiheit, Freizügigkeit; ja selbst die ersten Kämpfe 
um die erbliche Macht des Kapitals sind sichtbare 
Einzelkampagnen, zum Teil Nachgefechte des 
großen Rassenkrieges, dessen letzte Entscheidung 
erst um die Wende des XVHL Jahrhunderts fiel. 

In dem Zeitalter, das etwa mit dem Leben 
Goethes zusammenfällt, liegt die Schilderhebung 
der Unterschicht des deutschen Volkes beschlossen. 
Man vergleiche, was der Frankfurter Bürgersohn 
im Werther und im ersten Teil des Meister über 
die Beschränkung des Bürgerstandes schrieb, mit 
dem, was sechzehn Jahre nach seinem Tode in der 
Paulskirche seiner Vaterstadt gesprochen wurde: 
zwischen diesen Zeitgrenzen liegt Deutschlands 
Umschwung. 

40 



So konnte denn auch nach dem Gesetz der Ener- 
giebefreiung, das zu Eingang beschrieben wurde, 
dieser Zeitlauf eine Kulturepoche emportragen 
wie sie nie zuvor der Erde beschieden war, und deren 
Glanz erst späte Geschlechter voll erfassen werden. 
Sie offenbart, wie wenig die Naturvorgänge des 
Völkerlebens von Konstellationen der Zeitgeschichte 
sich meistern oder unterdrücken lassen. Denn aus 
einer Periode tiefsten politischen Niederganges 
bricht sie hervor — für rein historische Betrach- 
tung ein unlösbares Rätsel — und schwindet mit 
dem Erstarken des Wohlstandes, der Freiheit und 
der Macht. Mit ihrem Höhepunkte können nur 
zwei frühere Kulturepochen sich messen, die im 
Aufstieg der bildenden Künste sie übertreffen, in 
der Vertiefung der Dichtkunst, der Musik, der wissen- 
schaftlichen und philosophischen Forschung und der 
politischen Einsicht sie nicht von fern erreichen : das 
Perikleische und das Leoninische Zeitalter. 

Sicher aber ist zu keiner früheren Zeit eine so 
gewaltige Zahl ungewöhnlicher Menschen auf engem 
Bezirk hervorgetreten, wie damals in Deutschland 
und — auf andern Gebieten, entsprechend dem 
politisch gefärbten Umschwung — in Frankreich. 
Die übrigen großen Kulturländer hatten die Voll- 
endung ihrer Umschichtungen weit früher erlebt: 
Italien im XV. und XVI., England und die Nieder- 
lande im XVI. und XVII. Jahrhundert. 

Seit jener großen Epoche aber, die als eine ge- 
waltige Morgendämmerung die Neue Zeit empor- 
führte, sind, wie das Gesetz es will, neue geistige 
Faktoren in das Leben der Nation nicht mehr ein- 
getreten. Sprache, Gedanken, Politik und Kunst 
haben nur noch im internationalen Austausch wirk- 

41 



liehe Bereicherung erfahren; im übrigen sind sie 
trotz mancher AbsonderHchkeiten einheitlicher, 
ja einförmiger in Rhythmus und Kinetik geworden 
und haben sich damit den Anforderungen der Neuen 
Zeit, ihren unaufhörlich wechselnden und dennoch 
innerlich gleichbleibenden Aufgaben und Gegen- 
ständen vollkommen angepaßt. 



DIE MECHANISIERUNG DER WELT. I 

Aufgabe, Begriff und Mittel 

Gegeben ist die Größe der menschlichen Einzel- 
leistung, gegeben die bewohnbare Erdober- 
fläche, gegeben, aber praktisch fast unerschöpf- 
lich und nur an den menschlichen Arbeitseffekt 
gebunden, die Menge der greifbaren Rohstoffe, 
praktisch unermeßlich sind die verwertbaren Natur- 
kräfte. Aufgabe ist es nun, für die zehnfach, hun- 
dertfach sich vermehrende weiße Bevölkerung Nah- 
rung und Gebrauchsgüter zu schaffen. 

Die Alten, in engerer Begrenzung und weiterer 
Welt lebend, wußten sich leichten Rat : sie sandten 
Kolonen in ein Nachbarland und schufen sich 
Verdopplungen ihrer Vaterländlein. Auch in un- 
serer Zeit sind Auswanderer zu Millionen aus ihrer 
Heimat gedrängt worden; sie haben die Bevölke- 
rungsdichte fast aller für Weiße bewohnbaren 
Länder auf ein nahezu europäisches Maß gebracht, 
ohne daß die Volksvermehrung der Alten Welt um 
ein merkliches gehemmt worden wäre. 

Andern Rat, vielleicht den verruchtesten, der 
je der Menschheit zugerufen wurde, gab Malthus; 

42 



die natürlichen Quellen des Lebens zu hemmen 
und die Nachkommenschaft widernatürlich zu 
beschränken. Das einzige Land, das diesen Weg 
beschritten hat, Frankreich, ist im Begriffe, daran 
zugrunde zu gehen. 

So blieb den alten Völkern nur eines übrig : zu gänz- 
lich neuen Gewohnheiten und Gesetzen des Lebens 
und Schaffens überzugehen, zu dem Zweck, die irdi- 
sche Produktion auf das gewaltigste zu vermehren und 
sie der Milliardenzahl der Menschheit anzupassen. 

Dies war nur auf einem Wege möglich : wenn der 
Effekt der menschlichen Arbeit um ein Vielfaches 
gesteigert und gleichzeitig ihr Erzeugnis, das produ- 
zierte Gut, auf das vollkommenste ausgenutzt 
werden konnte. Erhöhung der Produktion unter 
Ersparnis an Arbeit und Material ist die Formel, 
die der Mechanisierung der Welt zugrunde liegt. 

Um die Steigerung des Arbeitseffektes zu wür- 
digen, wolle man erwägen, daß alles zweckbe- 
stimmte Handeln und Geschehen nur zu einem 
Teil dem Zwecke dient. Ein andrer Teil — in 
der Regel weitaus der größere — , sei er vorbereiten- 
der, begleitender, schützender oder ungewollter 
Art, dient dem Zweck nur mittelbar oder überhaupt 
nicht und schädigt den Wirkungsgrad. Ein Analoges 
gilt von den Beimengungen, Spaltungsprodukten, 
Abgängen der Materie. Nun ist es einleuchtend, 
daß viele dieser Effektverluste nur von der Handlung 
selbst, nicht von ihrem Umfange abhängen, daher 
mit wachsender Leistung an Bedeutung verlieren. 
Wenn ich einen Brief zur Post trage, kostet dieser 
Brief mich fünf Arbeitsminuten; trage ich sechzig 
Briefe auf einmal zur Post, so kostet mich jeder 
fünf Arbeitssekunden. Ja, ich kann es ermöglichen, 

43 



den gesamten Briefverkehr einer Kleinstadt zu 
bewältigen, wenn ich mich als Briefträger den 
ganzen Tag über ausschließlich dieser Aufgabe 
widme. Verbrauche ich einen Zentner Kohlen, um 
einen Dampfkessel anzuheizen, so bleibt der Ver- 
lust der gleiche, ob ich nun den Kessel fünf oder 
zehn Stunden im Betrieb halte; bei ununterbro- 
chenem Betriebe aber würde der Anheizverlust 
jede Bedeutung verlieren. 

Es besteht also die Möglichkeit, den Wirkungsgrad 
von Vorgängen und die Ausnutzung von Materialien 
erheblich zu verbessern, indem man Gelegenheit 
für möglichst große Mengen gleichartiger und ein- 
facher Nutzhandlungen sammelt, um dieselben 
ununterbrochen auszuüben — dies ist die Arbeits- 
teilung, auf der die alte Methode der Manufaktur 
beruht — , oder indem man den Einzelvorgang in 
seinem Kraft- und Massenumfang steigert, ein 
Verfahren, das man Arbeitshäufung nennen und 
als die Grundlage der neuzeitlichen Fabrikation 
ansprechen könnte. 

Die Hilfsmittel dieser doppelten Übung der 
Effektsteigerung sind Organisation und Technik. 
Organisation, indem sie Produktion und Verbrauch 
durch Unterteilung, Vereinigung und Verzweigung 
in die gewollten mechanischen Bahnen lenkt, Tech- 
nik, indem sie die Naturkräfte bändigt und sie 
bald in gewaltigen Massenbewegungen, bald in 
chemischen Wirkungen, bald in elektrischen Strö- 
men, bald in mechanisch kunstfertigen Handgriffen 
den neuen Produktions- und Verkehrsorganisa- 
tionen ausliefert. 

Daß somit nicht die Technik oder der Verkehr 
Ursache der Mechanisierung und. somit der neu- 

44 



zeitlichen Lebensverfassung sein konnte, vielmehr 
die Volksverdichtung zur Mechanisierung drängte, 
die ihrerseits neue Hilfsmittel verlangte und schuf, 
darf in Einschaltung nochmals ausgesprochen v^er- 
den. Diesen Zusammenhang verkennen hieße nichts 
andres als etwa behaupten: die Eisenbahn habe 
den Großverkehr oder das Zündnadelgewehr habe 
den Massenkrieg geschaffen. In Wirklichkeit schafft 
der Wille zum Verkehr sich seinen Weg, der Wille 
zum Massenkrieg sich sein Geschütz ; das Werkzeug 
ermöglicht das Werk, doch bleibt es selbst ein Ge- 
schöpf des auf das Werk gerichteten Willens. 

Den Ursprung der Mechanisierung aus der Ver- 
dichtung, ihre Anfänge, ihren Verlauf und ihre 
Welteroberung historisch zu schildern, ist Aufgabe 
späterer Geschichtschreibung. Hier seien in kürze- 
sten Zügen nur einige Staffeln verzeichnet; denn 
die Absicht dieser Darstellung richtet sich dahin, 
nicht sowohl den Vorgang als die Wirkungen der 
Verdichtung und Umschichtung, der Mechanisie- 
rung und Entgermanisierung auf die Welt, die 
Menschen und das Leben unsrer Zeit zu erörtern. 
Mit dem ersten Tausch, der auf Erden stattfand, 
war die Einzelwirtschaft durchbrochen und zwei 
neue Begriffe geschaffen: des Tausch Vorrates und 
der Spezialisierung. Je dichter nun die angehenden 
Spezialisten aneinander heranrückten, je häufiger 
sie sich begegneten, desto mehr konnten sie sich 
auf die wechselseitigen Vorräte verlassen. Zuletzt 
konnte der eine die Erzeugung dessen einstellen, 
was der andre besaß : er konnte Korn gegen Vieh, 
Vieh gegen Erz tauschen. Verdichtete sich die 
Bevölkerung abermals, so lernte man neue Gegen- 
stände kennen; es lohnte sich, reich zu sein: aus dem 

45 



Vorrat wurde Kapital. Der Spezialist wurde ge- 
sucht, er fand Aufträge; aus Anlage und Kenntnis 
entstand der Beruf. 

Nun war man aufeinander angewiesen; die Begehr- 
lichkeit der Weiber, die Freigebigkeit der Männer 
mag das ihre beigetragen haben: man tauschte 
und handelte, betrieb Wirtschaft und Handwerk; 
die Anfänge der wechselseitigen Gütererzeugung 
waren gegeben. Aber noch konnte ein Mürrischer 
oder Selbstzufriedener, ein Gegner des Neuen, sich 
abseits halten. Verzichtete er auf kunstvolle Güter, 
auf mannigfaches Werkzeug, so mochte er mit Pfeil 
und Speer, mit Pflug und Hacke ins Weite ziehen 
und sich von der Gesamtwirtschaft befreien. Mit 
zunehmender Dichte wird auch diese Freiheit be- 
nommen. Jetzt bedarf ein jeder des Schutzes; er 
muß Mitglied einer Gemeinschaft sein. Der Sitte 
kann er sich nicht entziehen, sie verlangt Kleidung 
und Behausung und manches andre. Land zu 
erschließen ist ihm versagt; er muß Eigentum achten, 
auf dem Seinen haushalten, somit nachhaltiger 
wirtschaften, mit Geräten und Werkzeugen, die 
beschafft sein wollen. Doch schon ist die Ver- 
dichtung vorgeschritten, die Scholle beschränkter, 
die Wirtschaft schwieriger und einseitiger. Um 
den ganzen Bedarf an Lebensgütern zu erlangen, 
muß verkauft, muß Absatz gesucht werden. Die 
Wirtschaft wird zum Unternehmen, zum Geschäft. 
Der Absatz stellt sich ein und mit ihm die Konkur- 
renz. Eine Zeitlang können Zunftbestimmungen 
und mangelhafte Verkehrswege den Handwerker 
und Landwirt vor der Geißel des Wettbewerbs 
schützen. Unter der ständigen Verdichtung der 
Produktion macht sie sich denn doch fühlbar. 

46 



Und trotz der gleichzeitigen Konzentration des 
Konsums kann keiner froh werden : denn die Erzeu- 
gungsmethoden sind noch immer primitiv, sie 
nötigen der Erde nicht genügend Stoffe ab, um die 
Gesamtheit zu befriedigen, die Arbeit wird hart, 
man leidet Not. Doch eben hat ein erfinderischer 
Kopf ein Werkzeug erfunden, ein Erzeugnis ver- 
bessert, ein Verfahren vereinfacht. Der Teufelskerl 
wird reich, die andern sehen's und empfinden ihre 
Not verdoppelt. Nun sind sie alle dem Wettlauf 
der Konkurrenz verfallen, der technischen, der 
kommerziellen, der kapitalistischen Konkurrenz. 
Nun werden alle Künste und Wissenschaften herbei- 
gerufen; die Erfindungsreichen, Kühnen, Vor- 
urteilsfreien, die Habsüchtigen, die Ehrgeizigen, 
die Handfesten eilen voran; die Schwachen bleiben 
am Wege liegen, sie werden eingefangen und als 
Troß mitgezogen. Und unter den Tritten dieses 
Reigens schwitzt die Erde aus allen Poren und läßt 
an Gütern den zehnfach vermehrten Enkeln das 
Hundertfache dessen emporströmen, was sie den 
Ahnen kärglich gewährte, sich zu nähren, zu 
wärmen, zu schmücken und zu berauschen. 

Wenn somit die Mechanisierung ursprünglich 
in der Gütererzeugung wurzelt, so blieb sie nicht 
lange auf dies Gebiet beschränkt. Freilich bedeutet 
dieses noch heute den Stammbezirk ihrer Verzwei- 
gung und Überschattung; denn die Gütererzeu- 
gung bleibt das zentrische Gebiet des materiellen 
Lebens, dasjenige, mit dem sich alle übrigen in 
mindestens einem Punkt berühren. 

Mechanisierung aber erblicken wir, wohin wir 
auch über die Provinzen menschlichen Handelns 
das Auge schweifen lassen; allerdings treten ihre 

47 



Formen derartig verwickelt und vielgestaltig auf, 
daß es vermessen dünkt, den ganzen Umriß des 
ruhelos bewegten Bildes zu umfassen. Dem wirt- 
schaftlich Betrachtenden erscheint sie als Massen- 
erzeugung und Güterausgleich; dem gewerblich 
Betrachtenden als Arbeitsteilung, Arbeitshäufung 
und Fabrikation; dem geographisch Betrachtenden 
als Transport- und Verkehrsentwicklung und Koloni- 
sation; dem technisch Betrachtenden als Bewälti- 
gung der Naturkräfte; dem wissenschaftlich Betrach- 
tenden als Anwendung der Forschungsergebnisse; 
dem sozial Betrachtenden als Organisation der 
Arbeitskräfte; dem geschäftlich Betrachtenden ak 
Unternehmertum und Kapitalismus; dem politisch 
Betrachtenden als real- und wirtschaftspolitische 
Staatspraxis. 

Gemeinsam ist aber allen diesen Erscheinungs- 
formen ein Geist, der sie seltsam und entschieden 
von den Lebensformen früherer Jahrhunderte 
unterscheidet: ein Zug von Spezialisierung und 
Abstraktion, von gewollter Zwangsläufigkeit, von 
zweckhaftem, rezeptmäßigem Denken, ohne Über- 
raschung und ohne Humor, von komplizierter 
Gleichförmigkeit: ein Geist, der die Wahl des Na- 
mens Mechanisierung auch im Sinne des Gefühls- 
mäßigen zu rechtfertigen scheint. 

Dritte Anmerkung. Scheinbares Paradox 

Warum haben ältere Verdichtungsprozesse, 
deren die Geschichte eine Anzahl kennt, 
niemals zu einer ausgesprochenen, der unsern 
vergleichbaren Mechanisierung geführt ? Sagt man 
doch, daß die Menschheit jeden uns denkbaren 

48 



Gedanken schon einmal gedacht habe: warum hat 
sie dies Gedankenphänomen unsrer, im übrigen 
keineswegs so bevorzugten Epoche aufgespart ? 

Hier ist zunächst zu erinnern, daß keine der alten 
Volksverdichtungen, relativ und absolut gemessen, 
sich mit neuzeitlich okzidentalen Verhältnissen 
vergleichen läßt. Ägypten und Mesopotamien 
waren nicht übervölkert, Griechenland und Italien 
nach unsern Begriffen arm an Einwohnerzahl. 

Vor allem aber wirkt das Mittclmeerklima in 
einem Sinne verzögernd auf die Zivilisation, indem 
es die menschlichen Bedürfnisse an Nahrung, Ob- 
dach und Kleidung gleichzeitig mäßigt und leicht 
befriedigt. Selbst in den heutigen trocken und un- 
fruchtbar gewordenen Ländern dieser Zone bleibt 
der Lebenskampf vergleichsweise harmlos und 
spielend, weil Ertrag und Bedarf noch immer in 
glücklicherem Verhältnis sich die Wage halten. 
So stehen selbst in unsern Tagen die Mittelmeer- 
völker mit einer mehr kindlichen als nothaften 
Begehrlichkeit dem Ansturm unsrer Warenmassen 
gegenüber; ihre Produktionsmethoden sind, wenn 
man vom nördlichen und mittleren Italien absieht, 
nur in bescheidenem Umfang mechanisiert, und 
den übrigen Mechanisierungsformen haben sie halb 
widerwillig halb kindlich nachahmend Aufnahme 
gewährt. Süditalien und Griechenland stehen noch 
heute trotz Eisenbahnen und Telegraphen dem 
antiken Leben näher als dem modernen. 

Dennoch zeigte das Rom der späten Republik 
und der Kaiser^eit deutliche Anfänge der Mechani- 
sierung, und es ist lehrreich, zu prüfen, weshalb 
diese Lebensform in ihrem Vordringen gehemmt 
wurde. 

1.4 49 



Großbetriebe waren vorhandeiij ja ein Welthandel 
und eine kapitalistische Ordnung des Besitzes aufge- 
kommen. Zur Fortentwicklung des mechanistischen 
Prinzips hätte es nun vornehmlich dreier Dinge 
bedurft : einer Vervollkommnung der metallurgischen 
Technik, insbesondere der Eisen- und Stahl- 
erzeugung, einer Weiterbildung der Präzisions- 
mechanik, und der Konstruktion einer Kraftmaschine. 
Diese Aufgaben waren nur zu lösen auf Grundlage 
messender Naturerforschung. Der Römergeist, der 
mit empirischer Technik ungeheure architektonische 
Aufgaben zu lösen gewohnt war, hätte den strengen 
Anforderungen dieser Disziplinen genügt, obwohl 
ihm pragmatisches Denken vertrauter war als stilles 
Beobachten. Schwieriger wäre es in jener Epoche 
gewesen, die Hunderte von forschenden und ent- 
deckenden Geistern, deren die Ausbildung dieses 
Wissenszweiges bedurfte, unter der kleinen Zahl 
von bildungsliebenden Italikern aufzutreiben. Sollte 
diese Abkehr des Römertums vom Markt, Tribunal 
und Heerlager zur Gelehrtenstube und zum Labora- 
torium erzwungen werden, so bedurfte es einer Not. 
Diese Not aber war nicht vorhanden. Denn Rom 
war gewohnt, die Völker des Erdkreises für seine 
Erhaltung sorgen zu lassen ; wo ein Prokonsul genügte, 
um Attalidenschätze nach der Hauptstadt zu leiten, 
bedurfte es keiner Exportfabrikationen. Die an sich 
nicht beträchtliche Nahrungsbeschränkung durch 
Bevölkerungsverdichtung war mehr als ausgeglichen 
durch eine Hoheit, welche die Gesamtheit des 
herrschenden Volkes zum Souverän erhob und mit 
auskömmlichen Zivillisten versah. 

Wenden wir den Blick außereuropäischen Ver- 
dichtungszentren zu, so scheinen in China die gün- 

50 



stigsten Voraussetzungen für mechanisierte Wirt- 
schaft gegeben zu sein: große Masse und Dichte 
einer Bevölkerung, die ausreichende bürgerliche 
Freiheiten genießt und von der Natur des Landes 
nicht' allzu leichtfertig über den Lebenskampf hin- 
weggehoben wird. Und wirklich geben die Tat- 
sachen den Voraussetzungen recht: außerhalb der 
kaukasischen Rassenzone umschließt China mit 
seinem kulturellen Tochterlande Japan das einzige 
Gebiet der Erde, auf dem eine eigene großangelegte 
Technik erwuchs, ja eine Technik die ganz be- 
sonders die uns vertrauten verkehrhaften Züge auf- 
weist. Als ein Geschenk Chinas ist vor wenig mehr 
als hundert Jahren die vergessene Kunst de» Heer- 
straßenbaus uns neu beschieden worden. 

Bis in die Mitte des XVI IL Jahrhunderts war 
China an technischen und organisatorischen Erfah- 
rungen dem Durchschnitt Europas ebenbürtig; 
aber die Keime überflügelnder Entwicklung lagen 
im westlichen Boden. Daß den klügsten und tätig- 
sten Orientalen so wenig wie den Römern das 
Geheimnis der messenden und rechnenden Wissen- 
schaft sich erschloß, befremdet nicht, wenn man 
erwägt, welche seltenen, ja widersprechenden Gei- 
stesstimmungen zusammentreffen müssen, damit 
systematische und exakte Forschung möglich sei. 
Ein ideal gerichteter, dem Gesetzmäßigen offener 
Sinn muß transzendenter Betrachtung entsagen, 
sich mit Liebe dem Tatsächlichen, ja dem scheinbar 
Nebensächlichen zuwenden, um in lebenslanger 
Arbeit, Korn für Korn, das Bleibende vom Zufälligen 
zu sondern, ohne Hoffnung, selbst jemals des Welt- 
symbols teilhaftig zu werden, das aus der reinen 
Saat erblühen soll. Umgekehrt bedarf es, damit die 



Forschung sich In Technik verkörpere, praktischster 
Geister, die dennoch zu den abstraktesten Gebieten 
der Wissenschaft sich erheben, um mit promethei- 
schem Griff das dem irdischen Bedarf Bestimmte 
herabzuholen. Dem Verlauf der Darstellung vor- 
greifend sei hier bemerkt, daß in einer Zivilisation, 
die der Mischung aus germanischer Idealität mit 
vorgermanischer Zähigkeit und Handfertigkeit ent- 
sprang, diese seltenen, vielleicht nicht wiederkehren- 
den Voraussetzungen einer Wissenschaft und wissen- 
schaftlichen Technik gegeben waren. Daß die man- 
dschurisch-mongolische Zivilisation die gleichen 
Vorbedingungen nicht erfüllte, entschied die Frage 
der technischen Welthegemonie zugunsten des» west- 
lichen Dichtigkeitszentrums. In gleichem Sinne 
wird sich dereinst die Frage der politischen 
Hegemonie entscheiden, der man die kindlich ge- 
hässige Bezeichnung einer gelben Gefahr gegeben 
hat. Erweist sich der Westen auch in Zukunft 
stärker ideenbildend als der ferne Osten, der in 
jüngeren Zeiten diese höchste Kraft nicht mehr 
besessen hat, so wird er auch weiterhin die Ver- 
antwortung der Weltentwicklung tragen. 

Zusammenfassend dürfen wir die Zwischen- 
frage: warum Mechanisierung bisher auf Erden 
nirgend anders als im germanischen Zentrum auf- 
getreten sei, folgendermaßen beantworten. Erfor- 
derlich war das Zusammentreffen stärkster Volks- 
verdichtung mit zwei auslösenden Faktoren: 
gemäßigten physikalischen Bedingungen, welche 
bei zunehmender Dichte die Sorge um den Unter- 
hatl empfindlich machten, sodann spezifischen 
sittlich-geistigen Werten, welche imstande waren, 
technisch-methodische Hilfsmittel zu schaffen. Die 

5^ 



alten Mittelmeerkulturen scheiden aus, denn es fehlte 
ihnen fast durchweg an der Hauptbedingung, aus- 
nahmslos am ersten der beiden auslösenden Fak- 
toren. China konnte eine gewisse Mechanisierungs- 
arbeit leisten, bis im entscheidenden Moment der 
intellektuale Faktor versagte. Der zentraleuro- 
päischen Kultur war es vorbehalten, alle Bedin- 
gungen zu erfüllen und die Mechanisierung bis 
in die letzten uns bekannten Folgen durchzuführen. 



DIE MECHANISIERUNG DER WELT. II 

Mechanisierung der Produktion 

Von allen Teilen der Erdoberfläche strömen 
die Urprodukte mineralischer und organischer 
Abkunft auf eisernen oder wässernen Wegen in die 
Sammelbecken der Städte und Häfen. Von dort 
verzweigen sie sich nach den Verarbeitungsstätten, 
wo sie in vorbestimmter Mischung eintreffen, um 
chemisch oder mechanisch umgestaltet als Halb- 
produkte einen zweiten Kreislauf zu beginnen. 
Von neuem getrennt und abermals vermischt und 
bearbeitet erscheinen sie als Verbrauchsgüter, die 
zum drittenmal geordnet in den Lagern der Groß- 
händler sich vereinigen, bevor sie die fein ver- 
zweigten Wege zum Kleinhändler und endlich zum 
Verbraucher finden, der sie in Abfallstoffe ver- 
wandelt und in den Gestaltungsprozeß zurück- 
sendet. Dem Blutumlauf vergleichbar ergießt sich 
der Güterstrom durch das Netz seiner Arterien 
und Adern. In jedem Augenblick des Tages und der 
Nacht donnern die Schienen, lauschen die Schiffs- 

53 



schrauben, sausen die Schwungräder und dampfen 
die Retorten, um die Last dieses Umlaufs zu er- 
neuern und zu bewegen. 

Und was ist das Geschick der Materien in den 
Mägen der Verarbeitung ? Sie werden von Mecha- 
nismen ergriffen, gelöst, erhitzt, zerstampft oder 
gepreßt, zerschnitten, gehämmert, gezogen oder 
gewalzt, gesponnen, gezwirnt, verwoben oder ge- 
tränkt; ein zweiter, ein dritter Maschinenprozeß 
schließt sich an, und der Mensch überblickt ord- 
nend, beschleunigend, messend sein Werk, das 
Werk nicht mehr seiner Hände, sondern seiner 
Mechanismen. Ist eine Formung durch Hand- 
fertigkeit noch vonnöten, so ist das Gesetz der 
Produktion unvollkommen erfüllt. Dies Gesetz 
lautet: Beschleunigung, Genauigkeit, Verminde- 
rung der Reibung, Einheitlichkeit und Einfachheit 
der Typen, Ersparnis an Arbeit, Verminderung 
und Rückgewinnung des Abfalls. Da, wo ein Teil 
der Prozesse den Schöpfungsakten der Natur über- 
lassen werden muß, fühlt man sich berechtigt, 
von ihr die gleiche Beschleunigung und Genauig- 
keit, die gleiche Reaktionsfähigkeit auf Reize und. 
Disziplin zu verlangen wie von leblosen Mecha- 
nismen und Prozessen. 

Und die Natur gehorcht. Sie, die Erzeugerin 
der Urmaterien, ist sich des Ernstes und Umfanges 
ihrer Aufgaben bewußt geworden. Nicht mehr 
lächelnd und spielend wie ehedem, sondern ernst 
und geschäftig läßt sie ihre Felder das zehnfache 
Maß tragen, läßt sie ihren Flanken das Tausend- 
fache an mineralischen Werten entströmen. Ja, 
sie gibt zu erkennen, daß sie es nur der mensch- 
lichen Arbeit und Begehrlichkeit anheimstellt, 

54 



die lebenden und toten Ernten nochmals zu verviel- 
fachen. Keines der heute geschätzten Güter scheint 
vorerst auf die Neige zu gehen; allenthalben winkt 
und blinkt es noch von ungehobenen Schätzen an 
Materie und Kraft. 

Die Menschheit hat es begriffen und eilt ihrem 
Produktionsideal entgegen. Dies Ideal ist erreicht, 
wenn von den jeweils günstigsten Gewinnungs- 
stätten die Produkte auf kürzestem Wege und mit 
größter Eile zu der bestgelegenen Verarbeitungs- 
stätte gelangen, um in einem einzigen Prozeß um- 
gestaltet sofort einem Vertriebssystem übergeben 
zu werden, das sie in die Vorratsräume, Küchen 
und Werkstätten der Verbraucher leitet. 

Zuweilen scheint es, als beginne die Güterpro- 
duktion, über ihr Ziel hinausschießend, über- 
flüssige, nicht mehr verzehrbare Mengen zu för- 
dern. Ständig wachsende Massen von Rohstoffen 
und Fabrikaten schleudern die Länder im Wechsel- 
spiel einander zu. Hier Erze gegen Kohlen, Baum- 
wolle gegen Getreide, Vieh gegen Eisen, Holz 
gegen Zucker; und dennoch wird dies gewaltige 
Werben und Spenden nicht nachlassen, denn immer 
noch wächst die Zahl der Erdenbewohner, und 
immer noch sind Millionen von Händen nicht nach- 
haltig genug in den Schaffensprozeß verstrickt, 
um ihr Teil am Begehrten zu erraffen. 

Wohin ergießt sich nun diese Güterflut ? Wir 
finden sie in den Speichern der Häfen, in den Vorrats- 
räumen der Fabriken und Handlungen, wir finden 
sie in Läden und Kaufhäusern. Das Berlin von 
1811 besaß im Umkreise seiner Mauern nicht so 
viel an Ladengütern wie ein einziges Häuserviereck 
des Berlins von 1911. Aus den Magazinen fließt 

55 



der Strom in die Behausungen der Menschen. 
Ungezählte Substanzen, die man ehedem nicht 
kannte, Metalle, Gläser, Hölzer, Tonwaren, Papiere, 
Leder, Bein, Gewebe, alles bedeckt mit farbigen 
Schichten, Polituren und Ornamenten, füllen die 
Gemächer; Seifen, Essenzen, Chemikalien sind 
vorrätig, Nahrungs- und Genußmittel aus allen 
Erdteilen werden gespeichert; selbst in den Woh- 
nungen der Schwachbemittelten, ja der Armen 
finden sich Menge und Mannigfaltigkeit der Gerät- 
schaften und Verbrauchsgüter seit den letzten 
drei Generationen um ein Vielfaches vermehrt. 
Fast möchte man meinen, die Menschheit sei von 
einem Taumel des Warenbesitzes, von einer Geräte- 
tollheit befallen, die man in früheren Zeiten viel- 
leicht gewissenlosen Spekulanten oder auf Ablenkung 
bedachten Regierungen zur Last gelegt hätte. 
Und noch immer ist Begehr und Lust nach käuf- 
lichen Dingen im Steigen, zumal bei Frauen. 

Ihr passiver Anteil am Produktionswachstum ist 
nicht unbeträchtlich. Denn ihre naivere Freude 
am feilen Besitz und am Vergleich des Besitzes 
setzt zahllose Gewerbe in Bewegung, und ihr ge- 
ringeres Interesse für Struktur und Konstruktion 
kommt der eigenartigen Qualitätsverschiebung des 
modernen Erzeugnisses in erstaunlicher Weise 
entgegen. Mit dieser Verschiebung aber hat es 
folgende Bewandtnis. 

Jeder, der ein Erzeugnis des alten Handwerks in 
Händen hält, etwa ein Buch, eine Truhe, einen 
Schlüssel, empfindet an diesen Gegenständen etwas 
Organisches, wie es den Schöpfungen der Natur 
eignet. Das Werk ist genau gearbeitet, aber nicht 
mathematisch. Der Naturstoff, dem es entstammt, 

56 



ist geformt, aber nicht verwandelt. Es besitzt eine 
innere Festigkeit, die den Einwirkungen des Ge- 
brauchs und der Zeit widersteht und ihnen doch 
einen seltsam verschönernden Einfluß gestattet. 
Es ist selbst im größten Reichtum sparsam, denn 
es ist ein durchdachtes, für sich alleinstehendes 
Werk, ein Stück Menschennatur. 

Die Maschine kann dergleichen nicht schaffen. 
Sie erzeugt mathematische, schnurgerade, kreis- 
runde, spitze, scharfe, polierte Dinge, die sich nicht 
abschleifen, sondern schartig werden. Sie spart am 
Material, aber sie knausert nicht mit Ornament, 
denn dies macht ihr keine Arbeit. Auch überträgt 
sie gern praktisch erwiesene Kunstgriffe von einer 
Materie, von einer Form auf die andre. Sie formt 
mit gleicher Unbeteiligtheit ein Gebetbuch und 
eine physikalische Wage. Vor allem aber setzt sie 
an die Stelle der Dauerhaftigkeit die bequeme Er- 
neuerung. Hausgesponnenes Linnen und Papier- 
servietten sind Sinnbilder dieses Gegensatzes. 

An die Stelle des Anschaffungswertes setzt die 
Mechanisierung den Verbrauchswert, an die Stelle 
des Zinsverlustes die Neubeschaffung. Der Luxus 
unsrer Zeit ist nicht Kapitalsaufwand, sondern 
Rentenaufwand. • 

Durchaus verständlich! Denn die Mechani- 
sierung will produzieren. Reparaturwerkstätten 
sind ihr kostspieliger als Fabriken; anstatt zu flicken, 
schmilzt sie um. Hier kommt ihr ein psychologischer 
Kreislauf zunutze; die Möglichkeit des Wechsels 
erzeugt den Wunsch nach Wechsel, dieser Wunsch 
wiederum unterstützt das Erneuerungsprinzip. 

Ein Weiteres tritt hinzu. Die alten Stoffe waren 
nicht abstrakt rein. Die Erze, die Gewürze, die 

57 



Farben, die Erden enthielten Beimengungen, deren 
Störendes kunstreich überwunden war, und die nun 
dem Gefühl, dem Blick, dem Geruch und Ge- 
schmack etwas Getöntes, Abgestuftes, Anheimeln- 
des gaben. Die mechanisierte Produktion nennt diese 
Zutaten Verunreinigung und hat nicht viel Mühe, 
sie auszuscheiden. Sie hält uns das duftende Prinzip 
des Veilchens kristallisiert unter die Nase und läßt 
keine Einwendung zu. Sie schafft Extrakte, Rein- 
kulturen, Normative. Aber solche Produkte ohne 
eigenes Leben, ohne Milderung überreizen und 
ermüden. So führen sie abermals zum Wechsel 
und nebenher, da sie nun einmal ihre Seele ver- 
loren haben, zum Surrogat. 

Zeigen nun diese Künstlichkeiten, teils überrein, 
teils flüchtig naturalisiert, teils nachgeahmt, teils 
appretiert, eine Teufelsschönheit im Schimmer 
der Neuheit, in dem, was ein Geschäftswort die 
Aufmachung nennt, und in einer gewissen Keckheit 
der rasch erdachten Form, so blüht diese Frische 
schnell dahin; und alsbald klopft das mechanisierte 
Schicksal, die Mode, an die Tür und weist das früh 
gealterte Geschöpf in den Vorstadtwinkel, in die 
Provinz, nach Südamerika und zuletzt nach Afrika, 
um der Produktion neue Arbeit zuzuweisen. 

So schafft die Mechanisierung sich selbst un- 
geheuerste Hilfskräfte in dem Warenhunger der 
Menschen, in der Irrealität, Leblosigkeit und 
Schattenhaftigkeit ihrer Produkte und in der 
Mode. 

Doch was ist dieser ephemere Umlauf der Ge- 
brauchsgüter im Vergleich zu jenem zweiten, 
anhäufenden, den die Mechanisierung zeitigt! 
Denn die Menschheit verbraucht nicht alles, was 

58 



sie schafft; einen großen Teil ihrer Güter speichert 
sie auf. In welcher Form ? Sie baut. 

Sie baut Häuser, Paläste und Städte; sie baut 
Fabriken und Magazine. Sie baut Landstraßen, 
Brücken, Eisenbahnen, Trambahnen, Schiffe und 
Kanäle; Wasser-, Gas- und Elektrizitätswerke, 
Telegraphenlinien, Starkstromleitungen und Kabel; 
Maschinen und Feuerungsanlagen. Sie bessert 
Ländereien, entwässert, reguliert und deicht. 

Es ist schwerer, sich eine sinnliche als eine zahlen- 
mäßige Vorstellung vom Umfange dieser Bauten 
zu machen, die sich für Deutschland jährlich 
auf mehrere Milliarden belaufen. Schätzungs- 
weise könnte man annehmen, daß die alljährlichen 
Erweiterungen Berlins etwa der Wertbewegung 
gleichkommen, die zum Bau des Perikleischen Athen 
erforderlich waren. Die Neubauten der deutschen 
Städte dürften etwa alle fünf Jahre einen Wert 
erreichen, der an mechanischem Aufwand dem 
Bauwert des kaiserlichen Rom gleichkäme. 

Wozu dienen nun diese unerhörten Bauten ? 

Zum großen Teile dienen sie direkt der Produk- 
tion. Zum Teil dienen sie dem Verkehr und Han- 
del, somit indirekt der Produktion. Zum Teil dienen 
sie der Verwaltung, der Wohnung, der Gesundheits- 
pflege, somit vorwiegend der Produktion. Zum 
Teil dienen sie der Wissenschaft, der Kunst, der 
Technik, dem Unterricht, der Erholung, somit 
indirekt, und mit einiger Einschränkung, noch 
immer der Produktion. 

Das ist das Saatgut, das die Mechanisierung all- 
jährlich dem Boden anvertraut, und das auf lange 
Zeiten ihr vielfache Ernte tragen wird. Es ist gleich- 
zeitig der materielle Lohn der Welt für die unsäg- 

59 



liehe Anstrengung im Joche der Mechanisierung: 
denn diese Schätze aus Erde, Stein und Metall 
bedeuten die Zunahme der Nationalvermögen, 
deren unvorstellbare Zahlen hier auszusprechen 
nicht verlohnt. 

Fassen wir die Reihe dieser Vorstellungen zu- 
sammen, so muß uns die Erde als eine einzige, un- 
trennbare Wirtschaftsgemeinschaft erscheinen. Das 
Anwachsen der Bevölkerung hat dies ungeheure 
Rad in Schwingungen versetzt; nun kreist es, indem 
es selbsttätig und ununterbrochen seine Masse 
und Geschwindigkeit vermehrt. Über das Ziel 
des Schutzes und der Nahrung hinausstrebend, 
schafft die mechanisierte Produktion dauernd neue 
Begierden. Schon hat sie die materiellen Lebens- 
bedingungen bedeutend gehoben; sie wird und 
muß dazu führen, jedes absolute Elend des Besitzes 
aus der Welt zu schaffen; gleichzeitig saugt ein 
immer wachsender Warenhunger die gewaltiger 
sich ergießenden Ströme auf. 

Auch in früheren Jahrhunderten war Produktion 
eine Hauptaufgabe menschlicher Tätigkeit, doch 
ihre Mittel waren beschränkt und gaben keiner 
weiteren Hoffnung Raum als der, das Nötigste 
zu erschwingen und für himmlische und irdische 
Herren etwas zu erübrigen. Die Entfesselung der 
Mechanik hat jede Schranke niedergeworfen. Der 
Teil der menschlichen Tätigkeit in zivilisierten 
Ländern, der weder mittelbar noch unmittelbar 
der Produktion und ihrem Schutze dient, ist klein 
geworden. Die mechanisierte Produktion hat sich 
zum Selbstzweck erhoben. 



60 



DIE MECHANISIERUNG DER WELT. III 

Mechanisierung und Organisation 

Wir haben die Mechanisierung der Güterer- 
zeugung betrachtet und uns vergegenwärtigt, 
wie dieser vielfältige, alles materielle Handeln um- 
schließende Aufbau mit Notwendigkeit aus dem 
Fundament der Volksverdichtung erwachsen mußte. 
Damit nun der zum sichtbaren Gesamtgeschöpf 
erhobene wirtschaftliche Bienenstaat Existenz und 
Leben gewinnen konnte, mußte ein System unsicht- 
barer Verständigungen, Bindungen und Bezie- 
hungen gegeben sein, das die menschlichen Ele- 
mente des Organismus zusammenhielt, Beruf und 
Arbeit verteilte und gleichzeitig die zu bearbei- 
tende tote Substanz an diese lebenden Elemente 
kettete. Es mußte für das notwendige Drama der 
mechanisierten Produktion Textbuch, Szenarium 
und Rollenverteilung geschaffen werden. 

Den Kern dieser unsichtbaren Ordnung der 
wirtschaftlichen Welt bildet die Einrichtung des 
Besitzes, und zwar in der auf das strengste an die 
Person gebundenen Form des erblichen Besitzes. 

Damit nun diese höchst persönliche Einrichtung 
den mannigfachen Bildungen und Bewegungen der 
mechanisierten Produktionsform sich anschmiegen 
konnte, mußte sie in analoger Weise wandelbar 
und unpersönlich werden. Der Besitz mußte bis 
ins Kleinste teilbar, bis zum Größten anhäufbar, 
er mußte beweglich, austauschbar, fungibel, seine 
Erträge mußten vom Stamme trennbar und für 
sich verwertbar sein. Kurz, der Besitz mußte im 
Abbilde den Aufgaben der mechanisierten Wirklich- 

6i 



keit, der Arbeitsteilung, Arbeitshäufung, Organi- 
sation und Massenwirkung entsprechen lernen, er 
mußte mechanisiert werden. 

Den mechanisierten Besitz nennen wir Kapital. 
Der Vorgang, der von außen und physikalisch be- 
trachtet als mechanisierte Gütererzeugung er- 
scheint, dieser Vorgang stellt sich von innen, 
menschlich und organisatorisch betrachtet, als 
Kapitalismus dar. 

Daher wird der Kapitalismus andauern, solange 
das mechanisierte Produktionssystem Bestand hat; 
er wird andauern, gleichviel ob alles Kapital der 
Welt in den Händen einer Person oder eines Ge- 
meinschaftskörpers vereinigt wird, und somit das, 
was man heute Transaktion nennt, zur bloßen 
Buchung herabsinkt. Man kann daher von dem 
Aufhören der privatkapitalistischen Gesellschaft 
reden, vorläufig aber nicht von dem Aufhören der 
kapitalistischen Produktionsweise. 

Schon jetzt ist die Mechanisierung des Besitzes 
80 weit vorgeschritten, daß das Kapital in seiner 
atomistischen Teilbarkeit, Beweglichkeit und Ko- 
häsion auffallende Ähnlichkeiten mit dem Aggregat- 
zustand der Flüssigkeiten aufweist und daher inner- 
halb gewisser Grenzen den Gesetzen der Hydrostatik 
und Hydrodynamik folgt. Diese Verflüssigung ist 
geschaffen worden durch eigenartige Zirkulations- 
formen, die, von verschiedenster Herkunft und 
Geschichte, sich allmählich sozusagen zu Münz- 
sorten des Kapitalverkehrs ausgebildet haben. Als 
Zirkulationsform des Grundbesitzes kann man die 
Hypothek, den Pfandbrief und die Obligation 
bezeichnen, als Zirkulationsform der Waren den 
Wechsel, als Zirkulationsform des Arbeitswertes die 

62 



Aktie, als Zirkulationsform der Gesamtwirtschaft 
die öffentliche Anleihe, als Zirkulationsform des 
unspezialisierten Vermögensanspruchs das Bankgut- 
haben und die Banknote. Im Maße wie die Welt- 
wirtschaft sich ausdehnt, erhöhen sich die Beträge 
dieser fünf Kategorien, im Maße wie die Wirtschaft 
dem einen oder andern Schaffensgebiet sich zuwendet, 
ändert sich das Verhältnis ihrer Wertbemessungen. 

In Gestalt der Zirkulationsformen häufen sich 
die Vermögensbestände in zentralen Behältern, aus 
denen sie gesammelt oder verteilt den Bestimmungen 
zugeführt werden. In Argentinien ist der Bau einer 
Hafenanlage erforderlich. Ein Ventil wird geöffnet : 
deutsche, französische und englische Bankgut- 
haben und Wechsel werden gegen argentinische An- 
leihe eingetauscht. Ein zweites Ventil: der argen- 
tinische Staat verfügt über sein Guthaben. Und 
gleichzeitig wird der lebende Vorgang sichtbar, 
dessen finanzielles Abbild soeben gebucht wurde: 
aus allen Häfen setzen sich Dampfer nach der Bau- 
stelle hin in Bewegung; sie tragen Säcke Zement, 
eiserne Schienen, Maschinenteile, Kessel, Kleider; 
Lebensmittel und Menschen. Werkstätten werden 
errichtet, Erdmengen bewegt, Krane montiert, 
Löhne ausbezahlt. Ministerreden gehalten, und die 
vereinigte Weltwirtschaft hat sich längst wieder 
andern Aufgaben zugewendet. 

In gewissem Sinne läßt sich behaupten, die Me- 
chanisierung des Besitzes sei der Mechanisierung 
der Produktion bereits vorausgeeilt. Denn indem 
das Kapital in seinem hydraulischen Zustande 
jeden Hohlraum des ökonomischen Bedürfnisses 
auszugleichen, von jeder Anhäufung überflüssiger 
Produktionseinrichtung abzuströmen strebt, treibt 

63 



es einerseits zu Neugründungen, andrerseits aber 
auch zu Verschmelzungen und Aufsaugungen. So 
kann es kommen, daß ein Industrieller in sich selbst 
die Doppelnatur der Produktionsseite und der 
Kapitalsseite seines Unternehmens erlebt: als selb- 
ständiger, auf Tradition und patriarchalische Unab- 
hängigkeit gestützter Fabrikant wünscht er die Iso- 
lation, als Verwalter eines Kapitals sieht er sich 
zur Vereinigung mit andern gedrängt. 

Der anonymen, selbsttätig wirkenden und ratio- 
nalen Organisation des Besitzes stehtj'Tiicht minder 
mächtig, wechselseitig sie stützend und von ihr 
gestützt, eine zweite Organisation gegenüber, die 
auf Herkommen, Anerkennung, Gewalt und Sank- 
tion sich aufbaut, die Organisation des Staates. 
In ihr kämpft seit unvordenklichen Zeiten das 
mystische mit dem mechanischen Prinzip, das erste 
berufen, Herkommen und Ziele zu festigen, das 
zweite von den wachsenden Aufgaben und Sorgen 
des Augenbhcks emporgetragen. Die mystische 
Stärke des Staates lag in seiner uralten Verbindung 
mit Religion und Kult. Von dem Zeitpunkt an, 
wo eine veränderte Wirtschaft, eine steigende 
Bedeutung der Bevölkerungsmenge, ein verstärkter 
Reibungskoeffizient in der Außenbewegung den 
Staat veranlaßte, Toleranz zu üben, das Verbrechen 
der Nebenreligion zu ignorieren, fremdreligiöse 
Nachbargebiete anzuerkennen, war der Stützpunkt 
vom Unbedingten, Überirdischen ins Bedingte, 
Nützliche verlegt; der religiöse Staat war ein Sakra- 
ment, der Verwaltungsstaat ist eine Einrichtung. 
Das römische Imperium suchte vergeblich nach 
einem Ankergrund im Absoluten, Unantastbaren; 
es mußte sich schließlich mit orientalischem Leib- 

64 



gardendespotlsmus abfinden und ging zugrunde. 
Der mittelalterliche Staat trug zwar nicht mehr in 
sich das Licht der Religion, doch spiegelte er die 
Strahlen der Kirche ; und als die Gewalten sich ent- 
zweit hatten, erwies sich die germanische Gefolge- 
schaftstreue von ausreichender Idealität, um den 
Monarchen sakrosankt und den mit ihm verketteten 
Staat unberührbar zu machen. 

Das erschütterndste Umsturzwort, das je aus 
königlichem Munde kam, sprach Friedrich der 
Große, indem er den Herrscher als Staatsdiener 
bezeichnete. Nicht in der Offenbarung preußischer 
Sachlichkeit und Pflichtbewußtheit lag das Ent- 
scheidende dieses Wortes, sondern vielmehr darin, 
daß das Königtum vom Mysterium, der Staat vom 
mystischen Königtum losgebunden wurde, und daß 
nunmehr der Staat nach Auffassung des königlichen 
Freigeistes zwar als höchste Einrichtung, immerhin 
aber nur als Einrichtung der Nützlichkeit und Wohl- 
fahrt und als Menschen werk dastand. 

Dies hindert nicht, daß gerade unsre Zeit, und 
zwar nicht bloß im feierlichen und festlichen Ver- 
kehr, die mystische Seite des Staates und der Staats- 
autorität zu betrachten liebt. Auch wäre es durch- 
aus verkehrt, den Staat als eine Übergangsform an- 
zusprechen, die geradeswegs zur Aktiengesellschaft 
höherer Ordnung führt. Noch immer schöpft er 
seine stärkste Lebenskraft aus absoluten Werten 
und Notwendigkeiten. Er bleibt der Garant der 
Nationalität, des Rechtes und der Ordnung; das 
Jahrhundert der Rationalisierung hat ihm überdies 
als Ersatz der schwindenden Mystik den Schutz 
der Religionen, der Erziehung, der Wissenschaft und 
Kunst übertragen. 

I.» 65 



Sucht man nun bilanzmäßig zu ermitteln, wie 
weit der heutige Staat dem Prinzip der Mechani- 
sierung unterliegt und dient, so handelt es sich 
darum, festzustellen, welche Funktionen ihm ge- 
legentlich, welche Funktionen ihm notwendig zu- 
fallen; sodann abzuschätzen, wie weit diese not- 
wendigen Funktionen mechanistischer Richtung 
folgen. Unberücksichtigt, doch nicht unbeachtet 
mag bleiben, daß der Staat in seinem Aufbau das 
Vorbild aller mechanistischen Organisationen ge- 
worden ist, und daß er an keinem Tage seines auf- 
wandreichen Lebens die gemünzten Hilfsmittel 
mechanisierter Wirtschaft entbehren kann. 

Von der Kirche sind die westlichen Staats- 
gebilde in ihrer überwiegenden Mehrzahl losgelöst, 
ohne daß man sagen könnte, sie hätten hierdurch 
ihren Staatscharakter eingebüßt. 

Das eigentliche Regierungswesen, die Aufsicht über 
örtliche und regionale Verwaltungen, ist in den 
angelsächsischen Ländern bis auf eine leichte finan- 
zielle Überwachung unbekannt, und es denkt nie- 
mand daran, im Interesse der Staatsvervollständigung 
diese Einrichtung einzuführen, ebensowenig wie 
man etwa in Frankreich oder in Preußen daran 
denkt, sie abzuschaffen. Auch sie darf daher nicht 
als ein notwendiges Organ des Staatskörpers gelten. 

Die Aufsicht über das Erziehungswesen ist den 
Obliegenheiten des Staates erst in jüngster Zeit 
hinzugefügt worden. Sie zu beseitigen wäre viel- 
leicht kein Fortschritt, doch eine Maßnahme, die 
dem Staatsleben nichts von seinem inneren Wesen 
rauben könnte; um so weniger als ein anerkanntes 
Erziehungsideal in Ländern starker Interessen- 
gegensätze nicht besteht. 

66 



Staatliche Unternehmungen des Verkehrs, der 
Industrie und des Handels, mögen sie als notwen- 
dige Funktionen angesehen werden oder nicht, 
entspringen und dienen der Mechanisierung. 

Der Wissenschaftsbetrieb auf Grundlage pri- 
vater Universitäten und Forschungsinstitute hat 
in den Vereinigten Staaten sich durchaus ebenbürtig 
den Staatsbetrieben andrer Länder erwiesen und 
somit den Begriff der immanenten Notwendigkeit 
dieser Verwaltungsgebiete erschüttert. Auf dem 
Gebiet der Kunst ist die Betätigung des lehrenden, 
bestellenden und bestimmenden Staates in den 
meisten Kulturländern unbedeutend, wo nicht 
schädlich. 

Die staatliche Finanzwirtschaft beruht, soweit sie 
Einnahmen schafft, auf mechanisierter Wirtschaft 
und schließt sich ihr aufs engste an. Soweit sie 
Ausgaben begleicht, trägt sie die Färbung des 
Gesamtkörpers, dem sie dienstbar ist, und ver- 
hält sich somit im Sinne der gestellten Frage 
neutral. 

Es bleiben, wenn man von allgemeiner Reprä- 
sentanz absieht, die unumgänglichen Funktionen des 
Staates: äußere Politik und Landesverteidigung, 
Gesetzgebung und Rechtsschutz. 

Entschieden ist die Verteidigung der Nationalität 
beim heutigen Stande der Zivilisation eine not- 
wendige, ja eine absolute Aufgabe. Indessen wird 
erhaltende und werbende Politik, verteidigende 
und angreifende Kriegführung weitaus überwiegend, 
vielleicht dauernd in den Dienst sogenannter Lebens- 
fragen gestellt bleiben, die, solange nicht aben- 
teuernde Menschen oder Nationen die Stetigkeit 
des Geschichtsganges unterbrechen, sich in Fragen 

5* 6j 



der wirtschaftlichen Existenz auflösen lassen. Tat- 
sächlich und normalerweise gelten neun Zehntel 
der politischen Tätigkeit den wirtschaftlichen Auf- 
gaben des Augenblicks, der Rest den wirtschaftlichen 
Aufgaben der Zukunft. 

Mit Ausnahme gewisser seelenpathologisch, reli- 
giös, historisch oder philosophisch gestimmter 
Gebiete der Kriminalistik, die außerhalb dieser 
Betrachtung stehen, dient die Justiz der Sicherheit 
und dem Schutz der wirtschaftlichen Person und 
Gesellschaft auf der Grundlage der bestehenden 
Besitz- und Mechanisierungsordnung. 

Die Gesetzgebung wiederum, die alle Gebiete 
des öffentlichen und privaten Lebens auf Grund 
der herrschenden Zeitanschauung regelt und aus- 
gleicht, fügt ebensowenig wie die Säckelmeisterei 
dem Gesamtbilde eine neue Farbe zu. 

So darf man zusammenfassend sagen, daß der 
heutige Staat trotz der Zuflüsse an absoluten Auf- 
gaben, die ihm im Laufe der letzten beiden Jahr- 
hunderte beschieden waren, in seinem innersten 
Wesen den Gesetzen und Evolutionen der Mechani- 
sierung gefolgt ist. 

Ihn als eine bewaffnete Produktionsvereinigung 
auf nationaler Grundlage hinzustellen, wäre viel- 
leicht verfrüht; ihn als eine mystische Institution 
oberhalb der mechanisierten Wirtschaft und Gesell- 
schaft zu betrachten, sicherlich verspätet. 

Selbst solche Lebensgebiete, die von materiellen 
Zielen und Einwirkungen losgelöst erscheinen wie 
Religion und Wissenschaft, haben sich mechani- 
stische Umformungen gefallen lassen müssen. Es 
ist hier nicht der Ort, zu entwickeln, wie die in 
Kirchen verkörperten Religionen mit wachsender 

68 



Gebietsausdehnung und Bekennerzahl sich zu Be- 
trieben ausgestalteten, wie sie lernten, durch still- 
schweigende wechselseitige Duldung ihrem inner- 
sten Wesen das schwere Opfer der Arbeitsteilung 
zuzumuten, wie sie hierarchisch, finanziell, bureau- 
kratisch und geschäftlich ihre Verwaltungskörper 
auszubauen gezwungen waren, wie sie propagan- 
distisch wetteifern, ja selbst mit Gegnern über Tei- 
lung der Gebiete, man möchte sagen: des Absatzes 
sich verständigen mußten, wie sie unter Ausnutzung 
jeder aktuellen Verschiebung der Lage politische, 
wirtschaftliche und soziale Mächte in den Dienst 
ihrer Interessen zu ziehen hatten. 

Der Weltbetrieb der Wissenschaften, neben dem 
Kapitalismus die großartigste der anonymen und 
internationalen Organisationen, mit seinen peinlich 
beobachteten Gebietsabgrenzungen, seinem hoch- 
entwickelten Nachrichtenwesen, seinem großin- 
dustriell angelegten Laboratoriumsbetrieb, seiner 
Wechselbeziehung zur Technik, seinen Verbänden 
und Kongressen ist genügend gekannt und gerühmt, 
um eine Vertiefung in seine Mechanisierungsform 
entbehrlich zu machen. 



DIE MECHANISIERUNG DER WELT. IV 

Mechanisierung und Gesellschaft 

So spannen mechanisierte Organisationen ihre 
vielfachen unsichtbaren Netze über jeden Fuß- 
breit Erde. Hier und da wird eine Masche sicht- 
bar : Absperrungen, Verbote, Aufforderungen, War- 
nungen, Drohungen säumen unsre Wege. 

69 



• Aber diese armseligen Verkehrs maschen bedeuten 
wenig, verglichen mit jenen zahllosen Bindungen, 
die mit Ausnahme der Gestirne fast jeden sicht- 
baren Gegenstand an Personen knüpfen, die jede 
Tätigkeit an Rechte und Pflichten ketten, die 
alle Einzelmenschen zu den seltsamsten und man- 
nigfachsten Gemeinschaften vereinigen. Ein er- 
wachsener Deutscher, der vermögenslos aus Amerika 
heimkehrt, hat, sofern er sich nicht um Wohltätig- 
keit bewirbt, nur das Recht, sich mit normaler 
Geschwindigkeit auf öffentlichen Straßen zu be- 
wegen und seine Stimme für die Reichstagswahl 
abzugeben. Kein verwickelterer und schwierigerer 
Beruf läßt sich in zivilisierten Ländern erdenken 
als der des Einsiedlers. 

Konnte vorzeiten ein Deutscher sich rühmen, 
Christ, Untertan, Bürger, Familienvater und Zunft- 
genosse zu sein, so ist er heute Subjekt und Objekt 
zahlloser Gemeinschaften. Er ist Bürger des Reichs, 
des Staates und der Stadt, Eingesessener des Kreises 
und der Provinz und Mitglied der Kirchengemeinde ; 
er ist Soldat, Wähler, Steuerzahler, Inhaber von 
Ehrenämtern; er ist Berufsgenosse, Arbeitgeber oder 
-nehmer, Mieter oder Grundbesitzer, Kunde oder 
Lieferant; er ist Versicherungsnehmer, Mitglied 
gewerblicher, wissenschaftlicher, unterhaltender 
Vereinigungen; er ist Kunde einer Bank, Aktionär, 
Staatsgläubiger, Sparkontenbesitzer, Hypotheken- 
gläubiger oder Schuldner; er ist Mitglied einer 
politischen Partei; er ist Abonnent einer Zeitung, 
des Telephons, des Postscheckkontos, der Trambahn, 
der Auskunftei; er ist Kontrahent von Verträgen, 
mündlichen und schriftlichen Verpflichtungen; er 
ist Sportsmann, Sammler, Kunstliebhaber, Dilet- 

70 



tant, Reisender, Bücherleser, Schüler, Akademiker, 
Inhaber von Zeugnissen, Legitimationen, Diplomen 
und Titeln; er ist Korrespondent, Firma, Referenz, 
Adresse, Konkurrent, er ist Sachverständiger^ 
Vertrauensmann, Schiedsrichter, Zeuge, Schöffe, 
Geschworener; er ist Erbe, Erblasser, Gatte, Ver- 
wandter, Freund. 

Diese Bindungen bedeuten die Verzweigungen 
der Nervenfasern im bloßgelegten Inneren der 
mechanistischen Wirtschaft. Um aber das Gewebe 
der Gesellschaft, der belebten Trägerin der 
Mechanisierung, vollkommener zu erblicken, muß 
das Auge auch auf den Einschlag dieser lebendigen 
Kette gerichtet werden: den Beruf. 

Aus diesen beiden Elementen : Bindung und Beruf, 
entwickelt sich die entscheidende Eigenschaft der 
mechanisierten Gesellschaft, ihre Homogenität. 

Schon apriorisch leuchtet es ein, daß eine lebende 
Maschinerie, um den Produktionsprozeß der Erde 
zu tragen, aus gleichmäßigem, normalem und festem 
Material bestehen muß, daß ihre Teile massenhaft 
produzierbar und auswechselbar, fest ineinander- 
gefügt und reibungslos, geschwindester und gleich- 
förmigster Bewegung fähig sein müssen. 

Die Bindungen tragen zur Homogenisierung bei, 
indem sie bewirken, daß jeder mit jedem sich berührt, 
reibt und schleift, daß eine große Zahl gemein- 
samer Kenntnisse, Verwaltungs- und Verkehrs- 
methoden zum Gemeingut wird, daß der einzelne 
lernt, sich zurechtzufinden, anzupassen, umzugehen 
und sich von der Abgrenzung der Interessengebiete, 
der Beschränkung der Willkür und der Zusammen- 
wirkung des Ganzen eine Vorstellung zu bilden. 
Jedes der mechanisierten Gesellschaftselemente ist 

71 



ein wenig alles in allem: Politiker, Geschäftsmann, 
Unterhändler, Redner, Disponent und Organisator; 
ein jeder ist Träger von Verantwortung, welche füg- 
lich als Mechanisierungsform der Pflicht und, bei 
ihrem merklich materiell und militärisch gefärbten 
Charakter, schlechtweg als die ethische Kategorie 
der Mechanisierung angesehen werden kann. Erfreu- 
lich tritt der Ausgleich der Eigenschaften zutage in 
der schnell erworbenen und bewährten Fähigkeit 
unsrer Arbeiter, zu urteilen, zu handeln und zu 
verfügen. 

Selbst die scheinbar trennende Sonderung des 
Berufes muß zur Homogenität führen. Denn eine 
reichliche Ansammlung in letzter Linie ähnlicher 
Vorkommnisse erzeugt übereinstimmende Geistes- 
dispositionen; die Anwendung gleichartiger Denk- 
und Arbeitsformen wirkt entscheidender als die 
Ungleichartigkeit der Anwendungs- und Arbeits- 
gebiete; die Gleichförmigkeit der Arbeitszeit und 
Erholungsdauer entscheidender als die Verschieden- 
heit der Arbeitsstelle; die Gleichwertigkeit der 
Einkommen entscheidender als die Ungleichheit 
der Quellen, aus denen sie fließen. 

Ein Rechtsanwalt von heute ähnelt seinem medi- 
zinischen Stammtischgenossen weit mehr als ein 
Leinenweber einem Tuchmacher von ehedem. 
Und mehr noch ähneln sich ihre Häuslichkeiten, 
ihre Lebensgewohnheiten, ihre Kleidungen, ihre 
Denkweisen und ihre Wünsche. 

Vor allem aber trägt die zunehmende Intellek- 
tualisierung der Berufe dazu bei, gleichartige Men- 
schen zu schaffen. Die alte Güterproduktion ver- 
langte vom einzelnen einen periodischen Kreislauf 
bereitender, schaffender, fertigender und verwerten- 

72 



der Tätigkeit, denn das Werk eines jeden Menschen 
war ein Ganzes. Deshalb mußte viel Handliches und 
viel Ungeistiges, viel Abwarten und viel Umstand 
in Kauf genommen werden. Heute ist alle Arbeit 
unterteilt und daher verdichtet; die Stufenfolgen 
sind beseitigt, und der arbeitende Mechanismus 
erfordert mehr denkende Überwachung als hand- 
festes Zugreifen. Im Gegensatz zu den alten Auf- 
gaben, die sich periodisch wiederholten und daher 
den Wert der Erfahrung aufs höchste schätzen ließen, 
die aber in ihrer Wiederholung der Phantasie und 
der Erkenntnis unmerklich wachsenden Spielraum 
gestatteten, steht der Schaffende und Überwachende 
unsrer Zeit beständig vor scheinbar neuen Pro- 
blemen, die sich aber alle mit gleichen Denk- 
formen bewältigen lassen und daher die Gleich- 
förmigkeit des Handelns vermehren: so etwa, wie 
in einem Buch mit Regeldetriaufgaben das hoch- 
gemute Auftreten von Wasserstrahlen, Schnell- 
läufern und Handelsleuten nur eine wechselnde 
Umschreibung der nämlichen einfachen Gleichungs- 
formel bedeutet. 

Fügt man dem physischen und intellektuellen 
Ausgleich der Lebensbedingungen die Wirkungen 
eines beständig wachsenden Volkswohlstandes hinzu, 
so erhält man die Grundbedingungen der Mittel- 
standstendenz, die für die mechanisierte Gesell- 
schaft bezeichnend ist. 

Die bürgerliche Gesellschaft Deutschlands ist 
weit jünger als die englische und französische. 
Von ihrer Entstehung an, die in die Mitte des 
XVni. Jahrhunderts fällt, war sie hundert Jahre 
lang arm, und diese Armut, verbunden mit einer 
edlen Stärke der Entsagung, trug reiche geistige 

73 



Frucht, die zur Ernte der romantischen Periode 
und des Verfassungskampfes reifte. Der Mer- 
kantilismus der Mechanisierungszeit brachte ihr 
unerhörten Zuwachs an Wohlstand und raubte ihr 
dafür einen Teil ihrer geistigen Werte. Im letzten 
Menschenalter allein hat sich die Zahl der Einkom- 
men, die selbständigen kommerziellen Verant- 
wortungen entsprechen, zum mindesten verhundert- 
facht, und Raum geschaffen für eine Breite des 
bürgerlichen Behagens und Luxus, wie sie nur in 
England bekannt war. Behausung, Kleidung, Be- 
dienung und Unterhaltung zeigen die Merkmale 
dieser Steigerung, die vielleicht von allen Entwick- 
lungsformen der neuen Zeit die beispielloseste ist. 
Denn die Geschichte bietet uns zwar Vorgänge von 
maßlosem Reichtum und Prunk einzelner Personen 
und Gemeinschaften: die Existenz von Hundert- 
tausenden begüterter, ja nach früheren Begriffen 
reicher Menschen in einem Lande aber ist gänzlich 
ohne Vorgang und führt zu unabsehbaren Folgen, 
die man als Grunderscheinung der neuzeitlichen 
Umgestaltungen anzusehen sich versucht fühlen 
könnte, wenn es nicht klar zutage läge, daß sie als 
Folgeerscheinungen von der Verdichtung und Me- 
chanisierung abhängen. 

Zunächst aber hat dieser Reichtum eine Ver- 
armung herbeigeführt; nicht an Vorstellungen 
und Kenntnissen, sondern an Wertungen, nicht 
an Wünschen und Zwecken, sondern an Idealen. 
Dieser homogenisierten Gemeinschaft sind ge- 
meinschaftliche Urteile und Ziele noch nicht er- 
wachsen, es sei denn solche von handgreiflicher 
Utilität; es ist, als sei dem Gesamtkörper ein Innen- 
leben noch nicht erwacht oder als seien seine ersten 

74 



Regungen vom Lärm der Interessen übertäubt. 
Noch mehr: eine unbewußte Widerstandsbewegung 
der Elemente gegen ihre Homogenisierung zwingt 
sie, noch einmal jedes erschwingliche Maß von 
Individualität nach außen zu kehren und zur Wah- 
rung vermeintlicher Originalität sich jeder offen- 
kundigen Gemeinschaftsrichtung zu entziehen. So 
wurde in Deutschland nicht einmal für die Freude 
am Vaterland ein kulturell gültiger Ausdruck ge- 
funden: der unterwürfigen Devotion und dem 
aggressiven Gebaren des Vereins- und Geschäfts- 
patriotismus wurde eine selbstvertrauende Helden- 
verehrung, ein sicheres Nationalbewußtsein nicht 
entgegengesetzt. 

Von der ideenbildenden Fähigkeit des deutschen 
bürgerlichen Intellektualismus aber hängt es ab, 
ob und wann er berufen ist, die Verantwortung für 
das kulturelle und politische Leben zu übernehmen, 
die ihm nach dem Lauf der mechanischen Entwick- 
lung beschieden ist. Heute trägt er in Deutsch- 
land von dieser Verantwortung nur einen kleinen 
Teil, obwohl die bedeutendsten materiellen Auf- 
gaben : die Versorgung und Ernährung des Volks- 
zuwachses und die Bewältigung der Staatslasten, auf 
seinen Schultern ruhen. 

Denn nach zwei Seiten hin findet in Deutsch- 
land die Homogenisierung wo nicht Grenzen, so 
doch Hemmungen, die zwar in manchem Sinne 
überschreitbar und überschritten, für die heutige 
Kräfteverteilung jedoch von entscheidender Be- 
deutung sind. Es wird späteren deutschen Ge- 
schichtschreibern schwer verständlich sein, wie in 
unsrer Zeit zwei Schichtungssysteme sich wechsel- 
seitig durchdringen konnten : das erste ein Überrest 

75 



der alten Feudalordnung, das zweite, das Kapitali- 
stische, eine Nebenerscheinung der Mechanisierung 
selbst. Noch seltsamer aber muß es berühren, daß 
die neuentstandene kapitalistische Ordnung zu- 
nächst dazu beitragen mußte, den Bestand der Feu- 
dalordnung zu stützen. 

Tatsächlich herrscht heute in den entscheidenden 
deutschen Staaten politisch und militärisch der- 
jenige Rest der früheren Oberschicht, der sich in 
der Form eingesessenen Adels erhalten hat. Aus 
zwei Gründen konnte er seine Macht bewahren: 
einmal, weil sein gesunder Instinkt ihn an die Land- 
wirtschaft fesselte, die unter der Betriebsform des 
Großgrundbesitzes im verflossenen Jahrhundert 
einen bedeutenden mechanistischen Aufschwung 
erlebte und die noch heute eine starke Überwachung 
der Landbevölkerung ermöglicht; sodann, weil eine 
Anzahl europäischer Dynastien, durch die kapitali- 
stische Ordnung bedenklich gemacht, um so enger 
mit denjenigen Mächten verbündet zu bleiben 
wünschten, die durch Herkom.men ihren Häusern 
nahestanden und die bei einem Umsturz am mei- 
sten zu verlieren hatten. Freilich wurden diese 
Erwägungen zumeist verlassen, sobald die Ver- 
hältnisse zu einer gewissen Reife gediehen waren: 
wie ein Kapitän beim Sturm sein Schiff lieber auf 
hoher See als verankert sieht, so wurde in solchen 
Fällen die Monarchie der Tragkraft der gesamten 
Nation anvertraut. So bestehen denn feudal ver- 
ankerte Dynastien nur noch in Mitteleuropa. 

Daß die zweite der bestehenden Schichtungen, 
die kapitalistische, und mit ihr die gewaltigste der 
einheitlichen Bewegungen unsrer Zeit, die soziali- 
stische, nicht in den Mittelpunkt dieser Gesell- 

76 



Schaftsbetrachtung gerückt ist, mag befremden und 
bedarf der Rechtfertigung. 

Zweifellos ist es der schwerste Vorwurf, welcher 
der Zivilisation unsrer Zeit gemacht werden kann, 
daß sie die Beschränkung eines Proletariats zuläßt, 
wenn unter einem solchen eine Bevölkerungsklasse 
verstanden wird, deren Angehörige unter normalen 
Verhältnissen zu selbständiger Verantwortung und 
unabhängiger Lebensführung nicht vordringen 
können. Die schärfste Zuspitzung dieses Vorwurfs : 
daß nämlich innerhalb dieser Klasse zeit- und stellen- 
weise Not und Elend haust, wird als berechtigte 
Klage durchweg anerkannt und Abstellung der 
Übel mit Ernst und nicht ohne Erfolg angestrebt; 
so daß die Frage des Notstandes hier ausgeschieden 
werden darf. 

Erstrebt nun der Sozialismus die Beseitigung 
wirtschaftlicher Ungerechtigkeit, die Hebung oder 
Umschmelzung des Proletariats, so muß diese Welt- 
aufgabe mit hohem Respekt betrachtet und jeder 
Schritt zu ihrer Förderung als Zivilisationsfort- 
schritt begrüßt werden. Doch darf man vom Stand- 
punkt einer über den Augenblick hinausgehenden 
Betrachtung nicht übersehen, daß es sich hier um 
Abhilfen, und zwar materielle Abhilfen, nicht um 
absolute Schöpfung ifnd Ideen handelt. Des- 
halb ist es dem Sozialismus nicht gelungen, eine 
Weltanschauung zu schaffen; was er über das 
materiell praktische Erstreben hinausgreifend zu- 
stande gebracht hat, ist stark anfechtbares populär- 
philosophisches Erzeugnis. Sozialismus bleibt Zeit- 
aufgabe, solange er sich nicht zur Transzendenz 
zu erheben und neue Ideale für die gesamte Mensch- 
heit und ihren geistigen Besitz aufzustellen vermag. 

77 



Dann aber würde sein innerstes Wesen sich wan- 
deln und ein großer Teil des materiellen Rüstzeugs 
abgestreift werden müssen. 

Aber auch innerhalb der Grenzen der Zeitauf- 
gabe besitzt der Sozialismus nicht die Stärke der 
Konsequenz und Unausweichlichkeit, die ihn zum 
Pol der gesellschaftlichen Entwicklung machen 
könnte, denn er verkennt den Dualismus der Arbeit. 
Erfindung und Ausführung, Anordnung und Lei- 
itung werden sich niemals dauernd und grundsätzlich 
vereinigen lassen, am wenigsten in einer mechani- 
stischen und arbeitsteilenden Gemeinschaft. Immer 
werden die intuitiv, phantastisch, künstlerisch und 
organisatorisch Veranlagten den handgreiflich, prak- 
tisch, suggestiv Veranlagten gegenüberstehen. Eine 
Arbeitsverschmelzung der beiden Kategorien ist 
innerhalb der uns bekannten menschlichen Eigen- 
schaftszonen nicht denkbar, vielleicht nicht einmal 
wünschbar. 

Befreit man somit das Problem von der nüch- 
ternen Phantastik mechanisch konstruierter Para- 
diese, so bleibt als Kern die große und ernste Auf- 
gabe einer Reform des Proletariats. Ihre Lösung 
muß einsetzen an dem Punkte der höchsten Unge- 
rechtigkeit: bei der lebenslänglichen, ja erblichen 
Unentrinnbarkeit des Proletarierschicksals. Die 
Lösung ist möglich, wenn sie darauf abzielt, die 
Einsperrung der Vermögen, ihre allzu starre Kettung 
anPersonen, Familien, Genossenschaften zu sprengen, 
eine gerechtere Bindung des Wohlstandes an wirt- 
schaftliches und geistiges Verdienst zu sichern und 
jedem die geistigen Werkzeuge erschwinglich zu 
machen, die zum Wettkampf befähigen. Diese Ge- 
samttendenz habe ich vor Jahren mit dem Namen 

78 



Euplutismus bezeichnet; ihre Mittel bestehen vor- 
nehmlich in der Beseitigung aller Rechte, die den 
Charakter von Privatmonopolen tragen, in der 
Beschränkung des Erbrechts, in einer gegen mühelose 
und ungerechte Bereicherung gerichteten Gesetz- 
gebung, in der Ausgestaltung der Volkserziehung. 

Sicherlich wird die Durchführung dieser Grund- 
lätze Menschenalter erfordern, aber ebenso sicher- 
lich wird sie erfolgen, und ihre Ergebnisse werden 
den Beweis erbringen, daß es zur Abstellung einer 
wirtschaftlichen Ungerechtigkeit keines Weltbrande« 
bedarf. Noch vor dieser Erfüllung aber wird das 
soziale Problem eine Umgestaltung erfahren, und 
zwar in dem Sinne, daß die Homogenisierung, weit 
über die Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft 
hinausgreifend, einen bedeutenden, und zwar den 
wertvollsten Teil des Proletariats assimiliert haben 
wird. 

Denn schon heute erreichen, dem ehernen Lohn- 
gesetz zum Trotz, das seinen Trugschluß an die 
stillschweigende Voraussetzung unbeschränkten Ar- 
beitsangebotes knüpft, die Einkünfte geschulter 
Qualitätsarbeiter eine höhere Ebene als die des 
bürgerlichen Durchschnitts, und gleichzeitig hier- 
mit werden bürgerliche besitzschützende Inter- 
essen rege. Die mechanistische Produktion aber 
muß die ihr vorgeschriebene Richtung verfolgen 
und beständig darnach trachten, mechanische Arbeit 
durch Überwachungsarbeit, ungeschulte durch 
Qualitätsarbeit zu ersetzen, die sie nicht nur höher 
bezahlen kann, sondern vielmehr so reichlich be- 
zahlen muß, daß Aufmerksamkeit und Stimmung 
des Arbeiters ihren Zwecken erhalten bleiben. 
Wollte man dieser Bewegung vorwerfen, daß sie 

79 



nach Auswahl der Qualifizierten ersten, zweiten und 
dritten Grades schließlich ein doppelt verelendetes 
Proletariat Unqualifizierter, Arbeitsunwilliger und 
Arbeitsunfähiger zurückläßt, so wäre zu erwidern, 
daß ein Idealzustand auf Erden freilich die Abschaf- 
fung aller wirtschaftlichen Beschränkung erfordern, 
daß dieser Idealzustand aber gleichzeitig die aus- 
schließliche Existenz brauchbarer Menschen bean- 
spruchen würde. Solange dies Ideal nicht erfüllt ist, 
wird es des Gegensatzes zwischen beschränkter und 
reichlicher Lebensführung bedürfen, um Regungen 
der Indolenz zu überwinden, die der Gemeinschaft 
schaden. Freilich wird es um so dringender die 
Aufgabe der Gesellschaft sein, dafür zu sorgen, daß 
jeder Willige durch eigene Kraft dem Zustande der 
Beschränkung sich entwinden kann. 



DIE MECHANISIERUNG DER WELT. V 

Mechanisierung und Leben 

Die umgestaltete Produktionsform, die um- 
gestaltete Gesellschaft und Welt wirken auf 
das Einzelleben zurück; sie schaffen ihm neue Vor- 
stellungen, Aufgaben, Sorgen und Freuden und 
formen die Persönlichkeit derart, wie die Maschine 
beim Einlaufen ihren Teilen die rechte Gefügigkeit 
gibt; so daß die Elemente mit geringster Reibung, 
mit Ausnutzung aller vorhandenen Kräfte, unter 
Ersparnis an Zeit und Material willig, nachhaltig 
und rückhaltlos in den Massenprozeß sich ein- 
fügen und seinem rastlosen Anwachsen dienstbar 
werden. 

80 



Der Mensch früherer Zeiten kannte den Kreis- 
lauf der Natur, die ihn umgab ; er kannte die Wiesen, 
Felder, Wälder und Hügel seiner Gegend ; die Stra- 
ßen und Gebäude seines Ortes, die nicht zahlreichen 
Waren und Gerätschaften, die man feilhielt, 
und die Heiligenbilder der Kirchen; er hatte etwas 
Lesen, vielleicht auch Schreiben und Rechnen gelernt, 
wußte manches aus den Heiligen Schriften und ver- 
stand sein Handwerk. Vielleicht war er als Geselle 
gewandert, vielleicht hatte er große Herren vorüber- 
ziehen, Kirchenfeste sich entfalten sehen ; dann und 
wann vernahm er von fernen Erdbeben, Kriegen 
und Seuchen, erblickte eine Feuersbrunst, ein Meer- 
wunder, ein afrikanisches Tier; im übrigen waren 
die Ereignisse seines Lebens die natürlichen, von 
Geburt und Tod umschlossenen. Das Alltägliche 
war wunderbar, das Wunderbare alltäglich, alles 
stimmte zum Betrachten und zum Vertiefen, nichts 
zum Urteilen. Die seltenen Ereignisse erschüttern; 
sie hinterließen lange Erinnerungen, die sich mit 
langen, zuversichtlichen Hoffnungen zu einem 
ruhigen Fluß des Erlebens vereinigten. 

Vor wenigen Jahrzehnten waren Lebenskreise 
ähnlicher Geschlossenheit und Rundung etwa noch 
in den Alpentälern von Tirol oder auf friesischen 
Inseln zu finden; heute würde es nicht genügen, 
bis in die Kieinstädte von Mittelrußland vorzu- 
dringen, um ihre Spuren aufzusuchen. Welche 
Änderung des Horizontes hat unterdessen etwa der 
mittlere Bürger des neuen Deutschen Reiches er- 
fahren ! 

Er verläßt die Schule mit einer Übersicht der 
vergangenen und der gegenwärtigen Welt, mit 
einer flüchtigen Kenntnis mehrerer Sprachen, ver- 

16 8i 



schiedener Rechnungsmethoden ; er hat einen Begriff 
von der Mannigfaltigkeit der Lebenseinrichtungen, 
von der Schematisierung der Naturerscheinungen. 
In millionenfachen Reproduktionen sind Kunst- 
werke aller Zeiten, Baustile, Landschaften, Völker- 
schaften an ihm vorübergezogen. Der Weg durch eine 
städtische Straße hat ihm mehr Gattungen von 
Waren, Gerätschaften, Apparaten und Mechanis- 
men vor Augen geführt, als Babylon, Bagdad, Rom 
und Konstantinopel kannten. Das Arbeiten der 
Maschinen, der Verkehrsmittel, der Fabrikationen 
ist ihm alltäglich, der Anblick von Menschen aller 
Berufe und Länder, von Tieren und Pflanzen aller 
Zonen nicht überraschend. Er kennt Ausflüge, ja 
Reisen über meilenweite Gebiete; Feste, Aufzüge, 
Vorführungen, Unglücksfälle, Kriegsübungen sind 
ihm geläufig. Er ist gewohnt, Bücher zu lesen. 
Hunderte von Gegenständen zu benutzen, ja, zu 
besitzen ; er ist gewohnt, Speisen und Vergnügungen 
aus aller Herren Länder zu genießen, sich zu unter- 
halten und unterhalten zu lassen. Die Erlernung 
des Berufes bringt weitere Kenntnis von Methoden 
und Hilfsmitteln, seine Ausübungen an wechselnden 
Stellen und Orten neue Erfahrung von Lebensver- 
hältnissen, Umgang und Organisation. 

Aber mit der Lehrzeit und Berufseinrichtung 
läßt der Strom der zudringenden Kenntnisse nicht 
nach. Täglich mindestens einmal öffnet das Welt- 
theater seinen Vorhang und der Leser des Zeitungs- 
blatts erblickt Mord und Gewalttat, Krieg und 
Diplomatenränke, Fürstenreisen, Pferderennen,Ent- 
deckungen und Erfindungen, Expeditionen, Liebes- 
verhältnisse, Bauten, Unfälle, Bühnenaufführungen, 
Spekulationsgeschäfte und Naturerscheinungen; an 

82 



einem Morgen während des Frühkaffees mehr Selt- 
samkeiten, als seinem Ahnherrn während eines 
Menschenlebens beschieden waren. Und zu dieser 
freiwilligen Aufnahme an Nachricht gesellt sich die 
berufliche: die Korrespondenz des Kaufmanns, das 
Kundengeschäft, der Verkehr mit Angestellten und 
Vorgesetzten, mit Behörden und Geschäftsleuten 
bringt vom Morgen bis zum Abend so viel an Tat- 
sachenmaterial, das gemerkt und verarbeitet werden 
muß, daß Hunderte von Papierfabriken ganze Wal- 
dungen in weiße Bänder verwandeln müssen, um die 
Erinnerungszeichen an einen kleinen Teil dieser 
Neuigkeiten aufzunehmen. 

Das Beängstigende der Bilderflucht ist ihre Ge- 
schwindigkeit und Zusammenhanglosigkeit. Berg- 
leute sind verschüttet: flüchtige Rührung. Ein 
Kind mißhandelt: kurze Entrüstung. Das Luft- 
schiff kommt: ein Moment der Aufmerksamkeit. 
Am Nachmittag ist alles vergessen, damit Raum im 
Gehirn geschaffen werde für Bestellungen, Anfragen, 
Übersichten. Für die Erwägung, das Erinnern, das 
Nachklingen bleibt keine Zeit. 

Wie entledigt sich nun der Geist überflüssiger 
Notionen? Durch Urteil. Die Erscheinung wird 
besiegelt, etikettiert und eingereiht; so ist sie er- 
ledigt, indem sie sich scheinbar in einen Zuwachs 
an Erfahrung, vielfach nur in einen Zuwachs an Vor- 
urteil verwandelt hat. Aber selbst das Vorurteil 
scheint erträglicher als die Urteillosigkeit, eben des- 
halb, weil es Vorstellungen verdauen hilft und in 
Zweckdienlichkeiten verwandelt. So wird geurteilt 
von früh bis spät : dies ist gut, dies ist nützlich, dies 
ist ungerecht, dies ist töricht. Selbst die Unterhal- 
tung wird zu einem Dialog von Urteilen, die leicht, 

6* 83 



verantwortungslos, unsachlich und schematisch vor- 
gebracht werden. Im Hagel der Tatsachen erstirbt 
die Verwunderung, der Respekt vor dem Ereignis, 
die Empfänglichkeit, und gleichzeitig erhöht sich 
die Begierde nach neuen Tatsachen, nach Steigerun- 
gen. Wird die Begierde nicht gesättigt, so tritt eine 
verzweifelte Erschöpfung ein, die dem Menschen 
seine eigene Lebenszeit hassenswert erscheinen läßt 
und daher Langeweile genannt wird. 

Mechanistisch betrachtet ist die Langeweile 
das Warnungssignal, das dem Menschen in die 
Ohren bläst: er sei zeitweilig ausgeschaltet aus 
dem allgemeinen Werben und Walten, und das 
ihn zum Zwang der Arbeit oder des Genusses 
antreibt. 

Die Arbeit selbst aber ist nicht mehr eine Ver- 
richtung des Lebens, nicht mehr eine Anpassung des 
Leibes und der Seele an die Naturkräfte, sondern 
weitaus eine fremde Verrichtung zum Zweck des 
Lebens, eine Anpassung des Leibes und der Seele 
an den Mechanismus. Denn mit Ausnahme der 
wenigen freien Berufe, deren Wesen ungeteilt und 
Selbstzweck ist, der künstlerischen, wissenschaftlichen 
und sonsthin schöpferisch gestaltenden Arbeit, ist 
der mechanisierte Beruf Teilwerk. Er sieht keinen 
Anfang und kein Ende, er steht keiner vollendeten 
Schöpfung gegenüber; denn er schafft Zwischen- 
produkte und durchläuft Zwischenstufen. Auch 
er kann angepaßten Naturen eine absolut erschei- 
nende Befriedigung gewähren, insbesondere da, 
wo er mit Vorrechten und Befugnissen winkt; im 
allgemeinen aber trägt er seine Belohnung nicht in 
sich, sondern hinter sich, er verlangt nicht sowohl 
Liebe als Interesse. 

84 



Mit der Abkehr des Berufes von der Natur zur 
Mechanisierung haben sich weitere Änderungen 
seines Wesens vollzogen. 

Zum ersten; der alte Beruf war gegründet auf 
Erfahrung und Erlernung. Der Sohn vollbrachte 
im Kreislauf des Jahres, was der Vater im Kreislauf 
des Jahres vollbracht hatte. Der Alte hatte die 
längere Übung, er hatte mehr Zwischenfälle erlebt : 
so war er geschulter und weiser. Zu ihm blickte man 
auf, er war Autorität. Was das junge Geschlecht 
zum Ererbten hinzufügte, war freiwilliger Tribut 
an die langsam sich ändernde Meinung der Zeit, nicht 
Not und Zwang. 

Wollte heute einer sein Land bestellen, seine 
Schuhe fertigen, seine Schnittware verkaufen, 
wie es ihn seine Vorfahren gelehrt, er wäre bald 
mit seiner Weisheit am Ende; könnte er sie bei 
seinen wechselnden Zwischenfällen um Rat fragen, 
er erhielte falsche Auskunft. Er muß wie ein Fechter 
der launischen Mechanisierung ins Auge schauen, 
ihre Finten parieren, ihren Stößen zuvorkommen. 
Er muß planen, erfinden, nachahmen, ausprobieren, 
um sich zu erhalten. Den Begriff der Autorität 
versteht er nicht mehr, und Respekt hat er nur da, 
wo er Erfolg sieht. 

Zum zweiten. Der Nachbar von ehedem ist der 
Konkurrent von heute. Selbst die Landwirtschaft 
unterliegt der Konkurrenz, obwohl der Feind jen- 
seits der Grenzen, ja des Meeres wohnt. Die Arbeit 
ist nicht mehr allein ein Ringen mit der Natur, sie 
ist ein Kampf mit Menschen. Der Kampf aber ist 
ein Kampf privater Politik; das verfänglichste Ge- 
schäft, das vor weniger als zwei Jahrhunderten von 
einer Handvoll Staatsmännern geübt und gehütet 

8s 



wurde, die Kunst, fremde Interessen zu erraten und 
den eigenen dienstbar zu machen. Gesamtlagen zu 
überschauen, den Willen der Zeit zu deuten, zu 
verhandeln, zu verbünden, zu isolieren und zu 
schlagen: diese Kunst ist heute nicht dem Finanz- 
mann allein, sondern in gewahrtem Verhältnis dem 
Krämer unentbehrlich. Der mechanisierte Beruf 
erzieht zum Politiker. 

Deshalb hält der Berufsmensch sich für befähigt, 
nicht nur die eigenen, sondern auch die Angelegen- 
heiten der Gemeinschaft zu beurteilen, zu beraten 
und notfalls zu verwalten. Er findet sich nicht mehr 
in den Gedanken einer über ihm schwebenden, von 
der Gottheit inspirierten und ihr allein verantwort- 
lichen Erb Weisheit; patriarchalische Fürsorge emp- 
findet er nicht wohltuend, sondern kränkend. 

Zum dritten. Der Beruf ist ernst und lehrt Sor- 
gen. Niemand nimmt sich des Irrenden, des Fallen- 
den an; der Mann trägt in seiner Hand sein bürger- 
liches Schicksal und das der Seinen. Eine Verken- 
nung der Zeit, ein Nachlassen der Kräfte, ein unheil- 
barer Mangel der Ausbildung, eine Handlung der 
Leidenschaft: und das Gebäude langer Arbeitsjahre 
stürzt ins Nichts. Deshalb empfindet der Mensch 
seine eigene Verantwortung, aber auch die seines 
Nächsten. Er steht der Allgemeinheit mit einem 
starken Anspruch an Recht gegenüber und mit einer 
entschiedenen Meinung des für ihn Wünschens- 
werten. Er ist schwer zu behandeln, schwer zu über- 
zeugen, denn er fühlt sich in allen Dingen, die ihn 
von fern oder nah angehen, als neue Kategorie : als 
Interessent. 

So wird in der Schule des Berufes der Mensch 
seltsam gemodelt. Mag ihm die Arbeit eine Freude 

86 



sein, so ist nicht mehr die Freude des Schaffens, 
sondern des Erledigens. Eine Aufgabe ist gelöst, eine 
Gefahr ist beseitigt, eine Etappe gewonnen: nun 
zur nächsten und zur folgenden. Die Zeit eilt, die 
Konkurrenz treibt, die Ansprüche wachsen, da bleibt 
nicht viel zu sinnen, sich des Erschaffenen zu freuen, 
es mit Liebe zu betrachten und zu verschönern; 
genug, wenn es strengen, allgemein formulierten 
Ansprüchen genügt. Der Erfolg liegt nicht in der 
Vollendung, sondern in der Erweiterung; zehnmal, 
hundertmal das gleiche Produkt wiederholen, in 
kürzester Zeit, mit möglichster Ersparnis, das bringt 
Nutzen. Die Arbeit wird extensiv, wie die Produk- 
tion es geworden ist; die glückbringende Arbeit ist 
die, welche sich vervielfältigt. 

Die Arbeit aber wird mehr und mehr vergeistigt. 
Kaum daß sich die Hand bewegt, eine Zahlenreihe 
zu schreiben, eine Schraube zu verstellen; je teil- 
nahmloser die Gliedmaßen ruhen, desto erregter 
arbeitet das Gehirn. Und doch ist es mit ruhigem 
Nachdenken nicht getan; Angst, Begierde, Leiden- 
schaft müssen wirken, damit nichts vergessen, nichts 
versäumt, nichts verloren werde. 

Diese Spannung erträgt der Mensch, dessen Groß- 
vater Hans Sachs oder der Müller von Sanssouci oder 
der Pastor Schmidt von Werneuchen gewesen ist. 
Von der Flut zusammenhangloser Eindrücke be- 
stürmt, zwischen Langeweile und Interesse einge- 
spannt, eilig, rastlos, sorgenvoll und überbürdet, 
leidenschaftlich aber lieblos wirkend, zehrt er von 
Geist und Seele, um einen Tag zu leben; und ist der 
Tag verlebt und verbracht, so verfällt er der Er- 
schöpfung, die nicht Ruhe, sondern Genüsse ver- 
langt. 

87 



Die Genüsse des Berufsmenschen sind ebenso 
extensiv wie seine Arbeit. Der Geist, nachzitternd 
von den Erregungen des Tages, verlangt in Bewe- 
gung zu verharren und einen neuen Wettlauf der 
Eindrücke zu erleben, nur daß diese Eindrücke 
brennender und ätzender sein sollen als die über- 
standenen. In Worte und Töne sich zu versenken, 
ist ihm unmöglich, weil die Gedankenflucht des 
Schlaflosen ihn durchfiebert. Gleichzeitig pochen 
die gequälten, unterdrückten Sinne an ihre Tore 
und verlangen Berauschung. So werden die Freuden 
der Natur und Kunst mit Hohn ausgeschlagen, 
und es entstehen Vergnügungen sensationeller Art, 
hastig, banal, prunkhaft, unwahr und vergiftet. 
Diese Freuden grenzen an Verzweiflung, sie erinnern 
an die Freier Homers, die beim Herannahen des 
Schicksals blutiges Fleisch lachend verzehren, 
während die Tränen ihnen über die Wangen laufen. 
Ein Sinnbild entarteter Naturbetrachtung ist die 
Kilometer]' agd des Automobils, ein Sinnbild der ins 
Gegenteil verkehrten Kunstempfindung das Ver- 
brecherstück des Kinematographen. 

Aber selbst in diesen Tollheiten und Überreizun- 
gen liegt etwas Maschinelles. Der Mensch, im Ge- 
samtmechanismus Maschinenführer und Maschine 
zugleich, hat unter wachsender Spannung und Er- 
hitzung sein Energiequantum an das Schwungrad 
des Weltbetriebes abgegeben. Ein rauchender 
Motor ist kein beschauliches Arbeitstier, das sich 
unter freiem Himmel weiden läßt, man schmirgelt 
ihn ab, schmiert ihn, feuert den Kessel, und schon 
stampft der eiserne Fuß mit neuen Kräften seinen 
Zyklopentakt. 



88 



DER MENSCH IM ZEITALTER DER MECHANI- 
SIERUNG UND ENTGERMANISIERUNG 

Das Blut ^ 

Wollen wir uns die Wandlungen vergegenwär- 
tigen, die dem Naturell des westlichen Men- 
schen in den letzten Jahrhunderten beschieden 
waren und die noch erstaunlicher sind als die Ver- 
änderungen seiner Umwelt und seines Lebens, so 
müssen wir uns daran erinnern, daß ein Rassen Wech- 
sel, die Aufzehrung einer Oberschicht mit dem Ver- 
dichtungs- und Mechanisierungsprozeß Hand in 
Hand ging. Ja, es bestand zwischen diesen Er- 
scheinungen eine doppelte, zum Kreislauf geschlos- 
sene Kausalverbindung : die Verdichtung brachte den 
Rassenwechsel hervor, und der Rassenwechsel allein 
konnte die Voraussetzungen der entfesselt fortschrei- 
tenden Verdichtung schaffen, die Mechanisierung 
der Produktion, der Gesellschaft und des Lebens. 
Denn die germanischen Herren des Abendlandes 
waren unfähig, diesen Prozeß heraufzuführen, un- 
fähig selbst, ihn zu erleiden. Der Strenge und 
Schönheit nördlichen Waldlandes wo nicht ent- 
stammend, so doch durch Jahrtausende verbunden, 
von der Seligkeit des Kampfes mit Natur und Ge- 
schöpfen erfüllt, froh in der Kraft und Freiheit des 
Leibes, nichts verehrend als das Mutvolle, das Un- 
berührte und Überirdische, ein Volk von heiterem 
Ernst, von kindlicher Männlichkeit, unschlauer 
Klugheit, träumender Wahrheitsliebe, der Tat 
geneigt, dem Tun abhold, so traten sie auf die Bühne 
der Welt, als Schicksal der Antike und als Herren 
einer neuen Zeit. 

89 



Als Herren und Freie blieben sie Krieger und 
Landleute, und wo wir heute noch ihre Überleben- 
den erblicken, da sind sie ihrem alten Wesen treu 
geblieben, der Mechanisierung nicht oder wider- 
strebend gefolgt, nirgends ihre Förderer gewesen. 
Selbst da, wo sie unentrinnbar in neuzeitliches 
Getriebe verstrickt wurden, haben sie den Mechanis- 
mus in eine stillere Sphäre eingeschlossen; ein hol- 
steinischer Kramladen wird sachlicher, zweckfreier 
und ungeschäftlicher geleitet als eine amerikanische 
Kirche. 

Denn einer reinen furchtlosen Natur ist das Zweck- 
hafte fremd. Die Furcht erspäht hinter den Dingen 
Gefahren und Hoffnungen, sie flüchtet in die Zu- 
kunft, indem sie die Gegenwart vernichtet. Der 
Muthafte läßt sich die sinnliche und übersinnliche 
Gegenwart genügen, er respektiert die Dinge, liebt 
sie um ihrer selbst willen und benutzt keine Kreatur 
als Mittel. Die Mechanisierung aber ist auf Zweck- 
haftigkeit aufgebaut. Ihr ist keine Handlung und 
kein Gegenstand Selbstzweck; jedes Organ dient 
dem Gesamtprozeß, und der Gesamtprozeß dient 
dazu, neue Organe zu schaffen. Jeder Moment ist, 
für sich genommen, wertlos, aber von der heißen 
Arbeit erfüllt, die Reihe der wertlosen Momente zur 
Ewigkeit auszudehnen. 

Das mechanistische System konnte nicht von 
diesen Menschen aufgebracht werden, die in ihrer 
Unmittelbarkeit es kaum erfaßten, die es ungern 
erlitten und in ihm die höchste Gefährdung ihrer 
Herrschaft, ja ihrer Existenz gar bald erblickten. 
So haben sie dieses System bis auf den heutigen Tag 
bekämpft; gegen Städte, Stände, Konstitutionen, 
Demokratien, Verkehr, Handel und Industrie haben 

90 



sie sich mannhaft gewehrt, und noch jetzt bedeuten 
alle konservativen Programme nichts weiter als 
Umschreibungsformeln des unbewußten Willens 
gegen die Mechanisierung. 

Um diese emporzutreiben, bedurfte es Menschen 
geringeren Schlages, Unterdrückte und Emanzi- 
pierte. Sie mußten aus der Knechtschaft die Ge- 
wohnheit der Arbeit mitbringen und das Stigma der 
Geduld, das unentbehrlich ist für jeden, der durch 
Lernen intellektuelle Schätze sammeln soll. Hand- 
fertigkeiten besaßen sie von Ursprung an, denn die 
Schwächeren waren von je auf Werkkünste ange- 
wiesen ; grüblerisch und erfindungsreich wurden sie, 
weil Furcht ihre Stärke aus der Überlegung sammelt. 
Auch hatten sie gelernt, seßhaft und in umfriedeten 
Räumen ihr Wesen zu treiben, das späterhin zur 
Stubenarbeit wurde, Arbeitsteilung kannten sie. 
Reden, Verständigen, Überzeugen waren ihre Gegen- 
mittel gegen Gewalt gewesen. Neugierde, Wissens- 
durst, geistige Beweglichkeit hatte ihnen beständig 
genützt, Wahrheitsliebe nicht immer ; die Zähigkeit 
des Willens und die Lust am Besitz war gestählt 
durch die Unablässigkeit der Gegenkräfte, die harte 
Gleichförmigkeit des Druckes. In Lebensansprüchen 
gemäßigt, in Genüssen nicht wählerisch, ohne Tran- 
szendenz, in Leidenschaften heiß, nicht tief, ohne 
Bösartigkeit, aber rachsüchtig und des Hasses kundig : 
so trugen sie den Marschallstab des mechanistischen 
Menschen im Tornister. 

Daß ungermanischer Geist für die Gestaltung 
der Moderne verantwortlich ist, hat mancher un- 
willige Denker dem Volksgewissen ins Ohr geraunt, 
doch stets in der Meinung, zu entarteten Germanen 
zu sprechen. So suchte man nach einem Ferment 

91 



und entdeckte es im Judentum. Der Antisemitis- 
mus ist die falsche Schlußfolgerung aus einer höchst 
wahrhaften Prämisse : der europäischen Entger mani- 
sierung; und somit kann derjenige Teil der Bewe- 
gung, der Rückkehr zum Germanentum wünscht, 
sehr wohl geachtet und verstanden werden, wenn 
er auch die praktische Unmöglichkeit einer Volks- 
entmischung verlangt. 

Die Lehre von der semitischen Gärung hat jüngst 
ein geistvoller Nationalökonom in anziehender 
Weise mit einer Art verdrießlicher Bewunderung 
des schuldigen Teils entwickelt, indem er das Neu- 
zeitwesen auf den Kapitalismus, den Kapitalismus 
auf das Judentum zurückführt. Er denkt also im 
Ernst daran, dem kleinen Volksstamm, dem die 
Welt die Hälfte ihres Gesamtbesitzes an religiöser 
Transzendenz schuldet, nun auch die Summe der 
materiellen Lebensordnung gutzuschreiben. Der 
Irrtum liegt in der Verkennung der Tatsache, 
daß Kapitalismus, so gut wie Technik, Wissen- 
schaft, Verkehr, Kolonisation, Städteentwicklung 
oder Weltpolitik, nur Einzelerscheinungen der 
Grundfunktion bedeuten, die in der Verdichtung 
und ihrer Selbstbehauptung, der Mechanisierung, 
liegt. Die Betrachtung der Einzelfunktionen mag 
entwicklungsgeschichtlich Bedeutendes zutage för- 
dern ; den inneren Zusammenhang enthüllt sie nicht. 
Wählt man einseitig eine der Einzelerscheinungen 
als Grundvariable, so laufen die übrigen als glückliche 
Zufallsergänzungen nebenher, und man muß es als 
eine Art prästabilierter Harmonie betrachten, daß 
die Geschichte der Erkenntnis, der Wissenschaft, 
der Entdeckungen jedesmal rechtzeitig die Er- 
rungenschaften lieferte, deren der Kapitalismus 

92 



bedurfte. Am schwersten aber wird der Gärungs- 
theorie der Nachweis fallen, daß durch bloße Ein- 
wirkung eines Fermentes aus taciteischen und karo- 
lingischen Germanen preußische Kaufleute, Fabrik- 
arbeiter, Gelehrte und Beamte werden konnten. 
Die Gesamtheit der neuzeitlichen Umwälzung 
fordert zu ihrer Erklärung neben der Verdichtungs- 
wirkung den Rassenwechsel. 

Wäre der Wechsel jedoch unvermittelt und von 
Grund auf erfolgt, so hätte er die mechanistische 
ZiviHsation nicht gezeitigt. Das Volk bedurfte 
noch lange germanischer Geistesleitung und bedarf 
noch heute germanischen Einschlages. Dieser Be- 
schränkung verdankt das geistige Leben Westeuropas, 
insbesondere Deutschlands, die Erhaltung seines 
transzendenten Inhalts, verdankt Kunst und Geistes- 
wissenschaft ihre Freiheit und ihre Innerlichkeit, 
verdankt die Forschung ihre Aufopferung und Wahr- 
heitsliebe, verdankt das Erwerbsleben seine Weit- 
herzigkeit, das öffentliche Leben Unbescholtenheit, 
Hingebung, Mut und Treue. Genau in der Abstu- 
fung, in der vom Norden nach dem Süden, Süd- 
westen und Südosten hin der germanische Einschlag 
sich abschwächt, verdunkeln sich die Eigenschaften, 
die er den Völkern einprägte. Skandinavien, Eng- 
land, Deutschland, Holland, das zisleithanische 
Österreich und die Schweiz bilden noch heute das 
Weltzentrum und die Schule der Kulturqualitäten, 
welche die gräkoromanischen Länder großenteils 
verloren, die übrigen niemals besessen haben. Den 
Vereinigten Staaten, die hinsichtlich ihrer Ein- 
schlagsverhältnisse dem europäischen Durchschnitt 
entsprechen, fehlt die Vorschule germanischer Ober- 
herrschaft und Leitung, sie konnten daher zwar die 

93 



mechanistische Zivilisation auf den höchsten Gipfel 
treiben; kulturbildende Kräfte sind ihnen nicht 
entstanden, wenn man auch in einer Nation von 
achtzig Millionen eine leidliche Anzahl kultivierter 
Menschen auftreiben mag. Die übrigen europäischen 
und europäisierten Länder haben sich den Mechani- 
sierungsformen passiv, zum Teil verständnislos an- 
gepaßt, ohne Neues hinzuzufügen. Die Kultur 
Japans ist eine orientalische; v^^as an ihr europäisch 
erscheint, ihr Idealismus des Dienstes, ihre Natur- 
liebe und Muthaftigkeit, entstammt der Herrschaft 
einer kriegerischen Oberschicht unbekannter Her- 
kunft. 

Die treibenden Kräfte 

Unter dem Bilde des Interesses haben wir die 
Willensform erblickt, die den mechanisti- 
schen Menschen durch das Gewirr der Bindungen 
hindurch von Mittel zu Mittel zu den Zielen leitet, 
die zu erstreben er sich berechtigt und befähigt 
glaubt. Freilich weicht die Fata Morgana vor 
seinem Nahen unablässig zurück, denn sein inneres 
Leben ist von Strebungen so durchsetzt, daß der 
Wille unbewußt zum Selbstzweck geworden ist. 
Dies drückt sich von innen, aus der Seele des Men- 
schen betrachtet, so aus, daß das jeweils Erreichte 
nach dem Bismarckschen Worte „auch nichts ist". 
Denn in der mechanistischen Welt darf kein Ziel 
erreichbar sein; sie bedarf aller Kräfte bis zum 
letzten Atemzuge, um ihren Wirbel zu beschleu- 
nigen, und straft den entsprungenen Sklaven mit 
Not, Vergessenheit, Langeweile oder vorschnellem 
Altern. 

94 



Damit nun die Besessenheit des Strebens im Men- 
schen nicht erlahme, bedarf es unerschöpflicher Trieb- 
kräfte. Die materiellen Appetite, Hunger und Liebe, 
reichen nicht aus, denn auch die weitesten Ansprüche 
ihrer Üppigkeiten sind zu sättigen. Die ideellen 
Motoren, Pflicht, Schaffensfreude, Wissensdrang, 
Vervollkommnung, Ausflüsse der transzendenten 
Liebe, lassen sich nicht wissentlich in den Dienst 
einer materiellen Weltordnung stellen. So mußte die 
banalste und rätselhafteste aller Leidenschaften, der 
Ehrgeiz, zur Verstärkung der bewegenden Mechani- 
sierungskräfte ins Ungemessene gesteigert werden. 

Banal ist diese Leidenschaft, wenn man in ihr 
nur den Inbegriff der am Durchschnitt sich messen- 
den und darüber hinausstrebenden Appetite erblickt ; 
rätselhaft wird sie, wenn man alle materiellen Be- 
gierden abspaltet und erkennt, daß dennoch etwas 
übrigbleibt, das sie alle an Heißhunger und Nach- 
haltigkeit übertrifft. Dies Etwas ist das Strebennach 
Geltung, und zwar ohne Hinblick auf die mittel- 
baren Vorteile, die aus ihr erwachsen können, viel- 
mehr lediglich nach Geltung selbst, nach Aner- 
kennung, Bewunderung, Beneidung. Dies Streben 
darf nicht verwechselt werden mit dem wesentlich 
seltneren, dem Schaffensdrang verwandten Willen 
zur Verantwortung und somit zur Herrschaft. So 
war Napoleon in diesem eitlen Sinne nicht ehr- 
geizig, wenn auch höchst herrschsüchtig; am Urteil 
der Menschen lag ihm nur da, wo er ihrer bedurfte; 
Gesetze und Organisationen ihnen vorzuschreiben, 
war ihm wichtig. Die Krönung in Notre Dame, 
der erhabenste Traum des Histrionen, war ihm ein 
lästiges Theaterspiel, die Ausarbeitung des Code 
civil ein hohes Glück. 

95 



,Rätselhaft ist der abstrakte Ehrgeiz deshalb, weil 
alle Bewunderung der Maske gilt und von der Maske 
zum Träger kein inneres Band der Identität führt. 
Die Huldigung bleibt die gleiche, auch wenn sie den 
Wagenlenker für den Triumphator hält, denn sie 
gilt einem beliebigen Leichnam. Rätselhaft ist 
ferner der wahnsinnige Wille zur Abhängigkeit, 
der Sturz in die Knechtschaft der fremden Meinung. 
Diese Leidenschaft läßt sich nur erklären aus atavi- 
stischen Gefühlsreihen von Zurücksetzung, die ihre 
Umkehrung auszulösen streben, und aus der ererb- 
ten Furcht vor Menschen, die sich ihres Gegen- 
standes zu entledigen, womöglich zu bemächtigen 
sucht, nun aber, da sie sich ihrer selbst nicht ent- 
ledigen kann, als Furcht vor Meinungen endet, da 
sie zuvor Furcht vor Handlungen gewesen war. 

Diese krankhafte Psychologie unterdrückter Ge- 
schlechter, die den Schwerpunkt außerhalb der 
Persönlichkeit legt und das innere Gleichgewicht 
des Menschen aufhebt, war dem germanisch freien 
Stammeswesen unbekannt. Germanisches Selbstbe- 
wußtsein, Unabhängigkeitsgefühl und Herrentum ist 
uns überliefert, germanischer Ehrgeiz und Eitelkeits- 
hang ist undenkbar ; wie denn eine Reihe von Merk- 
malen schlechthin als Indikatoreigenschaften der Ur- 
rassen angesehen werden können : vor allem Unwahr- 
haftigkeit, Eitelkeit, Neugier und Verkleinerungslust. 

Im absoluten Ehrgeiz hat die auftauchende Unter- 
schicht sich ihre leitende Begierde geschaffen. Da- 
neben aber hat sie einem der ursprünglichen Appe- 
tite eine veränderte, die mechanistische Bewegung 
gewaltsam fördernde Form gegeben. 

Die Freude am überflüssigen Besitz ist alt und 
allgemein menschlich, wenn sie gleich bei edleren 

96 



Rassen gemindert, bei edleren Individuen fast ver- 
flüchtigt erscheint. In ihrer primitiven Form 
verlangt sie nach Handgreiflichem, Glänzendem; 
Dingen, die zieren, schmücken, die anziehen oder 
Neid erregen. In entwickelter Form nähert sie 
sich der fanatischen Freude am Ordnen, Verwalten 
und Schaffen. 

Die Mechanisierung mußte von der niederen 
Form der Besitzesfreude ausgehen, die zum gei- 
stigen Inventar der Unterschicht gehörte; sie trieb 
diese Leidenschaft empor, indem sie eine nie ge- 
ahnte Fülle von Produkten ihrer Begierde entgegen- 
hielt, und erzeugte so den beispiellosen Warenhunger, 
der mittelbar und unmittelbar mehr als die Hälfte 
der Weltarbeit verbraucht. Das Kaufen und Kaufen- 
können ist zumal das Glück der Frauen. Und da 
Maschine und Manufaktur unabsehbare Mengen 
von Surrogaten des Naturgenusses und von Sur- 
rogaten dieser Surrogate liefern, nach Herzens- 
lust geschmückt und staffiert — denn den Me- 
chanismus kostet es nichts, mit einem Handgriff 
alle Formen der belebten Welt auf das nüchterne 
Material zu prägen — , so ergänzt und erneuert sich 
alljährlich das ungeheure Warenlager des mensch- 
lichen Besitzes. Wie die Eroberer des Pekinger 
Kaiserpalastes bis an die Knie in seidenen Stoffen 
wateten, so stampft der erwerbende Mensch durch 
Ströme von Waren, mit denen ihn keine eingewohnte 
Liebe zum Gerät verbindet, und er läßt Ströme 
von Abfällen hinter sich zurück. Wir lesen vom 
Reichtum einer griechischen Stadt und bedenken 
nicht, daß im Hause des Bürgers nichts anderes zu 
finden war als ein paar Tische und Betten, ein 
Dutzend Tongefäße, Decken und vielleicht ein 

''' « 97 



kupferner Kessel. Die jährliclien Abgänge einer 
unsrer bürgerlichen Wohnungen sind umfangreicher 
als dieser ganze klassische Besitz. 

Ehrgeiz und Warenhunger arbeiten sich in die 
Hände. Der eine zwingt den Menschen, sich immer 
fester in das Joch der Mechanisierung einzupressen; 
er steigert seine Erfindungskraft, seinen produk- 
tiven Willen. Der andre erhöht sein Verbrauchs- 
bedürfnis und läßt ihn doch gleichzeitig empfinden, 
daß nur ein emsig schaffendes Organ die Lust des 
Kaufens dauernd genießen darf. 

Die Summe der beiden Haupttriebkräfte aber 
steigert sich zu einem Gesamtwillen, der ent- 
schiedener als irgendeine andre Erscheinung die 
Seele unsrer Epoche kennzeichnet, indem er ihr 
den Stempel des nach außen gerichteten Strebens 
aufprägt. Diese Übermacht des substantiellen 
Willens über die Seelenkräfte, dieses Zweckmen- 
schentum, das dem Wesen furchthafter Stämme 
entspringt, setzt die okzidentale Rassenverschiebung 
in das hellste Licht psychologischer Betrachtung. 

Die Ideale 

Einem Menschen kann man nicht tiefer ins 
Herz blicken, als wenn man seine Träume 
und Wünsche erforscht und deutet. Wollen wir 
unser Bild vom Wesen dieser Epoche vertiefen, 
so können wir nichts Besseres tun, als den Spuren 
ihrer Ideale nachzugehen; denn sie sind nicht nur 
die bewußten und unbewußten Träume, Ahnungen 
und Sehnsuchten einer Gemeinschaft, sondern zu- 
gleich verklärte Spiegelungen ihres eigenen Wesens. 
Ein Mensch kann vom andern träumen, sich mit 

98 



ihm vergleichen, ihn bewundern, sich nach ihm 
formen: die Geineinschaft träumt nur sich selbst; 
denn fremdes Wesen ist Kenntnis des einzelnen, 
der Gesamtheit ist es unwichtig und unbekannt 

Nun folgt sofort ein Widerspruch: Damit das 
Spiegelbild klar und rein erscheine, muß die pro- 
jizierende Flamme gleichmäßig leuchten: nur ho- 
mogene Gemeinschaften haben Ideale. Ein Eng- 
länder, ein Franzose, ein Neger und ein Mongole, 
die sich im Eisenbahnwagen unterhalten, können 
sich vielleicht über letzte nebelhafte Ziele der 
Menschlichkeit verständigen; ihre Begriffe von 
dem, was schön, gut und wahr ist, werden weit aus- 
einandergehen. Nun ist aber die europäische Ge- 
meinschaft ein Verschmelzungsprodukt zweier 
Schichten, die nicht durchweg und gleichmäßig 
sich durchdrungen haben: von der Legierung bis 
zur Mengung findet von Süd nach Nord ein mäh- 
licher Übergang statt, überdies mit wechselnden 
Massenverhältnissen der Komponenten. Ist dieses 
Gemenge genügend gleichförmig, um Ideale zu 
erzeugen ? 

Sodann: die mechanistische Lebensform ist ein 
Kreislauf ohne Ziel, eine sich selbst verstärkende 
Maschinerie ohne Tendenz nach außen, in sich 
geschlossen und ausschließlich: kann sie absolute 
Ziele und Werte schaffen oder auch nur aner- 
kennen oder selbst erhalten? Wird sie nicht am 
Ende dahin neigen müssen, alles im Menschen zu 
beschwichtigen, was an Fragen, Hoffnungen und 
Träumen in ihm auftaucht, weil diese immateriellen 
Regungen ihn dem Arbeitsprozeß entziehen ? Wird 
sie nicht immer wieder ihre handgreiflichen Werte, 
ihre rechnerischen Denkformen, ihre tatsächlichen 

'* m . 99 



Forschungen emporheben, um ihre Gefolgschaft 
zu blenden oder zum mindesten durch Zwiespalt 
zu beherrschen ? 

Ein annähernd lückenloses Bild der zeitgenössi- 
schen Ideale wird sich uns nicht entrollen. Wir 
werden uns begnügen müssen, aus Bruchstücken 
halbzerstörter Untermalung und aus neu hervor- 
tretenden Umrißlinien den Sinn der Zeichnung 
zu erraten: Hier und da werden alte und neue 
Formen sich durchkreuzen, hier und da werden wir 
Gebilde unter dem Hauch der Mechanisierung 
erloschen finden; doch wird der Eindruck des Er- 
kennbaren die Vermutung rechtfertigen, daß über- 
all da, wo die fortschreitende Homogenisierung 
bereits Grundzüge neuer Ideale festgelegt hat, die 
alten merklich dem Verlöschen sich nähern. Wie 
bisher wird die Darstellung die den westeuropäischen 
Ländern gemeinsamen Züge hervorzuheben suchen, 
und dort, wo Sonderung erforderlich scheint, den 
deutschen Verhältnissen sich zuwenden. 

Das leibliche Ideal. Trotz der unendlichen 
Mannigfaltigkeit des Gegenstandes können ihm 
einige kennzeichnende Züge abgewonnen werden. 
Es ist dem griechischen ähnlich, aber schlanker, 
weniger gerundet, straffer gemuskelt. Der Kopf 
größer, aber immer noch klein im Verhältnis zum 
Körper, der Hals dünner und länger. Die Nase 
stärker gebogen als die griechische und bedeutend 
schmaler, aber gleichfalls lang. Die Lippen weniger 
voll, die Wangen weniger tief, die Stirn flacher. 
Vor allem das Weib weniger breitbrüstig und 
heroinenhaft, zarter und jungfräulicher. Alles in 
allem der Leib feiner und rassiger, mehr den eque- 
strischen als den gymnastischen Übungen angepaßt. 

ICO 



Zweifellos ist dieser blonde und blauäugige Ideal- 
typus den überlebenden germanischen Naturen ent- 
lehnt : er tritt überall da hervor, wo die Aufzehrung 
noch nicht vollendet ist, selbst in Frankreich. 
Spanien, das Land der frühesten Vermischung, kennt 
ihn in seiner neuzeitlichen Kunst nicht mehr; in 
Italien herrschte er bis zum Ende der Frührenais- 
sance; mit dem beginnenden Barock war er, wie zu 
erwarten, verschwunden. Heute steht der spanische 
Idealtypus dem arabischen, der italienische dem 
gräkoromanischen näher, und südfranzösische Künst- 
ler beginnen, die volleren Formen der Frauen ihres 
Landesstriches zur Norm zu erheben. 

Die Beibehaltung des germanischen Körperideals 
zeigt, was auch ein Blick in neupreußische Verwal- 
tungs- und Militärverhältnisse bestätigt, daß das 
Volk unbewußt das reinere Germanentum, soweit 
es ihm noch sichtbar vor Augen steht, als das edlere 
Blut, sich selbst als Abkömmling unterdrückter und 
unedler Geschlechter betrachtet. Zu dieser Selbst- 
losigkeit stimmt die humorvolle Bescheidenheit, in 
der ein Teil des deutschen Bürgertums sich mit 
Familiennamen abfindet, die bloße Gattungs- und 
Berufsbezeichnungen bedeuten, und die zuweilen 
verderbt slawisch, unverständlich, absurd oder vul- 
gär klingen, während der weniger entgermanisierte 
Nordseestrich, vor allem aber Skandinavien, die Be- 
nennung nach dem Vorfahren sich erhalten hat. 

Das menschliche und das ethische Ideal 
sind vereint zu betrachten, denn sie hängten durch 
die Grundanschauungen des Zielbewußtseins zu- 
sammen. 

Im Menschlichen herrschen die alten germani- 
schen Idealbegriffe des Mutes und der Großmut. 

lOI 



Der mutig Kraftvolle wird bewundert und geliebt; 
ihm ist alles erlaubt, was er durch souveräne Ge- 
walt durchsetzt, sofern er sich als ein großmütiger, 
gerechter und milder Herr erweist, jedoch mit der 
neuzeitlichen Einschränkung, daß nicht etwa ge- 
schädigte oder erschreckte Individuen und Gesell- 
schaften sich entrüsten dürfen. Der Aufrührer, der 
Revolutionär, der kirchliche Empörer, der Konqui- 
stador werden gepriesen, verehrt und, wenn sie Er- 
folg haben, staatlich anerkannt. Verachtung trifft, 
abgesehen vom vertierten Menschen, eigentlich nur 
den Feigling und seine heimlichen Taten. Hinter- 
list, Betrug, Diebstahl, ja selbst Lüge, die im außer- 
germanischen Kreise als zulässige Diplomatie gilt, 
werden verabscheut und in neuzeitlicher Abstufung 
nach Maßgabe der Vermögensgefährlichkeit be- 
straft. Den Taten der Leidenschaft und des Über- 
muts steht das Volksbewußtsein indifferent, ja mit 
einer Art von Wohlwollen gegenüber, sie sind Ge- 
genstand der Dichtung, und der Kontrast zwischen 
menschlichem Verstehen und sozialer Sühneforde- 
rung bildet tragische Konflikte. Handlungen der 
Großmut und mutiger Aufopferung begeistern, 
Ausflüsse der Güte, der Friedfertigkeit, des Er- 
barmens lassen kalt. Ein feiger Mensch könnte, ab- 
gesehen von slawischer Literatur, heute noch nicht 
Held europäischer Gedichte sein, auch wenn er mit 
allen Tugenden der Evangelien ausgestattet wäre. 
Dagegen läßt sich eine gewisse Verschiebung des 
Idealtypus in der Richtung der Energie und des 
Intellekts feststellen. Amerikanische Menschen des 
Erfolges beginnen den Massen zu imponieren; mu- 
tige Erfinder und Entdecker werden höher gefeiert 
als vordem Kriegshelden; zum Lesebuch des Volkes 

102 



ist nach Ritter- und Indianergescliicliten der De- 
tektivroman geworden. Ja es beginnt hier bereits 
eine große Verwirrung des bürgerlichen Empfin- 
dens : in einer Zeit, die den Erfolg an die Stelle des 
Sieges gesetzt hat, kann man nicht umhin, sich ein- 
zugestehen, daß den Helden von ehedem die Eigen- 
schaften fehlen, welche die Mechanisierung ver- 
langt. Man strebt, den Erfolgreichen nachzuahmen, 
und kann somit nicht unterlassen, sie zu bewundern, 
wo nicht gar zu lieben. Das germanische Ideal, das 
dem Ansturm des Christentums durch ein Jahr- 
tausend standhielt, ist durch die Mechanisierung 
erschüttert. 

Sichtbarer noch sind die Einwirkungen der neu- 
gestalteten Zivilisation auf die Ethik der Gemein- 
schaft, zumal auf die Schärfung des öffentlichen 
Gewissens. Die christliche Kirche durfte alles 
menschliche Elend als Prüfung bezeichnen und auf 
das Jenseits verweisen; die Reformation konnte in 
großartiger Verneinung auf jegliches fromme Ver- 
dienst verzichten. So begnügte sich die älteste Zeit 
hinsichtlich aller Wohlfahrtsbestrebungen damit, 
Siechenhäuser, Irrenkerker und Klostersuppen zu 
stiften, und alles übrige der bürgerlichen Barm- 
herzigkeit anheimzustellen. Die mechanistische 
Epoche dagegen übernahm von ihren Schöpfern, 
unterdrückten und furchthaften Stämmen das Mit- 
leid, das nichts anderes als eine altruistische Furcht- 
empfindung ist. In der Verherrlichung dieses Lei- 
dens zum ethischen Ideal lag zweifellos eine gewisse 
Diesseitigkeit der Anschauung, ja ein ethischer Ma- 
terialismus; doch ist durch die gesetzgeberische 
und organisatorische Ausgestaltung des Wohlfahrts- 
wesens, vor allem aber durch die Überzeugung des 

103 



öffentlichen Gewissens, daß alles menschliche Elend 
als Blutschuld der Gesellschaft zu erachten sei, ein 
Wert von so gewaltiger Wirklichkeit entstanden, 
daß jede künftige Einschätzung der Mechanisierung 
ihn in Rechnung zu stellen haben wird. 

Das religiöse Ideal. So mächtig die Kirche 
das Leben der früheren Jahrhunderte durchdrang, 
so gering war die Wirkung der in ihr verkörperten 
reinen christlichen Ideen auf das Germanentum. 
Widerwillig aufgenommen, durch Höllenzwang ge- 
festigt, konnte die Kirche den Abgrund, der zwi- 
schen dem Worte Christi und ihren hierarchisch- 
politischen Aufgaben lag, nicht überbrücken. Mit 
dem Mutideal des Germanen, das ihren Lehren der 
Demut widersprach, mußte sie sich abfinden; die 
wenig evangelischen Sitten abendländischer Lebens- 
weise, Politik, Kriegführung mußte sie dulden, ja 
ihren irdischen Zielen dienstbar machen. Den letz- 
ten transzendenten Inhalt ihrer Verkündigung 
durfte sie den Massen nicht übermitteln, um nicht 
die weltliche Ordnung zu stören oder aufzuheben. 
Die Lehre von der Liebe, der Weltflucht, der De- 
mut, der Kindlichkeit, der Zweckfreiheit, dem 
Gottesreich blieb esoterisch, ein Besitz der Heiligen. 
Ins Volk drang der Mariendienst, die Geschichte 
der Geburt und der Leiden Jesu, der Olymp der 
Heiligen, der Begriff der Sünde und der Gnade, 
Himmel und Hölle. Diese Inhalte haben die Kunst 
aufs glücklichste befruchtet, sie haben manches 
fromme Gemüt mit göttlicher Ahnung erfüllt und 
starke Gewissenszwänge auf die jungen Völker aus- 
geübt; die Ideen Christi haben sie dem Abend- 
lande nicht mitgeteilt. Man kann deshalb fast 
durchweg in der vorreformatorischen Geschieht- 

104 



Schreibung Europas den Begriff des Christentums 
durch den der Kirche ersetzen. Die Reformation 
hat neben ihren großen dogmatischen und rituellen 
Umgestaltungen die Evangelien literarisch erweckt 
und aus ihrem Inhalt so viel überströmen lassen, 
daß den Schwachen Tröstung, den Mächtigen Er- 
bauung gespendet wurde. Ein evangelisches Leben 
in Wahrheit zu verwirklichen, hat auch sie nicht 
versucht und ist somit Kirche geblieben. Ja mehr 
noch : sie war Macht und diente der Macht, so daß 
gelegentlich der naiv-verruchte Gedanke aufkom- 
men konnte: da nun einmal Christus die Not- 
leidenden tröstet, so möge ihnen damit genug sein; 
man gebe ihnen statt Brot steinerne Kirchen, um 
sie desto besser in göttlicher Furcht und mensch- 
licher Abhängigkeit zu erhalten. 

Die beginnende Mechanisierung fand sich somit 
der Macht zweier Kirchen gegenüber und wandte 
gegen sie das ganze Arsenal ihrer Forschungsergeb- 
nisse und Verstandesmethoden; zum Christentum 
selbst drang sie nicht vor. Selbst der späte und 
reiche Geist Nietzsches wütete gegen die Kirche, 
indem er glaubte, mit Christus zu kämpfen. 

Noch heute ist die mechanistische Epoche in 
christlichem Sinne nicht weitergekommen. Sie hat 
den kirchlichen Liberalismus emporgebracht und 
ringt in materieller Auffassung um dogmatische 
Zugeständnisse. Populär-historische Fragen werden 
mit Leidenschaft erörtert, und das Ziel erscheint 
eine dritte Kirche mit unpersönlichem Dogma. 

Auch da, wo die Zeitanschauung sich vom Chri- 
stentum löste, konnte sie ihr religiöses Empfinden 
vom terrestrischen Bande der Vernunft nicht be- 
freien, gleich als ob eine vielbeschäftigte Zeit es für 

JOS 



angemessen hielt, die göttlichen Dinge mit der 
Geistesmechanik des Alltages zu erledigen, um nicht 
allzuweit von ihren vermeintlich produktiveren Auf- 
gaben hinweggerissen zu werden. So griff sie denn 
immer wieder zu den plumpen Hebeln des Ma- 
terialismus, ließ sie unüberzeugt fahren, wenn an- 
gesehene Leute ihr ins Gesicht lachten, und spähte 
beständig nach heimlicher Gelegenheit, um zu 
ihrem Lieblingsspielzeug zurückzukehren. 

Denn bei den edleren ungermanischen Rassen 
mischt sich — wie bei den Juden ersichtlich — in 
seltsamer Weise Aberglauben mit hoher Trans- 
zendenz. Der abergläubische Teil sieht in der Re- 
ligion die Mirakelseite des Naturgeschehens. Glaubt 
er sich von Mirakeln und Gebetwundern unter- 
stützt, so behält er eine gewisse dumpfe Dämono- 
logie bei, nicht ohne sich seiner Unaufgeklärtheit 
ein wenig zu schämen. Hat er enttäuscht oder 
kämpfend dem Wunderwesen ein Ende gemacht, 
so läßt er sich im Gefühl erledigten Vorurteils mit 
einer entgötterten Welt oder einem deistisch- 
pantheistisch verwalteten Naturtheater genügen. 
Der Anspannung der Seelenkräfte, des religiösen 
Erlebens, der transzendenten Intuition ist ein an- 
derer Teil dieser Menschen von jeher in hohem 
Maße fähig gewesen; doch haben ihre Stimmen in 
der mechanistischen Welt bisher wenig Nachhall 
gefunden. Die Anschauung dieser Welt geht eben 
dahin, alles Geschehene sei unerstaunlich, von aus- 
schließlicher Realität, nicht ethischen, sondern 
mechanischen Gesetzen unterworfen, ohne absolute 
Werte, durch Vernunft erschöpfbar. Diese An- 
schauung ist aber nichts anderes als die Gefühls- 
lokalisierung der Tatsache, daß der noch junge 

io6 



mechanistische Prozeß die Seelenkräfte zugunsten 
der Geisteskräfte unterdrückt. Sollte dieser Zwangs- 
zustand nachlassen, so würde die entgermanisierte 
Bevölkerung an transzendenten Kräften sich reich 
genug erweisen, um ein von Erdenfesseln fieies re- 
ligiöses Ideal emporzutragen: Beweis ist die echte 
und große Sehnsucht edlerer Naturen, die mit nicht 
geringerer Inbrunst als vor zweitausend Jahren auf 
Erlösung wartet. 

Das Ideal der Kunst. Die Kunst entstand 
aus Schmuck und Spiel primitiver Völker. Die 
erste Segnung wurde ihr zuteil, als sie im Stande 
beginnender Zivilisation als Handwerk gebunden 
vnirde. Hieraus erwuchsen ihr die Vorteile der 
technischen Bindungen an Materialien und Kräfte,- 
der traditionellen Summierung der Erfahrungen 
durch Generationsreihen, der Kurzschrift und 
Symbolik des Ornaments, der Vorräte an land- 
läufigen Inhalten und Gegenständen, der Gefolg- 
schaft einer im Mitempfinden und Verstehen fort- 
schreitenden Bevölkerung. 

Eine zweite Steigerung geschah, als Könige, Prie- 
ster und Herren die Kunst ihren Hofhaltungen 
dienstbar machten, denn es wuchs die Größe der 
Aufgaben, es entstand, von reicheren Mitteln ge- 
fördert und dem Alltäglichen überhoben, ein Zu- 
sammenwirken der Kräfte zu vorbildlichem, monu- 
mentalem Schaffen. 

Die dritte und höchste Weihe wurde der Kunst 
durch Eroberung aufgezwungen. Kunstfremde, 
aber hochgeartete, dem Wesentlichen zugewandte 
Kriegsstämme unterwarfen die kunstfertige Zivili- 
sationsmasse, die an die Grenze ihrer eigenen Ent- 
wicklungsmöglichkeit gelangt war, und festigten ein 

107 



Adelsregiment, das wohlwollend und aufs Große 
gerichtet die Kunst zu sich emporzog, indem es ihr 
den Inhalt des individuellen, des seelenhaften, des 
gefühlstiefen Lebens verlieh. Bis in die historische 
Zeit hinein können wir derartige Vorgänge gewalt- 
samer Befruchtung verfolgen; Oberitalien, Nord- 
frankreich, Sizilien, Spanien bezeugen sie. Daß 
Hochkultur niemals anderen als zweischichtigen, 
von kriegerischen Aristokraten beherrschten Na- 
tionen beschieden war, haben wir uns vergegen- 
wärtigt, wie auch ferner, daß erst der Vermischungs- 
prozeß die letzten und tiefsten Kräfte entbinden 
konnte. 

War die Mischung geschehen, die Masse geflossen 
und beruhigt, so geschah in allen Jahrhunderten 
und in allen Nationen das Gleiche, in Griechenland 
wie im Italien der Renaissance, in Holland wie in 
Frankreich, in Italien wie in Deutschland : die Kunst 
hatte ihren transzendenten, ihren religiösen, ihren 
seelenhaften Inhalt verloren, sie war wiederum zur 
rein sinnlichen Kunst geworden. 

Das Wort fordert eine Erläuterung. Freilich muß 
alle Kunst vor allem anderen sinnlich sein, denn 
durch die Sinne wird sie uns zuteil und wirkt auf 
unser inneres Leben. Unter rein sinnlicher Kunst 
aber soll diejenige verstanden sein, die auf dem 
Wege der Sinne nur das sensitive, nervöse, der Erde 
zugewandte und von ihr abhängige Leben ergreift, 
während transzendente Kunst bis in das Urgebiet 
der Seele, bis in die undifferenzierten Regionen 
vorzudringen vermag, in denen jenseits aller Wün- 
sche und Begierden die ewige Einheit und Harmonie 
ahnbar wird. Den Gegensatz des Sinnlichen und 
Transzendenten kann man nicht deutlicher als in 

io8 



Beethovens Kunst erfassen, etwa im Vergleiche des 
Septetts oder der Fidelioouverture mit der Missa 
Solemnis. Im Sinne dieser Unterscheidung be- 
schränkt sich der Begriff der sinnlichen Kunst 
durchaus liicht auf das Gebiet niedriger Reizungen; 
auch Gebilde unvergänglicher Schönheit sind in 
diese Bestimmung eingeschlossen, wie die vom 
Pathos der Angst und der Beschwörung durch- 
tobten Psalmen der Hebräer. 

Dies aber kennzeichnet die Künste der Ver- 
schmelzungsepochen, daß sie immer wieder den 
Weg eingeschlagen haben vom Religiösen zum Ek- 
statischen und Deklamatorischen, vom organisch 
Struktiven zum stimmungsmäßig Koloristischen, 
vom Architektonischen zum Dekorativen, vom Ge- 
mütvollen zum Sentimentalen, vom Ergreifenden 
zum Sensationellen; symbolisch gesprochen: von 
der Linie zur Farbe und vom Organismus zum 
Eindruck. 

Während der früheren Perioden der Abstiege 
wurde die Kunst aus ihren beiden ältesten Bin- 
dungen, der handwerklichen und der höfischen, 
nicht entlassen; im Gegenteil, ihre äußeren Fesseln 
verengten sich. Der souveräne Auftraggeber war 
anspruchsvoller, verwöhnter, eigensinniger gewor- 
den und zwang das Metier zur äußersten Anspan- 
nung seiner technischen Fertigkeiten, und an die 
Stelle kontrollierenden aristokratischen Geistes trat 
die geschulte Zunft der Kenner, die nicht aus 
Reinheit des Empfindens, sondern nach bequem 
erlernbaren Regeln urteilte und Tradition in Kon- 
vention verwandelte. Unter solchem Zwang kamen 
seelenlose, aber meisterlich vollendete Werke zu- 
stande, die durch die Jahrhunderte hindurch immer 

109 



wieder das Gefallen der Mächtigen erregten, und 
die von einzelnen für unsere Zeit ersehnt werden. 
I Freilich vergebens. Denn die mechanistische 
Epoche hat längst diese beiden Bindungen derKunst 
gelöst. Die eine mußte fallen, weil bei erhöhtem 
Volkswohlstand und doppelt erhöhter Kunstpro- 
duktion nur noch die bürgerliche Gesellschaft als 
Bestellerin auftreten konnte; die andere, weil alles 
Handwerk erstarb und mit ihm der Stolz der Ge- 
schicklichkeit, der Übung und der Überlieferung. 
So war die Kunst befreit durch den Bruch der 
Kontrolle und den Bruch der Tradition; aus Hof- 
kunst wurde Bürgerkunst, aus Handwerkskunst 
Talentkunst. Gleichzeitig aber war eine dritte 
Richtung der Freiheit eröffnet; denn durch For- 
schung, Verkehr und technische Mittel erschlossen 
lag plötzlich alles vergangene, alles fremdländische 
Kunstwesen handgreiflich vor aller Augen. Man 
erkannte, daß, von wechselnden Verhältnissen be- 
dingt, jede Form, jede Richtung, jeder Inhalt mög- 
lich, keine Bedingung absolut, keine Lösung ewig 
war. Nun begann ein Wühlen und Wählen, das 
nun schon drei Menschenalter andauert, und dahin 
zu führen scheint, daß man künstliche Bedingt- 
heiten möglichst nationaler Art erfindet, um nicht aus 
Reichtum zu verarmen und den beschämenden Weg 
der karnevalistisch travestierenden Mode zu wandeln 
Maß man also von Schranken befreite Sinnes- 
kunst als das Kunstideal der Mechanisierung be- 
zeichnen, so darf daran erinnert werden, daß eine 
Länder und Generationen überblickende Betrach- 
tung ebensowenig zu Wertbemessungen wie zu aus- 
schließlichen Urteilen gelangen darf. Das vorah- 
nende Fühlen der Kunst, vielfach zusammenwirkend 

HO 



mit der Kontraimitation, die den rasch abstumpfen- 
den Geschmack dieser Zeit dem Kontrast entgegen- 
treibt, hat zeitiger als auf anderen Lebensgebieten 
Gegenströmungen in der Kunst erweckt, die auf 
Beschränkung und Verinnerlichung hinstreben. 
Freilich haben solche Regungen, die uns vornehm- 
lich in der deutschen Dichtung entgegentreten, 
einen doppelten Kampf zu bestehen: mit den 
Schreibern, die Rückfälligkeiten ahnden — denn 
im Kunstbetriebe verlangt man nach mechanisti- 
schem Gesetz stets das äußerlich Neue — und mit 
dem Publikum, das seine sauer erworbene Revo- 
lutionsgesinnung noch lange nach Friedensschluß 
zäh verteidigt. 

Inzwischen spielen die Wirkungen der mechani- 
sierten Produktionsform unmittelbar in die Werk- 
stätten der Künste hinein. Die Erschwerung des 
Existenzkampfs, die Konkurrenz, der massenhafte 
Bedarf und seine massenhafte Deckung, die Publi- 
zistik, das Ausstellungswesen, die Aushilfsbeschäf- 
tigungen treiben zu hastiger, skizzenhafter, äußer- 
lich aufgereihter Produktion; die Grenzgebiete 
zwischen Kunst und Geschäft verzehren einen star- 
ken Teil der Arbeitskraft. Das Spiel der Mode tritt 
hinzu, der Drang zum Neuen, die Vormacht des 
weiblichen und des gewerbsästhetischen Urteils, zu- 
letzt die geschäftliche oder tendenziöse Begründung 
der Aufträge; so darf es nicht wundernehmen, daß 
die bedächtigste der Künste, die Architektur, unter 
der Mechanisierung ihrer vielgeschäftigen. Betriebe 
zum kunsthistorischen Dekorationsgeschäft herab- 
sank, und daß die jüngste französische Malerei in 
Technik und Inhalt ihrer Werke sich indianischen 
Darbietungen nähert. 

III 



Das Ideal der Wissenschaft. Welch wunder- 
bare Vorbestimmung für Wissenschaftsbetrieb den 
germanisch durchsetzten Völkermischungen inne- 
wohnt, haben wir gesehen. Die Liebe der Urvölker 
zum Tatsächlichen als Grundlage der Forschung, 
die Idealität der Germanen als unbeirrbare Instanz 
der Betrachtung mußten sich verbinden, um das 
mechanistische Wunder der Zeiten, die moderne 
Gesamtwissenschaft, möglich zu machen. Die eigen- 
tümliche Richtung jedoch, die den Wissenschafts- 
geist zum mächtigsten Faktor der Mechanisierung 
erhob, verdankt sie der Zweckhaftigkeit der einstig 
Unterdrückten. Wenn der phantastische Mensch 
sich mit der vereinfachenden Erklärung begnügt 
und den Donner als Gottesstimme, den Himmel als 
eherne Sphäre hinnimmt, so verlangt der Zweck- 
hafte, die Erscheinung sich dienstbar zu machen, 
sie ganz zu besitzen, wie er sagt: dahinterzukom- 
men. Er stellt die sieben Fragen, wittert Wider- 
sprüche, verlangt Beweise. Diese Beweise aber kann 
nur die Rechnung liefern, weil sie als unumstößlich 
gilt, und so beginnt er zu zählen, zu messen, zu 
wägen, zu rechnen. Es hat etwas Einleuchtendes, 
daß Nomaden, die ersten Besitzer zahlenmäßiger 
Güter, Erfinder des rechnerischen Denkens auf Er- 
den gewesen sind; und somit wären die Patriarchen 
der Hirtenvölker nicht nur die Väter des Kapitals, 
sondern auch der exakten Wissenschaft. Indem nun 
die Wissenschaft die rechnerische und experimen- 
telle Ermittlung des Gesetzmäßigen zum höchsten 
Prinzip erhob, entäußerte sie sich in einem Akt 
großartiger Selbstverleugnung für immer der Spe- 
kulation und der Hoffnung auf absolute Erkenntnis. 
Sie widmete ungezählte Geschlechter der Lösung 

112 



umschränktester Aufgaben, indem sie es sich ge- 
nügen ließ, das ungemessen zuströmende Material 
des Tatsächlichen in das Netzwerk der Gesetz- 
mäßigkeiten zu verflechten und hierdurch für die 
Menschheit erträglich zu machen. Der Mechani- 
sierung zugeführt, hat die Summe der entdeckten 
und errechneten Tatsachen und Zusammenhänge 
erstaunliche technische Ergebnisse gezeitigt; im 
Sinne der Erkenntnis gemessen, hat sie das Gebiet 
des Unbegreiflichen zwar mit neuen Fragestellungen 
bestürmt, jedoch nicht verkleinert, sondern ver- 
größert. Das Prinzip der mechanischen Gesetz- 
mäßigkeit aber hat sich derart als wissenschaftliche 
Denkform unserer Zeit festgesetzt, daß die er- 
zählenden, schildernden und urteilenden Wissen- 
schaften nur so weit als reine Wissenschaften er- 
scheinen, als sie sich dieser Form bedienen können, 
im übrigen als Verwandte der Technik und der 
kritischen Kunst sich anlassen. 

Der zweckhafte Einschlag, der die Wissenschaft 
zur Exaktheit zwang und ihr Ideal zu einem im 
höchsten Sinne geometrischen machte, durchdringt, 
wie den Betrieb, so die Menschen, die ihm ange- 
hören, und unterscheidet sie auf das entschiedenste 
von künstlerisch schaffenden. 

In einer Zeit, die den gewaltigsten Besitz der 
Urvölker, die ethische Produktivität, noch nicht zu- 
tage gefördert hat, sind sie die höchsten Vertreter 
des Zweckmenschentums, und ihr geistiger Schatz 
kann als der Idealismus der Materiellen gelten. 

Daß das politische Ideal unserer Zeit, soweit 

^ es auf die Verhältnisse der Völker zueinander sich 

bezieht, im Nationalismus zu suchen ist, mag auf 

den ersten Blick befremden. Denn das Netz der 



I 



t.8 . 113 



Mechanisierung ist international : niemals waren die 
Völker einander so nahe, niemals haben sie der 
Wechselwirkung so sehr bedurft, einander so viel 
besucht und so gut gekannt. Da aber der Na- 
tionalismus als Zentralgedanke sehr jung, kaum 
mehr als hundertjährig die Politik beherrscht, da er, 
aus bewußtem Gegensatz zum Kosmopolitismus des 
Aufklärungsalters entstanden, gemeinschaftlich mit 
der Mechanisierung aufgewachsen ist, so muß sein 
Ursprung wo nicht im Wesen, so doch in den Mo- 
dalitäten der Mechanisierung begriffen werden. 

Indem wir nun das Paradox zu erklären suchen, 
wie die fortschreitende Homogenisierung und An- 
gleichung der Völker ihren Willensausdruck in die 
Betonung der relativen Gegensätzlichkeiten stellen 
konnte, müssen wir uns erinnern, daß die Hochperiode 
der Mechanisierung die europäische Welt in einem 
Augenblick tiefster politischer Zerklüftung über- 
rascht hat. Vereinigt standen zu Anfang des letzten 
Jahrhunderts die leitenden Mächte Frankreich 
gegenüber, so wie sie in etwas veränderter Konstel- 
lation seit Ende des Jahrhunderts Deutschland 
gegenüberstehen. Das, was sich in der Zwischen- 
zeit ereignet hat, ist seit Philipps und Alexanders 
Tagen in der Weltgeschichte nicht erhört worden: 
ein armes, mäßig bevölkertes, politisch verwahr- 
lostes Land erhebt sich innerhalb dreier Menschen- 
alter zum begütertsten, volkreichsten, kriegerisch 
gefürchtetsten im Kreise der europäischen Völker. 
Die Geschichte betrachtet noch immer, obwohl sie 
es leugnet, die politischen Ereignisse als die pri- 
mären und erblickt in den drei preußischen Kriegen 
das Moment der Erhebung. Es tut der Größe der 
Menschen und ihrer Taten keinen Abbruch, wenn 

114 



erklärt wird, daß ohne die Mechanisierung Deutsch- 
lands der Zuwachs an Volk und Reichtum, ohne ihn 
die Erhebung nicht mögHch war, die ihrerseits dann 
abermals auf die Mechanisierung mächtig rückge- 
wirkt hat. Das XIX. Jahrhundert gehört, trotz des 
Ausbaus der englischen Kolonialmacht, den Deut- 
schen und Amerikanern, und beiden aus wirtschaft- 
lichen Ursachen: den Amerikanern, weil sie das 
reichste Land der Erde erschlossen, den Deutschen, 
weil sie der bürgerlichen Intelligenz ein angepaßtes 
Arbeitsfeld gewannen. 

Moderne Kriege sind im Völkerleben das gleiche, 
was Examina im bürgerlichen Leben sind, Befähi- 
gungsnachweise. Den Befähigungsnachweis als 
Großmacht hat Preußen mit deutscher Hilfe er- 
bracht; der Befähigungsnachweis als führende Wirt- 
schaftsmacht Europas wird Deutschland über lang 
oder kurz von den wetteifernden Nationen auf- 
gezwungen werden. Im Vorgefühl dieser Abrech- 
nung ist nicht nur alles Kriegsspiel unserer Zeit, 
sondern auch alles Wirtschaftsspiel Rüstung. Jede 
neue Industrie und jede neue Handelsverbindung 
ist ein Gegenwert von Bataillonen. Alle Politik ist 
Wirtschaftspolitik, Kriegsbereitschaft. 

Dies bedeutet der Nationalismus unserer Zeit, 
der somit eine Reaktion auf die ungleichmäßige 
Verteilung der mechanistischen Vorteile darstellt. 

Wiederholen wir kurz den Kreisprozeß: Im 
Augenblick heftigen Zwiespalts wird den Völkern 
eine Wirtschaftsform aufgezwungen, die eigentlich 
für geeinigte Völker bestimmt ist. Getrennt bildet 
man sie aus; es zeigt sich, daß eine bevorzugte Na- 
tion die unvergleichlich größten Vorteile zieht, weil 
sie die besten Voraussetzungen besitzt. Diese Na- 

8* IIS 



tion erhebt sich aus politischer und wirtschaft- 
licher Nichtigkeit zum bestimmenden Faktor und 
besiegelt diese Stellung mit dem Schwertknauf. 
Der Moment zur wirtschaftlichen Einigung ist ver- 
paßt ; die friedliche Konkurrenz wird zur wirtschaft- 
lichen Rüstung, und die Nationen stehen feindlicher 
als zu Beginn der Epoche einander gegenüber. 

Der letzte Schritt, die Überleitung des natio- 
nalistischen Empfindens aus dem politischen Be- 
wußtsein in das bürgerliche, ging bewußt von 
Deutschland aus, und zwar von der politisch herr- 
schenden Klasse, die ihre Interessen von der Me- 
chanisierung nicht genügend gefördert sah und da- 
her kein Bedenken trug, ihr den internationalen 
Boden zu entziehen. Durch den deutschen Schutz- 
zoll wurde der private ausländische Konkurrent ge- 
troffen, und indem er sein eigenes Land zu Ver- 
geltungen drängte, nährte er bei sich selbst und 
seinen Landsleuten gleichzeitig das nationale Be- 
wußtsein und die Abneigung gegen den Rivalen; 
beides zuerst im wirtschaftlichen, dann überwiegend 
im politischen Sinne. 

So will es scheinen, als sei der Nationalismus, in 
seiner Eigenschaft als Brotfrage, für alle Zeiten ver- 
ankert. Er ist es nicht, denn das Widersinnige ist 
nicht von Dauer. 

Es braucht wohl nicht ausgesprochen zu werden, 
daß der Name des Nationalismus hier nicht als 
Gleichsinn des Wortes Patriotismus genannt wird, 
daß vielmehr unter jenem Begriff die Tendenz 
verstanden ist, die Nationen in ihren Lebens- 
funktionen abzusondern, ihre Vergesellschaftung zu 
hindern. Auch in dieser Bedeutung bleibt der Na- 
tionalismus in seiner Urform berechtigt: es darf 

ii6 



einer Nation nicht zugemutet werden, fremder 
Sprache, fremdem Glauben, fremder Kultur und 
fremder Obrigkeit sich zu fügen; das Weltcäsaren- 
tum hat seine Berechtigung verloren, und ein ab- 
soluter Kosmopolitismus wird als politisches Ideal 
schwerlich wiederkehren. Indessen ist es durchaus 
denkbar, daß die staatlichen Organisationen über 
den Rahmen des Staates hinaus einen unvergleich- 
lich weiteren Ausbau erfahren, als bisher durch 
völkerrechtliche, schiedsrichterliche und postalische 
Vereinbarungen geschehen. Denn dies ist der Me- 
chanisierung und der Natur gemeinsam, daß ihre 
Organisationen nach dem Großen wie nach dem 
Kleinen hin, nach innen wie nach außen ins Unend- 
liche wachsen. So wie Zellen zum Leibe, Indi- 
viduen zu Landesverbänden, Landesverbände zu 
Reichen sich zusammenschließen, so wird eine 
engere Vergesellschaftung der Reiche unausbleiblich 
sein; und in dem Maße, wie sie fortschreiten, wird 
es fraglich werden, was das wünschenswertere ist; 
wenige große Komplexe locker gefügt, oder viele 
kleine Komplexe fest gefügt und eng vereinigt. In 
diesem Sinne ist das Deutsche Reich ein glücklich 
gestalteter Organismus, der um so dauerhafter sein 
wird, je mehr er seinen Teilen größtmögliche Frei- 
heit individuellen Lebens erhält. 

Die Entfesselung aus den Banden des Nationalis- 
mus aber wird nicht sowohl durch Kongresse und 
Schiedsverträge geschehen, als durch wirtschaftliche 
Verständigungen. Vielleicht werden die ersten 
Schritte zu Zoll Vereinigungen führen, und es wäre 
mehr gewonnen, als durch Bündnisse sich erreichen 
läßt, wenn nach mehreren Seiten hin die deutschen 
Zollgrenzen verschwänden. 



Das Ideal des staatlichen Auf baus im Sinne 
der Mechanisierung ist der Verwaltungsstaat. So- 
sehr die Bezeichnungen des Regierens und der Re- 
gierung uns vertraut sind, so kann doch nicht ge- 
leugnet werden, daß die Zahl und Mannigfaltigkeit 
der Interessen und Bedürfnisse innerhalb einer 
mechanisierten Gemeinschaft den wahren Begriff 
des Regierens, die Leitung einer Menge durch über- 
legenen Willen und überlegene Einsicht zu vorbe- 
stimmten Zielen, nahezu aufgehoben hat. Der Be- 
griff der Verwaltung hingegen kennzeichnet sich 
als Ausgleich berechtigter Interessen durch be- 
stimmte Instanzen, wobei allerdings gewisse prak- 
tische und ideelle Endziele vorschweben können; 
jedoch dürfen diese auf die Dauer nicht außerhalb 
der Linie liegen, die der Schwerpunkt der aner- 
kannten Interessen ohnehin beschreibt. Dem Ein- 
zelnen steht die Verwaltung tatsächlich, der Ge- 
meinschaft nur scheinbar als regierende Obrigkeit 
gegenüber, und ethnologische Verschiedenheiten 
finden nur insofern statt, als die Gesamtheit in 
einem Falle vorwiegend initiativ, im anderen Falle 
vorwiegend prohibitiv ihren Willen zur Geltung 
bringt. Freilich sind die sozialen Gruppen mit ver- 
schiedener Stärke an der Instrumentation des Ge- 
samtwillens beteiligt, und man kann sagen, daß in 
fast allen älteren Kulturstaaten die früheren abso- 
luten Gewalten, Adel und Klerus, eine gewisse 
Vormacht sich erhalten haben; so ist Österreich 
ein ausgesprochen kirchlich, Preußen ein ausge- 
sprochen aristokratisch verwaltetes Land. 

Auch die monarchischen Gewalten haben im 
Verwaltungsstaat ihre Bedeutung behalten, zum 
Teil erhöht. Der größere Teil der europäischen 

Ii8 



Staaten bestellt aus Monarchien, und es darf be- 
hauptet werden, daß das republikanische Ideal des 
XVIII. Jahrhunderts dahinschwindet. Dies ist im 
Sinne der Mechanisierung durchaus folgerichtig; 
denn es besteht ein berechenbarer Vorteil darin, 
an der höchsten Spitze der Verwaltung, dort, wo 
die leiseste Willensregung im Abstieg zur Peripherie 
die heftigsten Bewegungen auslösen kann, Ange- 
hörige eines Hauses zu wissen, das, allen bürger- 
lichen Interessen seit Menschenaltern und für alle 
Zukunft enthoben, seine Existenz mit der des 
Staates gleichzusetzen gelernt hat. Aufgabe der 
Verfassung ist es dann, die noch verbleibenden 
menschlichen Schwächen — von denen eigentlich 
nur Eitelkeit za fürchten ist — so weit zu neutrali- 
sieren, daß eine Einseitigkeit der Entscheidungs- 
funktionen vermieden wird. Vorzüglich haben 
Greise und Frauen sich als verwaltungsstaatliche 
Souveräne bewährt. ' 

Falsch wäre es, zu folgern, daß im mechanisierten 
Staatswesen die persönliche Willenswirkung des 
Monarchen sich verflüchtigt. Sie wird aber um so 
machtvoller sein, je mehr er sich entschließt, allen 
äußeren Interessen und Einflüssen fernzustehen. 
Der Parteimonarch ist im modernen Staate unmög- 
lich; der Klassenmonarch setzt sich Rückschlägen 
aus und schädigt seine Autorität; der gänzlich un- 
interessierte Monarch, der seine Existenz auf die 
Gesamtheit der Nation stützt, wird dasjenige Or- 
gan des Staatsgehirns bedeuten, das in Analogie 
der transzendenten Willensfreiheit des Individuums 
den Zweifel besiegt und den Charakter bestimmt. 
Als Ausdruck dieser irdischen Uninteressiertheit ist 
denn auch die Idee einer Gottesverantwortung 

* 119 



wohl verständlich, wobei freilich leicht eine Ver- 
wechslung von persönlichen Wünschen mit gött- 
lichen Inspirationen sich ereignen kann. So wäre 
angesichts dieses mystisch klingenden Wortes die 
Erinnerung an ein friderizianisches mit einer klei- 
nen Variante statthaft: daß Gott im Kriege hinter 
den stärkeren Bataillonen und im Frieden hinter 
den wichtigeren Interessen steht. 

Im Gegensatz zur monarchischen Autorität ist 
die politische Vormacht des Adels im Absteigen, 
denn sie findet in der mechanistischen Gesellschaft 
keine reale Stütze, vielmehr wetteifernde Mächte. 
Der preußisch-deutsche Aristokratismus, der un- 
gebrocheil^te in Europa, ist aus Gründen, die wir 
gestreift haben, durch preußische Verfassung und 
Verwaltungstradition gewährleistet und somit auch 
für die nähere Zukunft ausreichend verankert. 
Preußen verdankt ihm viel, denn er hat einen Be- 
amten- und Offizierskörper herangebildet, der an 
praktischem Idealismus, Mut und Pflichttreue alle 
Hierarchien des XIX. Jahrhunderts überstrahlt 
und von dem sinnlich schwer faßbaren Vorgang, 
daß eine höher organisierte Oberschicht ein ganzes 
Volksleben zu kontrollieren vermag, uns ein voll- 
kommenes Bild gibt. 

Obwohl der preußische Adel die Kraft bewährt, 
aus kleiner Menschenzahl viele und bedeutende 
Talente zu prägen, ist seine Veranlagung nicht 
eigentlich intellektuell. Seine großen Vorzüge be- 
ruhen auf einem unbeirrbaren Sinn für das Ehren- 
hafte, einem scharfen Blick für das Praktisch-nütz- 
liche, auf Mut, Ausdauer und Genügsamkeit. Ehr- 
geiz, Streben nach Verantwortung, Freiheit des 
Gedankens, Erfindungskraft, Anpassungsfähigkeit 

I20 



sind nur seinen größten Talenten eigen, dem 
Durchschnitt fremd. 

Solange daher unter einfacheren und langsamer 
wechselnden Verhältnissen die Verwaltungstätig- 
keit etwa nach Art der Gutswirtschaft erlernt und 
auf traditioneller Grundlage patriarchalisch ausge- 
übt werden konnte, blieb der preußische Regie- 
rungsadel unübertroffen. Daß er neuen Gedanken- 
formen und Arbeitsmethoden gegenüber teilnahm- 
los auf der Überlieferung beharrte, war 1806 sein 
Schaden, 1849 sein Vorteil. In dem Maße nun, 
wie die mechanistische Weltwirtschaft ganze Ge- 
biete der Staatsverwaltung in reine Geschäfts- 
betriebe verwandelte, der Wechsel der Anschau- 
ungen und Aufgaben ein tägliches Umlernen, ein 
beständiges Erfinden forderte, zeigte es sich, daß 
zwar die alten Eigenschaften noch immer höchst 
schätzbar und unverkürzt vorhanden waren, daß 
aber der vorzüglichste Menschendurchschnitt nicht 
immer ausreichen konnte zur Lösung vorgangloser 
Aufgaben und zur Konkurrenz gegen die stärksten 
Talente des Auslandes. 

Denn inzwischen war im Auslande, insbesondere 
in England und Frankreich, einigermaßen auch in 
Österreich, Rußland und Italien, bewußt oder un- 
bewußt die Erkenntnis durchgedrungen, daß oberste 
Verantwortlichkeiten nur von entschiedenen Ta- 
lenten getragen werden dürfen, und daß es für 
Millionenstaaten keine Entschuldigung gibt, wenn 
diese Talente nicht aufgefunden werden. So haben 
sich ohne Zutun der Gesetzgebung als Folge einer 
freieren Praxis in jenen Staaten selbsttätig wirkende 
Selektionsmethoden von größter Verschiedenheit 
herausgebildet, die aber alle darin übereinstimmen, 

♦ 121 



daß sie die Talente des Landes aus den Millionen 
der Mindergeeigneten aussieben, an die Oberfläche 
tragen und den Verantwortungen zuführen, für die 
sie von Natur bestimmt sind. Solche selbsttätige 
Selektionsmethoden zu erläutern ist hier nicht der 
Platz ; es genügt zu bemerken, daß Preußen sie nicht 
kennt, und somit darauf angewiesen ist, aus hundert- 
fach kleinerem Material nach veralteter Übung die 
Rekrutierung seiner ersten Geschäftsführer vorzu- 
nehmen. So fällt denn die doppelt erschwerte Auf- 
gabe der Entdeckung höchster Begabungen drei 
Königlichen Kabinetten zu, und es kann kommen, 
daß bei gesteigerten Ansprüchen an Vermögen, 
Herkunft, Repräsentation und Glanz der Persön- 
lichkeit die schwersten Verantwortungen in Krieg 
und Frieden nicht immer auf den stärksten Schul- 
tern ruhen. Es ist ein schönes Zeichen der Festig- 
keit des preußischen Gefüges und der Brauchbarkeit 
des aristokratischen Durchschnitts, daß bisher erst 
auf zwei Gebieten vorwiegend geschäftlicher Art, 
freilich auch entscheidender Wichtigkeit, dieMängel 
des Systems offenkundig geworden sind: im Kolo- 
nialwesen und in der auswärtigen Politik. Grund- 
sätzliche Mängel eijies Aufbaues können auf die 
Dauer nicht ohne Gefahren bleiben; es ist zu 
hoffen, daß es nicht allzu schwerer Erschütterungen 
bedarf, um sie zu beseitigen, und daß nicht eine 
allzu heftige Reaktion das Gute mit dem Fehler- 
haften vernichtet und uns in die Arme des Amerika- 
nismus treibt. 

Ein weiterer Mangel in der Anpassung des preu- 
ßischen Verwaltungsstaates an die herrschende 
Mechanisierung ist zu erwähnen. Mechanistische 
Geschäfte erfordern zwar einen gewissen Oppor- 

IZZ 



tunismus im Anschluß an den Wechsel der Erforder- 
nisse und die Ansprüche des Tages, der Sieg aber 
steht dem zu, der durch die Klippen des Augen- 
blicks steuernd den Fernpunkt eines weit erspähten 
Zieles nicht aus dem Auge verliert. In parlamen- 
tarischen Staaten ist das Fernziel Erbteil einer 
führenden Partei, somit eines Volksteiles. Mini- 
sterien wechseln und sterben aus; das Parteiziel 
bleibt erhalten, und der scheidende Politiker ist 
zufrieden, wenn er auch nur einen Fußbreit sich 
ihm nähern konnte, in dem Bewußtsein, daß sein 
Genosse oder er selbst dereinst berufen sein wird, 
die Arbeit fortzusetzen. In der Ruhezeit verfolgt 
das Staatsschiff den Kurs der Gegenpartei, berührt 
andere Inseln und bleibt doch bereit, die ununter- 
brochene Fahrt von neuem aufzunehmen. So ent- 
steht eine politische Tradition, eine Politik der 
Diagonale und die Möglichkeit, Aufgaben zu stellen 
und zu lösen, die Jahrzehnte erfordern. 

In Preußen beschränkt sich die ministerielle 
Lebensdauer auf wenige Jahre. Der Minister kann 
keiner Partei angehören, denn er muß die Fiktion 
vertreten, daß die vom Parlament unabhängige 
Regierung sozusagen im Absoluten wurzelt; somit 
kann er sich auf eine Parteitradition nicht stützen. 
Hegt er dennoch weitausschauende Pläne, so wird 
er doppelt Bedenken tragen, sich und seinen Stab 
ihnen zu widmen: denn er selbst wird die Ver- 
wirklichung nicht erleben, und sein Nachfolger wird 
vielleicht damit beginnen, das mühsam gelegte 
Fundament so gründlich zu zerstören, daß kein 
Späterer Lust findet, es zu erneuern. 

Deshalb fehlt es im preußischen Deutschland 
trotz aller Tradition der Verwaltung, seit Bis- 

123 



marcks Abgang an politischer Tradition, an poli- 
tischen Ideen und an politischer Langatmigkeit. 
Da auch dieser Fehler in der Konkurrenz der 
Staaten sich geltend zu machen beginnt, zumal in 
dem Sinne, daß unsere außenpolitischen Ziele stark 
zusammengeschmolzen sind, so wird die Abhilfe 
nicht mehr lange auf sich warten lassen. 

So müssen wir am Schluß dieser Zwischenbe- 
trachtung fast mit Erstaunen die paradoxe Tatsache 
feststellen, daß Preußen-Deutschland, das führende 
Land der europäischen Mechanisierung, das viel 
gefürchtete und viel bewunderte Land der Technik, 
das stärkste Industrieland der alten Welt, das Land 
der erfolgreichsten Geschäftsleute, sich in seiner 
politischen Ordnung den einmal gegebenen Ver- 
hältnissen der Mechanisierung so wenig angepaßt 
hat — und zwar ohne Überlegenes an ihre Stelle 
zu setzen — , daß es weder seine öffentlichen Ge- 
schäfte selbst verwaltet, noch eine ausreichende 
Zahl von Talenten für entscheidende Verantwor- 
tungen aufbringt, noch klare und bedeutende poli- 
tische Ziele besitzt, noch auch — wie wir leider 
hinzusetzen müssen — dem Auslande gegenüber 
jederzeit den Einfluß ausüben kann, der einem Ver- 
teidigungsaufwand von zwei Milliarden und der 
stärksten Territorialarmee aller Länder und Zeiten 
entspricht. 

Dies Bild eines Staatswesens, das sich gegen das 
mechanisierende Ideal zu wehren sucht, ist für un- 
sere Betrachtung doppelt lehrreich. Einmal, weil 
es zeigt, welche gewaltigen Kräfte die Mechani- 
sierung aufzubringen vermag, um Widerspenstige 
zu bändigen. Schon heute befindet sich das alt- 
preußische Herrschaftswesen in einem labilen 

124 



Gleichgewichtszustand ähnlich dem zu Beginn des 
XIX. Jahrhunderts, und es ist nur eines zu hoffen : 
daß der zögernde Abbau, der sich in diesen Jahr- 
zehnten vollzieht, nicht durch Katastrophen über- 
stürzt wird. 

Sodann ist es wichtig, festzuhalten, daß der ge- 
genwärtige antimechanistische Verwaltungszustand 
Preußens in letzter Linie einem Rest von Abhängig- 
keitsbedürfnis der ehemals unterdrückten Volks- 
schicht seine Erhaltung verdankt. Dieses Ab- 
hängigkeitsbedürfnis äußert sich in absolutem Sinne 
in der Lust, durch Befehle, Verbote, Anweisungen, 
Ermahnungen, Ausschließungen, Privilegien dau- 
ernd geleitet und beschränkt zu werden; es äußert 
sich in relativem Sinne in der Verehrung und Be- 
wunderung, die ohne bewußte Kenntnis der Ur- 
sache dem anerkannt edleren Blute, dem ausge- 
sprochenen Herrentume gezollt wird. 

Das Rudiment vormechanistischer Empfindungs- 
weise, das hier zutage tritt, führt uns zurück zu der 
Übersicht der zeitgenössischen Ideale, die wir so- 
eben beendet haben. 

Die Mehrzahl dieser Bilder trägt noch die Züge, 
die der älteren Empfindungswelt angehören; um 
so ausgeprägter, je weiter wir uns aus dem Mittel- 
gebiet des Mechanisierungskampfes nach uninter- 
essierten Regionen hin entfernen. Ausgesprochen 
altertümlich erscheint das körperliche und das 
menschliche Ideal, ausgesprochen neuzeitlich das 
wissenschaftliche, politische und staatliche. Es 
gleicht auch hierin das Gesamtbewußtsein dem Be- 
wußtsein des Einzelnen, daß abseits der interes- 
sierten Geistessphären sich vorzeitliche Reste ge- 
mütlicher, harmloser, kindlicher und abergläubi- 

125 



scher Empfindungen erhalten, die aufgesogen wer- 
den in dem Maße, wie das Interessenbewußtsein 
sich verdeutlicht und ausdehnt. Denn ein der 
Menschheit nicht gerade schmeichelhaftes Gesetz 
scheint zu bestimmen, daß die uninteressierte Über- 
zeugung sich allmählich der interessierten Über- 
zeugung anpaßt; mit anderen Worten, daß die 
Überzeugung nicht dauernd den Interessen wider- 
sprechen kann. Weshalb es denn auch von jeher 
verdienstvoller und erfolgreicher war, die Menschen 
von falschen Interessen zu befreien, als von falschen 
Meinungen. 

So kann es nicht befremden, in den Träumen 
der Mechanisierung eine gemeinsame Tendenz zu 
erblicken, die der philosophische Geist überwunden 
wähnt: das Streben nach dem ausschließlich Ver- 
nünftigen. Noch immer gehört unser waches Le- 
ben der Aufklärung, dem Rationalismus : wie könnte 
es anders sein in einer Zeit, die uns beweist, daß 
Furcht stärker ist als Mut, Fleiß stärker als Kraft, 
Klugheit stärker als Träume? Einer Zeit, die 
beständig das Wort im Munde führt: daß sie 
weiß, was sie will, und den Erfolg als Gesetz be- 
trachtet ? 

Wir müssen anerkennen, daß niemals, solange die 
irdische Menschheit besteht, eine Weltstimmung so 
einheitlich einen so ungeheuren Kreis von Wesen 
beherrscht hat, wie die mechanistische. Ihre Macht 
scheint unentrinnbar, denn sie beherrscht die Pro- 
duktionsquellen, die Produktionsmethoden, die Le- 
bensmächte und die Lebensziele : und diese Macht 
beruht auf Vernunft. 



126 



Von der Sehnsucht der Zeit 

Trotzdem aber die Mechanisierung noch lange 
nicht ihren Zenit erreicht hat, trotzdem sie 
ihre Aufgabe, den Weltkreis zu europäisieren, erst 
nach Menschenaltern erfüllen und vielleicht auch 
dann noch nicht gipfeln wird, trägt sie schon heute 
den Tod im Herzen. Denn im Urgrund ihres Be- 
wußtseins graut dieser Welt vor ihr selbst; ihre 
innersten Regungen klagen sie an und ringen nach 
Befreiung aus den Ketten unablässiger Zweck- 
gedanken. 

Die Welt sagt, sie weiß, was sie will. Sie weiß es 
nicht, denn sie will Glück und sorgt um Materie. 
Sie fühlt, daß die Materie sie nicht beglückt, und 
ist verurteilt, sie immer von neuem zu begehren. 
Sie gleicht Midas, der im Goldstrom verschmachtet. 

Die Hoffnungen, die aus der Tiefe aufsteigen 
und im Geiste Einzelner Bewußtsein erlangen, sind 
widerspruchsvoll und daher dem Gemeingeist un- 
klar. Denn einem Geiste wird nur das vernehmbar, 
was von gleichklingenden Elementen harmonisch 
zum Akkorde verstärkt wird, das Widerstrebende 
bleibt dumpfes Geräusch. Aus aller Verworrenheit 
aber klingt die Stimme der Sehnsucht doppelt er- 
greifend, weil sie, das selbstsichere Wort der Be- 
wußtseinswelt verleugnend, sich anklagt, was sie 
ersehne, das wisse sie nicht. 

Wer lehrt den zweifelnden Menschen dieser Zeit, 
was er schätzen, lieben, begehren, erstreben darf? 

Er wendet sich zur Philosophie; sie antwortet 
ihm: so mußte dieser, so mußte jener denken. Um- 
stände und Anlage führen zur einen oder zur andern 
Weltanschauung. Jede ist wahr, jede ist falsch, je 

•f 127 



nach der Eröffnung steht das Spiel so oder so. Das 
Ergebnis ist Kritik. 

Er wendet sich zur Religion; sie zeigt ihm die 
Entstehung und Entwicklung des religiösen Ge- 
dankens, sie entwirft eine psychologische Analyse 
des religiösen Empfindens, projiziert das Wandel- 
bild der Glaubensformen und gibt eine Geschichte 
Gottes. Die Gottheit wird zum naturgeschicht- 
lichen Gegenstand. 

Er wendet sich zum Menschen: der eine preist 
die alten Tugenden, der andere die neuen. Sinnes- 
lust und Beschaulichkeit, Naturgenuß und Erfolg, 
Ehre und Freiheit, Pflicht und Reichtum: zuletzt 
wird alles der Individualität anheimgestellt. 

Er befragt die Wissenschaft. Sie rät ihm, sich zu 
spezialisieren. 

Die Kunst eröffnet ihm den Bildersaal, der von 
Memphis bis Paris, von Mexiko bis Peking alle 
Schönheit der Zeiten und Völker birgt. Sie ver- 
herrlicht die eine, schmäht die andere Epoche mit 
dem Hinweis, daß sie morgen umgekehrt verfahren 
wird. 

Das Erwerbsleben lehrt, wie man Bedürfnisse 
schafft und befriedigt, wie man organisiert und 
verwaltet und die käuflichen Güter der Welt ver- 
mehrt, damit neue Geschlechter Lebensunterhalt, 
Arbeit und neue Zweifel finden. 

Es ist, als sei die Welt flüssig geworden und zer- 
rinne in den Händen. Alles ist möglich, alles ist 
erlaubt, alles ist begehrenswert, alles ist gut. Zu- 
letzt tut der Abgrund der Zeiten sich auf, und es 
zeigt sich wie in Macbeths Spiegel jedes der Ge- 
sichte zu schwankenden Geschlechterreihen erwei- 
tert; jeder Mosaikstein des fHmmernden Bildes wird 

128 



zum endlosen Bande, und in jedem Querschnitt 
des Bündels erscheint ein neues Symbol unsäglicher 
Relativitäten. 

Der Mensch aber begehrt Glauben und Werte. 
Er fühlt, daß er Unersetzliches besessen hat; nun^ 
trachtet er das Verlorene mit List wiederzuge- 
winnen und pflanzt kleine Heiligtümer in seine 
mechanisierte Welt, wie man Dachgärten auf 
Fabrikgebäuden anlegt. Aus dem Inventar der 
Zeiten wird hier ein Naturkult hervorgesucht, dort 
ein Aberglauben, ein Gemeinschaftsleben, eine 
künstliche Naivität, eine falsche Heiterkeit, ein 
Kraftideal, eine Zukunftskunst, ein gereinigtes 
Christentum, eine Altertümelei, eine Stilisierung. 
Halb gläubig, halb verlogen wird eine Zeitlang die 
Andacht verrichtet, bis Mode und Langeweile den 
Götzen töten. 

Dennoch ist dieses Spiel nicht verächtlich, weil 
es aus Sehnsucht stammt. Aber es bleibt hilflos 
und kindisch, weil auf dem zitternden Boden der 
Mechanisierung arkadische Haine nicht gedeihen. 
Mancher wählt die Flucht; aber der Amerikaner, 
der zwei Jahre lang in Wäldern haust, muß beim 
Anblick des Gerätes, des Buches und Kleides, das 
er mit sich führt, sich eingestehen, daß er von der 
Mechanisierung der andern lebt, daß seine Ein- 
siedelei eine Sommerfrische auf Kosten der me~ 
chanisierten Gemeinschaft bedeutet. Mancher 
wählt die Abgeschlossenheit, aber muß empfinden, 
daß ein Glück, das sich nicht mitteilt, fehlerhaft ist. 

Die Blume vor dem Fenster eines Bauernhauses, 
das Lied auf der Landstraße, der Sonntagsasuflug 
der Stadtbewohner, das Buch in den Händen des 
Arbeiters bezeugen, daß das Volk entschlossen ist, 

5' ^ 129 



nicht in mechanistischer Zweckhaftigkeit aufzu- 
gehen; aber Lesehallen und Volkstheater, populäre 
Wissenschaft, Gartenkolonien und halb wohltätige 
Unterhaltungen sind bei aller Nützlichkeit allzu- 
, dürftige Mittel, um den Seelenfunken anzufachen. 
Nicht mehr wäre dem Seelenleben gewonnen, wenn 
nach dem Siege des sozialistischen Prinzips um den 
Preis trübseligen Ausgleichs ein Zuwachs des Mini- 
maleinkommens von 140 Talern erkauft würde. 
Mechanistische Mittel werden die mechanistischen 
Übel nicht heilen. 

Wenn es nicht vermessen erscheint, die Frage zu 
stellen: wo die Gegenkräfte der Mechanisierung zu 
finden sind, und wie sie ausgelöst werden können, 
so muß der Versuch gewagt werden, die Gesamt- 
heit dieser Weltbewegung mit einem Blick zu um- 
fassen. 

Was ist der Sinn der Mechanisierung, was ist ihr 
Wesen und Ziel ? 

Betrachten wir zuerst ihre Entstehung. Vor An- 
bruch der Geschichte waren Kraft und Mut die 
höchsten Tugenden des Menschen. Heroische Völ- 
ker, gestählt im Kampf mit den Na turmächten, 
traten aus ihren Wäldern hervor; sie unterjochten 
die schwächeren, friedfertigeren Urbewohner. Der 
Kluge war der Knecht des Starken; er diente ihm 
mit Arbeit und Künsten und wurde dafür geschützt 
und geleitet. Der Unterdrückte sammelte, der Herr 
verschwendete sein Erbteil ; Klugheit war zäher als 
Kraft; und in dem tausendjährigen Ringen um den 
Weltbesitz, das wir Geschichte nennen, siegte nach 
Wechselfällen und Rückschlägen, erst hier, dann 
dort, zuletzt überall, Intellekt und Zahl über Ge- 
sinnung und Tradition. Die Welt erhielt ihr Ge- 

130 



präge von den Rebellen; an die Stelle der Kaste 
trat die Organisation, an die Stelle des Frons die 
Maschine. Die einstigen Herren, soweit ihr Blut 
nicht in Mischung aufging, waren gezwungen, sich 
der Mechanisation anzupassen; nur da, wo glück- 
liche Umstände ihnen unveräußerlichen Landbesitz 
erhielten, blieben sie im Besitz vo» Vorrechten. 
Naturgemäß waren die mechanistischen Einrich- 
tungen auf die Eigenschaften ihrer Schöpfer zuge- 
schnitten; sie erforderten Intelligenz, Zähigkeit, 
Beweglichkeit und Erfindungsgabe. Innerhalb der 
geistigen Atmosphäre der Mechanisierung, die wir 
zu schildern unternahmen, kämpfen nun die Werte 
der alten Gesinnungswelt mit den Werten der neuen 
Intellektualwelt. Zwar leben noch die einen in ge- 
wissen Schätzungen des Volksbewußtseins fort; 
doch für die andern hat der praktische Erfolg ent- 
schieden, und in der geistigen Verwirrung, die der 
Kampf und das Einleben in veränderte Ordnungen 
geschaffen hat, scheint der Augenblick gekommen, 
wo die neuen Werte in die Feste des Unbewußten, 
des Gefühls, überzutreten beginnen, wo die ein- 
seitige, vernichtende Auslese des Intellektualismus, 
die bisher vorzugsweise als Ergebnis der Praxis ge- 
duldet wurde, jene Rudimente älterer Wertungen, 
von denen wir gesprochen haben, hinwegspült, und 
sich zum Wahrzeichen der Zeit erhebt. 

Hier ist der Punkt, wo zum ersten Male Erkennt- 
nis einzugreifen hat. Sie muß zur Schätzung dessen 
führen, was die Welt den ethischen und geistigen 
Werten der einstigen Oberschicht verdankt, und 
muß die Verantwortung erwecken für die Gefahr 
der Verarmung, die aus ihrer Vernichtung er- 
wächst. 

9* • 131 



Spätere Zeiten werden nicht begreifen, mit wel- 
chem Mangel an psychologischem Instinkt wir den 
Gegensätzen menschlicher Geistesrichtung gegen- 
überstanden, wie wir über Erscheinungen und Zu- 
sammenhänge, die mit Händen zu greifen waren, 
hinwegsahen, weil unsere Augen sich auf die merk- 
würdigsten Süge unserer Epoche nicht einstellen 
wollten. Ja, diese Metapher ist im wörtlichsten 
Sinne wahr; es erfordert kaum mehr an physiogno- 
mischer Wahrnehmung, um körperlich die Grund- 
kontraste zu empfinden, als normale Kinder Frem- 
den entgegenbringen. 

Vor Jahren habe ich entwickelt, daß Furcht und 
Zweckhaftigkeit auf der einen, Mut und Zweck- 
freiheit auf der andern Seite die Grundstimmungen 
des Menschengeistes ausdrücken. Indem der da- 
mals aufgestellte Begriff des Zweckmenschen zum 
Gemeingut wurde, hat sich ein Element der Beob- 
achtungsreihe gefestigt. Allmählich aber wird in 
das Bewußtsein der Gemeinschaft die Erkenntnis 
eindringen, daß gewisse, stets verschwisterte Eigen- 
schaften regelmäßig im Gefolge der einen, andere 
im Gefolge der andern Kategorie auftreten müssen. 
Solange Menschen, welche die Merkmale der Eitel- 
keit, der Neugier, des Betätigungsdranges, der Un- 
wahrhaftigkeit, der Kritiklust, der Unsachlichkeit, 
der Trübsal tragen, mit den gleichen Blicken an- 
geschaut werden wie diejenigen, welche selbstbe- 
wußt, abenteuerlich, wahrhaft, phantasievoll, sach- 
lich und heiter sind, so lange ist unsere Zeit gleich- 
sam phsychologisch farbenblind. Die Kenntnis der 
geistigen Eigenschaftsgruppen wird aber dereinst so 
selbstverständlich erscheinen, wie heute etwa die 
Unterscheidung der körperlichen Gruppenmerk- 

132 



male von Kaukasiern und Mongolen. Sie wird 
nicht, wie angesichts der einseitigen Färbung un- 
serer sprachlichen Charakteristik angenommen wer- 
den könnte, zur Verachtung der einen, zur Ver- 
herrlichung der andern Gruppe führen — denn die 
Beiworte verdanken ihre extremen Wertungen dem 
Anschauungskreis der doppelschichtigen Epoche — 
vielmehr werden zwei, wenn auch scharf getrennte 
Idealtypen sich abstrahieren lassen. Daß auch der 
zweckhafte Typ unserer westlichen Anschauung an- 
sprechende, ja sympathische Züge entgegenbringen 
kann, zeigt das Bild der Erzväter, Sokrates', Epiktets 
oder um von Neuzeitlichen zu reden, etwa Voltaires, 
Heines, Victor Hugos, Tolstois. 

So wird die Erkenntnis menschlicher Qualitäten 
uns die Sicherheit der Wertung wiedergeben. Vor 
allem aber wird sie verhindern, daß in einseitiger 
Auslese die Mechanisierung fortfährt, Gesinnung 
zugunsten von Intelligenz zu vernichten; sie wird 
bewirken, daß ein Menschenschlag erhalten bleibt, 
dem die Welt ihre Schönheit, ihre Phantastik und 
höhere Ordnung verdankt. 

Entspringt diese erste Forderung aus den Ent- 
stehungsbedingungen der Mechanisierung, so müs- 
sen die Wirkungsbedingungen dieser Kraft in ent- 
sprechender Weise zu umspannen und auszudeuten 
sein. 

Mechanisierung entspricht wirtschaftlicher Not- 
wendigkeit: verzehnfachte Bevölkerung auf un- 
veränderter Bodenfläche verlangt neue Wirtschafts- 
methoden. Der Kern der Mechanisierung ist der 
Produktionsprozeß. Er teilt mit andern undurch- 
geistigten oder irrationalen Prozessen ähnlicher Art 
— wie zum Beispiel dem Prozeß der persönlichen 



Bereicherung oder des Ausbaus von Unternehmun- 
gen — die Tendenz, in unablässiger Selbsterregung 
den Umtrieb zu steigern, und zwar in doppelter 
Erhöhung: einmal so, daß die Produktionssteigerung 
die Bevölkerung verdichtet, und gleichzeitig die 
Verdichtung wiederum die Produktion erhöht; so- 
dann in dem Sinne, daß die Menge der Verbrauchs- 
güter den Einzelverbrauch anregt und wiederum 
der vermehrte Einzelverbrauch neue Verbrauchs- 
güter verlangt. 

Den ersten Kreislauf gemäß der Malthusdoktrin 
zu durchschneiden, ist wider die Natur und bleibt 
außer Betracht. Der zweite Kreislauf greift in 
geheiligte Gesetze nicht ein, er ist im Sinne der 
Natur willkürlich und daher auflösbar. 

Mit dem Lächeln, das uns entlockt wird, wenn 
wir von der Freude ostafrikanischer Neger an 
preußischen Husarenjacken hören, werden unsere 
Nachkommen vernehmen, von welchem Waren- 
hunger wir besessen waren. Ein Dritteil, vielleicht 
die Hälfte der Weltarbeit geht auf, um der Mensch- 
heit Reizungs- und Betäubungsmittel, Schmuck, 
Spiel, Tand, Waffen, Vergnügungen und Zerstreu- 
ungen zu schaffen, deren sie zur Erhaltung des leib- 
lichen, zur Beglückung des seelischen Lebens nicht 
bedarf, die vielmehr dazu dienen, den Menschen 
dem Menschen und der Natur zu entfremden. 
Dies vor Augen zu stellen, genügt es, die Zahlen 
einer Produktionsstatistik oder eines mittleren Haus- 
halts darauf zu prüfen, wieviel zum Glück und 
Leben notwendige Posten es enthält (wobei natür- 
lich die Belastungen aus dem Privatmonopol städti- 
schen Boden? als Geschäftskosten, nicht als not- 
wendiger Verbrauch zu rechnen sind), oder in den 

^34 



Fensterauslagen einer Hauptstraße die millionen- 
fachen Nichtigkeiten zu betrachten, welche die Be- 
gierde der Menschen erregen und Tag für Tag mit 
saurer Arbeit erkämpft werden. 

Es wurde erwähnt, daß die Frauen, die nicht 
bloß der Natur, sondern auch den Urvölkern näher 
stehen als wir, sich bereitwilliger blenden lassen 
vom Schimmer des mechanisierten Produkts, wo- 
gegen der Mann sich maßloser dem Genuß der 
Zivilisationsgifte hingibt. 

Der primitive Irrtum, es sei zu befürchten, daß 
bei Beschränkung der Weltarbeit auf notwendige 
Produkte die Bevölkerung einen Teil ihres Lebens- 
unterhalts verliere, kann hier unberücksichtigt blei- 
ben; er bedeutet eine Abwandlung des alten Trug- 
schlusses: Luxus sei notwendig, weil er Geld unter 
die Leute bringe. 

So trägt die Welt einen großen Teil ihrer Me- 
chanisierungslast freiwillig; sie wird sich in dem 
Maße entlasten, ihre Arbeitskraft und Muße be-- 
glückenderen Zielen zuwenden und die Zwangs- 
gesetze der Mechanisierung durchbrechen, wie sie 
auf Nichtigkeiten und Schädlichkeiten verzichtet. 
Wer aber in diesen das erstrebenswerte Glück der 
Völker erblickt, dem sei es gegönnt, sofern er seine 
Torheit nicht andern zumutet. 

Seltsam ist es, daß unsere so sehr zum Werten 
und Umwerten geneigte Zeit, die heute das Tanzen 
und morgen das Beten anpreist, heute das Trinken 
und morgen den Sport verurteilt, daß diese Zeit 
noch keine Regung des Gewissens verspürt hat 
angesichts der ungeheuerlichen Verschwendung an 
Arbeit, Geist und Rohstoff, deren der einzelne und 
die Gesamtheit sich schuldig macht. Ästhetisches 

I3S 



Ärgernis an dem Produktenwust hat mancher ge- 
nommen; nun steht die Zeit vor der Tür, die in 
diesem Narrenkram das materielle Weltverbrechen 
erblicken und mit verständnislosem Grauen die 
Spielzeuge des XX. Jahrhunderts betrachten Vv^ird. 

Es bleibt der dritte Versuch und die umfassendste 
Frage: wie dürfen wir die mechanistische Epoche 
bewerten, wenn wir sie im Bilde der Menschheits- 
entwicklung betrachten. 

Niemals, seit Erschaffung des Planeten, war ein 
so großes Quantum irdischen Geistes in Bewegung 
wie heute. Die Zahl der menschlichen Gehirne 
steht im Zenit, und die Denkarbeit geht an die 
Grenzen ihrer Kräfte. Vom Denken werden alle 
Räder der Welt im Schwung erhalten, und setzte 
der sorgende Erdengeist acht Tage lang aus, so 
würde das rückwärts stürmende Getriebe alles 
Menschenwerk zerschmettern. 

Auch die Mechanik des Denkens ist höher ge- 
steigert als zu irgendeiner früheren Zeit. Denn 
das materielle Wissen ist gewaltig, die Menge der 
erkannten Zusammenhänge, der beobachteten Tat- 
sachen, der verfügbaren Analogien unermeßlich. 
Vor allem aber sind wirksame, der Mechanisierung 
angepaßte Methoden und Formen des Denkens 
verfügbar, die früheren Zeiten unbekannt, heute 
von jedermann mühelos gehandhabt werden, vom 
Politiker, Dichter, Reporter und Landwirt. Be- 
herrschend für unser Denkwesen ist die Form ge- 
worden, die man als Fluxionsmethode bezeichnen 
könnte. Sie besteht darin, daß die Erscheinung 
nicht mehr als ein fest Gegebenes angesehen wird, 
sondern als kontinuierliche Funktion veränderlicher 
Faktoren. Auf ihr beruht die mathematische Ana- 

136 



lysis, die Entwicklungslehre, die historische Be- 
trachtungsweise, das naturwissenschaftliche Messen, 
die Statistik. In Verbindung mit ihr haben mathe- 
matisch-physikalische, philosophisch-kritische, ver- 
gleichend naturwissenschaftliche, mechanisch kon- 
struktive, praktisch organisatorische Methoden sich 
der Geister bemächtigt, und neue Begriffe, Ver- 
ständigungsmittel, Lehren und Sprachformen ge- 
schaffen. Und wiederum die neuere Sprache selbst, 
mit ihren zahllosen Formeln abstrakter Zusammen- 
hänglichkeit, bildet ein kräftiges Triebwerk des 
mechanistischen Denkens. Deshalb ist es ein frucht- 
loses Beginnen, wenn Popularpropagandisten ihr 
den Rückweg zum handlichen Ausdruck des Alter- 
tums weisen wollen, indem sie nach feststehenden 
Rezepten Wort für Wort des mechanistischen Ge- 
füges in falsche Bildlichkeiten umsetzen und das 
journalistische Gerippe ihrer Darstellung mit Thea- 
terlappen behängen. Kraft der Sprache ist nichts 
anderes als Kraft der Gedanken; weggelassene Prä- 
positionen ändern daran nichts. 

Wenn so die Welt im Sinne des Denkens durch 
und durch vergeistigt erscheint, so möchte man 
glauben, daß ungeheure Erleuchtungen und Fern- 
blicke, wahrhafte Seligkeiten des Geistes unserer 
Zeit beschieden sein müßten. Nichts dergleichen 
ist der Fall; schon die grenzenlose Spezialisierung 
macht es unmöglich. Denn wie in einem Bergwerk 
die Förderung verarmt, wenn die Längen und Ver- 
zweigungen der Stollen das Maß überschreiten, so 
gehen die unermeßlichen Erlebnisse und Ent- 
deckungen jedes Tages, in Winkeln gestaut, dem 
Gesamtleben verloren. Gäbe es Geister, wie die 
Humanistenzeit zum letzten Male sie kannte, die 

137 



den Inbegriff unseres Wissens zu umspannen ver- 
möchten: sie würden die Geistesbrücken nieder- 
brechen sehen unter der Last des Wissens und zu- 
letzt sich bescheiden, alles registrierend hinzuneh- 
men, weil denn schließlich von einer jeden Wahr- 
heit auch das Gegenteil wahr und erwiesen ist. 

Aber die Natur sendet solche Geister nicht; 
schon deshalb nicht, weil in den überreichen und 
überfeinen Denkapparaten kein Organ sich findet, 
das anders wirkt als analysierend, angleichend, ver- 
wertend, kritisierend. Fast alles, was geschrieben 
wird, kennen wir, bevor wir es gelesen haben; von 
fast allem, was gedacht wird, wissen wir das Er- 
gebnis, noch bevor es zu Ende gedacht ist. Es 
geht uns wie geübten Kartenspielern, die, wenn 
die ersten Blätter ausgespielt sind, voraussehen, wie 
die Partie verläuft, welche Zwischenfälle eintreten, 
ja welche Fehler gemacht werden. Niemals hat 
man das Wort Synthese so häufig vernommen wie 
in dieser Zeit; aber was sind diese Synthesen? 
Ähnlichkeiten, Analogien, Bilder, Symbole, Zu- 
sammenhänge; je fremdartiger, desto bekannter, 
je verstiegener, desto trivialer, nach stets den gleichen 
Rezepten aufgestellt, erläutert, verteidigt und be- 
wiesen. 

Hier liegt die tiefste Sehnsucht unserer Zeit, die 
ihren Sinn sucht. Unbewußt fühlt sie sich ange- 
widert vom Denken, vom mechanistischen Denken; 
sie hat alles schon einmal gehabt und durchgrübelt, 
alles durchgeschätzt, jedes Gefühl sondiert und ab- 
geleitet. Sie weiß, wie alle diese Rätsellösungen 
schmecken und wie lange sie vorhalten. Sie sehnt 
sich nach einem jenseits des Beweisbaren stehenden 
Sinn und schrickt davor zurück, weil er ihr will- 

138 



kürlich scheint; und er ist willkürlich, weil er nicht 
in ihrer Seele liegt. Deshalb blickt sie auf zu den 
Geistern, die göttliche Überzeugungen in ihren 
Seelen trugen, Plato, Paulus, Franziskus, Ekkhart, 
und kann doch die Überzeugungen nicht erwerben, 
weil sie diese Seelen nicht erwerben kann. Sie 
schafft sich Gemeinden, Tempel und Altäre, und 
empfindet verzweifelnd, daß sie das einzelne nicht 
glauben kann, weil sie alles glaubt, daß sie alles 
glauben muß, weil sie nichts glauben kann. Die 
Zeit sucht nicht ihren Sinn und ihren Gott, sie 
sucht ihre Seele, die im Gemenge des Blutes, im 
Gewühl des mechanistischen Denkens und Be- 
gehrens sich verdüstert hat. 

Sie sucht ihre Seele und wird sie finden; freilich 
gegen den Willen der Mechanisierung. Dieser 
Epoche lag nichts daran, das Seelenhafte im Men- 
schen zu entfalten; sie ging darauf aus, die Welt 
nutzbar und somit rationell zu machen, die Wun- 
dergrenze zu verschieben und das Jenseitige zu 
verdecken. Dennoch sind wir wie je zuvor vom 
Mysterium umgeben; unter jeder glatten Ge- 
dankenfläche tritt es zutage, und von jedem all- 
täglichen Erlebnis bedarf es eines einzigen Schrittes 
bis zum Mittelpunkt der Welt. Die drei Strah- 
lungen der Seele : die Liebe zur Kreatur, zur Natur 
und zur Gottheit konnte die Mechanisierung dem 
Einzelleben nicht rauben; für das Leben der Ge- 
samtheit wurden sie zur Bedeutungslosigkeit ver- 
flüchtigt. Menschenliebe sank zum kalten Erbar- 
men und zur Fürsorgepflicht herab, und bedeutet 
dennoch den ethischen Gipfel der Gesamtepoche; 
Naturl ebe wurde zum sentimentalen Sonntags- 
vergnügen; Gottesliebe, überdeckt vom Regie- 

139 



betrieb mythologisch-dogmatischer Ritualien, trat 
in den Dienst diesseitiger und jenseitiger Interessen 
und wurde so nicht bloß unedlen Naturen ver- 
dächtig. 

Es gibt wohl keinen einzigen Weg, auf dem es 
dem Menschen nicht möglich wäre, seine Seele zu 
finden, und wenn es die Freude am Aeroplan wäre. 
Aber die Menschheit wird keine Umwege beschrei- 
ten. Es werden keine Propheten kommen und keine 
Religionsstifter, denn diese übertäubte Zeit läßt 
keine Einzelstimme mehr vernehmlich werden; 
sonst könnte sie heute noch auf Christus und Paulus 
hören. Es werden keine esoterischen Gemeinden 
die Führung ergreifen, denn eine Gcheimlehre wird 
schon vom ersten Schüler mißverstanden, geschweige 
vom zweiten. Es wird keine Einheitskunst der Welt 
ihre Seele bringen, denn die Kunst ist ein Spiegel 
und ein Spiel der Seele, nicht ihre Urheberin. 

Das Größte und Wunderbarste ist das Einfache. 
F^s wird nichts geschehen, als daß die Menschheit 
unter dem Druck und Drang der Mechanisierung, 
der Unfreiheit, des fruchtlosen Kampfes, die Hemm- 
nisse zur Seite schleudert, die auf dem Wachstum 
ihrer Seele lasten. Das wird geschehen nicht durch 
Grübeln und Denken, sondern durch freies Be- 
greifen und Erleben. Was heute viele reden und 
einzelne begreifen, das werden später viele und zu- 
letzt alle begreifen : daß gegen die Seele keine Macht 
der Erde standhält. 

Was rufen die Völker aller Zeiten einander zu ? 
Erlebnisse ihrer Seelen. Was kümmern uns die 
Salben der Ägypter, die Ritualien der Juden, die 
Schlachtordnungen der Griechen, die Auspizien 
der Römer, die Alchymistereien der Scholasten ? 

140 



Was ihre Seelen gelitten und geschaffen haben, 
ihre Gesänge und Bilder, Gesichte und Ahnungen, 
das besitzen wir als ein untrennbares Teil unser 
selbst. Was wir im Leben genossen, wenn die 
Seele unbeteiligt, was wir erduldeten, wenn die 
Seele unverletzt blieb, bedeutet nur einen Reiz und 
einen Schatten, zu flüchtig für die Erinnerung. 
Die Kunst, die unsern Nerven schmeichelt, der 
Gedanke, der nicht in die Tiefe klingt, die Hand- 
lung, die unsere äußere Erfahrung« bereichert, sind 
tote Dinge. 

Gleichviel, wie wir das Herz der Welt zu erfassen 
suchen: immer wird uns die Seele, unsere eigene 
Seele, entgegentreten. Nehmen wir das Körper- 
liche als real und primär, so müssen wir aus Materie 
Geist, aus Geist Seele sich losringen sehen : denn das 
Atom ballt sich zur Zelle, und aus dem Widerstreit 
sich aufhebender Sensibilitätskeime wird Empfin- 
dung erkennbar; die Zelle vereinigt sich zum Men- 
schen, und aus der Summierung gleichgerichteter 
Empfindungselemente wird Geist sichtbar; der 
Mensch verbindet sich zur Gemeinschaft, und aus 
der widerstrebenden Mannigfalt der Geister tritt 
die Seele zutage, die im Einzelmenschen wirkte, 
wie der Geist in der Einzelzelle, wie die Empfindung 
im Atom, unbefreit und dennoch lebendig. Neh- 
men wir das Ich als real und primär, so löst sich 
aus der Täuschung der Materie die bedingte Reali- 
tät des Geistes, aus dem Geist die volle Realität 
der Seele, die sich aus der Trübung befreit, indem 
sie sich ihrer selbst bewußt wird. Nehmen wir das 
Ich und das Körperliche gleichzeitig als real und 
identisch, so erleben wir an uns selbst, aus der 
Erfahrung unseres Lebens, die Entwicklung vom 

* 141 



instinktiven Dasein der Kindheit zum geistigen 
Dasein der Jugend und zum seelischen Dasein der 
Reife. 

Nichts anderes ist erforderlich als die Gewißheit 
des Lebens und Wertes unserer Seele; denn es han- 
delt sich nicht darum, die Seele zu erzeugen, son- 
dern zu entfesseln, und durch diese Gewißheit ist 
sie frei und des Aufstiegs fähig. 

Diese Erkenntnis ist nicht neu, sondern sehr alt; 
wie denn alle Worte, die außerhalb alltäglicher Not 
der Geist im Laufe der Jahrhunderte der Mensch- 
heit zugerufen hat, stets das Gleiche bedeuten, 
nämlich: achte auf deine Seele. Hier bedürfen wir 
der Erinnerung deshalb, weil in einer Zeit, die sich 
ihrer Entseelung bewußt wird, solche Erfahrungen 
eine gewaltige Realität erlangen, eine Realität, die 
unabhängig von aller religiösen und philosophischen 
Vereinzelung dasteht. 

Nein, es wird und kann nichts weiter eintreten 
als das Begreifen, daß die Seele wachsen kann, und 
daß es wiederum Dinge gibt, die sie verkleinern 
und vernichten können. Und dieses Begreifen wird 
nicht in Dithyramben oder Bußpsalmen ausklingen, 
sondern in Selbstgewißheit und Schweigen. Die 
heißen Wünsche der Menschen werden schweigen 
lernen, die Wünsche nach käuflichen Freuden, nach 
maßloser Bereicherung an äußeren Eindrücken, nach 
Beschleunigung des Lebensschritts, nach Extensiv- 
wirtschaft und Raubbau des Geistes. Nicht daß 
deshalb das Arbeitsleben und der Produktionsprozeß 
stillstände; denn auch wenn das Wertlose vom 
Wünschenswerten und Nötigen gesondert wird, 
bleibt noch viel, noch mehr als heute zu schaffen, 
um größere und gleichmäßigere Sorgenfreiheit der 

142 



Lebensführung zu sichern. Nicht ganz so leicht, 
und dennoch gewiß, werden die Begierden schwei- 
gen lernen, die den Menschen zum Sklaven der 
Meinung machen, die Freude am Neid, am Beifall, 
an der Beachtung; ohne daß es deshalb an Män- 
nern und Frauen fehlen wird, die aus Lust am 
Schaffen, an Verantwortung und Initiative Führer- 
schaft leisten und erstreben. Schweigen lernen 
wird auch die Kunst; wie denn von jeher un- 
aufdringlich und schweigend, und so der Natur 
vergleichbar, die großen Werke durch die Zeiten 
geschritten sind. 

Zieht man die Umwälzungsgeschwindigkeit in 
Rechnung, an die uns das XIX. Jahrhundert ge- 
wöhnt hat, so wird man die Erwartung des neuen 
Zustandes der Menschheit, der sich von dem heu- 
tigen nicht wesentlicher unterscheidet als etwa der 
zeitgenössische haitianische vom zeitgenössischen 
englischen, nicht als utopisch bezeichnen. Freilich 
kann nicht zu gleicher Zeit die ganze bewohnte 
Welt ihn empfangen; vielleicht wird in Zentral- 
afrika noch immer die Glückseligkeit des Waren- 
hauses blühen, wenn in Deutschland das Geschrei 
der Modeneuigkeiten längst verstummt ist. 

Wohl aber wäre es utopische Schwachheit, aus 
eigener Unzulänglichkeit die Kräfte ermessen zu 
woller^' die in der Menschheit das Reich der Seele 
einstmals auslösen wird. 

Die mechanistische Entwicklung können wir ohne 
Staunen, ja ohne Geistesaufwand ein gutes Stück 
zukunftwärts weiterdenken. Ein hundertfach über- 
völkerter Erdball, die letzten asiatischen Wüsten 
angebaut, ländergroße Städte, die Entfernungen 
durch Geschwindigkeiten aufgehoben, die Erde 

• H3 



meilentief unterwühlt, alle Naturkräfte angezapft, 
alle Produkte künstlich herstellbar, alle körperliche 
Arbeit durch Maschinen und durch Sport ersetzt, 
unerhörte Bequemlichkeiten des Lebens allen zu- 
gänglich, Altersschwäche als alleinige Todesart, je- 
der Beruf jedem eröffnet, ewiger Friede, ein inter- 
nationaler Staat der Staaten, allgemeine Gleich- 
heit, die Kenntnisse des mechanischen Naturge- 
schehens ins Unabsehbare erweitert, neue Stoffe, 
Organismen und Energien in beliebiger Menge ent- 
deckt, ja zu guter Letzt Verbindungen mit fernen 
Gestirnen hergestellt und erhalten: im Sinne der 
Mechanisierung die höchsten Aufgaben, alle lösens- 
wert und vermutlich dermaleinst gelöst ; wem macht 
es Schwierigkeiten, dies Bild künftiger Bequemlich- 
keit und Gelehrsamkeit beliebig auszumalen, und 
wen macht es glücklich? 

Im Seelischen auch nur einen Schritt über das 
dem einzelnen Menschen gestattete Maß vorzu- 
dringen, ist unmöglich. Ein Grieche konnte sich 
durchaus, und ohne Enthusiasmus, das Fliegen der 
Menschen vorstellen, den Hamlet oder die IX.Sym- 
phonie konnte er sich nicht vorstellen, ebensowenig 
wie ein Mensch der Steinzeit sich die Freude an 
einer Gebirgslandschaft oder einer Brandung vor- 
stellen konnte. Wir brauchen nicht über das Alter 
des Menschengeschlechtes hinauszugehen, um zu 
Zeiten zu gelangen, in denen die Seelengewalten 
unseres eigensten Lebens, die Liebe der Geschlech- 
ter, die Liebe zur Heimat, zu Eltern und Kindern, 
zu Gott und Natur noch nicht aus primitiven In- 
stinkten hervorgetreten, somit im eigentlichen 
Sinne nicht erfunden und auch nicht vorstellbar 
waren. 

144 



Oft hat man die spielende Frage gestellt, was 
wohl ein großer Geist des Altertums wiederkehrend 
zu den Gestaltungen der neuen Zeit sagen würde. 
Wählt man für diese Rolle einen aufs Wesentliche 
gerichteten Geist wie den des Plato, so dürfte man 
fabeln: die Früchte der Mechanisierung würde er 
mit wechselndem Interesse hinnehmen, die höchste 
Kunst Europas der seinen verwandt empfinden, 
drei Dinge aber würde er als Offenbarungen ver- 
ehren: die Lehre Christi, die germanische Natur- 
betrachtung und die deutsche Musik. 

Hier verläuft eben eine der Grenzlinien, die das 
Gebiet des Geistes von freiem Gebieten sondern; 
sie ist zart, aber unüberschreitbar. Was vom Her- 
aufdämmern des Seelenreiches in Gedanken und 
Worten materialisierbar ist, das haben wir gestreift; 
Glaubhaftigkeit kann nur im Mitklingen tieferer 
Schwingungen gesucht und gefunden werden, dia- 
lektische Beweise sind Überredungsmittel. Wollte 
man versuchen, eine alte, innere Überzeugung, 
eigentlich negativer Art, vom Wesen dieses Reiches, 
gedanklich zu übersetzen, so könnte man auf der 
Grundlage realistischer Weltanschauung abermals 
davon ausgehen, daß von der Geisteseinheit des 
Atoms zu derjenigen der Zelle, von der Geistes- 
einheit der Zelle zu derjenigen des Menschen, von 
der Geisteseinheit des Menschen zu derjenigen der 
Gemeinschaft eine immer wachsende und immer 
sich verengernde Angliederung stattfindet. Wie 
die Summierung zweier Geistesinhalte erfolgt, wis- 
sen wir nicht, denn das, was man eigentlich Mecha- 
nik des Geistes nennen müßte, ist uns vollkommen» 
unbekannt. Wohl aber wissen wir, daß die Sum- 
mierung zu einer sehr engen Verbindung führt, ja 

HS 



daß der unendlich summierte menschliche Geist 
sich selbst als eine Einheit empfindet und nur durch 
besondere Beobachtung seine Vielfältigkeit entdeckt. 
Den nächsten Prozeß der geistigen Summierung, 
den des Menschengeistes zur geistigen Gemein- 
schaft, aber können wir beobachten; wir können 
den Gemeinschaftsgeist einer Ehe, einer Freund- 
schaft, eines Stammes und Volkes, ja selbst einer 
Versammlung oder Gesellschaft entstehen sehen. 
Und hier entdecken wir, daß das eigentlich sum- 
mierende Moment nicht in der ursprünglichen 
Gleichrichtung, sondern vielmehr in dem Streben 
nach Gleichrichtung, nach Zusammenhang und 
Verschmelzung, in der Aufhebung der trennenden 
Schranken, in der Beseitigung des Individuellen liegt. 
Dies summierende Moment wird uns objektiv hier- 
durch nicht bekannter, aber wir nehmen wahr, daß 
es von innen empfunden* mit dem Mysterium der 
Liebe identisch ist. 

Folgen wir nun den Analogien mit der Annahme, 
daß alle künftige Entwicklung abermals zur Ver- 
engung der geistigen Angliederung führen muß, 
so kehren wir von der Abstraktion zu der Urwahr- 
heit zurück, daß die Aufhebung der individuellen 
Willenstäuschung das Reich der Liebe emporführt. 
Und dieses Reich der Seele und der Liebe kann tat- 
sächlich auch das Reich Gottes genannt werden, 
weil es seinen Schwerpunkt vom geistig Individuel- 
len in das seelisch Universelle verlegt. 

Wiederholen wir nach diesen Erwägungen die 
Frage, welche Bedeutung der mechanistischen 
Epoche in der Evolution der Menschheit zuzu- 
sprechen sei, so bietet sich eine gesetzmäßige Ana- 
logie. So wie in der belebten Natur jeder Aufstieg 

146 



vom niedern zum höher gearteten Organismus 
durch große Not erschwerter Lebensbedingungen 
erzwungen wurde, so glauben wir zu wissen, daß 
die höchsten Menschenrassen ihren Aufstieg gleich- 
viel welcher tausendjährigen Lebensschule verdan- 
ken. Die Natur aber gab sich mit der Bildung einer 
Auslese nicht zufrieden. Die Auserwählten mußten 
sich als Herrscher über die niederen Völker ver- 
breiten, um sie zu führen, zu erziehen, ihnen neue 
Kräfte einzuprägen, schlummernde zu erwecken. 
Indem sie diese Aufgabe erfüllten, lösten sie sich 
auf, dem Urgesetz gehorchend. 

Die neue Not, die nun begann, die Not der Ver- 
dichtung, der Mechanisierung und des Intellekt- 
tualismus, trägt etwas Größeres, Endgültigeres, 
Feierlicheres in sich als ihre Vorläuferinnen. Denn 
diese Not entspringt nicht physikalischen und klima- 
tischen Umwälzungen; sie ist von der Menschheit 
selbst geschaffen, die nunmehr, hinreichend ent- 
wickelt, ihrem eigenen Inneren überlassen, mit den 
gleichen Mitteln sich Qualen bereitet und Erlösung 
sucht. 

Vielleicht wird sie gezwungen sein, noch mehr- 
mals ähnliche Erziehungen zu vollenden, indem es 
ihr obliegt, zurückgebliebene Völker emporzuheben ; 
vielleicht soll ihre massenhafte Vermehrung neben- 
her dazu dienen, die Kulturaufgaben, denen euro- 
päische Kolonialarbeit so hilflos gegenübersteht, 
allmählich und ohne Einbuße eigenen Wesens durch 
Verschmelzung zu lösen; gleichviel: die Not der 
Mechanisierung hat ihre Gegenkräfte bereits er- 
zeugt, und wir dürfen somit auch sie als eine der 
großen Schulungen der Erdengeschlechter an- 
sprechen in der Zuversicht, daß sie in ihrer Einzig- 



!•• 



H7 



art das Große emporführen wird, von dem wir ge- 
sprochen haben. Ihr Beruf macht sie vergleichbar 
mit dem Leben einzelner Menschen, die, mit allen 
Kräften des Geistes ausgestattet, suchend ins Weite 
streben und schweigend heimkehren, weil sie ihre 
Seele gefunden haben, durch Verzicht und Gewinn 
doppelt bereichert. 

1911 



148 



MAHNUNG UND WARNUNG 



ÜBER ENGLANDS GEGENWÄRTIGE LAGE 



Vorbemerkung 

Gegenüber der Meinung derjenigen Deut- 
schen, die in dem Vereinigten Königreich 
einen mäßig bevölkerten Inselstaat und einen 
gleichgearteten Mitberater des europäischen Völ- 
kervereins erblicken, ist es nützlich, die überragende 
Bedeutung dieser Macht, die seit den Zeiten des 
Römer- und des Frankenreiches ihresgleichen nicht 
gehabt hat, zuv^^eilen ins Gedächtnis zu rufen. Der 
dritte Teil der bev^^ohnten Erde steht unter Eng- 
lands Botmäßigkeit oder Einfluß; Hunderte von 
Millionen Menschen reden seine Sprache und be- 
wahren seine Kultur. Seine Flotte findet Stütz- 
punkte an allen Küsten; ihre Übermacht vermag 
jeden Gegner aus den Meeren zu vertreiben. Eng- 
lischen Gebieten entstammen zwei Drittel der Gold- 
produktion der Erde; englische Städte sind die Han- 
dels- und Marktzentren der Welt. Mit dem Kapi- 
talreichtum des Landes kann Deutschland, mit sei- 
ner Geldflüssigkeit nur Frankreich sich messen, mit 
dem Umfang der auswärtigen tributpflichtigen Un- 
ternehmungen kein anderes Volk. Überlieferung, 
Gleichförmigkeit der Rasse und Kultur schaffen 
den einheitlichsten Volks willen, den wir kennen; 
die Abwechslung zweier patriotischer und verant- 
wortlicher Regierungsparteien verleiht der Politik 

153 



die Stetigkeit eines arithmetischen Mittels. Ein 
zum Aristokratismus neigender, tätiger und wohl- 
habender Mittelstand von ungemeiner Ausdehnung 
übt Körper und Geist in harmonischem Ausgleich 
und liefert einen Nachwuchs von Menschen, die 
Verantwortlichkeit erstreben und ertragen. 

Hält man diese Verhältnisse vor Augen, so ergeben 
sich diejenigen Einschränkungen, deren die nach- 
folgenden Ausführungen bedürfen; denn diese be- 
ziehen sich auf Nachteile und Gefahren, denen das 
britische Reich gegenwärtig standzuhalten hat. 

Da nun die äußere Machtstellung des Landes auf 
zwei Grundlagen beruht: dem Erwerbsleben und 
der Kolonialmacht, so sollen in gleicher Ordnung 
die nachstehenden Beobachtungen vorgetragen 
werden. 



V 



I. Wirtschaftliche Sorgen 

om Handel, als der naturgemäßen, herkömm- 
lichen und von den gegenwärtigen Verhält- 
nissen weniger berührten Quelle englischen Erwer- 
bes braucht in diesem Zusammenhange nicht ge- 
sprochen zu werden. 

Beachtenswerter ist die Lage der englischen In- 
dustrie, deren relativen Rückgang ich in meinem 
letzten Buche zu beleuchten versuchte. Die Haupt- 
ursachen dieses Ermattens im internationalen Wett- 
bewerb sind folgende : 

I. Lebensgewohnheit und Erziehung. Der Eng- 
länder verlangt vom Leben ein höheres Maß von 
Muße und Erholung, auch in der Jugend, als der 
Deutsche. In der demütigen Tätigkeit des Lernens 
überschreitet er daher nicht gern eine gewisse Grenze 

154 



und verschmäht die gleichzeitig enzyklopädische 
und verzweigte Ausbildung des deutschen Studenten. 
Somit ist das technisch geschulte Beamtenmaterial 
der Engländer dem unsern nicht entfernt zu ver- 
gleichen, und keine Vermehrung technischer Lehr- 
anstalten wird hieran etwas ändern. Aber auch in 
der geschäftlichen Tätigkeit ist der englische Beamte 
unterlegen, denn er arbeitet zwei Stunden weniger 
als sein deutscher Konkurrent; er verlangt min- 
destens einen freien Nachmittag in der Woche, hö- 
here Bezahlung und ein klar umschriebenes, von 
ungewöhnlichen und komplizierten Wechselfällen 
befreites Arbeitsgebiet. 

Nun beruhen aber die neueren, vorwiegend wis- 
senschaftlich gearteten Industrien, wie etwa Ma- 
schinenindustrie, chemische Industrie, Elektrizi- 
tätsindustrie, auf zwei Stützen: Technik und Or- 
ganisation, das heißt: auf der Tüchtigkeit des 
technischen und kaufmännischen Beamten. Hier- 
aus erhellt, warum England, bei aller seiner Stärke 
in älteren Industriezweigen, insbesondere in den- 
jenigen, die Gebrauchswaren liefern, seine starke 
Stellung zunächst behauptet, während seine neu- 
eren Großindustrien, die vermöge erweiterter Ar- 
beitsteilung die fertigmachenden Industrien mit 
Produktionsmitteln versorgen, hinter dem Ausland 
zurückbleiben. 

2. Ein zweites Hemmnis englischer Industrien 
sind die Arbeiterorganisationen. Sie mußten die 
ganze soziale Versicherungsarbeit übernehmen, die 
durch unsere Sozialgesetzgebung verstaatlicht wur- 
de, und haben daher eine ungeheure Stärke gewon- 
nen. Diese Stärke, verbunden mit einem geschäfts- 
mäßig praktischen Sinn, der nicht von Zukunfts- 

155 



Staaten träumt, sondern heutige Lebensbedingungen 
zu beherrschen und anzupassen trachtet — , diese 
Stärke hat den Gewerkschaften die Kontrolle der 
englischen Industrie gesichert. Sie schreiben vor, 
ob und zu welchen Bedingungen gearbeitet werden 
darf, ob neue Maschinen eingestellt oder Betriebe 
erweitert werden dürfen. Diese Einwirkung hat 
den englischen Produktionsbedingungen die Elasti- 
zität geraubt, die ausländischer Wettbewerb erfor- 
dert. In Einschaltung darf hier bemerkt werden, 
daß aus dem Gegensatz der Wert unserer sozialen 
Gesetzgebung deutlich hervortritt. Eine Sicherung 
des Arbeiters gegen Gefahren und Alterssorgen wäre 
zwar sicherlich auch ohne gesetzliches Zutun, auf 
Grundlage privater Verbände zustande gekommen; 
aber diese Verbände hätten wahrscheinlich unsere 
Industrie zugrunde gerichtet. Die Gesamtheit der 
Industriellen hat daher keinen Anlaß, sich über die 
Belastungen dieser Gesetzgebung zu beklagen. 

3. Überlieferung und Konservatismus, zwei Fak- 
toren höchster Stärke, wo es sich um Regierungs- 
und Verwaltungsfragen liandelt, sind der industriel- 
len Entwicklung entgegengesetzt. Vornehmlich ist 
es die Fähigkeit der Amerikaner, in letzter Zeit siuth. 
einigermaßen der Deutschen, erhebliche Risiken 
und Ausgaben auf sich zu nehmen, um Betriebe 
zu verbessern, neue Arbeitsmethoden und neue Er- 
zeugnisse einzuführen, neue Unternehmungen und 
Industriezweige zu schaffen. Der Engländer hin- 
gegen hat jahrzehntelang mit seinen älteren In- 
dustrien Glück gehabt, ja eine führende Stellung 
behauptet, ohne sich Sorgen um Geldbeschaffung 
oder wirtschaftliche Experimente machen zu müs- 
sen; so steht» er Neuerungen unwillig und miß- 

156 



trauisch gegenüber, beauftragt allenfalls einen ge- 
werbsmäßigen Sachverständigen — denn über eigene 
maßgebliche Kräfte verfügt er nicht — , ihm Gut- 
achten und Berechnungen vorzulegen, und ent- 
scheidet sich erst dann für die Reform, wenn die 
Welt längst mit neuen Dingen beschäftigt ist. Auch 
dies fördert den industriellen Konservativismus, daß 
die Unternehmungen großenteils in den Händen 
Privater liegen, die nach altem Herkommen nicht 
gern an die Grenze ihrer Mittel herantreten, noch 
weniger aber Kredite zu beanspruchen wünschen, 
während unsere Aktiengesellschaften unter Mithilfe 
industriell veranlagter Banken sich ohne Bedenken 
und Schwierigkeit Anleihen oder Kapitaleinlagen be- 
schaffen. 

Versucht man, die drei Kategorien, die den ver- 
zögerten Fortschritt oder vergleichsweisen Rück- 
gang englischer Industrie verschulden, auf ein 
Grundprinzip zurückzuführen, so wäre man geneigt 
anzunehmen, daß alter Reichtum, alte Kultur und 
alte Führerschaft England ungeeignet machen, die 
unterwürfigen Qualitäten des übertriebenen Ler- 
nens, der Vielgeschäftigkeit und der Konkurrenz- 
gebarung anzunehmen, die modernes Erwerbsleben 
leider erfordert. England leidet unter seinen besten 
Eigenschaften. 

Die Engländer selbst sind sich des Vorgangs deut- 
lich bewußt, seiner Ursachen nicht. In erster 
Linie glauben sie, daß das System der technischen 
Erziehung reformiert werden müsse, während es 
sich in Wirklichkeit um Fragen der nationalen Le- 
bensweise handelt. In zweiter Linie regt sich in allen 
Ecken des Landes die Neigung zu Schutzzöllen, de- 
nen ja vielfach die Kraft zugesprochen wird, er- 

^S7 



schlaffende Industrien zu halten, während sie in 
Wirklichkeit nur imstande sind, junge und aufstre- 
bende Gewerbe in ihrer ersten Entwickelungszeit 
zu schützen und zu stärken. 

Aus Besprechungen mit führenden Finanzleuten 
ergab sich nun die seltsame Tatsache, daß der Ruf 
nach Gewerbeschutz einstweilen durchaus nicht 
vorwiegend von Industriellen oder Arbeitern aus- 
geht. Diese beiden Berufsklassen vertreten viel- 
mehr großenteils die nur innerhalb enger Grenzen 
zutreffende Ansicht, daß Schutzzölle die Verbrauchs- 
güter des Landes verteuern, woraus die einen schlie- 
ßen, daß die Löhne erheblich gesteigert werden 
würden, während die andern selbst bei gesteigerten 
Löhnen verschlechterte Lebensbedingungen be- 
fürchten. Danach macht sich wohl auf selten der 
Händler und Cityleute die Erkenntnis geltend, daß 
ein schutzzöUnerisches England auf die Dauer nicht 
den Großhandel und die Hauptmärkte des Kon- 
tinents sich werde erhalten können, daß vielmehr 
diese Hauptquellen des nationalen Erwerbes vor- 
wiegend von deutschen Häfen und Handelsplätzen 
abgefangen werden würden. Tatsächlich sieht Eng- 
land in dieser wichtigsten aller gegenwärtigen Wirt- 
schaftsfragen sich vor die Wahl gestellt: entweder 
in gleicher Weise die fernere Entwicklung seiner 
Industrie seinem Handel und seiner Weltstellung 
zu opfern, wie es seine Landwirtschaft in der Mitte 
des XIX. Jahrhunderts geopfert hat, oder mit dem 
mangelhaften Hilfsmittel der Schutzzölle die In- 
dustrie zu verteidigen, auf die Gefahr hin, daß Han- 
del und Handelsflotte, Warenverkehr, Geldverkehr 
und Märkte ernsthaft geschädigt werden. 

In dieser schweren Besorgnis sind es, wie erwähnt, 

158 



merkwürdigerweise nicht so sehr die eigentlich be- 
troffenen Industriellen, -die Schutz fordern, als eine 
andere Klasse von Interessenten, die sich gleichfalls, 
aber auf gänzlich andersgeartetem Gebiete, in Be- 
drängnis fühlen — nämlich die Imperialisten. 

IL Koloniale Sorgen 

Es bezeichnet die seltsame Doppelheit englischer 
Politik, die nicht wie die unsre durch unüber- 
brückbare wirtschaftliche Gegensätze in Spannung 
gehalten wird, sondern nach Gelegenheitsgründen 
bald hier bald dort ein altes Prinzip verläßt, ein 
neues aufnimmt — , es bezeichnet diese Wendigkeit 
und Unbefangenheit, daß der Mann, der seiner 
Königin die Kaiserkrone von Indien aufs Haupt 
setzte, das Wort gesprochen haben soll: die Kolo- 
nien seien der Mühlstein an Englands Halse. 

Die politischen Erben Disraelis, die heute im- 
perialistische Ziele verfolgen, werden sich dieses 
gewichtigen Bildes bewußt, deutlicher als es dem 
kontinentalen Blick sich darstellt. 

Denn wenn wir, von gewohnten Anschauungen 
ausgehend, die englische Weltstellung auf Seemanns- 
tüchtigkeit und Kolonialherrschaft zurückführen, 
so erblicken wir in der letzteren nicht nur den Inbe- 
griff maritimer Stützpunkte und überseeischer 
Bundesgenossenschaften, sondern vor allem den 
Quell unversieglicher Schätze, die als Tribute, Ge- 
hälter, Pensionen, Handels- und Absatzgewinne 
dem. Mutterlande zufließen. Diese wirtschaftliche 
Seite des kolonialen Imperiums verdient indessen 
eine etwas nüchternere Betrachtung. 

Es wird kaum möglich sein, und wohl auch von 

.. ' 159 



keiner Stelle der Verwaltung aus ernstlich versucht 
werden, die wirtschaftliche Bilanz des kolonialen 
Soll und Haben zahlenmäßig zu ziehen. Sowohl 
unter den Aktiven wie unter den Passiven würden 
Posten erscheinen, die sich jeder Berechnung ent- 
ziehen: unter den ersteren der Wert des Handels- 
verkehrs, unter den letzteren die Erfordernisse für 
solche Anlagen, die sich spät, indirekt oder nie be- 
zahlt machen, sowie für maritimen Schutz und krie- 
gerische Unternehmungen. Indessen läßt sich aus 
einer Reihe übereinstimmender Zeichen schließen, 
daß diese Bilanz heute in hohem Maße passiv ist. 
Was zunächst zahlenmäßige Überweisungen aus den 
Kolonien anlangt, so finden solche in irgendwie 
beachtenswertem Maße überhaupt nicht statt. 

Die Kolonien halten und bezahlen ihren eigenen 
Beamtenkörper, der aus einsässigen Persönlichkeiten 
besteht; das Militär, soweit es überhaupt von der 
Heimat gestellt wird, erhält und verzehrt seine 
Löhnung in dem Lande, wo es angesetzt ist; Kon- 
tributionen werden an das Mutterland nicht ent- 
richtet. Dagegen verlangen viele Kolonien erheb- 
liche direkte Zuschüsse aus der Heimat; sie verlangen 
die Finanzierung ihrer Anleihen, gleichviel ob diese 
zureichend, oder wie etwa die von Kapland, sehr 
mäßig fundiert sind ; sie verlangen endlich gewaltige 
Geldmittel für Verkehrsanlagen, Bewässerung, Be- 
festigung, Kriegführung, die entweder vorschuß- 
weise oder als verlorene Zuschüsse gewährt werden 
müssen. Daß der englische Handel aus den Kolonien 
erhebliche Vorteile zieht, ist unbestreitbar, und es 
fällt hiergegen nur wenig ins Gewicht, daß beträcht- 
liche Unterstützungen an Dampferlinien gezahlt 
werden müssen. Auch englische Erzeugnisse finden 

i6o 



in den Kolonien Absatz: bis zu welchem Maße, ist 
schwer zu sagen, obgleich die Handelsstatistiken 
die Einfuhrziffern mit über 50 Prozent der Gesamt- 
einfuhr nachweisen; denn zweifellos finden viele 
deutsche und amerikanische Produkte auf dem Um- 
weg über England dort — eine zweite Heimat. So 
viel aber ist sicher, daß der koloniale Absatz keine 
Schätze abwirft; denn trotz mannigfacher Bevor- 
zugung wirkt der internationale Wettkampf in den 
Kolonialgebieten mit rücksichtsloser Schärfe. 

Als wahrscheinlich darf angenommen werden, 
daß die wirtschaftlichen Vorteile, die England aus 
seinen Kolonien zieht, sich in einem Verhältnis ab- 
stufen, das bei sehr zahlreicher und tätiger farbiger 
Bevölkerung seinen günstigsten Grad erreicht, wäh- 
rend die überwiegend von europäischen Rassen be- 
siedelten Länder der Heimat mehr und mehr national 
und wirtschaftlich verloren gehen; es dürfte daher 
Indien noch immer Englands wertvollster Besitz 
sein. Erscheinen somit die wirtschaftlichen Vorteile, 
die England der kolonialen Ausdehnung verdankt, 
begrenzt, so muß aus der politischen Betrachtung sich 
ergeben, welches Maß vernünftiger Berechtigung, 
mithin von Stabilität, dem Imperium innewohnt. 
Auch hier ergibt sich eine ähnliche Gesetzmäßigkeit 
insofern, als die Dichte und Bedeutung der weißen 
Bevölkerung in einer gewissen Proportionalität stehen 
zu den Sorgen, die der Heimat erwachsen. 

Abermals zeigen die Kolonien mit dichter und 
vergleichsweise entwickelter farbiger Bevölkerung 
das günstigste Bild. Sie erweisen sich als gesicherter 
Staatsbesitz, dessen innere und äußere Verteidigung 
zwar aufmerksame Überwachung erfordert, der auch 
gelegentlich bei Wirtschaftskalamitäten durch Auf- 

I. " » 161 



stände gefährdet werden kann, im allgemeinen aber, 
mit der Länge der Zeit, mit dem Ausbau von Ver- 
kehrs- und Verteidigungsmitteln dem Stammland 
immer enger angekettet wird. 

Anders diejenigen Kolonien, die wie Südafrika 
infolge der Spärliclikeit oder Passivität der einge- 
borenen Bevölkerung eine gleichzeitige Besiedelung 
durch farbige und weiße Elemente erfordern. Über- 
wiegt hier das dunkle Element, wie dies zumal bei 
beginnender Kolonisation entschieden der Fall sein 
muß, so entsteht innerhalb weniger Generationen 
eine moralische, vielleicht auch physische Nieder- 
ziehung des Europäertums. Das beständige Beispiel 
des untätigen und amoralischen Eingeborenen, die 
schwer zu ertragende Gewöhnung an ein angebore- 
nes Herrscherdasein, die Erziehung der Kinder in 
der Umgebung und Atmosphäre einer unterwürfigen 
Kaste — diese Faktoren scheinen zu einer inneren 
Entartung beizutragen, die zu weitgreifender Ver- 
mischung und Bastardisierung führen kann. So ist 
im Kapland der Stamm der Capboys entstanden, 
eine Mischlingszucht von Holländern und Negern, 
die in allen Abstufungen von Weiß zu Schwarz heute 
einen wesentlichen Bestandteil der südafrikanischen 
Bevölkerung bildet. Schreitet nun die Vermehrung 
der Eingeborenen und Mischlinge rascher voran als 
die der Europäer, so entstehen neue Wirrnisse. Denn 
auch die Farbigen haben im Zusammenleben mit 
den Weißen sich so weit gewandelt, daß sie ge- 
lernt haben, Ansprüche zu erheben; zunächst auf 
Teilnahme an der Verwaltung. Dr. Jameson, der 
Führer jenes berüchtigten Zuges gegen Johannes- 
burg, der bis vor kurzem dem Kapministerium ange- 
hörte, vertritt mit Entschiedenheit die Berechtigung 

162 



der Farbigen zur Selbstverwaltung, indem er an- 
führt, daß eine scharfe Grenze zwischen ihnen und 
den Weißen physisch überhaupt nicht mehr gezogen 
werden könne. So besitzen denn im Kapland die 
Farbigen tatsächlich das parlamentarische Stimm- 
recht, während andere Kolonien, wie z. B. Natal, 
wo das weiße Element vorherrscht, auf diesen Ver- 
fassungszustand des Nachbarlandes mit Abscheu 
hinabsehen und vornehmlich um seinetwillen von 
der Errichtung einer südafrikanischen Union nichts 
wissen wollen. 

Es ist bekannt, daß die Strebungen der oberfläch- 
lich zivilisierten Eingeborenen sich noch weiter er- 
strecken, daß die äthiopische Bewegung, durch 
schwarze Missionare geschürt, Anhänger wirbt für 
die der Monroedoktrin nachgebildete These: „Af- 
rika den Afrikanern". So sind denn heute ernste 
englische Beurteiler der Ansicht, daß das Land in 
absehbarer Zukunft zu wählen haben werde zwischen 
friedlicher Unterwerfung unter teilweise afrikanische 
Kontrolle oder schweren inneren Kämpfen. Mag 
dieser Hinblick zu dunkel erscheinen : so viel ist ge- 
wiß, daß nur eine Stärkung des hellen Elements, 
somit eine energische Förderung der Einwanderung 
und allmähliche Umwandlung der Länder in weiße 
Kolonien die inneren Reibungen beseitigen und 
die Verschmelzung der verschiedenartigen Verwal- 
tungen zu einer einheitlichen südafrikanischen Ko- 
lonialorganisation ermöglichen wird. In gleichem 
Maße aber werden diejenigen neuen Gegenstrebun- 
gen dem Mutterlande gegenüber auftreten, die von 
allen weißen und zu einer gewissen Reife gelangten 
Kolonien gezeitigt werden, und die eine wirkliche 
Gefahr für das koloniale Imperium bilden. 



n* 



163 



Betrachtet man vergleichend die Vereinigten 
Staaten und Kanada, so erblickt man zwei Länder 
von nahezu gleichaltriger Geschichte und ähnlicher 
Flächenausdehnung, aber von sehr verschiedener 
Bedeutung. Das eine, stark bevölkert, eine politisch 
führende, wirtschaftlich unerreichte - Macht von 
ungeheurem Wohlstand, das andere spärlich be- 
wohnt, politisch ohne Existenz, verwaltungsmäßig 
abhängig, zwar mit zunehmendem Wohlstand, doch 
ohne überragende wirtschaftliche Bedeutung. So 
kann es nicht wundernehmen, daß die Bewohner es 
ablehnen, Klima und Boden allein für die verzögerte 
Entwicklung verantwortlich zu machen, sondern 
vielmehr in der Abhängigkeit von einem europä- 
ischen Lande den schwersten Nachteil erblicken. 
Diese Stimmungen finden offen Ausdruck; eine 
peinliche Szene auf einem Bankett in Washington 
gab vor wenigen Wochen die kennzeichnende Abbil- 
dung kanadischer Unabhängigkeitsgelüste. 

England ist sich dieser zentrifugalen Tendenzen 
bewußt und bemüht sich, durch Freisinn, der fast 
an Schlaffheit grenzt, ihnen zuvorzukommen. Man 
kann in der Dezentralisation nicht weiter gehen, als 
hier geschieht. Selbst halbentwickelte Kolonialge- 
bilde haben eigene Parlamente, eigene Gesetzgebung, 
Wirtschaftspolitik, Beamtenkörper. England und 
seinem Statthalter bleibt kaum etwas anderes als 
Veto und Exekutive. Aber alle Liberalität kann den 
Gedanken nicht zurückdrängen, der in allen weißen 
Kolonien auftaucht und Boden gewinnt : daß in sehr 
absehbarer Zeit an die Stelle des Vormundschafts- 
verhältnisses eine Union zu treten habe, die denn 
freilich in der Praxis andere Wege einschlagen könnte, 
als es den Programmen entspricht. 

164 



Was England heute den loslösenden Bestrebungen 
allein entgegensetzen kann, ist seine Flotte. „Hier 
habt ihr einen Schutz," so sagt Großbritannien, 
„den keiner von euch entbehren und den kein andres 
Land euch gewähren kann, denn die britische Flotte 
ist ein unerreichbares, jeder Nebenbuhlerschaft ent- 
hobenes Einzigtum." Auf diesem Nachsatz liegt 
das Gewicht. Denn er bezeichnet den Untergrund 
der englischen Flottenernpfindlichkeit : mit jedem 
Schiff, das Deutschland baut, lockert sich ein Stein 
des britischen Kolonialgebäudes. 

So ist es begreiflich, daß die imperialistische Partei 
sich nach neuen Mitteln umsieht, um die übersee- 
ischen Besitzungen sich fester zu verbinden; und 
es trifft sich seltsam, daß abermals der Gedanke des 
Schutzzollsystems sich darbietet. Hier aber er- 
scheint er, den veränderten Zielen entsprechend, 
in neuem Kleide. Ein gemeinschaftlicher Zollring, 
der nicht nur auf die Produkte der Industrie, son- 
dern auch der Landwirtschaft und der kolonialen 
Wirtschaft sich erstreckt, soll das gesamte britische 
Weltreich umschließen und eine gewaltige Pro- 
duktionseinheit schaffen. Unter seinem Schutz 
sollen die Überseeländer das Heimatreich mit 
Rohstoffen, Nahrungs- und Genußmitteln ver- 
sorgen und im Austausch Industrieprodukte er- 
halten. 

Die Schwächen dieses gewaltigen Gedankens lie- 
gen offen zutage : er ist für beide Parteien unannehm- 
bar. Abgesehen von der Frage, ob die Gemeinschaft 
in ihrer Produktion vielseitig und hinlänglich genug 
sein würde, um sich von der Umwelt genügend frei- 
zumachen: die Kolonien würden es auf die Dauer 
nicht ertragen, englische Erzeugnisse unter mono- 

i6s 



polistischen Bedingungen zu beziehen ; und England, 
das keine erliebliclie Landwirtschaft betreibt und 
sich noch heute vor lediglich industriellen Zöllen 
fürchtet, weil sie die Lebensführung verteuern, wür- 
de die Einbeziehung des Gesamtbereichs aller Kon- 
summittel in die umfassende Zolleinheit sich nicht 
gefallen lassen. Die gewichtigen, im Vorangegan- 
genen erwähnten Bedenken hinsichtlich Gefährdung 
des Handels und der Märkte bleiben überdies in ver- 
stärktem Maße geltend. 

Von großer Bedeutung muß es aber erscheinen, 
daß von zwei ganz verschiedenen Seiten aus auf das 
gleiche Ziel hingearbeitet wird, wobei die Kolonial- 
partei mit großen Mitteln der Wühlerei und hohen 
Parolen sich bereits in Tätigkeit befindet, während 
die nach herkömmlichen ökonomischen Anschau- 
ungen vornehmlich interessierten Gruppen, näm- 
lich die der Industrie, einstweilen noch zögern, aus 
der Deckung hervorzutreten und sich den Bundes- 
genossen zu vereinigen. 

Als außenstehende Beurteiler können wir die eng- 
lische Schutzzolltendenz nur als verkehrt betrachten, 
als industrielle Interessenten sie als schädlich emp- 
finden; es stehen uns aber keine Mittel zu Gebote, 
sie abzulenken. Und wenn man auch im allgemeinen 
die englische Politik als vorbildlich insofern be- 
zeichnen darf, als sie stets, gleichsam instinktiv, 
die wahren Bedürfnisse der Nation erfaßt und 
besorgt hat, so ist der Fall doch nicht auszu- 
schließen, daß in Zeiten der Verlegenheit starke 
Konstellationen vermeintlicher Interessen die Ent- 
schlüsse bestimmen. 



i66 



Rückwirkungen 

So sehen wir England Keute von zwei schweren 
Sorgen erfüllt: der wirtschaftlichen und der 
kolonialen, denen zwei Mittel der Abhilfe gegen- 
überstehen ; das eine — Schutzzoll — grundsätzlich 
durchaus durchführbar, aber vermutlich nicht heil- 
sam; das andere — Flottenvermehrung — zweck- 
entsprechend und geeignet, vielleicht aber nicht 
so bequem durchführbar, wie es auf den ersten 
Blick erscheint. Zwar ist die englische Flotte außer- 
ordentlich volkstümlich, der höchste Stolz der Na- 
tion; ihre Besatzung findet in der maritimen Be- 
völkerung reichlichen Nachwuchs; der Schiffbau 
ist unübertroffen; die Mittel zur Erhaltung und 
Verstärkung sind stets aufs freigebigste vom Par- 
lament bewilligt worden — aber das Land ist heute 
nicht mehr so ausgabefroh wie früher, und opferwil- 
lig ist es nie gewesen. Wenn auch die Staatsbilanz 
mit einer Schuldentilgung von i8 Millionen glän- 
zend erscheint, so ist der Überschuß doch nur eine 
Folge der Kriegssteuer, die noch immer gezahlt und 
ungern gezahlt wird. England könnte bei seinem 
großen nationalen Wohlstand ein erheblich ver- 
größertes Haushaltsoll ertragen; es will aber nicht 
höher besteuert sein, ebensowenig wie es die Last 
einer allgemeinen Wehrpflicht zu tragen gewillt ist. 
Dies verwöhnte Land macht seit Jahren schlechte 
Geschäfte und lebt nach unsern Begriffen über seine 
Verhältnisse : da sind neue Steuern die unliebsamste 
Ausgabe. So mußte auch die Heeresreform ein 
Stückwerk bleiben; sowohl die Einrichtung der 
Territorialarmee als die der Military Associations, 
die einen Teil der Lasten zu freiwilligen machen 

167 



sollen, scheinen Mißerfolge. Wenn daher auch häu- 
fig das Wort ertönt : „auf ein deutsches Schiff zwei 
englische", so äußert sich darin mehr ein Wunsch 
als ein Gelübde. Zweifellos kann England seine 
Flotte verstärken, wird sie verstärken und muß sie 
verstärken — aber das gegenwärtige maßlose Ver- 
hältnis der Übermacht kann auf die Dauer nicht er- 
halten bleiben. 

In hohem Maße beachtenswert ist es, daß beide 
Sorgen, die industrielle und die koloniale, den Blick 
der Nation nach Deutschland hinüberlenken. Hier 
sitzt der Konkurrent und der Rivale. Aus allen Un- 
terhaltungen mit gebildeten Engländern klingt es 
heraus, bald als Kompliment, bald als Vorwurf, 
bald als Ironie : ihr werdet uns überflügeln, ihr habt 
uns überflügelt. Und ein drittes gewichtiges 
Moment tritt hinzu, das wir uns in der 
Heimat nicht immer vergegenwärtigen: 
die Beurteilung Deutschlands, wie es 
sich dem Außenstehenden darstellt.' Man 
blickt von außerhalb in den Völkerkessel 
des Kontinents und gewahrt, von stok- 
kenden Nationen eingeschlossen, ein Vo 1 k 
von rastloser Tätigkeit und enormer phy- 
sischerAusdehnungskraft. Achthundert- 
tausend neue Deutsche jährlich! Jedes 
Jahrfünft eine zusätzliche Bevölkerung 
nahezu gleich der von Skandinavien oder 
der Schweiz! Und man fragt sich, wie 
lange das blutarme Frankreich dem 
Atmosphärendruck dieser Bevölkerung 
standhalten könne. 

So verkörpert und verörtlicht sich jede 
englische Unzufriedenheit — und es gibt 

j68 



deren genug seit dem letzten Kriege — im 
Begriffe Deutschland. Und was bei den Ge- 
bildeten als erwogeneÜberzeugungauftritt, 
das äußert sich beim Volke, bei der Jugend, 
in der Provinz als Vorurteil, als Haß und 
Phantasterei in einem Umfange, der weit 
über das Maß unsrer journalistischen Wahr- 
nehmungsfähigkeit hinausgeht. 

Es wäre schwächlich und oberflächlich, 
wollte man glauben, daß kleine Freund- 
lichkeiten, Deputationsbesuche oder Preß- 
manöver Unzufriedenheiten stillen können, 
die aus so tiefen Quellen fließen. Nurunsre 
Gesamtpolitik ist imstande, England wenig- 
stensdiesenEindruck zu verschaffen, daß von 
Deutschlands Seite aus keine Verstimmung, 
keine Furcht, kein Expansionsbedürfnis und 
keine Offensive besteht. Die Massen werden 
hierdurch nicht überzeugt, wohl aber die 
Regierungen im Bewußtsein ihrer Verant- 
wortung erhalten werden. 

Ist es zutreffend, daß seit dem Aufhören 
der Eroberungskriege es vorwiegend ratlose 
Verlegenheiten gewesen sind, die europä- 
ische Konflikte veranlaßt haben, so ergibt 
sich von neuem der Anlaß, nichts zu versäu- 
men, was zu r politischen Beruhigung beitra- 
gen kann; in demBewußtsein, daß mit jedem 
Jahr, das vergeht, das maritime Machtver- 
hältnis sich für uns günstiger gestaltet und 
hierdurch eine allmähliche Bekräftigung 
des Gleichgewichtes wiederum eintritt. 

Diese Arbeit wurde während eines längeren Aufenthalts in englischen Territorien im 
Sommer 1908 geschrieben und als Denkschrift dem damaligen Reichskanzler überreicht, 

169 



POLITIK, HUMOR UND ABRÜSTUNG 

Manto 
Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt. 



I. 



Im Schachspiel wird derjenige siegen, dem der 
stärkste Gegenzug zur Verfügung steht. Der 
stärkste Gegenzug abei ist dadurch gekennzeichnet, 
daß er nicht nur Absicht und Angriffsplan des Geg- 
ners durchkreuzt, sondern gleichzeitig dem eignen 
Spiel neue Aussichten und Stärken schafft. 

Eine dauernd defensive Staats- oder Geschäfts- 
politik muß Schaden leiden. Ein tüchtiger Ge- 
schäftsmann weiß, daß jeder Tag neue Schwierig- 
keiten und Mißhelligkeiten bringt, während uner- 
wartete Glücksfälle selten eintreten. Die Wirrnisse 
zu ordnen, die Unbequemlichkeiten zu beseitigen, 
genügt nicht: es müssen beständig neue Netze aus- 
geworfen werden, damit von hundert Losen eines 
gewinnt. Bei gleicher Einsicht und gleichem Fleiß 
wird von zwei Geschäftsleuten derjenige der erfolg- 
reichere sein, der die meisten Eisen im Feuer hat. 
Wer sich darauf beschränkt, die Widernisse des Tages 
auszugleichen und Welle für Welle ruhig abzuwarten, 
den trifft zuletzt eine, die ihn niederwirft. 

Hierin sind Staatsgeschäfte und Privatgeschäfte 
gleichzusetzen. Der Kaufmann fragt sich, wenn man 
ihm von Erfindungen oder Unfällen, von Ernten 
oder Gesetzesvorlagen erzählt : was kann ich darauf- 
hin machen ? und kauft oder verkauft, kündigt, leiht 
oder treibt ein, je nach seiner Meinung. Als man 
Bismarck die Nachricht vom zweiten Attentat 
brachte, fragte und klagte er nicht, sondern sagte 
bloß: jetzt haben wir sie! und meinte damit, über 
drei Gedankenschlüsse hinweg, den Zusammenbruch 
des Liberalismus. Das war vollkommene Genialität 
und Realpolitik: Genialität, weil im Handumdrehen 

173 



ein furchtbares und widerwärtiges Ereignis in das 
stärkste Trieb mittel des eignen Willens verwandelt 
wurde; Realpolitik nicht nur im herkömmlichen 
Sinne der illusionsfreien Zweckfolge, sondern vor 
allem in dem Respekt vor der Realität der entschie- 
denen Tatsache und der gegebenen Lage. Jede neue 
Tatsache macht in der Welt unzählige Aussichten 
zunichte ; sie erweckt aber auch unzählige neue zum 
Leben. Deshalb muß jede Tatsache in doppeltem 
Sinne geprüft werden: wie weit sie sich mit den 
früheren Absichten verträgt und wie weit sie neue 
Absichten zuläßt. 

Was bedeutet überhaupt geschäftliche oder po- 
litische Genialität ? Mir scheint, nichts andres, 
als daß in der Camera obscura des Geistes sich ein 
Weltbild darstellt, das alle wesentlichen Zusammen- 
hänge und Gesetzmäßigkeiten der Wirklichkeit un- 
bewußt wiedergibt, und das daher auch gewisser- 
maßen experimentell sich jederzeit verschieben läßt, 
so daß es innerhalb menschlicher Grenzen sogar das 
Bild der Zukunft aufweist. Dieser Vorgang der 
Weltbildung ist intuitiv und daher mühelos; er ist 
zwar an ein vorhandenes Erfahrungsmaterial gegen- 
wärtiger und vergangener Tatsachen gebunden und 
läßt sich durch Nachforschungen und Erhebungen 
ergänzen; aber er läßt sich nicht erzwingen. Nach 
außen wird daher politische Genialität erkennbar 
sein einerseits als Kraftüberschuß, Freiheit und 
somit als Humor im Sinne jener Bism.arckschen Re- 
gung (wenn unter dem Begriff des Humors die Sou- 
veränität gegenüber der Erscheinung verstanden 
werden darf) ; anderseits als zukunf twärts gewandter 
Blick, als Phantasie. Sicherlich muß hier Freiheit 
nicht mit Frivolität, Phantasie nicht mit Phantastik 

174 



verwechselt werden ; Frivolität ist unsittlich, Phan- 
tastik irreal. 

Politische Genialität aber wird nicht nur im Re- 
alen, sondern auch im letzten Sinne im Ethischen 
wurzeln : denn ihr Weltbild wäre nicht vollkommen, 
wenn es nicht auch den immanenten sittlichen Ge- 
setzen Raum schaffte. Freilich wird diese Sittlich- 
keit sich nicht darin äußern, daß man jeder prak- 
tischen Frage gewaltsam eine moralische Seite ab- 
zwingt, wodurch denn gemeinhin aus einem Gebiete 
möglichen Iirens zwei gemacht werden. 

Ein allzu sorgenvoller Kaufmann wird wenig 
Kredit erhalten, denn er läßt befürchten, daß seine 
Lebenskraft dem Gewichte der Widrigkeiten er- 
liegt, und daß es ihm an Hilfsquellen fehlt. Wer 
Schwierigkeiten sucht, der wird wohl noch mehr 
finden, als er erwartet. Wer in allen kleinen Dingen 
eine ethische Seite sucht, setzt sich der Gefahr aus, 
in großen Dingen unethisch zu handeln. W^er jede 
neue Tatsache als einen Quell von Mühen und Un- 
zuträglichkeiten betrachtet, wird sich über Mangel 
an Gelegenheiten beklagen. 

Die beste Stimmung des Geschäftsmannes ist, 
wenn er sich sagt: es gibt keine Not, aus der sich 
nicht eine Tugend machen ließe. 

IL 

Die Bismarcksche Epoche hat uns in einem allzu 
saturierten Zustand hinterlassen. Deutsch- 
land glich einem Kaufmann, dem man für sein Ge- 
schäft viel Geld herausgezahlt hat, und den nun 
die Sorge, nichts zu verlieren, von neuen Unter- 
nehmungen abhält. Nachdem man bis 1870 ein 

17s 



ärmliches, etwas abenteuerhaftes, aber hoffnungs- 
volles Leben geführt hatte, erwachte man als wohl- 
habender, gesättigter Bourgeois; freilich in unbe- 
queme Grenzen eingeschlossen, die man vollkom- 
men ausfüllte und von nun an verteidigen sollte, 
und inmitten ähnlich gefestigter Existenzen, die 
die ihrigen verteidigten. Die Zeit der Expansion 
war vorüber, die geographische Lage beklemmt. 
Nun beging man einen unbegreiflichen Fehler, dessen 
Gleichnis zu suchen man weit in der Geschichte 
hinaufsteigen müßte: man gestattete der Volksstim- 
me eines Nachbarn, in jeder unbeschäftigten Stunde 
Racheschwüre auszustoßen, und gewöhnte sich in 
mißverstandener Höflichkeit daran, diesen merk- 
würdigen Zustand einseitiger Bedrohung als eine 
berechtigte Eigenart aufzufassen, bis er den Charak- 
ter eines allgemein gebilligten Gewohnheitsrechtes 
erhielt, das heute als eine der stärksten Wirklichkei- 
ten der Weltpolitik einen Teil unsrer Handlungs- 
fähigkeit lahmlegt. 

f Seit Bismarcks Abgang ist die deutsche Politik 
defensiv geblieben. Wir haben nicht ein einziges 
eigenes Aktivgeschäft abgeschlossen, und, was be- 
denklicher ist, nicht einmial eine größere aktive Auf- 
gabe für unsre Politik gefunden. Den zahllosen Be- 
teuerungen unsrer Friedensliebe hätten wir die 
beweiskräftige Formel hinzufügen können: weil 
wir nicht wissen, was wir uns wünschen sollen. Der 
größte Erfolg unsrer neueren Politik war dem letzten 
Amtsjahre des Fürsten Bülow beschieden : er be- 
stand in dem Turnier für Österreich gegen Rußland 
und betraf unsre Interessen somit nur mittelbar. 
Inzwischen dient uns die der Finanz, nicht der Po- 
litik entsprossene Bagdadbahn in freudvollen und 

176 



leidvollen Tagen als fröhlicher, wenn auch einsamer 
Wetterfrosch. 

Dankbar wurde es begrüßt, daß der fünfte Kanz- 
ler in seiner großen Rede über die Abrüstungsfrage 
das liberum arbitrium Deutschlands in weltgeschicht- 
lichen Dingen emporhob. Er verschaffte dem un- 
ausgesprochenen Gedanken Geltung, daß zu einer 
Zeit, in der das Gleichgewicht der Nationen noch 
nicht endgültig stabilisiert sei, Krieg und Frieden 
nicht in die Hände von Kommissionen gehöre. 

Um so mehr wird der erste Teil der Rede, die Be- 
handlung der Abrüstungsfrage, die man besser eine 
Kontingentierungsfrage nennen sollte, Enttäuschung 
erweckt haben, denn hier konnte man glauben, die 
freudlose Ablehnung einer unzeitigen Belästigung 
zu vernehmen, und sich somit in eine mißgestimmte 
Defensive zurückversetzt fühlen, wo vielleicht ein 
guter Einfall oder wenigstens eine hoffnungsvolle 
Mitwirkung uns und der Welt einen Dienst erwei- 
sen konnte. 

Denn abgesehen davon, daß das ungewöhnliche 
Interesse, das die Nationen der Frage entgegen- 
bringen, ganz unabhängig von ihrem Inhalt, an 
sich eine Realität bedeutet, die zugreifende Auf- 
merksamkeit verdient: in der Kontingentierungs- 
idee selbst liegt ein gesunder und keimkräftiger 
Kern. 

Der Umfang der Rolle, die ein Staat auf dem 
Welttheater zu spielen berechtigt ist, bestimmt sich 
zu jeder Zeit durch eine Reihe von Gegebenheiten 
geographischer, physischer und moralischer Ord- 
nung. Vorübergehend kann die tatsächliche Macht- 
sphäre die Grenze der natürlichen Berechtigung 
überschreiten oder unausgefüllt lassen; auf die 



X, xa 



177 



Dauer wird Macht und Machtberechtigung, Aus- 
dehnung und Ausdehnungsberechtigung sich die 
Wage halten. Mit 65 Millionen Einwohnern, star- 
kem Landheer, leidlicher Flotte, bedeutendem Ein- 
kommen, hohem Stande der Zivilisation, des tech- 
nischen Könnens und der ethischen Werte darf 
Deutschland territoriale und potentielle Ansprüche 
gegebenen Umfangs stellen; mit jeder Verschiebung 
eines dieser Faktoren ändert sich das Maß der Be- 
rechtigung, wenn auch die historische Gestaltung nur 
in Zeiträumen den Änderungen zu folgen vermag. 

Der Gesamtzustand der Wehrfähigkeit sollte, 
wenn möglich, ein genaues Abbild des inneren 
Machtbegriffes darstellen. Die Zahlen der Land- 
und Seeheere müssen zur Bevölkerungszahl, ihre 
Kampfmittel zum Volkswohlstand und zum Stande 
der Technik, ihre Ausbildung und Tüchtigkeit zur 
Zivilisation und Ethik im Verhältnis des Abbildes 
zur Wirklichkeit stehen. Freilich liegt in diesem 
Verhältnis ein subjektiver Faktor, den ich den An- 
spannungsfaktor nennen möchte; denn tatsächlich 
kann ein vergleichsweise schwacher Staat seine 
Kräfte eine Zeitlang über jedes verständige Maß 
hinaus anspannen und sich einen Verteidigungszu- 
stand schaffen, der seine Verhältnisse übersteigt, 
während ein starker Staat, wie z. B. Nordamerika, 
im Vertrauen auf seine geographische Lage seine 
Kampfmittel in einer für europäische Begriffe un- 
gewöhnlichen Schonung zu erhalten vermag. 

Der Anspannungsfaktor kann somit an sich ver- 
schieden sein; indessen ist es keine Frage, daß der 
zügellose Wettbewerb der Nationen die Wirkung 
haben muß, alle Anspannungsfaktoren dauernd zu 
steigern und somit möglicherweise über lang oder 

17B i 



kurz sie für den einen, den andern oder alle unerträg- 
lich zu machen. 

Es ist sicher schwierig, aber durchaus nicht hoff- 
nungslos, Mittel zu finden, um auf dem Wege der 
Kontingentierung die kriegerische Anspannung aus- 
zugleichen und in erträglichen Grenzen zu halten, 
und in diesem Sinne ist der Gedanke der Abrüstung 
keine leere Utopie, sondern eine moderne und brauch- 
bare Idee von entschiedener Tragweite. Gern gebe 
ich zu, daß möglicherweise die englischen Anreger 
ihren Vorschlag anders verstanden haben. Vielleicht 
wollten sie gar nicht Wehrkraft und innere Macht 
in ein dauerndes gesundes Verhältnis bringen, son- 
dern im Gegenteil die heutige internationale Kräfte- 
verteilung verewigen und jedem einen Rock schnei- 
dern, der mit der Zeit entweder zu eng oder zu weit 
werden muß; sie haben sich ja nicht allzu deutlich 
ausgesprochen. Gleichviel; in Geschäften muß man 
auch mißverstehen können; dann wird mitunter 
aus einem törichten Gedanken ein verständiger, 
man findet für freundliche Mitwirkung Anerken- 
nung und für gute Laune Belohnung. 

III. 

In seiner Rede hat der Kanzler auf das Beispiel 
industrieller Syndikate hingewiesen und somit 
an kaufmännisch geschultes Denken appelliert; es 
darf deshalb in einer Ausführung, der ohnedies der 
Vorwurf theoretischer Betrachtung schwerlich er- 
spart bleibt, der Versuch gemacht werden, zu er- 
mitteln, wie weit kommerzielle Denkformen sich 
auf das Abrüstungsproblem anwenden lassen. 
Zunächst würde man anstreben, das Problem klar 



I»» 



179 



zu umschreiben. Ist dies in dem Sinne geschehen, 
wie oben angeführt, daß es sich nicht um eine Rang- 
ordnung der Nationen handelt, nicht um eine mecha- 
nische Minderung der Kontingente, sondern viel- 
mehr um die Ermittlung eines Anspannungsver- 
hältnisses, um die Anpassung der Streitkräfte an die 
Leistungsfähigkeit, so erkennt man sofort, daß die 
Aufgabe in zwei Teile zerfällt : einmal die Bindung 
des materiellen Aufwandes an das Vermögen, so- 
dann die Bindung des Menschenaufwandes an die 
Bevölkerungszahl. 

Sogleich erhebt sich eine Schwierigkeit. Denn es 
fehlt uns an Methoden, das Vermögen, ja auch nur 
das Einkommen eines Landes genau rechnerisch 
zu ermitteln. Indessen ist uns eine Größe bekannt, 
die in gewissem Sinne gleichzeitig ein Abbild des 
Volks Vermögens und des Zivilisationsstandes dar- 
stellt : die Summe der öffentlichen Lasten, die sich 
aus allen direkten und indirekten Abgaben zusam- 
mensetzt. Diese Größe ist zwar nicht mit der End- 
summe der Staatshaushalte identisch : einmal, weil 
in Deutschland zum Beispiel gewisse Beträge in den 
Einzelhaushalten verrechnet werden, die im Reichs- 
budget wiederkehren, sodann weil von den Staats- 
monopolen in den verschiedenen Ländern nicht die 
Gesamtausgaben, sondern nur die reinen Über- 
schüsse einzusetzen sind. Immerhin lassen sich ohne 
grundsätzliche Schwierigkeit Verrechnungsweisen 
feststellen, aus denen mit genügender Genauigkeit 
die Summe der Staatsausgaben — natürlich mit 
Ausschaltung des Schuldendienstes — hervorgeht. 

Aufgabe nun wäre es, zu bestimmen, daß alle 
jährlichen Ausgaben für Land-, See- und Luftheer 
ein festes Verhältnis zur Gesamtausgabe des Staates 

i8o 



nicht überschreiten dürfen. Ein internationaler 
Rechnungshof hätte die Abrechnungen zu prüfen. 

Nach kommerziellen Erfahrungen läßt sich die- 
sem ersten Schritt ein zweiter anfügen: wenn man 
nämlich berücksichtigt, daß im allgemeinen solche 
Beschränkungen williger aufgenommen werden, die 
man nicht für die Gegenwart, sondern für die Zu- 
kunft und gewissermaßen auf Zuwachs bemißt. 

Geht man davon aus, daß in jedem Staat die 
Lasten für Heer und Flotte, auf den Kopf der Be- 
völkerung berechnet, einen gewissen Satz ausmachen, 
für den man etwa den in Deutschland bestehenden 
als Norm ansehen könnte ; bestimmt man nun, daß der 
anderthalbfache oder doppelte Betrag dieses Normal- 
satzes als Höchstgrenze zu gelten habe, die in gewissen 
Staffeln erreicht, aber niemals überschritten werden 
dürfe — so wäre eine Beschränkung geschaffen, die 
zwar für den Augenblick unwirksam bliebe, die viel- 
leicht aber schon nach einemMenschenalterdenDruck 
der Rüstungsopfer wesentlich erleichtern könnte. 

Rechnerisch übersichtlicher als die Anpassung 
des materiellen Aufwandes an den Volkswohlstand 
erscheint die Anpassung des menschlichen Aufwan- 
des an die Bevölkerungsgröße. Denn diese ist durch- 
weg aufs genaueste feststellbar und zumeist fest- 
gestellt, so daß es fast seltsam erscheinen müßte, 
wenn niemals der internationale Vorschlag gemacht 
worden sein sollte: ein Höchstverhältnis der jähr- 
lichen Aushebungen zur Bevölkerungszahl zu be- 
stimmen, für das etwa dasjenige Frankreichs, als 
ein besonders vorgeschrittenes, zu wählen wäre. 

Auch hier ließe sich die erste Beschränkung durch 
eine zweite steigern, indem man dazu schritte, so- 
wohl eine maximale Dienstzeit für Heer und Flotte, 

i8i 



wie auch eine obere und untere Altersgrenze des 
kriegstüchtigen Alters zu bestimmen. 

Es kann nicht die Aufgabe dieser in vier Sätzen 
gezeichneten Umrißlinie sein, ein internationales Ab- 
rüstungsprogramm einwandfrei und gebrauchsfertig 
zu entwerfen; es genügt, wenn dargetan erscheint, 
daß gerechte und verständliche Vorschläge sich 
finden lassen, die einer großen und entwicklungs- 
fähigen Macht keinen Abbruch tun, die eine freund- 
willige Mitarbeit in humanen Völkerfragen zu er- 
kennen geben und es andern überlassen, sich zu 
entdecken, sofern es diesen nicht um die Sache selbst, 
sondern um Nebenabsichten zu tun war. 

Gelingt es überdies, den Gedanken zu bekräftigen, 
daß in der Welt keine Tatsache und Realität in die 
Erscheinung treten kann, die, sei sie auch noch so 
verwirrend, sich nicht mit Lust und Humor zum 
Guten wenden ließe, so ist der Wunsch dieser Be- 
trachtung erfüllt. 



182 



STAAT UND JUDENTUM 
EINE POLEMIK 



I. 

Erwiderung auf einen Artikel des Herrn Ge- 
heimrat *** 

Herr Geheimrat *** hat sich in freier und vor- 
nehmer Art über die Judenfrage geäußert. Er 
beginnt mit einer objektiven und weitgefaßten Ana- 
lyse des jüdischen Geistes, kommt zu dem Schluß, 
daß eine Verschmelzung jüdischen Positivismus mit 
germanischer Transzendenz zu erstreben sei, und 
geht über zu den Ursachen der gegenwärtigen Ab- 
sonderung. 

Hier teilen sich unsre Wegr zum ersten Male, 
denn *** erblickt den Inbegriff der trennenden 
Faktoren in der Synagoge. 

Der heutige kultivierte Jude ist meines Erachtens 
weniger als irgend ein anderer zeitgenössischer Kul- 
turträger vom Dogmatisch- Religiösen abhängig. 
Er betrachtet seinen Väterglauben als einen ab- 
geklärten Deismus im Sinne der Philosophen des 
i8. Jahrhunderts, ist im mythologischen^ histori- 
schen, exegetischen, dogmatischen, ja selbst im 
rituellen Bereich der geschichtlichen Nationalreli- 
gion wenig bewandert, und tritt in der Regel nur 
anläßlich der sakramentalen Handlungen des Lebens 
in Berührung mit der Religionsgemeinschaft. Ein 
so lockeres Verhältnis schafft keine Absonderung; 
sonst müßte sie bei den weitaus glaubenseifrigeren 
Katholiken fühlbarer sein als bei den Juden. 

Die wahre Ursache der Trennung liegt in tiefer 
und alter Stammesabneigung. 

Die Abneigung der Juden gegen die Germanen 
war in der Zeit der materiellen Bedrückung lebhaft, 
ja leidenschaftlich. Seit zwei bis drei Menschen- 

I8S 



altern stirbt sie ab und weicht bei den jüngeren Ge- 
sch-lechtern einer rückhaltlosen Anerkennung der 
Nation, der sie den wertvollsten Teil ihrer Geistes- 
güter verdanken. 

Auf christlich-deutscher Seite ist die Abneigung 
bis vor etwa zwei Jahrzehnten stark angewachsen, 
und zwar in gleichem Maße wie die Zahl, der Reich- 
tum, der Einfluß, der Wettbewerb, das Selbstbe- 
wußtsein und die Schaustellung der Juden fühlbar 
wurde. Seit der letzten Antisemitenperiode scheint 
die deutsche Abneigung stetig geblieben, vielleicht 
um eine Kleinigkeit rückgebildet zu sein. 

Auf ein Erlöschen dieser Abneigung ist kaum zu 
hoffen, solange der Staat sie durch gegensätzliche 
Behandlung billigt, anpreist und rechtfertigt, und 
solange gewisse Stammeseigentümlichkeiten den 
jüdischen Deutschen seinem christlichen Lands- 
mann erkennbar und verdächtig machen. 

Es liegt nahe, den Juden anzuraten, durch eine 
energische Selbsterziehung, die schon seit einem 
Jahrhundert von vielen geübt wird, alle ablegbaren 
Seltsamkeiten zu beseitigen. Vor Jahren habe ich 
dies ausgesprochen in der Meinung, daß so die edel- 
sten Gegenkräfte des Antisemitismus geweckt und 
hiermit im eigentlichen Sinne Not zur Tugend 
werde. Doch habe ich mir nicht verhehlt, daß es 
hart ist, Opfer als Gegenleistung für Bedrückung 
zu verlangen, und daß dieses Volksopfer lange Zeit- 
läufte zu seiner Erfüllung braucht. 

*** stellt ein solches Verlangen nicht; er empfiehlt 
den Juden nichts weiter, als zum christlichen Glau- 
ben überzutreten. 

Trotz falscher Diagnose könnte immerhin das 
Heilmittel nützen. Versuchen wir daher einmal, 

i86 



vorurteilsfrei festzustellen, was einem aufgeklärten 
Juden unsrer Zeit die Taufe bedeutet. 

Ich glaube, daß die vier Evangelien dem gebilde- 
ten Juden so vertraut sind wie dem gebildeten 
Christen, und habe niemals einen Juden getroffen, 
der die Ethik des Neuen Testaments abgelehnt 
hätte. Einzelne glauben sie im Alten Testament 
enthalten, andere erkennen rückhaltlos ihre Über- 
legenheit über alle uns bekannten Sittenlehren an. 
Die Transzendenz des Christentums: Erlösung 
durch Liebe ist eine dem Judentum naheliegende 
Vorstellung, und die Göttlichkeit Christi im Sinne 
liberaler evangelischer Kirchenlehrer wird unter den 
Juden, die den Geist als Ausfluß der Gottheit fühlen, 
Bekenner finden. 

Anders liegt es mit dem Bekenntnis der Taufe, 
dem Apostolikum. Ich weiß nicht, wie viele er- 
wachsene evangelische Christen im Schöße ihrer 
Kirche verbleiben würden, wenn ihnen heute ein 
Modernisteneid im Sinne unbedingter Anerkennung 
des vorgeschriebenen Glaubensbekenntnisses zu- 
geschoben würde. Für den Juden liegt der Fall 
schwieriger : je selbstverständlicher ihm die inneren 
Heilswahrheiten der christlichen Glaubenslehre er- 
scheinen, desto entschiedener sieht er sich auf das 
eigentlich Trennende des Bekenntnisses, auf die 
dogmatisch-mythologischen Bestandteile als die 
eigentliche, zu überschreitende Grenzlinie hinge- 
wiesen, und es wird nicht leicht sein, seiner Emp- 
findung vernehmbar zu machen, weshalb diese über- 
wiegend nachevangelischen Sätze, wie die von der 
Himmel- und Höllenfahrt Christi, über seine und 
seiner Kinder Lebenslage entscheiden sollen. 

Dieser Konflikt wird von der staatlichen Kirche 

187 



empfunden und geflissentlich vertieft. Auf einer 
früheren Synodalversammlung wurde bei der Be- 
ratung der Bekenntnisfrage im Hinblick auf die 
Judenbekehrung offen ausgesprochen: es sei an der 
Zeit, die Türen zu schließen. Mit andern Worten: 
es sei angezeigt, die Gewissenszweifel jüdischer 
Proselyten zu benutzen, um ihnen den Zugang zur 
Kirche zu verstellen. Wieweit diese Taktik mit dem 
Geist der Evangelien zu vereinen ist, habe ich nicht 
zu beurteilen. 

Wiederholt hört man sagen, es gäbe evangelische 
Geistliche, die es mit dem Glaubensbekenntnis so 
streng nicht nähmen. Insbesondere erklären ge- 
taufte • Judenchristen fast übereinstimmend, in 
ihrem Falle sei es besonders milde hergegangen. 
Auf diese Betrachtungsweise einzugehen, verlohnt 
nicht. Sie steht auf der gleichen Stufe wie etwa eine 
Entschuldigung wegen Zollschmuggels in dem Sin- 
ne, daß der verantwortliche Beamte es an Vorsicht 
habe fehlen lassen. 

Bedeutsamer für das Verhältnis des zeitgenössi- 
schen deutschen Juden zur Taufe als die Frage des 
Bekenntnisses ist ein zweites Moment. Jeder Staats- 
bürger weiß, daß mit der Zugehörigkeit zum Juden- 
tume nur bürgerliche Nachteile, mit Übertritt zum 
Christentume erhebliche Vorteile verknüpft sind. 

Den Juden trifft ein sozialer Makel. In die Ver- 
einigungen und den Verkehr des besseren cJirist- 
lichen Mittelstandes wird er nicht aufgenommen. 
Zahlreiche Geschäftsunternehmungen schließen ihn 
als Beamten aus. Die Universitätsprofessur ist ihm 
durch stille Vereinbarung versperrt, die Regierungs- 
und Militärlaufbahn, der höhere Richterstand durch 
offizielle Maßnahmen. In den Jugendjahren eines 

l88 



jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen 
Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert : wenn 
ihm zum ersten Male voll bewußt wird, daß er als 
Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist, und 
daß keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus 
dieser Lage befreien kann. 

Gleichzeitig aber erfährt er, daß ein Glaubensakt, 
gleichviel ob innerlich gerechtfertigt oder äußerlich 
herbeigeführt, seine Abstammung zu verdunkeln, 
seinen Makel zu tilgen, seine bürgerlichen Nachteile 
zu beseitigen vermag. 

Daß der generationsweise wiederkehrenden, täg- 
ich erneuten Versuchung, die dieser eigenartige 
Ausfluß unsrer Staatsweisheit herbeiführt, ein ver- 
hältnismäßig kleiner Prozentsatz der deutschen Ju- 
den erliegt, offenbart meines Erachtens die stärkste 
Eigenschaft des modernen Judentums. Ich weiß, 
daß Menschen, die sich von ganzem Herzen zum 
Christentume hingezogen fühlen, auf die äußere 
Zugehörigkeit verzichten, weil sie mit Belohnung 
verbunden ist. Diesem Verzicht liegt die Über- 
zeugung zugrunde, daß ein ideeller Schritt seine 
Reinheit verlieren muß, wenn er zu materiellen Vor- 
teilen führt; eine Erwägung, die nicht ganz zu der 
Vorstellung paßt, die man gemeinhin von der kühlen 
Berechnung des jüdischen Geistes sich bildet. 

Die Forderung der Taufe enthält somit für den 
gebildeten und gewissenhaften Juden eine doppelt 
schwere Zumutung: sie legt ihm auf, ein altertüm- 
lich-dogmatisch gefaßtes Glaubensbekenntnis ab- 
zulegen, von dem er weiß, daß gerade die Verlegen- 
heit, die es ihm bereitet, zur Beibehaltung beiträgt; 
sie legt ihm ferner auf, sich als einen Menschen zu 
smpfinden, der von der Ablehnung seines Väter- 

189 



glaubens geschäftlich oder sozial profitiert; und zu 
guter Letzt nötigt sie ihn, durch den Akt löblicher 
Unterwerfung sich einverstanden zu erklären mit 
der preußischen Judenpolitik, die nicht weniger be- 
deutet, als die schwerste Kränkung, die ein Staat 
einer Bevölkerungsgruppe zuzufügen vermag. Denn 
man vergleiche alle Maßnahmen, die von der preu- 
ßisch-deutschen Politik gegen Volksgruppen selbst 
in der Gegenwehr oder im Zorn ergriffen worden 
sind, gegen Polen, Weifen, Dänen, Elsässer : niemals 
hat man gewagt, eine dieser Gruppen in ausnahms- 
loser Gesamtheit sozial zu entwürdigen. 

In diesem Zusammenhange darf und muß es aus- 
gesprochen werden: die der preußischen Judenpoli- 
tik zugrunde liegenden Vorstellungen sind rück- 
ständig, falsch, unzweckmäßig und unsittlich. 

Rückständig: denn alle Nationen westlicher Kul- 
tur haben diese Vorstellungen aufgegeben, ohne 
Schaden zu erleiden. 

Falsch: denn Maßnahmen, die gegen eine Rasse 
gedacht sind, werden gegen eine Religionsgemein- 
schaft gerichtet. 

Unzweckmäßig: denn an die Stelle der offenkun- 
digen Verjudung, die bekämpft werden soll, tritt 
die latente, und zwar auf Grund einer üblen Aus- 
lese; gleichzeitig wird eine große, konservativ ver- 
anlagte Volksgruppe in die Opposition getrieben. 

Unmoralisch: denn es werden Prämien auf Glau- 
benswechsel gesetzt und Konvertiten bevorzugt, 
während hunderttausend Staatsbürger, die nichts 
anderes begangen haben, als ihrem Gewissen und 
ihrer Überzeugung gefolgt zu sein, in ungesetzlicher 
Weise und durch kleine Mittel um Bürgerrechte ver- 
kürzt werden. 

190 



Ich. wage fast zu hoffen, daß Geheimrat 
hierin recht geben wird: wenn man die Wahl hat, 
eine ungesunde und unhaltbare Staatsraison zu be- 
seitigen oder eine halbe Million Menschen zum 
Glaubenswechsel zu bewegen, so sollte man es zu- 
nächst einmal mit dem einfacheren Mittel versuchen. 

Die deutschen Juden tragen einen erheblichen Teil 
unsres Wirtschaftslebens, einen unverhältnismäßigen 
Teil der Staatslasten und der freiwilligen Wohlfahrts- 
und Wohltätigkeitsaufwendungen auf ihren Schul- 
tern. Sie hätten die Mittel in der Hand, um eine un- 
vernünftige Staatsräson in kürzester Zeit unmöglich 
zu machen. Daß sie in weit überwiegender Zahl staats- 
fördernd gesinnt bleiben, beweist einen Gemütszug, 
der praktischem Christentum nicht unähnlich sieht. 

Wie dem auch sei : die preußische Judenpolitik hat 
ihre Glanzzeit überschritten, die mit dem Kampfe 
Bismarcks gegen den Liberalismus zusammenfiel. 
Ein Industriestaat von der Bedeutung unsres Reiches 
bedarf aller seiner Kräfte, der geistigen und ma- 
teriellen ; er kann auf einen Faktor wie den des deut- 
schen Judentums nicht verzichten. Noch ehe ein 
Jahrzehnt vergeht, wird der letzte Schritt zur Eman- 
zipation der Juden geschehen sein. 

Man kann nicht sagen, daß die deutschen Juden 
das erste Jahrhundert ihrer beginnenden Freiheit 
schlecht angewendet haben. Kulturell und materiell 
haben sie zum Wohl ihres Vaterlandes beigetragen. 
Ist der Makel sozialer Ungleichheit getilgt, so ist 
damit auch der offizielle Teil der Volksabneigung 
gegen die jüdischen Deutschen beseitigt und der 
Weg zum herzlichen Verständnis gebahnt. Un- 
dankbarkeit und Herzlosigkeit sind niemals Fehler 
des semitischen Blutes gewesen. 

191 



IL 

Sendschreiben an Herrn von N. 

Ihre Ausführungen haben mich deshalb interes- 
siert und angezogen, weil sie in knapper, klarer 
und ehrlicher Sprache die normale Auffassung des 
preußischen Staatsbeamten, Offiziers und Standes- 
herrn, somit des herrschenden Preußentums, dar- 
legen. Dieses Preußentum liebe und bewundere ich 
als Preuße und als Mensch ; das kann mich aber nicht 
hindern, es mit offenen Augen anzuschauen und 
rückhaltlos die Stimme zu erheben, wenn es mir 
zu irren oder zu fehlen scheint. Hierbei darf ich 
das Vorrecht ausreichender Unparteilichkeit, das 
ich Ihnen gern zugestehe, auch für mich bean- 
spruchen. Vor einigen zwanzig Jahren hätte es mir 
Freude gemacht, Soldat bleiben zu dürfen; heute 
ist mein Alter und mein Tätigkeitskreis nicht mehr 
derart, daß der Wunsch nach staatlicher Förderung 
mich beunruhigen könnte. 

Ihre Darlegung steht und fällt mit der Behaup- 
tung, daß der deutsche Jude anders geartet und in 
entscheidenden Eigenschaften weniger wert sei als 
sein uransässiger Landsmann, daß seine staats- 
erhaltende Veranlagung und seine staatsfördernde 
Befähigung nicht zureiche. Die weiteren Voraus- 
setzungen: daß ein gesitteter Staat berechtigt sei, 
ihm unbequem scheinende Elemente mit kleinen 
und unverfassungsmäßigen Mitteln zu bekämpfen, 
daß er „den Sack schlagen und den Esel meinen" 
dürfe, das heißt, eine Religionsgemeinschaft ab- 
wehren, um eine Blutsgemeinschaft fernzuhalten; 
daß er Gewissenskonflikte seiner B ürger schüren dürfe, 
indem er auf Glaubenswechsel Prämien setzt; daß er 

192 



überzeugungstreu Gebliebene benachteiligen dürfe 
zugunsten mobilerer Elemente — diese Voraussetzun- 
gen, die mir durchaus nicht einwandfrei erscheinen, 
treten gegen den ersten Satz in den Hintergrund. 

Ich müßte demnach wohl den Nachweis zu er- 
bringen suchen, daß die deutschen Juden nicht „in 
jeder Beziehung anders gestaltet", daß sie nicht, 
praktisch betrachtet, menschlich und staatlich min- 
derw^ertig sind. 

Ich verzichte darauf, diesen Beweis anzutreten. 
Nicht deshalb, weil es hart ist, daß jemand, dessen 
Vorfahren, Familie und Person sich seit Menschen- 
altern redlich bemüht haben, dem Lande zu nützen, 
seinen Bürgern Arbeit zu schaffen und seine Wirt- 
schaft zu heben, sich gegen den Vorwurf wehren 
muß, minderwertiger Insasse zu sein. Ich bin der 
Kritik und Selbstkritik zugänglich und habe sie in 
der von Ihnen erwähnten Schrift geübt, indem 
ich den deutschen Juden minderer Kultur eine 
Reihe von äußeren Schwächen und Mängeln vor- 
hielt. 

Ich verzichte deshalb, weil die Ablenkung auf 
allgemeine Prinzipienfragen den Tod jeder real- 
politischen Erörterung bedeutet. 

Nur drei Bemerkungen zu der Minderwertigkeits- 
frage seien mir im Vorübergehen gestattet. 

Erstens. Meines Erachtens sollte niemals ein 
Einzelner ein Verdammnisurteil über einen ganzen 
Kulturstamm aussprechen. Wie oft Ist von Fran- 
zosen und Engländern über Deutsche, von Deut- 
schen über Franzosen und Engländer, über Polen, 
Russen, Österreicher, Italiener der Stab gebrochen 
worden. Solche allgemeine Kritiken haben nicht 
den Wert politischer Urteile, denn sie sind getrübt 

X.X3 193 



durch die Begrenztheit der Erfahrung, durch per- 
sönliche Vorliebe und Abneigung und häufig durch 
zufällige Erlebnisse. Den Juden gegenüber wird 
das Urteil vorwiegend zum Identitätsurteil: denn 
in der Regel wird nur der unkultivierte Jude als 
Jude erkannt und getadelt. 

Zweitens. Juden erscheinen als neuerungsliebend 
nur da, wo man sie schlecht behandelt, und das ist 
menschlich. Das Gegenteil wäre Charakterlosigkeit. 
In Ländern der Gleichberechtigung, in England, 
Frankreich, Italien, Amerika gehören sie zu den 
staatlich positivsten Elementen. Daß das Judentum 
überhaupt besteht, verdankt es dem strengsten Kon- 
servatismus, den die Geschichte kennt. 

Drittens. Sie schätzen die Intelligenz der Juden. 
Ich teile Ihre Ansicht, daß Intelligenz erst in Ver- 
bindung mit ethischen Werten Bedeutung erhält. 
Mangelt es den Juden nun in so hohem Maße an 
ethischen Werten, daß sie deshalb zur Ausübung 
jeglicher staatlichen Autorität unmöglich wären, 
so müßte sich dieser Mangel wissenschaftlich, stati- 
stisch, geschichtlich fassen lassen. Polen, Slowe- 
nen, Rumänen, Serben, sie alle sind regierungsfähig : 
die Juden sind es nicht. Oder sind sie es am Ende 
doch ? Verdankt nicht England seine Imperialpolitik 
einem Juden, dessen Standbild vor der Westminster- 
kirche steht ? Haben nicht Frankreich, Italien, Ruß- 
land, Österreich und sogar Preußen ein paar ganz 
tüchtige Minister jüdischen Blutes gehabt ? Im 
westlichen Auslande sind weit mehr Stammesdeut- 
sche als Juden ansässig. Wie wäre es, wenn am Ende 
gar die Statistik der Regierenden zugunsten der 
Juden ausschlüge ? 

Aber genug hiervon. Ich weiß, daß Sätze von 

194 



einer gewissen Allgemeinheit nicht widerlegbar 
sind, und will deshalb getrost für den Augenblick 
einmal annehmen, die Juden seien ethisch, poli- 
tisch, sozial ein minderwertiges Element, somit er- 
heblich tiefer stehend als etwa die österreichischen 
Polen und Tschechen. Was bedeutet dies — um 
Ihrer wissenschaftlichen Anschauungsweise zu fol- 
gen — wissenschaftlich ? 

Zur Bekleidung eines höheren militärischen, 
richterlichen oder gouvernementalen Amtes in 
Preußen sind gewisse Vorbedingungen der Erzie- 
hung, der Bildung, des Charakters und des Phy- 
sischen entscheidend. Nicht alle Preußen erfüllen 
diese Bedingungen. Nehmen wir also das Verhältnis 
der Regierungsfähigen auf 20 Prozent an, so können 
wir bei wissenschaftlicher Betrachtung nicht mehr 
tun, als das gleiche Verhältnis bei den Juden auf die 
Hälfte, also auf etwa 10 Prozent herabzusetzen. Was 
bestimmt nun die preußische Verwaltungspraxis 
dazu, diese 10 oder x-Prozent einfach zu ignorieren ? 

Ihre Ausführungen zeigen genügend Geschmack 
und Aufrichtigkeit, um zu erklären, weshalb Sie 
das landläufige Argument verschmäht haben: der 
jüdische Vorgesetzte hat keine Autorität. So viel 
Autorität wie der getaufte Jude darf der ungetaufte 
unter allen Umständen beanspruchen. Wäre es 
anders, so hieße das: der Untergebene treibt Reli- 
gionsverfolgung auf eigene Faust, und die Remedur 
hätte bei ihm zu beginnen. 

Ein anderer Einwand wäre plausibler: der Pro- 
zentsatz der Verantwortungsfähigen unter den Ju- 
den ist gleich Null oder verschwindend klein. Hier 
kann ich mich auf kein besseres Gegenzeugnis be- 
rufen als auf das der preußischen Regierung. Sie 

>s* 195 



bestellt und befördert jährlich Dutzende von Juden, 
die durch die Taufe weder an Fähigkeit noch an 
Zuverlässigkeit gewonnen haben. Sie bekleidet 
diese Schützlinge mit aller ihr zustehenden Autori- 
tät, übernimmt die Verantwortung für ihre Amts- 
handlungen — und fährt nicht ein mal schlecht dabei. 

Dies führt mich zur Erledigung eines dritten Ein- 
wandes, desjenigen, den Sie zu dem Ihren gemacht 
haben: das Eindringen des jüdischen Geistes muß 
verhindert werden. 

Gäbe es unter den kultivierten Juden einen sol- 
chen jüdischen Geist, so hätte er den mit Juden 
reichlich verschwägerten preußischen Adel und die 
mit getauften Juden stark durchsetzte Staatsbeam- 
tenschaft längst ergriffen. Sie werden ebensowenig 
wie ich Klagen darüber gehört haben, daß durch 
Männer wie Simson, Friedberg, Friedenthal, Moß- 
ner die preußische Justiz, Verwaltung und Armee 
mit sogenanntem jüdischen Geist infiziert wor- 
den sei. 

Die Tatsachen liegen einfach und mit klaren Wor- 
ten gesagt wie folgt : 

Die Regierung wehrt sich gegen das jüdische 
Element und schützt Unbrauchbarkeit der Juden 
vor. Die Religionsfrage spielt, wie sie selbst zuge- 
steht, keine Rolle. 

Nun hat sie aber nicht die Courage oder nicht 
die Findigkeit gehabt, sich der getauften Kategorie 
zu erwehren, und die Brauchbarkeit dieser Kategorie 
beweist a fortiori die Brauchbarkeit der ungetauften 
und somit die Unwahrhaftigkeit des Vorwandes. 

In dem neulich veröffentlichten Aufsatz habe ich 
es vermieden, die letzten Ursachen dieser hilflos- 
brutalen politischen Tendenz zu erörtern, denn 

196 



meine Ausführungen waren nicht gegen sie gerichtet, 
sondern gegen den etwas zu handgreiflichen Vor- 
schlag des Herrn Geheimrats *** : alle Juden möch- 
ten sich taufen. Da Sie, verehrter Herr v. N., den 
Regierungsmaßnahmen, meines Erachtens unzutref- 
fende, ideelle Motivierungen unterstellen, so muß 
ich erwidern, daß die wahren Ursachen lediglich 
in der Furcht der in Preußen herrschenden Klasse 
vor liberalem Wettbewerb zu finden sind. 

Die Judenpolitik ist nichts weiter als der letzte 
Ausdruck der gegen Unzünftige gerichteten In- 
teressenpolitik der beiden herrschenden Kasten. Sie 
selbst sagen mit dankenswerter Offenheit : „Unsre 
Familien haben den preußischen Staat geschaf- 
fen, wir arbeiten seit zweihundert Jahren daran, 
wir sollen nun Ihnen eine führende Hand an der 
Staatsmaschine lassen?" 

Ich antworte Ihnen darauf offen und ohne eine 
Spur von Ironie: Dies ist das einzige Argument, 
das sich hören läßt, für das ich ein gutesTeil Sympathie 
hege, und das einer Verständigung zugrunde gelegt 
werden kann. Es ist richtig, daß der preußische Adel 
das leider absterbende alte Preußentum geschaffen 
hat, es ist richtig, daß er einen prächtigen, zum Re- 
gieren im älteren Sinne überaus geeigneten Stamm 
bildet, es ist hart, daß er seine hundertjährigen Vor- 
rechte, mit wem es auch sei, teilen soll. 

Begnügen Sie sich mit diesem starken Argument, 
das zum Verständnis und zum Herzen spricht, und 
bedecken Sie es nicht mit dem Mantel einer Stam- 
meskritik, die bei einzelnen auf Grund zufälliger 
Erlebnisse und begrenzter Erfahrung echt sein mag, 
die aber im Angesicht von tausend persönlichen 
Freundschaften und Ehebündnissen zerflattert. 

197 



Denn trotz mancher Schwäclien, die StandesKerren 
und Emporkömmlinge sich wechselweise vorzuwer- 
fen haben, vertragen Adel und Judenschaft sich 
gar nicht so schlecht, und die Ägis der Stammes- 
feindschaft wird vorwiegend nur dann geschüttelt, 
wenn InteresscD aufeinanderplatzen. 

Sagen Sie uns offen und ehrlich: wir fürchten 
eure Konkurrenz; bekämpfen Sie uns, wenn Sie 
wollen, aber mit ritterlichen Waffen. Beschimpfen 
Sie uns nicht. Nicht Sie blicken in unsre Herzen, 
und es ist das härteste, was der Mensch dem Men- 
schen zurufen kann, wenn er sagt : Dein Blut, deine 
Seele, deine Gesinnung" hat keinen Teil an unsrer 
Gemeinschaft, du bist und bleibst anders geartet, 
unedel, fremd. 

Den Kampf aber werden Verhältnisse entschei- 
den, nicht Menschen. Eine aufrichtige und un- 
sittliche Politik kann keinen Bestand haben, die 
preußische Judenpolitik aber wird noch früher an 
ihrer Unzweckmäßigkeit scheitern als an ihrer Un- 
gerechtigkeit. 

Hier muß ich nochmals auf Ihr Wort zurück- 
greifen: „Unsre Familien haben den preußischen 
Staat geschaffen." 

Als Ihre Familien den Staat schufen, da trugen 
sie ihn auch, denn der Staat war ein Agrarstaat, und 
sie besaßen den Grund und Boden. Heute tragen 
sie ihn nicht mehr, denn Preußen sowohl wie das 
Reich sind Industriestaaten geworden; die Land- 
wirtschaft kann die achtmalhunderttausend Deut- 
schen, die jährlich geboren werden, weder beschäf- 
tigen noch ernähren. Noch weniger kann sie die 
Lasten erschwingen, deren Staat und Reich zu ihrer 
Erhaltung und Verteidigung bedürfen. 

198 



Wert und Bedeutung der Landwirtschaft lasse 
ich unangetastet. Sie aber werden nicht leugnen 
können, daß Handel und Industrie, die entscheiden- 
den Faktoren unsrer Wirtschaft, auf dem Bürger- 
tum und nicht zum mindesten dem jüdischen Bür- 
gertum beruhen. Und deshalb können Sie den Ele- 
menten, die die Wirtschaft erhalten, auf die Dauer 
nicht die Mitwirkung an der Verwaltung versagen. 

Regieren ist heute nicht mehr dasselbe, was es 
vor hundert Jahren war. Es ist nicht mehr patri- 
archisches Verwalten anvertrauter Menschen und 
Dinge. Regieren heißt heute: führen und Initia- 
tive ergreifen; diese Initiative muß ethisch und 
ideell, sie muß aber auch geschäftlich sein. 

Gleichzeitig ist die Kriegführung zur Technik 
geworden. Sie beruht nicht mehr allein auf Manns- 
zucht und Bravour; Erfindungsgabe und Initiative 
geben den Siegen der neueren Zeit eine intellektuelle 
Färbung. 

Die bewährten Stärken unsrer beiden regierenden 
Kasten, des erblichen Beamtentums und des Adels, 
sind Treue, Zucht und Überlieferung. Ob diese Ge- 
schlechter auf der ganzen Linie einzuschwenken und 
den neuen Aufgaben gegenüber Front zu machen 
vermögen, ist mehr als zweifelhaft, denn Über- 
lieferung und Neuerung schließen bis zu einem ge- 
wissen Grade einander aus. Bei Aufgaben vorwie- 
gend geschäftlichen Charakters, welche aus kolo- 
nialen, auswärtigen und finanziellen Problemen sich 
ergeben, hat die preußische Verwaltungstradition 
schon mehrfach versagt. 

Ein Volk von .fünfundsechzig Millionen Men- 
schen kann verlangen, daß die führenden Stellen 
im Staatswesen von allerersten Talenten, die ver- 

199 



antwortlichen Stellen von befähigten Spezialisten 
besetzt werden. 

Tausend herrschende Familien können selbst bei 
hoher und spezialisierter Begabung weder an Zahl, 
noch an Beschaffenheit den gewaltig gesteigerten 
Verbrauch an Verwaltungskräften decken. Kein 
gerecht denkender Mensch wird diesen Familien 
ihre Verdienste zu schmälern, ihre entschiedene Mit- 
wirkung bei den höchsten Staatsaufgaben zu be- 
seitigen wünschen. Wollen sie aber dauernd die 
Staatsmaschine monopolisieren, so werden die Ver- 
hältnisse sich stärker erweisen und diejenigen Ab- 
hilfen eintreten lassen, die den widerspenstigen Kon- 
servatismus Preußens schon mehrmals, wenn auch in 
hartem Anstoß, zurechtgerückt haben, und die man 
demgemäß sehr wohl als Fügungen bezeichnen durfte. 

Deshalb bleibe ich bei meiner Überzeugung und 
Zuversicht: der Staat kann auf keine seiner geistigen 
und sittlichen Kiäfte verzichten; er muß und wird 
dem Bürgertum im weitesten Sinne, und somit auch 
den Juden, die Mitwirkung an den gemeinsamen 
Arbeiten zugunsten des Staatswohls gewähren, und 
dies in kürzerer Zeit, als die Beteiligten annehmen. 
Erkannte Notwendigkeiten schreiten rasch zur Er- 
füllung; jetzt ist der Zeitpunkt, sie auszusprechen. 

III. 

Erwiderung auf das Schreiben eines be- 
freundeten Grundbesitzers 

Erstaunt war ich, das volkstümdiche Kennwort 
des „Staates im Staat'' von meinem Freunde 
aufgenommen zu sehen; denn er selbst blickt auf 
seiner und seiner Gemahlin Seite auf zwei stattliche 

200 



Reihen jüdischer Vorfahren zurück, deren nationale 
Gesinnung bekannt ist. Gleichviel. Sehen wir zu, 
was die Lehre von der Internationalität der Juden 
bedeutet. 

Schwerlich gibt es heute noch einen ernsten Be- 
urteiler, der behauptet, im Kriegsfall möchten sich 
die deutschen Juden auf "die Seite des Feindes stellen. 
Ebensowenig habe ich je den Vorwurf gehört, sie 
hätten gelegentlich in Friedenszeiten mit einer aus- 
wärtigen Macht zu liebäugeln oder anzuzetteln ge- 
sucht, um Deutschlands Stellung oder Politik zu er- 
schüttern. 

Die Sinnlosigkeit der Unterstellung wird doppelt 
einleuchtend, wenn man die unvorsichtigen Ver- 
gleiche mit Polen, Elsässern und Dänen prüft, denn 
diese Vergleiche enthüllen sich als Gegenbeweise. 
Polen, Elsässer and Dänen blicken auf außerdeut- 
sche politische Zentren; die Polen auf ihr altes 
Königreich, die Elsässer auf Frankreich, die Dänen 
auf Dänemark. Wollte man unter den Juden selbst 
den geringen Einschlag der Zionisten politisch 
fassen, so könnte man nur sagen, daß es sich um ein 
Auswanderungsideal handelt. Eine Absplitterung 
deutscher Landesteile zugunsten eines jerusalemiti- 
schen Staates hat wohl noch niemand befürwortet 
oder befürchtet. Es bleibt also für die überwiegende 
Mehrzahl der Juden die Tatsache offenkundig, daß 
sie außerhalb des Reiches kein politisches Zentrum 
oder Ideal kennen, während die deutschen Katholi- 
ken, deren Nationalitätsgefühl kaum angezweifelt 
werden dürfte, jenseits der Alpen ein anerkanntes 
religiöses Zentrum verehren, das sich politisch durch- 
aus nicht immer teilnahmslos verhält. 

Während man nun ganz mit Recht Polen, Elsässer 

20I 



und Dänen als gutgläubig national so lange aner- 
kennt, bis sie selbst den Gegenbeweis erbringen, 
hat man sich in aller Ruhe daran gewöhnt, die Juden 
ohne die Spur eines Anhalts des Antinationalismus 
zu beschuldigen und ihnen den Rechtfertigungsbe- 
weis zuzuschieben ; ja man geht, wie die Ausführun- 
gen meines Freundes zeigen, noch weiter und hält 
den durch bürgerliche Minderung bestraften Un- 
verdächtigen drohend das Beispiel der verdächtigen 
und unbestraften Fremdnationalen entgegen. 

Der Jude soll durch die Taufe den Nachweis 
der Loslösung erbringen; Loslösung wovon? Von 
seiner Familie ? Seiner Religion ? Nein : von seiner 
Nation. Wo liegt diese ? Gewerbsmäßige Antise- 
miten haben den Humor, zu antworten: in der Al- 
liance Israelite; indem sie nämlich eine wenig be- 
kannte internationale Wohltätigkeitsanstalt mit den 
Schrecken des Freimaurertums ausstatten. Was 
würden wohl die deutschen Katholiken antworten, 
wenn man von ihnen verlangte, sie möchten durch 
Übertritt zur evangelischen Kirche den Nachweis 
ihrer Loslösung von ausländischen Religionsorgani- 
sationen erbringen? 

Ich will meinen Widerpart nicht dialektisch wider- 
legen, sondern mich mit ihm verständigen. Des- 
halb komme ich ihm einen Schritt entgegen und 
nehme an, er habe folgendes gemeint: die Juden 
stellen die Einheit der Abkunft, die Einheit der 
Religion und der Familie über die nationale Einheit; 
sie sind daher schlechte Staatsbürger. 

Der erste Teil des Satzes, den ich auf Grund mei- 
ner Erfahrung bei zivilisierten Juden aufs entschie- 
denste bestreite, läßt sich weder für diesen, noch 
für irgendeinen andern Volksteil beweisen oder 



202 



widerlegen, abgesehen davon, daß es eine unwürdige 
Zwecklosigkeit ist, seinem Mitmenschen in die tief- 
sten Falten seines Gewissens nachzuspüren. Poli- 
tisch entscheidend ist der zweite Teil : sind die Juden 
schlechte Staatsbürger, oder sind sie es nicht ? 

Da ist zunächst daran zu erinnern, daß wir nicht 
mehr im Zeitalter der Gefühlsbehauptungen, son- 
dern in einer wissenschaftlich forschenden Epoche 
leben. Die fanatische Beschuldigung der Brunnen- 
vergiftung und Hostienschändung führt heute nicht 
mehr Tausende zur Folter und zum Tode. Wir 
haben die Möglichkeit, Massenbeschuldigungen ver- 
suchsmäßig zu prüfen. Wo ist nun das Material 
politischer oder kriminaler Statistik, das auch nur 
den Verdacht schlechter Staatsbürgerschaft bei den 
Juden rechtfertigt ? Können fünf malhunderttausend 
leicht erkennbare, statistisch überwachte, scharf 
beobachtete Menschen ein nationales Vergehen so 
heimlich verbergen, daß kein Reagens sich trübt 
und kein Zeiger ausschlägt ? Und hat man das Recht, 
in einem wissenschaftlich genannten Zeitalter so 
unbewiesene, ja negativ widerlegte Massenbehaup- 
tungen zur Grundlage einer Politik zu machen ? 

Weiter. Die deutsche Judenschaft ist in Handel 
und Wandel, in Besitz und Kultur so eng an das 
Wohlergehen der deutschen Länder und des Deut- 
schen Reichs geknüpft, daß kaum ein andrer Teil 
des Volkes in gleichem Maße leiden würde, wenn 
die politische Macht Deutschlands sich senkte. Viele 
der kultivierten Länder bieten den Juden bessere 
wirtschaftliche Aussichten als Deutschland, fast 
alle bieten ihnen größere Rechte. Wenn sie dennoch 
ihr wirtschaftliches und kulturelles Dasein an das 
Land ihrer Heimat gekettet haben : ist es dann wahr- 

203 



scheinlich, daß sie dem Geschick dieses Landes gleich- 
gültig oder übelwollend gegenüberstehen ? 

Aber genug der negativen Beweise. Was ist denn 
eigentlich nationale Gesinnung und Betätigung? 
Besteht sie lediglich in unterwürfigen Redensarten 
oder aggressiven Liedern ? Dann gebe ich die der 
Juden gerne preis. Oder besteht sie in liebevoller 
und hingebender, aufopfernder und freier Kultur- 
arbeit zu Ehren und zum Segen des angestammten 
Landes ? Dann möge der aufstehen, der vor Gott 
und Gewissen behaupten kann, daß die deutschen 
Juden ihr Maß von Kulturarbeit nicht ehrlich und 
reichlich erfüllt haben, daß sie nicht mehr zu Deutsch- 
lands Hoheit, Glück und Ehre beigetragen haben als 
alle berufsmäßigen Antisemiten zusammengenom- 
men. In diesem Zusammenhang ziemt es kaum 
und beschämt es fast, vom Materiellen zu reden. 
Dennoch sei die Nebenfrage gestellt: was geschähe 
wohl, wenn die armselige halbe Million deutscher 
Juden einmal zehn Jahre lang die Mittel, die sie den 
Zwecken der allgemeinen Wohlfahrt, den Aufgaben 
der Forschung und den Werken der Kunst zuwendet, 
bis zum Eintritt besserer Zeiten aufspeichern woll- 
te ? Manches wohltätige Werk bliebe ungeschehen, 
manches Problem ungelöst, und die deutsche Kunst, 
so sagen mir einige ihrer hervorragenden Vertreter, 
könnte auswandern. 

Soviel von nationaler Gesinnung. Doch da ich 
im Zuge bin, möchte ich noch das Argument eines 
Staatsbeamten erwähnen, das mir der Beachtung 
wert schien. Er sagte : „Ja, wenn wir die Juden zu- 
lassen wo wollen wir die Grenze finden ?" 

Das, meine Herren, ist Ihre Sache. Stellen Sie 
hohe Anforderungen. Scheiden Sie unerbittlich 

204 



jeden aus, dessen Herkunft, Erziehung, Gesinnung 
Talent oder Charakter Ihnen den mindesten Zwei- 
fel läßt. Überwachen Sie die Ausgewählten mit 
doppelter Strenge. Und wenn das Material, das Ihrer 
gewissenhaften Prüfung standhält, noch immer 
Ihnen zu umfangreich erscheinen sollte: — dann 
freilich haben Sie recht gehabt, wenn Sie bei Ihrem 
notorischen Überfluß an Talenten in allen Ver- 
waltungszweigen bisher eine so schroffe Enthaltsam- 
samkeit üben. 

Zum Schluß möchte ich neben meinen Gegnern 
und Fürsprechern auch der Zahl derer danken, die 
mir versicherten, meinen Ausführungen könne man 
wohl beistimmen, an eine Änderung der bestehen- 
den Dinge könne jedoch in absehbarer Zeit nicht 
wohl gedacht werden. Gewiß, so scheint es. Aber 
bedenken Sie wohl : wenn heute im Land und Reich 
die Dinge anders lägen, die Vollberechtigung der 
Juden durchgeführt wäre, wie in England, Frank- 
reich, Italien, wer würde ihre Aufhebung beantra- 
gen ? Wer würde von solchem Antrag Erfolg er- 
warten ? 

Auf der Gewalt der Trägheit beruhen heute diese 
Dinge, nicht auf Sinn und Recht, Not oder Gesetz. 
Deshalb kann trotz Lauheit, Schwäche, Gleich- 
gültigkeit und Übelwollen die Minderung des Rechts 
und die Beugung des Gesetzes keinen Bestand haben. 
Und wenn wohlwollende Anhänger der Gewohnheit 
mich mit der Beständigkeit des Herkömmlichen ver- 
trösten, so antworte ich ihnen im Vertrauen auf 
eine immanente Gerechtigkeit: Das Herkömmliche 
an sich kann sich noch lange halten, auch wenn es 
schon seinen Sinn verloren hat; jedoch nicht mehr, 
wenn es zum Unrecht geworden ist. Wer es als Un- 

205 



recht erkannt hat und dennoch stützt, der macht 
sich zum Mitschuldigen. 

Von den Juden erhoffe ich, daß sie auch während 
der Dauer ihres Minderrechts unablässig an ihrer 
Selbsterziehung arbeiten, in allen guten Tugenden 
mit ihren christlichen Landsleuten wetteifern und 
in verdoppelter Liebe ihrem Lande dienen. Ihres 
guten, wohlerworbenen und ungesetzlich verküm- 
merten Rechtes mögen sie gedenken, nicht in Groll, 
aber in Zuversicht, Gott wird's richten. 

IV. 

Schlußbe merkung 

Eine unpolemische, aber persönliche Bemer- 
kung mag diese Kontroverse aufklärend be- 
schließen. 

Ich kämpfe nicht für den jüdischen Reserveleut" 
nant. 

Ich bedaure auch nicht den Juden, der sich staat- 
liche Verantwortung wünscht und sie nicht erhält. 
Wer Verantwortung sucht, der hat sie; vor sich, 
vor Menschen, vor Gott. Wer Einlaß erbittend sich 
an Stellen begibt, wo man ihn nicht haben will, 
tut mir leid; ich kann ihm nicht helfen. 

Ich kämpfe gegen das Unrecht, das in 
Deutschlandgeschieht, dennichsehe Schat- 
ten aufsteigen, wohin ich mich wende. Ich 
sehe sie,wenn ich abends durchdie gellen den 
Straßen von Berlin gehe; wenn ich die Inso- 
lenz unsres wahnsinnig gewordenen Reich- 
tums erblicke; wenn ich die Nichtigkeit 
kraftstrotzender Worte vernehme oder von 
pseudogermanischer Ausschließlichkeit be- 

206 



richten höre, die vor Zeitungsartikeln und 
Hof da menbe merkungen zusammenzuckt. 
Eine Zeit ist nicht deshalb sorgenlos, weil 
der Leutnant strahlt und der Attache voll 
Hoffnung ist. Seit Jahr zehnten hat Deutsch- 
land keine ernstere Periode durchlebt als 
diese; das stärkste aber, was ins olchenZeiten 
geschehen kann, ist: das Unrecht abtun. 

Das Unrecht, das gegen das deutsche Ju- 
dentum und teilweise gegen das deutsche 
Bürgertum geschieht, ist nicht das größte, 
aber es ist auch eines. Deshalb mußte es aus- 
gesprochen werden. Das beste aber wird 
sein, wenn je der von uns in sein menschliches, 
soziales und bürgerliches Gewissen hinab- 
steigt und Unrecht abtut, wo er es findet. 

19H 



207 



ENGLAND UND WIR 
EINE PHILIPPIKA 



I, X4 



Schicksalskriege sind Examina, die ein Staat durch- 
machen muß, um in eine höhere Klasse versetzt zu 
werden. Die Kriege des Großen Kurfürsten, Fried- 
richs des Großen, Wilhelms 1. haben Brandenburg- 
Preußen-Deutschland zum souveränen Staat, zur 
europäischen Macht, zur Großmacht und zur Welt- 
macht vorschreiten lassen. Eine kontinentale Hege- 
monie hat Deutschland unter Bismarck kurze Zeit 
ausgeübt; sie war nicht ausreichend befestigt und 
wurde uns genommen. 

Seitdem ist Deutschland zum volkreichsten, 
heereskräftigsten, reichsten und industriellsten 
Lande Europas erwachsen; seine Bevölkerung be- 
läuft sich auf 65 Millionen Menschen, sein Heer auf 
I V2 Millionen Streiter, sein Vermögen auf 300 Mil- 
liarden, seine Gütererzeugung auf 50 Milliarden Mark. 

Deutschland hat keine politischen Bestrebungen. 
Es begnügt sich mit einem knappen Sechstel des 
europäischen Einflusses, ist einverstanden, wenn 
Frankreich, das nur im Bodenumfang mit ihm* sich 
messen kann, gelegentlich die entscheidendere 
Stimme im Konzert führt, und versagt sich, teils 
aus Trägheit, teils aus mangelnder Tradition, aus- 
wärtige Ziele. Dagegen kann es nicht vermeiden, 
seinen Verbrauch und seinen Absatz zu sichern, 
seinen Handel und seine Kolonien zu schützen; 
Dies aber sind Verrichtungen einer Seemacht, und 
somit muß Deutschland den Rang einer Seemacht 
beanspruchen. 

Die Frage ist nun, ob uns dieser Rang ohne er- 
neutes Examen eingeräumt wird, und das Seltsame 
besteht auch hier: daß unsere ernstesten Entschlüsse 
von den andern gefaßt werden. 

Frankreich, ein Staat, der niemals Realpolitik 

14* 211 



betrieben hat, der nicht wissen will, was ist, und 
nicht zugeben will, was er weiß, Frankreich spielt 
mit der Hoffnung, uns in den Halbschatten einer 
mitteleuropäischen Mittelmacht zurücksinken zu 
sehen. Zu schwach, um diesen Rückschritt zu er- 
zwingen, begeht unsere schöne Nachbarin frauen- 
zimmerliche Wege und gibt sich jedem männlichen 
Beschützer hin, wenn er verspricht, den Räuber 
ihrer Ehre zu züchtigen. Einen Angriff von Frank- 
reich haben wir nicht zu fürchten, es sei denn, daß 
es ein versteckter Angriff Englands ist. 

England, das klügste und wahrhaft 
politische Volk der Erde, versteht die 
Lage vollkommen. England haßt uns 
eigentlich nicht, aber es empfindet un- 
sern Aufstieg als eine vierfache Gefahr. 
Denn 

erstens fühlt es sich technisch-indu- 
striell überflügelt; 

zweitens glaubt es sich verpflichtet, 
gegen jede sich entwickelnde kontinen- 
tale Vormacht einzuschreiten; 

drittens wird sein koloniales Gebäude 
innerlich erschüttert, wenn die Allein- 
herrschaft zur See den Wert des ge- 
schichtlichen Dogmas verliert; 

viertens wird das Wettrüsten zu kost- 
spielig und bei stetig wechselnder Tech- 
nik im Erfolge ungewiß. 

Der Krieg, den England zu führen hätte, wäre 
somit ein Präventivkrieg; eine Kategorie, die Bis- 
marck ablehnte. 

Endete der Krieg mit einer entschiedenen Nieder- 
lage Deutschlands, so hätte England eine Reihe 

212 



von JaKren Ruhe. Die inneren Ursachen der eng- 
lischen Besorgnis wären jedoch nicht endgültig 
beseitigt, denn sip liegen nicht in der Politik, son- 
dern in den Kräften des deutschen Volkes begründet. 
Kriege würden daher so lange sich periodisch wieder- 
holen, bis der Weg der Weltentwicklung diese Rivali- 
tät erledigte. 

Jeder andere Ausgang des Krieges kann 
außer Betracht bleiben. Wie er aber auch 
fiele: immer läge der Hauptvorteil auf der 
Seite der Vereinigten Staaten, und die ame- 
rikanische Wirtschaftsfrage käme in ein so 
verändertes Stadium, daß möglicherweise 
alle andern Ergebnisse sich ihr unterord- 
neten. 

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß solche Argu- 
mente jetzt, in diesem Augenblick, mit höchster 
Klarheit und Unerschrockenheit in London erwogen 
werden. Und es ist menschlich bedeutungsvoll, wie 
ein edles Volk, in eine ihm fremde Rolle gepreßt, 
mit seinen Empfindungen kämpft. Denn England 
ist seit zwei Jahrhunderten gewohnt gewesen, jede 
Frage vor seinen kurulischen Stuhl hintreten zu 
lassen und gemächlich zu entscheiden. In seinen 
Räumen ist viel diktiert und geordnet, viel gefordert, 
manchmal gedroht, selten angeboten und niemals 
gebeten worden. Unerhörtes hat man in Beratungen 
und Kongressen erreicht, häufig zugegriffen, wo 
es zu okkupieren gab, vorbereitete Eingeborenen- 
kriege mit Entschlossenheit begonnen und beendet; 
eine Politik der Phantastik, der Leidenschaft, des 
Abenteuers und der Verzweiflung war der Dogen- 
weisheit dieses Landes fremd. Nun vernimmt man 
schon unenglisch heiße Zeitungsrufe; die zwie- 

213 



spältige Regierung war im Herbst dem Wagnis nahe, 
und nur der mächtige Citybürger und Gentrymann 
bewahrt seine hundertjährige Gelassenheit. 

Ein einzigartiger englischer Zug: als politischer 
Herold erscheint vor Beginn des Kampfspieles der 
Freund des Premiers, Lord Haidane, in Berlin, Krieg 
und Frieden in den Falten seines Überrockes tra- 
gend. Und bald nach seiner Heimkehr bietet noch- 
mals, zum letzten- und zum allerletztenmal, in 
öffentlicher Rede der Seeminister die Treuga Dei, 
den Gottesfrieden, quartalsweise mit gesetzlicher 
Kündigung aus. 

Es wäre eine törichte Verkennung, in diesen fast 
ländlich einfachen Mitteln Tücke oder Windbeu- 
telei zu suchen. Der Englischmann ist klug, aber 
nicht fein; er hält nicht gerade jedes Versprechen, 
aber er ist kein Schwindler. In keinem Lande ist 
die persönliche Lüge so verpönt wie dort; will der 
Engländer intrigieren, so bezahlt er mit schwerem 
Geld ein paar schwarze Halunken; sich selbst zu 
prostituieren, ist er zu stolz, zu reich und zu fromm. 

Berlin ist nicht die Stadt des politischen Humors. 
Der Kaiser hat ihn; aber fünfundzwanzig Jahre 
auswärtiger Erfahrung bestimmen ihn zu der Er- 
kenntnis, daß Geschäfte nicht von zwei Seiten aus 
verantwortlich geleitet werden können. Der Halb - 
konstitutionalismus, die absonderliche und 
vorbildlose Staatsform, in der wir leben, 
geht von dem Begriff einer gouvernemen- 
talen Erbweisheit aus. Daher hat sie die 
Eigenschaft, alles geschäftsmäßige Denken 
durch verwaltungsmäßiges Denken zu 
ersetzen und jede politische Teilnahme, 
ausgenommen die wirtschaftlich interes- 



sierte, im Volke zu töten. Preußen erzeugt 
fortwährend vorzügliche Verwaltungsbe- 
amte; dagegen hat es in hundert Jahren nur 
einen einzigen bedeutenden Staatsmann 
der auswärtigen Politik hervorgebracht. 
Und dieser war ein Abseitiger, ausderRegie- 
rung zweimal Entlassener; durch einen 
dynastischen Zufall gelangte er in die Ge- 
schäfte und hinterließ nach mehr als einem 
Menschenalter keinen Jünger. Während 
dieses Jahrhunderts aber war England im- 
stande, in jeder Generation eine doppelte 
Besetzung erster Staatskünstler und Diplo- 
maten sich zu halten. 

Daß in dem ungewohnten Augenblick, wo Eng- 
land schwankt und seine im Innern bedrängte Regie- 
rung bei uns die Auskunft sucht, die sie im Lande 
nicht findet, daß in diesem seltsam angeweh- 
ten Moment beiuns der leuchtende Gedanke 
erfinderischen Humors aufsteige, der die 
Runzeln von Europas Stirne glättet, dürfen 
wir nicht mehr hoffen. Uns machen neue Situa- 
tionen keine Freude; durch alle Stadien von der 
simplen Störung zur Verlegenheit, von der Ver- 
drießlichkeit zum Unwillen bewegt uns ein auf- 
tauchendes Ereignis; es macht uns, bildlich gespro- 
chen, in den meisten Fällen Leibschmerzen. Wir 
sind passiv gesonnen; deshalb ging die heiter be- 
gonnene Attacke auf Agadir so anmutlos zu Ende, 
daß trotz geringfügigster Güterverschiebung Be- 
teiligte und Unbeteiligte sich geärgert, abgespannt 
und blamiert fühlten. 

Zum Glück bedarf es jedoch diesmal nur einer 
bürgerlichen Erwägung, um d^n Punkt zu finden. 



von dem aus die Spannung zu lösen ist, sofern guter 
Wille besteht. 

Englandfühltsichbe droht, weil wir rüsten; 
England rüstet, weil es sich bedroht fühlt; 
wir rüsten nicht, weil England rüstet, aber 
wir hören nicht auf, zu rüsten, solange Eng- 
land rüstet: ein Zirkelschluß. 

Kann der Vernünftige nachgeben? Können wir 
den Kreisprozeß anhalten ? 

Wir könnten es, wenn die Lage eine symmetrische 
wäre. Sie ist es nicht. 

Wir sind mit keinem Gegner Englands verbündet. 
Vielleicht weil England keinen Gegner hat. Gleich- 
viel. Aber England ist durch die Entente an unsern 
erklärten Widerpart gebunden. Die Entente, ein 
Produkt Marokkos, scheint in ihrer Hauptbestim- 
mung erledigt. Geheime Klauseln sollen nicht be- 
stehen: immerhin, die Entente selbst besteht; und 
wir müssen glauben, daß sie mehr vorstellt als eine 
Frühstücksvereinigung. Ist sie mehr, so hat England 
nicht das Recht, von uns Rüstungsbeschränkungen 
zu erwarten. Bedeutet sie nichts, so wird es leicht 
sein, uns Sicherungen zu gewähren. Freilich dürfte 
es nicht genügen, mündliche oder schriftliche Er- 
klärungen zu wechseln: das sind Höflichkeiten und 
Formeln, die kein Bündnis entkräften. Ist es Eng- 
land wahrhaft darum zu tun, in Frieden mit 
uns zu leben, so mag es einen Neutralitäts- 
vertrag uns bieten, der uns, gleichgültig ob 
die Entente besteht oder nicht, zu Freunden 
macht. 

Zeigt sich England zu diesem zwar untä- 
tigen, doch friedfertigen Einverständnis 
bereit, so ist es an uns, ein Rüstungsabkom 

zi6 



men zu finden, das beiden Nationen Luft 
schafft: es sei nun, daß nach Churchills Vor- 
schlag Rastjahre vereinbart werden, sei es, 
daß man Kielzahlen oder Tonnengehalte 
kontingentiert. 

Weist England die Neutralität zurück, so wissen 
wir, daß seine Friedensbeteuerungen nur bis zur 
nächsten Verwicklung gelten. Dann wäre der Vor- 
schlag der Abrüstung Phrase, seine Annahme 
Schwäche. Bleibt überdies die Entente bestehen, 
so haben wir Britannien als Gegner einzuschätzen; 
denn Frankreichs Allianzen sind nicht Bündnisse des 
Friedens, sondern des Kampfes und der Rache, 
die gefährlich bleiben, auch wenn sie dem Bedürf- 
nisse nationaler Redensart zuliebe geschaffen sind. 

Gegen den Gedanken der Neutralität kann Eng- 
land nur den einen erwägenswerten Einwand er- 
heben: wer bürgt dafür, daß nicht im nächsten 
Augenblick sich Deutschland auf Frankreich stürze, 
um die Arbeit von 1870 zu beenden? Hierauf ist 
zu erwidern : der ganze politische Kredit des Deut- 
schen Reiches beruht auf seiner Mission als Friedens- 
macht. Abgesehen davon, daß Deutschland keine 
Gewinne erwarten könnte, die das Risiko und die 
industrielle Zerrüttung eines Angriffskrieges recht- 
fertigen, darf eine so zentral gelagerte Macht, ein- 
geschlossen in überlange, schlecht geschützte Gren- 
zen, nicht die Wege des Abenteuers und der gewalt- 
samen Expansion beschreiten. Vierzig Jahre lang 
war Frankreich vor uns sicher, in starken und in 
schwachen Augenblicken; und wer uns die Humani- 
tät der Friedensliebe und Enthaltsamkeit nicht zuer- 
kennt, der wird uns die Klugheit der Selbsterhaltung 
nicht abstreiten. 

217 



So liegt bei England die Entscheidung nicht allein 
über guteß und böses politisches Wetter, sondern 
über Krieg und Frieden. Nach einem Gesetze, das 
man in Parodie eines physikalischen Satzes als das 
Gesetz der kleinsten Wirkungen bezeichnen könnte, 
haben die menschlichen wie die geschichtlichen 
Ereignisse die Neigung, sich mit dem geringsten 
Ausschlag, mit der unbedeutendsten Form zu be- 
gnügen. Katastrophale Geschehnisse treten auf, 
aber selten dann, wenn sie vorausgesagt wurden; 
von zwei Möglichkeiten hat die neutralere die 
größere Wahrscheinlichkeit. Das wirtschaftliche 
Gewissen der Welt hat unbewußt seit einigen Jahr- 
zehnten die Wahrheit dieses Satzes erkannt ; deshalb 
bleiben Industriemärkte und Börsen, im Gegensatz 
zu der Nervosität früherer Zeiten, indolent im 
Anblick großer Gefahren. 

Wohl ist es daher möglich, daß Abneigung gegen 
Heftigkeiten und verantwortliches Bewußtsein es zu- 
stande bringen, den Brand zu dämpfen, ehe er die 
Pulverkammern zündet, und es wäre Vermessenheit, 
die furchtbare Klärung herbeizuwünschen. Aber 
dieser Friede ist kraftlos, solange England es ver- 
schmäht, uns beide Hände zu reichen, solange es die 
Rechte bietet und die Linke versteckt. Immer wie- 
der wird der Schrecken die beiden Völker aufstören, 
die zur Freundschaft bestimmt sind, die sich unend- 
lich vieles zu sagen, mitzuteilen und zu leisten haben; 
mit jedem Jahre wird die Entfremdung vorschreiten 
und das doppelte Schuldbuch anwachsen. 

Heute, man sage hüben und drüben, was man 
wolle, klingt noch kein Völkerhaß in Vorwurf und 
Abv/eisung hinein. Im Gegenteil: es gibt vielleicht 
nicht zwei Völker der Erde, die im vollen Bewußt-- 

218 



sein ihrer Interessengegensätze wechselseitig so 
rückhaltlos ihre Tugenden, Kräfte und Mächte 
schätzen und verstehen. Nicht an uns liegt es, wenn 
das rechte Wort, das Wort des Vertrauens, des Frie- 
dens und der Freundschaft, ungesprochen bleibt. 



1912 



219 



POLITISCHE AUSLESE 



Vor einigen Jahren wurde bei einem Würden- 
träger über die Schwierigkeiten geklagt, oberste 
Leiter der deutschen Politik zu finden. Ich nahm 
mir die Freiheit, zu sagen : „Deutschland hat neun 
aktive Botschafter. Wie kommt es, daß nicht ein 
jeder dieser ausgesuchtesten Männer des Landes 
geeignet ist, in jedem Augenblicke die gesamte Ver- 
antwortung zu übernehmen?", und man gestand, 
daß sachliche Gründe hierfür nicht zu finden 
seien. 

Die Durchschnittsleistung unsrer auswärtigen 
Politiker ist hoch einzuschätzen, wie die Durch- 
schnittsleistung unseres Beamtenstandes überhaupt; 
sie hat sich im Laufe des letzten Jahrhundertes eher 
gehoben als gesenkt: Geschäftskenntnis, technische 
Mittel, Sprachenkunde, Verkehrsformen wurden 
vervollkommnet. Dagegen hat seit Friedrich dem 
Großen Preußen nicht vermocht, mehr als einen 
überragenden diplomatischen Geist hervorzu- 
bringen. 

Hervorzubringen? Das ist eben die Frage. Viel- 
leicht nur aufzufinden. Auch Bismarck wurde nur 
durch Zufall, nicht auf dem Wege des Beamtenauf- 
stiegs, gefunden. 

Eine Nation wie Preußen-Deutschland mit 65 
Millionen Menschen höchster Zivilisation hat aber 
den Anspruch, seine obersten Verantwortungen 
jederzeit von den höchsten Talenten getragen zu 
sehen; mehr noch: diese Posten mit doppelter und 
dreifacher Reserve gedeckt zu wissen. England hat 
diese Besetzung ein Jahrhundert hindurch mühelos 
aufgebracht. Frankreich seit 1870 mit geringen 
Unterbrechungen, Österreich in neuerer Zeit aus- 
reichend. Preußen fand nur einen überlegenen 

223 



Mann zu seiner diplomatischen Verteidigung, vor 
und nach ihm keinen. 

Liegt es am Rohmaterial der Menschen? Ge- 
schäfte sind von Geschäften nicht verschieden. Die 
amerikanische Schiffahrt oder Eisenindustrie im 
Schach zu halten, ist keine andersgeartete Aufgabe, 
als einen Bahnbau in der Türkei oder einen Zollver- 
trag durchzusetzen. Syndikatskämpfe und Bündnis- 
verhandlungen unterscheiden sich wesentlich im 
Gegenstande, weniger in der Methode. Seit zwan- 
zig Jahren ist Deutschland unbestritten das führende 
Land Europas in wirtschaftlicher Verwaltung und 
Geschäftsführung. Nahezu zehntausend Unter- 
nehmungen sind neu entstanden und haben ein 
Armeekorps von Leitern verlangt und gefunden. 
Starke geschäftliche Kapazitäten hat Frankreich, 
Amerika, Italien und Rußland von uns bezogen. 
Eine bemerkenswerte Anzahl höchster Talente 
leitet unsere Wirtschaft. Aber das Auswärtige Amt 
konnte sich nicht entsprechend mit Potenz be- 
reichern. 

Liegt es somit nicht am Rohmaterial, sondern an 
der Auswahl, so ist zunächst zu prüfen, wieweit der 
preußische Aristokratismus die Schuld trägt. 

Für die höhere Beamtenlaufbahn kommt in 
Preußen im wesentlichen der echte und der imi- 
tierte Landesadel in Betracht. Unter dem imi- 
tierten Adel verstehe ich die Bourgeois-gentil- 
hommes zweiter Generation, die heute in Deutsch- 
land zahlreich die praktischen Eigenschaften ihrer 
Väter gegen aristokratische Allüren und Auffas- 
sungen einzutauschen bestrebt sind, ein seltsames 
Produkt jungen Reichtums, das aus dieser Betrach- 
tung ausgeschaltet werden kann. 

224 



Der preußische Adel bildet durch Pflichtbewußt- 
sein, Ehrenhaftigkeit, Mut, Treue und Opferbereit- 
schaft die vollendetste Militär- und Beamtenhier- 
archie, die wir kennen. Seine Stärke beruht aber auf 
Tradition, nicht auf Anpassung; auf pflicht mäßigem 
Ermessen, nicht auf Erfindung; auf Autorität, 
nicht auf Geschicklichkeit und Schlagfertigkeit; 
auf Selbstbewußtsein, nicht auf Konzilianz; auf 
Beobachtung, nicht auf Phantasie. Zum Staats- 
mann gehört aber die Mischung beider Polaritäten : 
er muß, wie Napoleon und Bismarck, halb Römer, 
halb Levantiner, halb Baidur, halb Loke sein. 

Die aristokratische Einseitigkeit der Auswahl ver- 
kleinert nicht nur den Kreis der Verfügbarkeit im 
Verhältnis von hundert zu einem und verengert so- 
mit das diplomatische Deutschland bis unterhalb 
der Grenzen Dänemarks oder der Schweiz: sie gibt 
vor allem den intellektuellen Durchschnitt ver- 
ändert und unvollkommen wieder. 

Hierin liegt ein Rückschritt gegen die Zeit vor 
hundert Jahren. Damals war das Bürgertum un- 
entwickelt, der Adel allein geschäftsfähig, das 
Ausland in gleicher Lage, die Aufgabe einfach. 
Heute ist das Bürgertum Träger einer ungeheuren 
geschäftlichen Intelligenz, der Adel überflügelt, 
das Ausland von seinen stärksten Geistern ver- 
teidigt, die Weltlage von äußerster Verworren- 
heit. Dennoch sind die Einrichtungen die gleichen 
geblieben. 

Ich lasse es dahingestellt, ob trotz des schweren 
Handicaps, das der Aristokratismus uns auferlegt, 
die Möglichkeit besteht, auch heute noch an Zahl 
und Stärke ausreichende Talente vor die Front zu 
bringen. Soll die Möglichkeit aber verwirklicht 



werden, so bedarf es der vollendetsten, selbsttätig 
wirkenden Auslese. 

Unter dieser Bezeichnung verstehe ich Prinzipien, 
die, unabhängig von zeitweiliger Geschicklichkeit 
einzelner Menschen, es dauernd und grundsätzlich 
erzwingen, daß aus einem gegebenen Kreise von 
Personen die geeignetsten erkannt, geprüft und der 
Verantwortung zugeführt werden. 

Unser Wirtschaftsleben kennt diese selbsttätige 
Auslese in ihrer schroffsten Form : Zugang für jeden; 
Ausschaltung des Ungeeigneten nach alleiniger 
Maßgabe des Erfolges. 

Alle parlamentarisch regierten Länder kennen und 
üben sie, bewußt und unbewußt: Aussiebung der 
Bewerber durch Volkswahl, Beobachtung ihrer 
Leistungen als Redner, Debatter, Kommissions- 
berater, Probezeit als zweite Kabinettsmitglieder. 

Aufs höchste entwickelt findet sich naturgemäß 
die Auslese in England: schon die Mitschüler des 
Kolleges und der Universität glauben, an Begabung, 
Gewandtheit, Autorität und körperlicher Leistung 
den künftigen Premier zu erkennen. Ein Kabinetts- 
mitglied hebt den Vielversprechenden aus seiner 
Laufbahn, setzt ihn neben sich als Privatsekretär, 
sendet ihn ins Land, sieht ihn als Abgeordneten 
heimkehren, schult und prüft ihn, betraut ihn mit 
Vertretung und Nachfolge. Denn die Partei trägt 
die Verantwortung für ihre Ideen und für ihren 
Nachwuchs, sie schuldet dem Lande, was sie von ihm 
empfangen hat, und arbeitet nicht für den Tag, 
sondern für Geschlechter. 

In Preußen-Deutschland sind selbst die Anfänge 
einer selbsttätigen Auslese unbekannt. Die Parla- 
mente können sie nicht bieten: träten selbst regie- 

226 



rungsfähige Elemente dort zu Tage, es wäre ver- 
gebens, denn die antikonstitutionelle Praxis ver- 
bietet, Parlamentarier zur Regierung aufzurufen. 
Rückwirkend aber macht eben diese Praxis unsere 
Parlamente unfruchtbar an Talenten und Ideen: 
denn welcher Mensch, der Einzelverantwortung 
erstrebt und erträgt, sollte es sich genügen lassen, 
Wahlreden, Kommissionsreden und Plenarreden zu 
halten, in der höchsten Hoffnung, das eine oder 
andere Mal in der Mehrheit zu bleiben ? Pragma- 
tische Politik treiben bei uns nur die Konservativen ; 
sie verteidigen Besitzrechte und wirken auf den 
Staat von zwei Seiten ein, der parlamentarischen 
und der gouvernementalen ; die übrigen boxen blind. 
Es ist ein Irrtum, wenn man annimmt, unser Partei- 
wesen lasse eine parlamentarische Verantwortung 
nicht zu: umgekehrt, ein Parlament ohne Regie- 
rungsverantwortlichkeit wird weder Männer und 
Ideen produzieren, noch eine zeitlose, der Partei- 
enge enthobene Verantwortung begreifen lernen. 
Auslese kann nur wirken, wenn sie von unten 
herauf beginnt. Unter einem Dutzend vorhandener 
Regierungspräsidenten, Ministerialdirektoren und 
Gesandten den geeignetsten Mann herauszufinden, 
ist eine leichte Aufgabe (womit nicht gesagt ist, daß 
sie immer gelöst wird) : not tut es, den richtigen 
Regierungspräsidenten, Ministerialdirektor und 
Landrat zu schaffen. Deshalb ist es eine be- 
denkliche und meistenteils nutzlose Maßregel, zur 
gelegentlichen Auffrischung des Bestandes Außen- 
stehende, Militärs, Kaufleute, Industrielle herbeizu- 
ziehen. Der Mann, der sich suchen und finden läßt, 
ist in der Regel ein Unbefriedigter oder Unbe- 
schäftigter; er bleibt in gewissem Sinne Dilettant 

II» 227 



und Außensteher, seine guten Eigenschaften reiben 
sich auf, seine schlechten kompromittieren, und die 
unerfreuten Berufsgenossen atmen auf, wenn das 
heimatlose Meteor explodiert. Das gewaltsame 
Experiment dieser Auffrischung erinnert an Jagd- 
vorgänge: mit der Eisenbahn verfrachtet wird ein 
Eber in das fürstliche Gehege gesetzt, eine Hatz, 
aber keine Verbesserung des Bestandes. 

Wenn es also auf die Einleitung des Selektions- 
vorganges ankommt: wo hegt diese Urwahl in 
Preußen ? Sie liegt in den Händen des preußischen 
Geheimrates und heißt „Qualifikation zum Regie- 
rungsassessor". 

Ich habe nicht die Absicht, mich über diesen 
Kernpunkt, den eigentlichen Keimvorgang des 
Regierungsleibes, den wichtigsten und selten berühr- 
ten Urprozeß unserer verwaltungspolitischen Exi- 
stenz näher auszusprechen. Es genügt zu betonen, 
daß es sich nicht um einen Vorgang von mecha- 
nischer Zuverlässigkeit, mit selbsttätiger Sicherung, 
sondern um eine Beamtenfunktion handelt, die in 
aller Stille, je nachdem, gut oder schlecht, wie es 
Menschenwerk mit sich bringt, gedeiht. Ausge- 
schaltet mag die Frage bleiben, ob und wie weit bei 
dieser Methode Vorteile des äußeren Menschen, Zu- 
gehörigkeiten zu Verbänden und Verbindungen, Ex- 
zellenzen als Paten, Hofdamen als Muhmen, in Wett- 
bewerb mit ideellen Eigenschaften treten können. 

Entscheidend wirkt, daß hier persönliches Er- 
messen an die Stelle objektiver Einrichtungen tritt. 
Eindrücke, Auskünfte und Akten treten an die 
Stelle von Proben, Leistungen und Erfolgen. Wird 
somit jemals die Frage zu stellen sein: Warum fehlt 
es uns an Diplomaten und Staatsmännern ? so muß 

228 



die Antwort lauten: weil der Geheimrat nicht 
allwissend ist. 

Daß auch in Preußen amtliche Auslese möglich 
ist, beweist die Armee. Zu ihrem Berufsdienst wird 
jeder zugelassen, der gebildet, ehrbarer Herkunft, 
kein Krüppel und kein Jude ist. Die Siebmaschen 
sind weit, der Zufluß beträchtlich. Aus Hunderten 
werden die Brauchbarsten erprobt, der Akademie 
zugewiesen, geprüft und beobachtet. Die Besten 
im Dienst und Hörsaal ergeben die besten Führer. 
Deshalb ist unsere Heeresleitung in ihrer Gesamtheit 
vorbildlich und unerreicht; wie weit die objektive 
Auslese bei der Besetzung einzelner hoher Posten 
anderen Grundsätzen weicht, steht hier nicht zur 
Erörterung. 

Nun könnte man fragen: was schadet das alles? 
Deutschland ist ein gesundes Land. Ist nicht bisher 
alles sehr gut gegangen ? 

Zunächst ist seit Bismarcks Tagen nicht alles 
sehr gut gegangen. Von Jahr zu Jahr begreifen wir 
mehr, wieviel von dem, was man vor einem Men- 
schenalter Preußen nannte, Bismarck hieß. Seither 
sind wir, die volkreichste und wohlhabendste Kul- 
turmacht Europas, von dem Sitz unbestrittener 
Hegemonie herabgestiegen auf die Ebene einer sehr 
respektablen, jedoch nicht überragenden Bündnis- 
macht. Und dies bei einem in der Geschichte der 
Welt unerhörten Verteidigungsaufwand von nahezu 
zwei Milliarden. 

Sodann gibt es wohl kaum ein zweites Land, in 
dem jede Vakanz leitender Stellen so. peinliche, 
schmerzhafte Verlegenheiten bereitet, wie bei uns. 
Schon sind die letzten Kapitäne aus Bismarcks 
alter Garde aufgeboten; nun findet sich kein, aber 

229 



auch kein einziger Staatsmann in der Reserve, dem 
eine große Partei, geschweige das ganze Volk die 
Geschäfte anzuvertrauen wünschte. Mit Aus- 
nahme des jeweiligen Kanzlers erregt kein Politiker 
außerhalb seiner Gruppe oder Umgebung Interesse, 
am meisten vielleicht noch der Berliner Polizeipräsi- 
dent, weil er kurze Sätze macht. Wo leitende 
Männer fehlen, da fehlen aber auch leitende Ideen : 
und so ist im Gegensatz zu den übrigen Mächten, 
die mit gewaltigen Schritten ausgreifen, unsre 
Lage nach innen und außen im bildlichen und wört- 
lichen Sinne defensiv. 

Wir leben nicht in einer Zeit der Eroberung, 
sondern des Wettbewerbes. Alle Mitbewerber 
stellen uns ihre bewährtesten Talente, ihre er- 
fahrensten Kämpfer gegenüber. Können auch wir 
unsere stärksten geistigen Potenzen in Bewegung 
setzen, so haben wir keinen Kampf zu fürchten; 
können wir es nicht, so besteht ein Schwachpunkt 
von jener grundsätzlichen Art, welche schon manch- 
mal Schicksale besiegelt hat. 

Des ferneren könnte man fragen: Lassen sich 
nicht „Maßnahmen treffen", um mit geringen 
Mitteln die preußische Praxis echten Selektions- 
methoden anzupassen ? Schwerlich. Es gibt zu- 
weilen unscheinbare Symptome, die äußerer Be- 
handlung leicht zugänglich scheinen und dennoch 
nur durch tiefgreifende Behandlung des Organis- 
mus sich heilen lassen, weil sie die innersten Wurzeln 
des Körpers angreifen. Wollen wir fernerhin mit 
einigen östlichen Staaten die überlebende Gruppe 
halbkonstitutioneller Länder bilden, so müssen wir 
den Mut haben, mit den Bequemlichkeiten dieses 
Systems auch seine Gefahren zu verantworten. 

230 



Es ist leicht zu verstehen, daß Preußen 
selten und niemals freiwillig seine Grund- 
sätze ändert. Die Vorzüglichkeit derDurch- 
schnittsleistung ist Ursache dieser Behar- 
rung slust. Es geht wie in eine mehr würdigen 
Handelshause: Prinzipal und Angestellte 
tun vor Gott und Menschen ihre Pflicht, 
sind fleißiger und solider als die Konkurrenz, 
haben ihr gutes Auskommen und wollen 
nichts davon hören, daß durch die Welt 
ein frivoler Ruf geht, der Rohrzucker werde 
durch das elende Kunstprodukt der Rübe 
ersetzt. 

Es kommt hinzu, daß in Deutschland seit 
fünfundzwanzig Jahren die Geschäfte gut 
gehen. Kein Mensch will beim Geldver- 
dienen gestört sein; noch zehn Jahre, so ist 
er reich, solange wird es halten, alles andere 
später. Politik? Mögen Fachleute und Ar- 
beitslose sich drumkümmern, wennnurdie 
Konjunktur bestehen bleibt. Krieg? Wir 
haben vierzig Jahre Frieden gehabt und 
wollen keine Abenteuer. Verfassung? Die- 
jenige ist die beste, welche die Geschäfte 
nicht gefährdet, gute Polizei übt,*die Ar- 
beiter im Zaum hält und wohlhabenden 
Bürgern verdiente Ehren zugänglich macht. 

Kommt es einmal anders, verflauen die Geschäfte, 
wachsen die Lasten, treten politische Rückschläge 
ein, so wird auch in Preußen der Bürger kritisch, 
denn er steht auf der Seite des Erfolges. Heute 
fürchtet er Gott und den Sozialismus, über Nacht 
lernt er andere Ängste. 

Nicht von der Arbeiterschaft drohen uns 

231 



Gefahren, denn dem heutigen Sozialismus 
fehlt die Kraft positiver Ideen. Zwei andere 
AngriffskräftewerdendiepreußischeStaats- 
auffassung erschüttern: Mangel an führen- 
den Geistern und ungleiche Verteilung der 
Lasten; beide entspringend aus dem einst- 
mals so bewährten Aristokratismus der Ver- 
waltung. Die Zeitläufte ähneln in seltsamer 
Weise der Epoche Friedrich Wilhelms IL 
Möge es diesmal keiner schweren Erschütte- 
rungen bedürfen, um das innere Gleichge- 
wicht herbeizuführen. 

1912 



232 



PARLAMENTARISMUS 



Die Grenzscheide zwischen zulässiger und unzu- 
lässiger Gesinnung liegt in Preußen beim Parla- 
mentarismus. 

Es ist gestattet, Aufgeklärtheit, ja Vorurteils- 
losigkeit zur Schau zu tragen und über Einrich- 
tungen und Personen frei zu urteilen ; jedoch beim 
Parlamentarismus wird zum Sammeln geblasen. 
Wer dann nicht zum Bestehenden einschwenkt, 
bleibt endgültig draußen, er ist nicht viel besser 
als ein Freihändler, Republikaner, Sozialdemokrat. 
Eine Grenze gibt es und muß es geben. 

Wer sich überhaupt auf weitere Erörterung ein- 
läßt, sagt zweierlei: erstens „Parlamentarismus ist 
möglich in einem Lande mit nur zwei Parteien", 
zweitens „sehen Sie unseren Reichstag an". 

Wird das Spiel mit der Frage fortgesetzt : „Glauben 
Sie nach Ihrer inneren Überzeugung, daß wir noch 
in fünfzig Jahren unparlamentarisch regiert wer- 
den ?" so entsteht vielfach ein sichtbarer Gewissens- 
konflikt. 

Regieren hieß vor hundert Jahren verwalten; 
das ist: eine meinungslose und bildungslose Menge 
mit oder gegen ihren Willen befrieden, schlichten, 
lenken, erziehen und schützen. Heute heißt re- 
gieren: Gesetze durchführen, Ziele schaffen und 
Geschäfte machen. 

In jenen unkomplizierten Zeiten der verteidigten 
Landwirtschaft war zum Regieren erforderlich Ge- 
sinnung und überlieferte Praxis, heute bedarf es 
daneben eines durchdringenden Systems organi- 
sierter wirtschaftlicher, technischer und sozialer 
Kenntnis und entschiedener Geschäftstüchtigkeit. 

Damals waren die Oberschichten der führenden 
europäischen Staaten intellektuell ziemlich ausge- 

23s 



glichen; es entschied somit der Wohlstand des 
Volkes und die Gewissenhaftigkeit der Führer. 
Im Heimatbezirk hat Friedrich, im Weltbezirk 
Napoleon dies Gleichgewichtssystem durchbrochen 
und die Gewalt der Begabung an die Stelle der 
Tüchtigkeit gesetzt. Seitdem liegt der Erfolg der 
Regierung auf der Seite der stärksten Geister, somit, 
unter Voraussetzung gleicher Nationalbegabung 
und gleicher physischer Grundlage, bei denjenigen 
Staaten, die selbsttätig 'ihre wirksamsten geistigen 
Potenzen in die Verwaltungs- und Verteidigungs- 
linie berufen. 

Den Beweis liefern die letzten Jahrzehnte der 
französischen Politik. Ein Staat, niedergeworfen, 
zerrissen, entblutet, zittert in den siebziger Jahren 
vor erneutem Angriff der Deutschen und beschwört 
durch seinen Botschafter den Kaiser um Frieden. 
Wirtschaft und Volksvermehrung dieses Staates 
stocken, unerhörte Skandale erschüttern das Ver- 
trauen zur Industrie, zur Regierung und zum Heer, 
Advokaten, Journalisten und Generale teilen sich 
in die Herrschaft, die alle elf Monate wechselt, die 
Kirche wird vertrieben, der Sozialismus und Syndi- 
kalismus bemächtigt sich der Kommunen und zeit- 
weise der Ministerien. Und währenddessen be- 
festigt dieses Land seine Herrschaft in Algier und 
seine Vormacht in Syrien, gewinnt Madagaskar, 
Tunis, Cochinchina, Marokko, erwirbt die beiden 
mächtigsten Bündnisse zu Wasser und zu Lande, 
entscheidet den Kongreß von Algeciras und übt 
auf die Entschlüsse Europas durch seinen Spruch 
und durch seine Legationen den gleichen, zeit- 
weilig größeren Einfluß als irgendeiner der Nach- 
barstaaten. 

236 



Deutschland hingegen beginnt zur gleichen Zeit 
mit dem Besitz der kontinentalen Hegemonie, bleibt 
von inneren Stürmen verschont, erringt durch 
Bürgerkraft die zweite Stelle der Weltv^irtschaft, 
überflügelt den Wohlstand Frankreichs um fast das 
doppelte, verbraucht an öffentlichen Umlagen all- 
jährlich das zweieinhalbfache der französischen 
Kriegsentschädigung — und bleibt ausgeschlossen 
von zwei Weltteilungen, zuwachslos außer durch 
private Tatkraft, und sieht seinen Einfluß bis an 
die Grenze der Mächte ersten Ranges sinken. 

Vor Jahresfrist habe ich an dieser Stelle 
vom Wesen der selbsttätigen Selektion ge- 
sprochen, einem Begriffe, den Preußen- 
Deutschland nicht kennt, obwohl er in allen 
führendenStaaten, in jedemaufseine eigene 
Weise, längst zurunausgesprochenen, selbst- 
verständlichen Übung geworden ist. Dieser 
Übung verdankt Frankreich, das kräfte- 
ärmste Land, ein ständiges Arsenal von 
führungsgewohnten und führungsbereiten 
Menschen. Hier wird ein Organisator ge- 
braucht, hier ein Parlamentsminister, hier 
ein Kenner der Flotte, ein Russenfreund, 
ein Finanzpraktiker, ein Budgetkünstler, 
ein Aller weit s mensch, einVertrauensmann, 
ein Idealist: die Jahrgangslisten der abge- 
dankten Ministerien sind mit jedem Stoff 
versehen. Bei uns: vor der Besetzung des 
Postens Verzweiflung, nach der Besetzung 
Enttäuschung; „wie kommt es nur, daß wir 
so wenige leitende Männer haben?" Dazu 
die altfränkische Fiktion, daß jeder Verab- 
schiedete als ein Verungnadeter gilt: unter 

237 



keinen Umständen darf er wiederkommen. 
Unsere Wirtschaft, die keine Anciennität, 
keine Standesrechte, keine Examina, wohl 
aber die selbstwirkende Auswahl kennt, 
deren der Staat entbehrt, findet jahraus, 
jahrein führende Kräfte, um die sie die 
Welt beneidet; unsere Politik und Regie- 
rung findet sie nicht. 

Von der Auswahl will ich heute nicht sprechen, 
sondern von der Richtung. Wenn zwei Banken, 
zwei Industriewerke oder zwei Staaten mit gleichen 
Kräften untereinander konkurrieren: welcher von 
beiden Organismen wird siegen ? Derjenige, der 
die bessere Richtung hat und diese Richtung ein- 
hält. Die Überlegenheit im Wettstreit besteht darin, 
heute das zu tun, was andere in zehn Jahren tun 
werden; sie besteht ferner darin, jedem kleinen, 
noch so nebensächlichen Schritt eine Orientierung 
zu geben, die dem Endziel um einen Bruchteil 
näherführt; sie besteht endlich darin, jedes von 
außen hinzutretende Ereignis nach seinem Wert 
für das Endziel einzuschätzen und es ihm wenn 
möglich dienstbar zu machen. 

Hierfür aber ist erforderlich, daß man sein Ziel 
oder wenigstens seine Richtung kenne. Selbst eine 
schiefe Richtung ist besser als keine. Wenn ich nach 
Paris will und nach Metz komme, so ist das besser, 
als wenn ich auf der Ringbahn um Berlin kreise oder 
^ das Einsteigen vergesse. Politik ohne Richtung 
und Ziel ist Opportunismus und Wurstelei; 
sie beschränkt sich auf eine verlegene Ab- 
wehr und unwilliges Abarbeiten der Tages- 
schwierigkeit; sie gleicht der planlosen 
Schachführung, die Figur um Figur, Stel- 

238 



lung um Stellung opfern und schließlich 
in verzweifelter Lage unfreiwillig und ver- 
hängnisvoll handeln muß. Der konzentrisch 
und plansicher verfügende Kämpfer hingegen fühlt 
sich beständig von einer fast heiteren, souveränen 
und humorvollen Stimmung getragen; er sieht sich 
auf unbestrittenem Gebiete tätig, wo jeder mühelose 
Schritt eine nur ihm erkennbare Näherung zum 
Erfolg bedeutet. 

In jedem parlamentarischen Staat ist Träger der 
politischen Richtung das Volk, und zwar durch die 
sichtbare Vermittlung seiner politischen Parteien. 
Das Ich des Volkes ist so wenig eine Einheit wie das 
Ich des Menschen; Partei ist der Name seiner poli- 
tischen Wunschkomplexe, und die Diagonale der 
Kräfteparallelogramme ergibt die Richtung seines 
Handelns. Wie alles irdische in übertriebener 
Beobachtungsnähe, ist auch diese Richtung geome- 
trisch nicht ganz rein und stetig; aber wie alles 
organisch Erzeugte ist sie notwendig, organisch, 
angepaßt und sicher, und aller Willkür und Besser- 
wisserei gegenüber von natürlicher Unangreifbar- 
keit und Überlegenheit. 

Die Wissenschaft beginnt heute zu erkennen, daß 
es nicht ihres Amtes und ihrer Fähigkeit ist, Ziele 
zu setzen. Sie kann Zusammenhänge aufdecken, 
Ursachen ermitteln und Folgen voraussagen, sie 
kann mit manchem ärmlichen Wenn und Aber er- 
klären : Wenn du so und so handelst, geschieht das 
und das; aber was im letzten Sinne geschehen soll 
und geschehen muß, was für den Einzelnen, für das 
Volk, für die Menschheit das Ziel bedeutet, was 
gut und schlecht, heilig und profan, hoffenswert 
und furchtbar ist, das überläßt sie schweigend dem 

239 



Gericht der menschlichen Wertung, der Weltan- 
schauung, des Glaubens ; sie appelliert an den höheren 
Areopag, der in den Herzen aller Einzelnen und 
somit im Herzen der Gemeinschaft tagt. Fehlt die 
Zuversicht, daß Menschen und Völkern ein Sinn ein- 
gepflanzt sei, der sie von innen zur Erfüllung ihres 
Daseins führt, so bleibt alles Politisieren nur Kampf 
mit Tagessorgen, Nützlichkeitsdienst, Polizeiwerk. 
Besteht sie, so muß bei gebildeten Völkern im Kampf 
der großen Meinungsgruppen das Schauspiel des 
Kollektivgeistes erblickt werden, der mit sich selber 
ringt und der in seinem Lebensstreit zeugend wirkt. 

Verläuft der Kampf ungestört, geordnet zwar, 
doch sich selbst überlassen, so wird durch seine 
Langatmigkeit und Ergiebigkeit die Gefahr der Ver- 
wechslung mit dem Gekräusel der öffentlichen 
Tagesmeinung ausgeschlossen. In keinem Lande so 
selten wie in England, in kaum einem so häufig wie 
bei uns entstehen grundlegende Gesetze und Maß- 
nahmen als Ausfluß einer Stimmung, einer Kon- 
stellation, einer Verlegenheit. 

Bleiben die Grundverhältnisse eines parlamen- 
tarischen Staatswesens stetig, so wird die Richtungs- 
diagonale der Parteikräfte jahrzehntelang in nahezu 
gerader Linie verlaufen und der Politik eine unge- 
heure Stoßkraft verleihen; ändern sich die Bedin- 
gungen, so wird die Einbiegung der politischen 
Richtung langsam und ohne gewaltsame Bremsung 
erfolgen. Denn die Komponenten der Richtkräfte, 
die Parteien, sind in sich wiederum organische 
Geistesgebilde, freie Nationen im kleinen, in denen 
abermals unter Kämpfen und dennoch unbeeinflußt, 
objektive Willenskraft sich entbindet; sie bleiben 
Träger eines aus der Zusammenarbeit der Genera- 

240 



tionen herrührenden Urvermächtnisses ; dieses Ver- 
mächtnis wird durch Hieb und Stoß nicht gebrochen, 
aber es formt sich bildsam unter dem Druck lang- 
anhaltender Kräfte. 

Nun könnte man einwenden, daß auch in halb- 
parlamentarischen Ländern politische Parteien be- 
stehen: warum sollten sie nicht Träger beharrlicher 
und wirksamer Richtkräfte und positiver Ziele sein ? 

Nichtregierende, lediglich überwachende 
und gesetzgebende Parlamente sind nicht 
produktiv; denn kein natürlicher Organis- 
mus leistet mehr als man von ihm verlangt 
oder mehr als er verwerten kann. Sie sind 
nicht produktiv, weil es ihnen an Interesse, 
an Kenntnis des Sachverhalts und an Ver- 
antwortung fehlt. 

An Interesse: denn was könnte es ihnen 
nützen, Ziele zu beschließen, deren Erreich- 
barkeit nicht vom Entschluß, sondern von 
der großen und kleinen Regierungsarbeit 
jedes laufenden Tages abhängt? 

An Kenntnis des Sachverhalts: denn wer 
ein Geschäft betreiben will, m.uß zu jeder 
Stunde die volle Nachricht über den Stand 
der Dinge haben, die .ihn betreffen. Keine 
noch so eingehende und noch so vertrauliche 
Mitteilung an eine Kommission kann den 
dauernden Einblick in die Geschäfte er- 
setzen. Wer ihn besitzt, kann handeln und 
vorschlagen, wer ihn entbehrt, dem bleibt 
das Nachsehen und die Kritik. 

An Verantwortung: in Frankreich oder 
England muß jede Partei täglich vorbereitet 
sein, die Regierung zu übernehmen. Sie 



I. i6 



241 



muß brauchbare Menschen und durchführ- 
bare Programme bereit halten. Sie darf 
nichts Unentbehrliches verweigern, nichts 
Unerreichbares fordern. Sie muß darauf 
gefaßt sein, die Probe aufs Exempel zu ma- 
chen. Sie kann der herrschenden Partei als 
Feind gegenüberstehen; der Regierungsge- 
walt selbst und dem Lande kann sie nicht 
feindlich sein. Regierende Parlamente sind 
Versammlungen von verantwortlichen In- 
teressenten; kontrollierende Parlamente 
ähneln Gläubigerversammlungen eines 
schwer zu fassenden Gemeinschuidners. 

Daher bewegen sich die p oliti sehe n 
Kämpfe halbparlamentarischer Länder vor- 
wiegend um den einen Ausgleich örtlicher, 
beruflicher, ständischer und religionsge- 
meinschaftlicher Interessen, das heißt, um. 
innere Reibung, nicht um gemeinsamen 
Fortschritt. DieFragen der äußerenPolitik, 
der Kolonisation, der Kultur, der Gemein- 
wirtschaft werden zu Nebensachen, zuGeld- 
fragen, manchmal zu Tauschhandelsgütern. 

Sind die Halbparlamente unfruchtbar, so 
sind es um so mehr ihreParteien. InDeutsch- 
land kann das Zentrum oder die Volkspartei 
zum Kolonial- oder Verteidigungswesen 
jede beliebige Stellung nehmen, ohne durch 
die Kritik der Parteigenossen vernichtet zu 
werden; bewilligt man hier eine Ordensnie- 
derlassung, dort ein Vereinsgesetz, so läßt 
sich über manches andre reden. 

Naturgemäß sinkt mit dem Anteil der 
Nation der Wert der Erörterungen und das 

242 



DuTchschnittsmaß der Landesvertreter. 
Vorwiegend kritische, dem Interessenaus- 
gleich dienende Institutionen bedürfen 
nicht der schöpferischen Ideen, und so 
wenden sich produktivere Geister frucht- 
bareren Arbeiten zu. Nirgends hört man so 
häufig von Parlamentsmüdigkeit sprechen 
als in Deutschland, das ein eigentliches 
Parlament noch nicht kennt. Unfähig, sich 
vorzustellen, was ein echtes Parlament 
könnte und sollte, empfinden viele das 
höchste Vorrecht eines Volkes, so wie es 
heute zutage tritt, als eine Last. 

Stetigkeit der Politik, Richtlinien des Handelns, 
endgültige Ziele sind von unverantwortlichen 
Parteien und Halbparlamenten nicht zu verlangen, 
die ihr Höchstes leisten, wenn sie innere Spannungen 
ausgleichen und gutwilliger, als man erwarten 
könnte, an vorgelegten gemeinsamen Aufgaben 
mitwirken. Darf nun diese wichtigste, leider 
protestierte Forderung an die Ministerien giriert 
werden ? 

Die Minister halbparlamentarischer Staaten be- 
finden sich in einer seltsamen Lage, deren Konflikte 
bisweilen eine Neigung zur Komik zeigen. Sie 
sind dem Namen und der Sache nach Diener des 
Monarchen und haben unter pf licht mäßiger Ver- 
antwortung seine Befehle auszuführen. Doch jede 
Ausführung erfordert Mittel, und um Mittel zu 
schaffen, bedarf es des Parlaments. Indem nun 
neben der Ungnade des Monarchen der Widerstand 
des Parlaments droht, werden sie in Wirklichkeit 
zu Dienern zweier Herren, und es braucht ein fort- 
laufendes Paktieren mit Parteien und Kommis- 



16* 



H3 



sionen, um bald mit dem einköpfigen bald mit dem 
vielköpfigen fertig zu werden. 

Dies System der täglichen Reibungen fördert nicht 
den Drang zu fernen, außerhalb der Jahresaufgabe 
liegenden Zielen. Noch weniger fördert ihn die 
ressortmäßige Teilung der Verantwortlichkeit, und 
schließlich wird er fast endgültig aufgehoben durch 
die Kürze der Amtsdauer. 

Das ministerielle Dasein währt wenige Jahre. 
Ist in parlamentarischen Staaten, abgesehen von der 
Hoffnung auf eigene Wiederkehr, die Sicherheit ~ 
gegeben, daß jede Initiative, Vorarbeit und einge- 
leitete Aktion eines Staatsleiters von der Partei 
wieder aufgenommen werden wird, so muß der 
halbparlamentarische Minister damit rechnen, daß 
seine weitreichenden Gedanken vom Nachfolger 
nicht geteilt, möglicherweise bekämpft werden, 
daß mühsame Vorarbeiten die Sache nicht nur nicht 
fördern, sondern vielleicht vernichten. Es gehört 
mehr als normaler Optimismus dazu, um unter 
solchen Bedingungen nach einem schwerbelasteten 
Tagewerk den Zielen einer fernen Zukunft nachzu- 
hängen, und es bedeutet eine blühende Utopie, in 
den Ministerialinstanzen die Schöpfungsstätte poli- 
tischer Ideen zu erblicken. 

So wird die Verantwortung für die Stetigkeit der 
Politik, für Richtung und Ziel der Krone zuge- 
schoben. Warum auch nicht ? Hat sie nicht bis 
tief ins neunzehnte Jahrhundert hinein diese und 
schwerere Verantwortung getragen ? 

Die Aufklärungszeit fand vor : zersplitterte Terri- 
torien, verkümmertes Landvolk, Söldnerheere, unzu- 
längliche Justiz und Verwaltung, Mangel an Ver- 
kehr, Technik und Gewerbe. Die einfache Sorge 

244 



des Hausvaters, auf ein Staatswesen übertragen, 
mußte aus dem Vergleich mit andern Ländern, 
früheren Zeiten, aus dem nur von höchster Warte 
möglichen Überblick über die Ereignisse, aus echtem 
Gefühl für Billigkeit und Recht, Aufgaben und 
Ziele finden, die für Menschenalter ausreichten. 

Unsre Zeit wirkt ohne Präzedenzien in tausend- 
fältiger Verwicklung. Der Überblick über ein 
winziges Gebiet des Lebens, etwa das Versicherungs- 
wesen, erfordert mehr Kenntnis, Arbeit, Rech- 
nung und Statistik als der Staatshaushalt vor hun- 
dert Jahren. Wissen, Technik, Wirtschaft ist Ge- 
meingut; das Vorrecht der Warte testeht nicht, 
und selbst die geniale Intuition vermag nicht mit 
Sicherheit auch nur die Entwicklung eines einzigen 
Lebenszweiges auch nur auf ein Jahrzehnt hinaus 
zu überblicken. 

Eine vermessene Zumutung an Menschenkraft 
würde es bedeuten, wollte man auf den Monarchen 
und sein Haus unter Verleihung sakraler Unfehlbar- 
keit die Verantwortung für Schicksal und Zukunft 
aller Gebiete der inneren und äußeren Existenz 
seines Volkes bürden. Diese Last aber wäre um so 
schwerer, als das halbparlamentarische System die 
verhängnisvolle Neigung zeigt, dem Monarchen ein 
heiliges Gut zu gefährden: seine Unbefangenheit 
und Unparteilichkeit. Denn dieses System muß 
allmählich in jedem Herrscherhause eine Vorstel- 
lung erwecken, die in parlamentarischen Staaten 
unbekannt ist, daß nämlich die wachsende Selbst- 
verwaltung des Volkes, wie die unübersehbare Viel- 
fältigkeit des öffentlichen Lebens sie bringt, den 
Rechten der Krone Abbruch tue, daß somit die 
Krone gezwungen sei, dauernd in einer Stellung 



der Verteidigung, ja selbst des Kampfes, der Volks- 
mehrheit gegenüber sich zu bewegen. Indem sie 
nun in dieser Stellung nach verbündeten Kräften 
ausblickt, bietet sich naturgemäß der angesessene 
Adel dar, der durch Jahrhunderte in Gefolgschafts- 
treue erwachsen, im Vertrauen auf die Fürsorge der 
Lehnsherrschaft und im Gegensatz zu den Standes- 
genossen des Auslandes in das Wirtschaftsleben der 
neuen Zeit nicht eingetreten ist und somit abermals 
sein Schicksal ganz in die Hände der Krone gelegt 
hat. Ist es somit menschlich zu verstehen, daß die 
Krone ihren landsässigen Adel als eigentliche Leib- 
wache im militärischen und staatlichen Dienst vor- 
zugsweise verwendet und gegen Wettbewerb schützt 
— ein Prinzip, das die selbsttätige Auslese der 
geistigen Landeskräfte nahezu aufhebt — , so 
wird ein Grundsatz von höchster politischer Trag- 
weite dadurch geschaffen, daß der piivilegierte 
Stand zugleich die Verkörperung der agrarischen 
Wirtschaftskraft und der konservativen Staatsten- 
denz bedeutet. In gleichem Maße, wie die Krone 
der halbparlamentarischen Staatsform den beson- 
deren Schutz und die Garantie dieses Einzelstandes 
übernimmt, erwächst die Gefahr, daß sie selbst 
Partei werde, und zwar, wie es die Sache mit sich 
bringt, herrschende, ja allmächtige Partei. 

Hiermit aber ist die richtunggebende Kraft aus 
der Eigenbewegung des Volkskörpers genommen und 
ganz und gar einem peripheren Willensgebiet anver- 
traut ; die Verantwortung für die Richtung wird bei 
jeder unvorhergesehenen Erschütterung zur Gefahr. 

Wer in ausgesprochen monarchischer Gesinnung 
die Stetigkeit der politischen Ordnung erstrebt, 
wird daher wünschen, daß nicht eine menschliche 

^46 



Instanz, und sei sie auch noch so eng mit dem Volks- 
geschick verwachsen, die Verantwortung für jede 
Einzclrichtung des objektiven Willens trage, son- 
dern daß diese Verantwortung durch das einzige, 
bisher der Welt bekannte Mittel in die Hände des 
schöpferischen Geistes der Nation gelegt werde, 
nämlich durch die parlamentarische Regierungsform. 

Wer behaupten wollte, daß auch unter dieser 
Voraussetzung die Parlamente im Sinne der Pro- 
duktivität unzulänglich bleiben oder durch Partei- 
zersplitterung an der Arbeit gehemmt werden 
würden, dem läge die Beweislast ob, daß germani- 
sche Völker unreifer, ungebildeter und unpolitischer 
sind als angelsächsische, romanische und südsla- 
wische Zeitgenossen. Der Beweis aber würde zer- 
splittern an der nachweislichen Tatsache unsrer 
wirtschaftlichen, kommunalen, disziplinaren und 
theoretischen Überlegenheit über unsere Wettbe- 
werber. Noch niemals hat eine Versammlung intel- 
ligenter Menschen aus mangelnder Homogenität 
versagt, wenn sie zu einer Beschlußfassung durch 
Notwendigkeit gezwungen war. Jedes Konklave, 
jedes Schwurgericht, jede Stadtverordnetenver- 
sammlung und jedes Parlament kommt zu einem 
Schluß, zu einer Wahl, einer Verständigung. Das 
Menschenmaterial unsrer Parlamente aber wird 
sich verwandeln und die wahren Geisteskräfte der 
Nation in sich schließen, sobald örtlicher Ehrgeiz, 
Redebedürfnis und Freude an Publizität zurück- 
treten und nationale Verantwortung allein gefor- 
dert und gewährt wird. 

Stellt man nun die Frage, ob diese Erwä- 
gungen gegenwärtig in Deutschland prak- 
tisch sind, soistzuerwidern, siesindesnicht. 

H7 



Trotz Depression und Geburtenrückgang 
ist das deutsche Vo'lk so ausschließlich mit 
seiner Wirtschaft beschäftigt, daß es nicht 
daran denkt, sich mit seiner politischenZu- 
kunft zu befassen. Gelegentliche Enttäu- 
schungen lösen die charakteristische Reak- 
tion der inneren Teilnahmlosigkeit aus: 
Kritik an Personen. Die Schwierigkeit der 
Beschaffung verantwortlicher Menschen 
wird als selbstverständlich hingenommen. 
Das Absinken unserer Machtlage wird be- 
stritten; unser vierzigjähriger Verzicht auf 
Zuwachs gilt als Friedensliebe. Das sym- 
bolische Bild der gesättigten Volksindolenz 
spiegelt die Partei des gebildeten Bürger- 
tums; sie ist forderungslos geworden, weil 
ihre besitzende und kontrollierende Hälfte 
dem gesellschaftlichen Aufstieg hingege- 
ben, jede Unliebsamkeit scheut. Derliberale 
Reichstag, dem sie den Ausschlag schuldet, 
hat außer einer wertlosen und schnell be- 
reuten Demonstration keine kennzeichnen- 
de Spur eines Eigenlebens hinterlassen. 
Praktisch ist die Erwägung zu diesem 
Zeitpunkt nicht, aber sie wird es werden. 
Die Erschütterungen, denen wir entgegen- 
gehen, wenn unsre ummauerte Wirtschaft 
ihre Einengung zu spüren beginnt, wenn 
die Willkür der Lastenverteilung empfun- 
den wird, wenn die politische Kräftever- 
schiebung die Handlungsinitiative und die 
Zeitwahl unsern Gegnern überliefert hat, 
diese Erschütterungen werden die öffent- 
liche Fragestellung, die heute eine übcr- 

^48 



wiegend ökonomische ist, wiederum zur 
politischen gestalten. Es wird die Wahrheit 
wiederum zutage treten, daß esdiehöchste 
und reinste Aufgabe des Machthabers ist, 
ein rohes Volk gebildet, ein gebildetes Volk 
mündig zu machen, und ein neues Stein- 
HardenbergschesZeitalterwirddieseWahr- 
heit verwirklichen. Wem aber die Kraft des 
Reiches und die Erhaltung seiner Autori- 
täten am Herzen liegt, der wird wünschen 
und hoffen, daß der Satz erkannt werde: 
gesicherter im Sturme als das verankerte 
Schiff ist jenes, das im Vertrauen auf die 
Stärke seiner Flanken furchtlos dem beweg- 
ten und dennoch tragenden Element sich 
hingibt. 

1913 



249 



DAS EUMENIDENOPFER 



Das Deutsche Reich verlangt von seinen Bürgern 
eine Milliarde und die Rente von einigen wei- 
teren, um seine Rüstungen gegen den Osten und seine 
Heermacht gegen den Westen zu stärken. Man 
sagt, es gilt ein Schicksal abzuwenden, und erinnert 
an den Opferwillen vor hundert Jahren. Vierzehn 
Millionen für -Spezialtruppen. schienen vor s^chs 
Monaten unerschwinglich; tausend Millionen er- 
klären sich selbst. Es ist die Psychologie der General- 
versammlungen : Die ärmliche Unterschlagung eines 
Kassenboten erregt Stürme; der Verlust des halben 
Gesellschaftskapitals begegnet mutvoll gefurchten 
Mienen, die sagen: Gottlob, es ist nur die Hälfte. 

Die Geldschranktüren knarren; Münzen und 
Zettel strömen zum Kassenherzen der Hauptstadt, 
und es bleibt kaum die Zeit, zu fragen: Warum 
und wieso ? 

Das letzte Menschenalter sah in aller Stille und 
ohne Erstaunen zwei Welten aufteilen: die afri- 
kanische und die islamitische Welt. England nahm 
Zypern, Ägypten, Rhodesien, das freie Südafrika 
und erhob Anspruch auf das halbe Persien. Frank- 
reich erhielt Tunis, Tongking und Marokko. Ruß- 
land verlor einen Krieg und gewann dennoch 
wachsende Macht in der Mandschurei, Mongolei 
und Persien; Japan wurde Großmacht und besetzte 
Korea; Italien eroberte Tripolis; die Vereinigten 
Staaten legten die Hand auf Kuba, die Philippinen 
und Zentralamerika ; Österreich annektierte Bosnien, 
die Balkanstaaten teilten sich in die europäische 
Türkei. 

Neun Zehntel dieser Eroberungen fielen an die 
Staaten des französischen Bundes; Deutschland 
erhielt durch private Initiative seine Kolonien, 

2S3 



durch politische und diplomatische Ausnützung 
seiner Machtstellung — wenn man von dem Tausch- 
objekt Neukamerun schweigen will — nichts. 

Nichts. Und doch trat das Deutsche Reich in die 
Reihe der kontinentalen Staaten als unbestrittene 
Vormacht, als Schiedsrichter und Garant. Es sah 
alle seine heutigen Gegner in Kriege und Wirr- 
nisse verwickelt und deckte ihre Flanken; seine 
Bundesgenossen hat es in Treue verteidigt. Mehr- 
mals hat es Frankreich, einmal Rußland Halt ge- 
boten; einen Sicherungsvertrag mit Rußland hat es 
besessen, ein angebotenes Bündnis mit England zu 
Holsteins Zeiten verscherzt. Eine Kriegsmacht 
hat es auf die Füße gestellt, wie dieser Planet sie 
nie zuvor erblickte, und einen Verteidigungszins 
von einunddreiviertel Milliarden aufgebracht, 
der nie erhört wurde. Keine Kontinentalmacht 
hat die Größe seiner Flotte je erreicht; keine seinen 
Wohlstand noch die Zahl seiner zivilisierten Be- 
wohner. 

Und das Ergebnis ? Nichts. Weniger als nichts : 
denn Deutschlands Stimme, vor dreißig Jahren 
mächtiger als irgendeine andre in Europa, gilt 
heute keinesfalls mehr, eher weniger als Frankreichs, 
im Völkerrat sowohl wie an den Höfen der Mächte. 
Unsren Ruf des stillsten, treuen und wahrhaften 
Volkes wagt man zu bekritteln und uns zu verschreien 
als Bluffer und Schaumschläger; unserm Urteil 
wird ein militärischer Irrtum zur Last gelegt und 
Eilfertigkeit vorgeworfen. Von der Hegemonie sind 
wir herabgestiegen und Angriffsziel geworden, 
während Frankreich, das geschwächte, entvölkerte, 
zerrüttete Land, durch die Politik seiner oft ver- 
lachten bürgerlichen Advokaten Besitzungen, Allian- 

254 



zen, diplomatischen Nachdruck und politische 
Aktivität gewonnen hat. Das uns entglittene 
Schiedsrichteramt über die Geschicke der alten 
Welt aber liegt von neuem in den Händen Englands. 

Wir haben nicht das Recht, für den mangelhaften 
Nutzeffekt unerhörter Anstrengungen böse Nach- 
barn verantwortlich zu machen. Gewiß ist es 
schlimmer als schlecht, nämlich unklug, wenn ge- 
sättigte Gegner uns jeden Zuwachs, dessen ein 
Industriestaat bedarf, mißgönnen; aber Politik be- 
steht nicht darin, Unrecht zu leiden ; und so wenig 
wie ein Einzelner darf ein Staat sein Mißgeschick 
andern zur Last legen. Glück, Leben und Gestalt 
schmiedet sich jeder selbst. 

Auch genügt es nicht, zu sagen : Wir haben den 
Frieden erhalten. Friedfertigkeit ist nur dann ein 
politisches Verdienst, wenn sie zugleich das stärkste 
Mittel zur Macht ist. Uns war sie ein Mittel zum 
Reichtum, nicht zur Macht, und wir wären vielleicht 
nicht einmal ärmer, wenn wir, statt zu rüsten, ge- 
kämpft hätten. Aber nicht wir haben den Frieden 
erhalten; es war unser gutes Recht, ihn zu stören, 
und wir haben ihn zweimal gestört: zu Zeiten 
Delcasses und vor Agadir. Daß seit vierzig Jahren 
zwischen europäischen Kulturnationen kein Krieg 
mehr ausgebrochen ist, lag nicht an uns, sondern 
an der Indolenz und Verdauungsstimmung der 
Völkergesellschaft. Beweis ist : daß seit einem Men- 
schenalter, mit Ausnahme der unsren, jede rasche 
und kühne Unternehmung, jeder Handstreich 
glückte, der vordem zur Entflammung geführt hätte ; 
Marokko, Bosnien, Tripolis und die Türkei sind 
Zeugen. 

In solcher Lage, politisch ausgehungert, mit 

^S5 



sinkendem Selbstbewußtsein und innerpolitischer 
Verstimmung erblicken wir die Umlagerung im 
Osten. Die englische VerdrossenKeit ist kaum ge- 
mindert, die französische gesteigert, und durch die 
Abspaltung der europäischen Türkei werden bisher 
gebundene Energien frei, die uns nicht dienen. 
Österreichs Stoßkraft ist durch neue Polaritäten 
gehemmt, Rußland erstarkt unter gewaltigen wirt- 
schaftlichen Reformen. Ein freundlicheres Moment, 
die ausgesprochene Abwendung Italiens von Frank- 
reich, soll nicht übergangen werden, bedeutet 
aber nur so viel, daß im Augenblick der Drei- 
bund vorübergehend wieder einmal seinen Namen 
verdient. 

Der vierte Akt der osmanischen Aufteilung geht 
unter erbarmungswürdiger Indolenz der Mächte 
zu Ende, und weder wir noch unsre Freunde sind 
beteiligt. Wir sind es nicht, denn unsrer politischen 
Passivität fehlen Ideen, Anknüpfungspunkte, Eisen 
im Feuer. Österreich ist es nicht, denn in einer 
seltenen Anwandlung politischer Einseitigkeit hat es 
seine Forderung erst nach Beendigung des Konkurses 
angemeldet und viel Zeit auf Herrn Konsul Prochas- 
ka verwendet. Die europäischen Beratungen gehen 
ihren Gang, man hört uns aufmerksam zu, solange 
unsre Ansichten von denen der andern nicht allzu- 
sehr abweichen, gibt uns in Kleinigkeiten recht und 
beschließt, was man will und kann. 

Niemals hatte sich bisher der französische mit 
dem deutschen Dreibund gemessen; heute blickten 
sich beide in die Augen, und siehe da, wir haben die 
Sonne gegen uns. Einstweilen nur die Sonne. So 
mustern wir denn rasch unsre Kräfte, Menschen 
und Mittel und machen die Rechnung; es fehlt eine 

256 



Milliarde, sie wird ausgeworfen, und die Rechnung 
stimmt. Die dunkle Regung absinkenden Lebens- 
gefühls ist aus dem Unterbewußtsein des Volkes 
in die Denksphäre des Staatshirns gedrungen; der 
Augenblick ist günstig, denn die innere Sorge um 
die uneinlösbare Besitzsteuer verlangt eine Ab- 
lenkung; und so tritt die Maßnahme ans Licht, 
die diesmal die streng versöhnlichen Züge des natio- 
nalen Opfers trägt. 

Das Opfer soll und wird gebracht werden. 
Deutschland ist reich und freidenkend genug, um 
sich den leisesten Vorwurf der Knauserei zu er- 
sparen, wenn es sich um den Schutz seiner Söhne 
handelt. Vermessen aber ist es, die bundes- 
rätliche Steuervorlage mit den Volksopfern 
der Zeit um 1813 zu vergleichen. 

Das Herrlichste jener großen Zeit war 
nicht das Opfer und nicht der Sieg, sondern 
die^Einkehr, die beiden voranschritt. Nie- 
mals seit den Prophetentagen des Jesaias 
hat ein Volk so tief den Blick ins Innerste 
gewandt und in der innersten Tiefe so glü- 
hend seineGottheit gesucht. Das zerschmet- 
terte Land klagte nicht Schicksal noch Sie- 
ger, nicht König, Heer und Waffen an, 
sondern erkannte das Unrecht. Der Hörige 
wurde frei, der Bürger verantwortlich, 
die Söldnertruppe zum Volksheer. Die 
Regierung gewann Selbständigkeit, das 
Land selbstverwaltetes Leben. Indem man 
Universitäten und Akademien stiftete, ent- 
fernte man sich scheinbar unendlich weit 
von den Wirklichkeiten des Lebens und 
bezwang dennoch in transzendenter Größe 

I, ir 257 



diese Wirklichkeiten so sicher, wie stets 
der Geist das Leibliche bezwingt. Da nun 
die Zeit des Opfers und der Erhebung kam, 
konnte dem tief gereinigten Volke kein 
Schicksal und keine Gottheit den Sieg ver- 
sagen. 

Nicht um Geld und Rüstungen war und 
ist es zu tun, wenn ein Schicksal abgewendet 
werden soll. MaterielleKräfte rufenGegen- 
kräfte wach; die übertriebene Emphase 
und Schroffheit des neuen Mittels hat wie 
ein Blitzschlag die Vogesen durchwittert, 
unddasgeängstete Nachbarvolk drängt sich 
inKetten, die ihmdiegeschwächtenGlieder 
zerschneiden. Wird die Verlängerung der 
Dienstzeit in Frankreich ausnahmsloses Ge- 
setz, so ist der Krieg besiegelt, und zwar 
als ein Werkzeug in den Händen Englands, 
das ihn nicht heute und nicht morgen, doch 
zu dem Zeitpunkt entfesselt, der ihm gefallt. 
Die doppelteSpannung, die, gefährlicher als 
ausgesprochen, zwischen England und uns, 
ausgesprochener als gefährlich zwischen 
Frankreich und uns bestand, gewinnt jetzt 
ihre volleExplosionskraft, verschärft durch 
Rußlands Empfindlichkeit, das die Milliar- 
densaat im Festungsgürtel längs seiner 
Grenzen aufsprießen sieht. Durch jenes 
Eumenidenopfer, das uns verkündet wird 
nach dem Gesetz hundertjähriger Wieder- 
kehr, wird nicht ein Schicksal gewendet, 
sondern beschleunigt. 

Vielleicht wäre es noch nicht zu spät, die 
wahren Lehren jener großen Epoche zu 

258 



befolgen und das Unrecht abzutun. Das 
reifste Unrecht unsrer Zeit aber besteht 
darin, daß das fähigste Wirtschaftsvolk 
der Erde, das Volk der stärksten Gedanken 
und der gewaltigsten Organisationskraft, 
nicht zugelassen wird zur Regelung und 
Verantwortung seiner Geschicke. Abge- 
speist mit kommunaler Verwaltung und 
wirtschaftlicher Gesetzgebung, erblickt es 
die StaatsgewaltindenHänden einerkleinen 
aber mächtigen Klasse, die zugleich das 
wichtigste der einzelstaatlichenParlamente 
beherrscht; gewöhnt es sich zwangsweise 
an den Gedanken, daß eine Regierung nicht 
anders als konservativ sein darf. 

Dieses doppelte Übel schwächt Preußen- 
Deutschland jahraus, jahrein mehr, als 
Dutzende von Brigaden gutmachen können. 
Den;i die enge Auswahl der Herrenkaste, die dem 
alten Kleinstaat genügend Verwaltungstalente lie- 
ferte, kann nicht mehr die Zahl hervorragender 
Geschäftsleute schaffen, die der gewaltigen Kon- 
kurrenz fremder Millionenauslese standhält. Des- 
halb leidet die politische Geschäftsführung und 
vermindert sich der wirksame Nutzeffekt unsrer 
Gesamtmacht derart, daß wir das Handicap nicht 
auf die Dauer tragen werden. Nicht die physische 
Kraft der Bataillone für sich, sondern diese Kraft, 
multipliziert mit dem Maße der Geschäftskur st, 
entscheidet über die Weltstellung. 

Zugleich aber drängt der mächtige und. eng ver- 
kettete Konservatismus der Regierung die Ge- 
samtheit aller administrativen Volksinteressen auf 
das Gebiet wirtschaftlicher und religiöser Kämpfe. 

IT* 259 



Hier verschärfen sich die Gegensätze bis zur atomi- 
stischen Zerspaltung in Tages-, Geld- und Partei- 
konflikte; schon ist der Gedanke kaum mehr faßbar, 
daß andere als materielle Interessen das Wesentliche 
eines Volkswillens ausmachen, und es wird durch das 
gewaltsam zerrüttete Fraktionswesen den Regieren- 
den täglich der erwünschte Scheinbeweis erbracht, 
daß dieses Volk zur Selbstbestimmung nicht reif sei. 
In gleichem Maße aber, wie die materiellen Interessen 
zur Herrschaft gelangen und gemäß einer Machtver- 
teilung geregelt werden, die nicht dem wahren Auf- 
bau des Volkskörpers entspricht, kommt eine un- 
gleiche Verteilung der Lasten zustande, die früher 
oder später den Bestand des Staates erschüttern muß. 

Klassenherrschaft, ausgedrückt durch mangel- 
hafte Selektion und schwache Politik; Konservatis- 
mus der Führung, ausgedrückt durch Ungleichheit 
der Lasten: das ist das doppelte Unrecht und die 
doppelte Gefahr unsres Landes. Und das Unrecht 
wiegt um so schwerer, als es nicht unbewußt ge- 
schieht. Denn von den konservativen Vertretern der 
herrschenden Ordnung wissen die meisten und be- 
kennen viele, daß ein sittlich und geistig erwachsenes 
Volk nicht lange unmündig gehalten werden kann, 
daß Naturgesetze stärker sind als Menschenwille und 
daß in abermals hundert, ja in fünfzig Jahren keine 
der bürgerlichen Schranken mehr bestehen wird. 
Aber es genügt ihnen, wenn sie und ihre Kinder als 
Herren des Landes geachtet werden, das ihre Väter 
— hierin liegt der versöhnlichste Punkt dieser Ein- 
seitigkeit — beherrscht und verteidigt haben. 

Das Natürliche wäre nun, wenn das Volk 
spräche: Wir, deren Arbeitskraft allein, 
die Aufwendungen dieser Rüstungszeit 

260 



ermöglicht, wir sind bereit, dies Opfer 
und spätere größere zu tragen. Aber wir 
erwarten, daß das Unrecht abgestellt 
werde, beginnend zunächst mit der Än- 
derung der ungesetzlichen Wahlkreisgeo- 
metrie im Reiche und des ungerechten 
Wahlgesetzes in Preußen. 

Nichts dergleichen wird geschehen. Unser Volk ist 
politisch nicht unreif, doch indolent in hohem Maße. 
Die Mehrzahl der Menschen, die das Pflaster nord- 
deutscher Städte betreten, zählt Leibeigene unter 
ihren Vorfahren. Und dieser Tropfen unfreien Blutes, 
der noch immer über die Unvcrletzlichkeit des Leibes 
staunt, der selbst im Gefolge des Sozialismus sich mit 
der Wonne der Disziplin begnügt, entschließt sich 
schwer, die praktischen Forderungen des Staats- 
bürgertums mit Entschiedenheit zu wollen. 

Im mittleren und höheren Bürgerstand aber 
steigert sich vielfach die Indolenz zur politischen 
Apathie. Die Geschäfte gehen gut, man bereichert 
sich. Unermeßliche Stadtgebiete, in denen kein 
Haus älter ist als zwanzig Jahre, beherbergen den 
neuen Wohlstand. Zehntausend merkantile Gesell- 
schaften von weit geringerem Durchschnittsalter 
haben Legionen von hochbesoldeten Direktoren, 
Prokuristen und Oberbeamten geschaffen. Das 
Geschäft blüht, aber nicht von selbst, man hat seine 
Sorgen. Soll man sie durch politische Ängste ver- 
mehren, die nichts bringen ? Kaum hat man Zeit, 
die Vergnügungen zu genießen, die das schöne Geld 
beschert. Und ist nicht alles gut gegangen ? Warum 
soll es nicht weiter gut gehen ? Noch zehn, noch 
zwanzig Jahre, und man ist reich, solange hält es. 
Kurz und gut, das Geschäft geht vor. 

261 



spricht man mit denen, die sich gern als einfluß- 
reich und maßgebend bezeichnen lassen, so geben 
sie vielfach dem Monarchen die Schuld. Erwidert 
man, daß ein wohlmeinender Herrschei als Expo- 
nent seines Volkes nur den Gesamtwillen vollzieht 
und vollziehen kann, so werden sie nachdenklich 
und sagen, es sollte jemand darüber schreiben. 
„Und würden Sie einem Aufruf oder einer Petition 
beitreten, wenn es sich um diese Dinge handelt ?" 
— „Ja, warum nicht ? Unter Umständen ganz 
gern . . .," und dabei denken sie, was die Gattin 
dazu sagen würde, wenn die Einladung des Ober- 
präsidenten oder der neue Titel ausbliebe. 

Rückhaltlos muß es ausgesprochen wer- 
den: am Unrecht ist niemand so schuldig 
wie das Volk selbst, das aus Indolenz und 
Geschäftslust gramlos es duldet; aber ge- 
duldetes Unrecht wird nicht zum Recht 
und verkannte Gefahr nicht zur Posse. 
Von Unrecht und Gefahr aber kauft kein 
Opfer uns los. 

Völkerkriege und Schicksale werden nicht 
vom Willen geschaffen; sie entspringen 
Naturgesetzen, die in den Kontrasten des 
Bevölkerungsdruckes, der Aktivität, aes 
Physikums ihren Ausdruck finden. Doch 
über den mechanischen Schicksalsgesetzen 
stehen die ethischen und transzendenten. 
Wenn innere Kräfte stocken, wenn Formeln, 
Sitten und Gedanken sich überleben, so 
ergreift ein äußeres Geschick das Wort und 
die Führung. Nicht äußere Verhältnisse 
und politische Konstellationen, sondern 
innere Gesetze, sittliche und transzendente 

262 



Notwendigkeiten führen mit Gewalt unser 
Schicksal herbei. Unser zähes Volk ist mit 
dem gleichen Mittel erzogen worden, mit 
dem es seine Kinder zu erziehen liebt, mit 
Schlägen. Früher hat der Trotz der Herr- 
schenden die Schicksalsschläge herbeige- 
zogen, nun gesellt ^ich zu diesem Trotji die 
Indolenz des Landes, das nicht um seine 
Verantwortungen kämpfen will und daher 
um seine Sicherheit wird kämpfen müssen. 
Tritt aber die Schicksalsstunde heran, so 
wird man begreifen, daß alle Unternehmung 
ein Spiel der Winde bleibt, wenn sie nicht 
in der Tiefe auf doppelt gefestigtem Funda- 
ment beruht: auf starker Politik und ge- 
rechter Verfassung. Die Leidenschaft, die 
heute deninteressen des materiell enLebens 
frönt, wird dannderSorgeumdieDingeder 
Gemeinschaft und des Staates weichen, und 
zugleich mit der Erschütterung des über- 
reichen Gebäudes unser er Wir tschaft werden 
morsche Rechte undMächtedahinsinken. In 
einer Stunde stürzt, was auf Äonen gesichert 
galt;was heut vermessene Forderungscheint, 
wird selbstverständliche Voraussetzung. In 
solcher Zeit der echtenOpfer und der wah- 
ren Entäußerung verschmelzen die Mächte 
des Volkes, der Verwaltung undderKronezu 
engerer Einheit und verjüngter Kraft: sei 
es im Dienste der Abwehr, des Ansturms 
oder der Vergeltung. Bis dahin aber mögen 
wir das Jahr 1813 feiern und des Jahres 1806 
gedenken. 1913 



263 



DEUTSCHE GEFAHREN UND NEUE ZIELE 



Ein Engländer, der in einer wohlgemuten Schrift 
alle Ursache, Berechtigung und Möglichkeit 
künftiger Kriege abtut, und, wie zu erwarten war, 
mehrere hunderttausend Leser fand, verbreitet sich 
eingehend über die wirtschaftliche Wertlosigkeit 
aller Kolonien für ihre Mutterländer; und da ihm 
schließlich die Frage auf den Hals rückt, warum 
denn Großbritannien so eifersüchtig an den seinen 
festhalte, so bleibt ihm der humoristische Aus- 
weg der Empfindungsargumente. 

In einem gesättigten Lande, das im Drange seiner 
guten Geschäfte jeden Aufblick vermeidet, kann 
es geschehen, daß solche Beschwichtigungen ernst 
genommen werden; deshalb verlohnt es sich, von 
Zeit zu Zeit eine ernstere Frage an das wirtschaft- 
liche Gewissen zu stellen. 

Deutschlands Einfuhr beläuft sich auf jährlich 
10 Milliarden. Das ist kein willkürliches Geschäft, 
das sich abstellen oder einschränken ließe; denn 
eine Bevölkerung von 65 Millionen braucht Nah- 
rungsstoffe und Rohprodukte, und was sie nicht 
im Lande findet, das muß sie kaufen. Was sie aber 
kauft, muß sie bezahlen. 

Ein Privatmann zahlt in Geld; eine Nation zahlt 
in Waren. Wollte Deutschland seine Einfuhr in 
Gold bezahlen, so würde schon in den ersten sechs 
Monaten das letzte Goldstück das Land verlassen 
haben, und wenige Wochen später wäre die letzte 
Silber-, Nickel- und Kupfermünze ausgegeben. 
Unsere Rechnungszahlung heißt somit Ausfuhr; 
wir exportieren Erzeugnisse unserer Arbeit, um 
Nahrungsmittel und Rohstoffe kaufen zu können; 
wir sind ein Lohnarbeiter unter den Völkern. Des- 
halb ist es sinnlos, mit verächtlicher Betonung von 

267 



unserer Exportindustrie zu reden, wie es von 
agrarischen Rednern zuzeiten geschah; wir ex- 
portieren nicht aus Willkür, sondern aus Not- 
wendigkeit. 

Wer mit Waren handelt, unterliegt einer dop- 
pelten Gefahr: wenn er zu teuer kaufen muß, und 
wenn er zu billig verkaufen muß, geht er zugrunde. 
Wenn die Welt unsere Waren nicht mehr haben 
will oder sie uns unter dem Wert abnimmt, so ist 
es, als ob wir keine oder eine entwertete Münze 
zum Zahlen hätten; wir sind beim Kauf übervor- 
teilt und können überdies nicht zahlen. Wenn die 
Welt uns das, was wir nötig brauchen, widerwillig 
und verteuert liefert, so werden wir konkurrenz- 
unfähig, wir setzen beim Verkaufe zu, auch wenn 
man uns die Ware wertgerecht abnimmt, und unsere 
Wirtschaft ist vernichtet. Unsere gewaltige Eisen- 
industrie lebt heute großenteils von fremdem Erz. 
Wird uns die Erzeinfuhr durch fremde Ausfuhr- 
zölle oder die Stahlausfuhr durch fremde Schutz- 
zölle unterbunden, so ist unser stärkstes Fabrik- 
gewerbe untergraben. 

Nordamerika ist im Sinne der Materialbeschaf- 
fung heute das glücklichste Land, denn es findet 
fast alle Rohstoffe in seinem Schöße; Deutschland 
ist im Verhältnis zur Ausdehnung seiner Industrie 
das unglücklichste. Je mehr die Industrie zur Welt- 
wirtschaft neigt, je mehr die fernsten Küsten zum 
Markt der Rohstoffe beitragen müssen, desto ge- 
fährlicher wird die Geringfügigkeit unseres Anteils 
am Landbesitz der Welt. 

In frühem Zeiten glaubte man, Kolonien seien 
nützlich als Tributstaaten oder als Abladestätten 
der Übervölkerung oder als Absatzgebiete. Heute 

268 



erkennen wir, daß sie meist mehr kosten als bringen, 
daß Auswanderung unerwünscht ist, und daß kolo- 
nialer Absatz umstritten ist, wie jeder andere Ab- 
satz; deshalb sind wir leicht geneigt, wie jener 
Engländer, den Wert überseeischen Besitzes zu un- 
terschätzen. Bald werden wir erkennen, daß jedes 
Stück der Erde als Substanz wertvoll ist; denn auch 
das geringste besitzt oder erzeugt irgendein Roh- 
material ; und ist es nicht das unmittelbar verwend- 
bare, so dient es zum Austausch. 

Die letzten hundert Jahre bedeuteten die 
Aufteilung der Welt. Wehe uns, daß wir so 
gut wie nichts genommen und bekommen 
haben! Nicht politischerEhrgeiz und nicht 
theoretischer Imperialismus rufen diese 
Klage aus, sondern beginnende wirtschaft- 
licheErkenntnis. DieZeit naht eilendheran, 
in der die natürlichen Stoffe nicht mehr 
wie heute willige Marktprodukte, sondern 
heiß umstrittene Vorzugsgüter bedeuten; 
Erzlager werden eines Tages mehr gelten 
als Panzerkreuzer, die aus ihren Gängen 
geschmiedet werden. 

Schon heute wäre die Hoffnung irrig, als könnten 
fremde Kolonien uns so gut bedienen wie eigene; 
als könnten Deutsche in Marokko so gut Bergbau 
treiben wie Franzosen. Jeder Kenner auswärtiger 
Industrien weiß, was fremde Landesaufsicht, fremde 
Gesetzgebung, fremde Transportbahnen, Häfen, 
Finanzen und Konkurrenzen bewirken und verhin- 
dern können. Wir werden Käufer bleiben statt 
Produzenten eigenen Rechts zu sein, und es wird 
kaum einer Periode künftiger Exportzölle bedürfen, 
um uns diese Schwäche fühlbar zu machen, sobald 

269 



die steigende Konsumkraft der Welt beginnt, die 
ersten Rohstoffe einzuengen. 

SeitBismarcks Scheiden betreibtDeutsch- 
land nicht mehr aktive auswärtige Politik, 
weil Preußen nicht von staatsgeschäft- 
lichen Talenten, sondern von verdienst- 
vollen Beamten geführt wird, und weil 
das Volk, im Gewinnen befangen, seine 
Staatssorgen nicht ernst nimmt. Wir be- 
mühen uns, der Welt klarzumachen, daß 
wir gesättigt sind, daß wir keine Wünsche 
haben, und je mehr wir reden, desto mehr 
mißtraut man uns und schiebt uns ver- 
wegene Pläne unter, weil man nicht be- 
greifen kann, daß wir unsere eigene Not- 
durft und unser eigenes Begehren nicht 
kennen. Es wird Zeit, daß wir es kennen- 
lernen und daß wir unumwunden bekennen 
und aussprechen: ja, es ist wahr, wir haben 
Nöte und Bedürfnisse. Wir können nicht 
in einem Menschenalter hundert Millionen 
Deutsche mit den Produkten einer halben 
Million Quadratkilometer einheimischen 
Bodens und einer afrikanischen Parzelle er- 
nähren und beschäftigen, und wir wollen 
nicht der Gnade des Weltmarktes anheim- 
fallen. Wir brauchen Land dieser Erde. 
Wir wollen keinem Kulturstaat das seine 
nehmen, aber von künftigen Aufteilungen 
muß uns so lange das nötige zufallen, bis 
wir annähernd so wie unsere Nachbarn 
gesättigt sind, die weit weniger Hände 
und unendlich mehr natürliche Güter 
haben. 

270 



Auf diese Sprache kann nichts erwidert 
werden, denn das Argument der Rohstoffe 
ist unwiderleglich wahr. Gelingt es uns, 
glaubhaft zu machen, daß wir unsereNach- 
barn nicht expropriieren wollen — und von 
unserer Friedensliebe dürfte man nachge- 
rade bis zu den Eskimos überzeugt sein — 
so erwächst den Kulturnationen die ernste, 
wohlverstandene, eigene Sorge, uns aus 
einer Verlegenheit zu helfen, die ungestillt 
zu einer dauernden europäischen Gefahr 
werden müßte. Es ist einfach unmöglich, 
daß man uns fernerhin von allen Geschäften 
mit jenem Sarkasmus ausschließt, der nicht 
unberechtigt war, solange wir uns in soge- 
nanntemDesinteressement nicht genugtun 
konnten. 

Zu den künftigen nützlichen Unterhaltungen in 
dieser Richtung, die vor allem mit England zu 
führen sind, gehört ein Gegenstand, der nur schein- 
bar abseits von diesen Erwägungen liegt, und ver- 
schiedenen europäischen Nationen gleichmäßig 
nahegeht: er betrifft das beispiellose Kuriosum der 
internationalen Politik, die Monroedoktrin. Eine 
mißverstandene Präsidentenbotschaft sperrt nach 
hundert Jahren ohne Gegenleistung und ohne 
Gegenpflicht einen Südkontinent zugunsten nord- 
amerikanischer Einwirkung, während es den Ver- 
einigten Staaten gestattet bleibt, sich in aller Welt 
festzusetzen. An die Stelle dieser engen Kasuistik 
muß in gegebener Zeit die wirtschaftlich notwen- 
dige und gerechtfertigte Lehre treten: daß kein 
Territorium der Erde von einer Macht dauernd 
und selbständig sequestriert werden darf, die nicht 

271 



imstande ist, seine Boden- und Oberflächenschätze 
im Dienst der Allgemeinheit nutzbar zu machen. 
Die Erde ist nicht groß und nicht reich genug, um 
den Luxus selbständiger Halbzivilisationen auf 
Kosten der Wcltproduktion zu gestatten. 

Aber wie dem auch sei; selbst wenn eine 
künftige Zeit, eine glücklichere Politik 
und ein klareres Erkennen uns einen ge- 
rechteren Anteil an der Erbschaft der Welt 
gewährt als unser jetziger Pflichtanspruch: 
die Zeit der großen Erwerbungen ist für 
Deutschland verpaßt. Da wir eine gewalt- 
same Neuverteilung der Lose nicht erseh- 
nen dürfen, so müssen wir mit dem Ge- 
danken rechnen, daß wir auf absehbare Zeit 
und in weitem Umfang eine zwangsweise 
kaufende und notgedrungen handelndeNa- 
tion bleiben. 

So besteht die Verdopplung der Gefahr: neben 
der Erschwerung des Kaufs die Erschwerung der 
Zahlung, die Entwertung des Zahlungsmittels, des 
Ausfuhrguts. 

Mit Ausnahme von England, das in glänzender 
Isolation die Irrtümer der Jahrhunderte zu über- 
dauern pflegt, frönen alle Wirtschaftsstaaten dem 
Hochzoll. Das Prinzip der Warenhemmung, das 
in Form der Binnenzölle vernichtet werden mußte, 
um vor hundert Jahren den Landeswirtschaften 
Raum zu schaffen, beherrscht heute die Weltwirt- 
schaft. Wenn der Deutsche dreimal so billig 
Strümpfe wirken kann wie der Amerikaner, wenn 
der Amerikaner dreimal so billig Strohhüte flechten 
kann wie der Deutsche, so muß dennoch jeder in 
seinem Lande beide Produkte herstellen; ihr Aus- 

272 



tausch ist zoUteclmisch verboten. In dem Sinne, 
daß die Welt ein Interesse daran hat, jede Ware 
dort machen zu lassen, wo sie mit dem geringsten 
Aufwand an Arbeit in vollkommenster Ausführung er- 
zeugt werden kann, sind Phöniker und Zentralafrika- 
ner uns an wirtschaftlicher Erkenntnis überlegen. 

Eine Periode des Schutzzolls war für die Jüngern 
Wirtschaftsländer nötig; in einzelnen, vor allem in 
Amerika nach der Gesetzgebung Mc Kinleys, hat 
sie Wunder gewirkt. Mit Recht hat man diese 
Wirkung dem Schutz der Treibhausscheiben ver- 
glichen : die zarte Pflanze erstarkt, der Baum sprengt 
die Enge. Unsere Industrie entwächst von Tag zu 
Tag dem Bedürfnis des Schutzes: aber in dem 
Maße, wie sie nach außen wirken will, wird ihr 
fühlbar, daß nicht sie allein aus dem Mittel der 
Hegung Nutzen zog. 

Von uns und Amerika haben die Völker gelernt; 
Zollmauern sind längs jeder Landesgrenze getürmt 
und erhöhen sich alljährlich, und im Innern der 
Staaten werden nationalistische Kräfte in den 
Dienst des Geschäftes gezogen, um den letzten 
Zufluß von Auslandsgütern abzudämmen. 

Von allgemeiner Ungeübtheit im wirtschaftlichen 
Denken zeugt die häufige Behauptung: der Zoll 
werde vom Käufer getragen. Das geschieht nur 
insoweit, als die Inlandsware des Käufers in ihrer 
Herstellung teurer ist als der Auslandspreis. So 
werden unsere Landwirtschaftsprodukte tatsächlich 
nahezu um den vollen Zoll verteuert; die meisten 
Industrialprodukte dagegen haben mit einer aus- 
gebildeten Erzeugung des Einfuhrlandes zu kon- 
kurrieren, die nicht gestattet, auch nur einen Teil 
des Zolls aufzuschlagen. 



I. i8 



273 



Dieser friedliche Krieg derNationen bie- 
tet der Zukunft Deutschlands schwerere 
Gefahren als irgendeine Waffendrohung. 
Er entwertet unser Zahlungsmittel, er 
zwingt uns auf die Dauer, teuer zu kaufen 
und billig zu verkaufen, und somit unent- 
geltliche Arbeit für das Ausland zu leisten. 
Es ist kein Zweifel, daß unsere Gegner 
Kenntnis dieserLage haben, denn sie unter- 
stützen jede nationalistische Importhetze 
und verengern so das Netz der wirtschaft- 
lichen Einkreisung, nachdem die politische 
Einkreisung zur Unzerreißbarkeit gediehen 
ist. Um so weniger würden sie erstaunt 
sein, wenn wir es wagten, die Lage anzu- 
erkennen und durch gerechte Ansprüche 
ihre Folgerungen zu ziehen. 

Es ist weder durchführbar noch wünschenswert, 
daß wir zum sogenannten Freihandel zurückkehren; 
vor allem können und dürfen wir nicht ohne Gegen- 
seitigkeit der Leistung uns zolltechnisch entblößen. 
Aber die Blütezeit der Hochzölle ist in der Welt 
vorüber; das werden über lang oder kurz alle wirt- 
schaftlich tätigen Nationen empfinden. Ein Abbau 
der Mauern wird geschehen, sonst fallen alle Vor- 
teile dem Lande zu, das nichts zu kaufen und nichts 
zu zahlen braucht: Amerika. 

Ein schweres Hemmnis wird die Tendenz der 
freiem Bewegung in Deutschland finden, denn hier 
ist das Gebäude des Hochzolls in der Agrarpolitik 
verankert, die gleichzeitig eine der Grundlagen des 
preußischen Feudalismus bildet. 

Man geht bei uns von der Ansicht aus, daß der 
hegemonische Staat die Kräfte seiner Führung und 

274 



Verteidigung nur aus den Schichten des Grund- 
besitzes ziehen könne, und stellt sich daher die Auf- 
gabe, den landwirtschaftlichen Großbetrieb, der in 
seiner heutigen Konstituierung und Belastung mit 
der Weltkonkurrenz nicht Schritt halten kann, auf 
gesetzgeberischem Wege seinen Besitzern zu erhal- 
ten. Dies geschieht durch eine weitgreifende Zoll- 
und Einfuhrregelung, die sich auf alle Agrarprodukte 
erstreckt, und manche um nicht viel weniger als die 
Hälfte des Auslandpreises belastet. 

Der Zweck ist für den Augenblick erreicht. Die 
Einkommen der Großwirtschaft haben sich gewaltig 
gehoben, der Wert vieler Güter hat sich innerhalb 
zweier Jahrzehnte verdoppelt, die Durchschnitts- 
verzinsung, auf den Wert der sechziger Jahre be- 
zogen, beläuft sich auf mindestens zehn bis zwölf 
Prozent, während die Erwerber industrieller Werte 
seit jedem beliebigen Zeitpunkt innerhalb dieser 
Periode eine Rente von höchstens acht Prozent im 
Durchschnitt erlangt haben, die sich materiell noch 
reduziert, wenn alle Aktienemissionen über Nenn- 
wert in Rechnung gezogen werden. 

Der Zweck ist erreicht, für den Augenblick. 
Denn der Mehrertrag wird kapitalisiert; die Le- 
bensführung, der Erbanspruch und die Belastung 
schließen sich dem Mehrwert an. Noch bevor ein 
Menschenalter vergeht, werden wiederum die Land- 
wirte über geringes Erträgnis und hohe Zinsen- 
lasten klagen, nachdem sie sich mit der Wert- 
steigerung des Bodens stillschweigend abgefunden 
haben. 

So steht der Gefahr der wirtschaftlichen Er- 
stickung ein Hochzollsystem zur Seite, das in den 
Interessen des Großgrundbesitzes, somit in der 



i8« 



275 



mächtigsten Quader des preußischen Regierungs- 
baus verankert ist. An einer Gesetzgebung, die 
ihren Urhebern Kopf für Kopf Renten von Tau- 
senden, Zehntausenden und Hunderttausenden be- 
deutet, ist nicht zu rühren. Mithin ist, selbst für 
den Fall, daß der Abbau der industrialen Hoch- 
zölle sich allmählich vollzieht, eine wirtschaft- 
liche Freundschaft mit allen Ländern überwiegen- 
den Agrarexportes in absehbaren Zeiten ausge- 
schlossen. 

Es bleibt eine letzte Möglichkeit: die Er- 
strebung eines mitteleuropäischen Zoll- 
vereins, dem sich wohl oder übel, über 
lang oder kurz die westlichen Staaten an- 
schließen würden. Früher als wir, beginnen 
einzelne unserer Nachbarstaaten, die nicht 
über unsern gewaltigen Binnenkonsu m ver- 
fügen, die Unbilden der wirtschaftlichen 
Isolation zu spüren. Ihre Industrien fristen 
ihr Dasein auf der engen Grundlage natio- 
naler Syndikate, die sich durch Preisver- 
teuerung im Inland für den Mangel an Aus- 
dehnungskraft und selbständiger techni- 
scher Entwicklung entschädigen. Die in- 
dustrielle Zukunft gehört der schöpfe- 
rischen Technik, und schöpferisch kann sie 
nur da sich betätigen, wo sie unter frischem 
Zuströmen menschlicher und wirtschaft- 
licher Kräfte sich dauernd im Wachstum er- 
neu e r t. So wie die einstmals vorbildliche Maschinen- 
industrie der Schweiz die Führung an die Länder 
großem Konsums abtreten mußte, so folgen heute 
zahlreiche Industrien der deutschen Vormacht; 
aber wir werden dieser Erbschaften nicht froh; 

276 



auch uns wäre es besser, wenn wir manche Natur- 
kraft, manche begünstigte Produktionsstätte und 
manchen unerschlossnen Verbrauchskreis unsrer 
Nachbarschaft in das Netz einer allgemeinen Wirt- 
schaft einbeziehen dürften. 

Die Aufgabe, den Ländern unserer europäischen 
Zone die wirtschaftliche Freizügigkeit zu schaffen, 
ist schwer; unlösbar ist sie nicht. Handelsgcsetz- 
gebungen sind auszugleichen, Syndikate zu ent- 
schädigen, für fiskalische Zolleinnahmen ist Auf- 
teilung und für ihre Ausfälle Ersatz zu schaffen; 
aber das Ziel würde eine wirtschaftliche Einheit 
schaffen, die der amerikanischen ebenbürtig, viel- 
leicht überlegen wäre, und innerhalb des Bandes 
würde es zurückgebliebene, stockende und unpro- 
duktive Landesteile nicht mehr geben. 

Gleichzeitig aber wäre dem nationalis- 
tischen Haß der Nationen der schärfste 
Stachel genommen. Denn wenn man sich 
fragt, warum die Staaten zur Erbitterung 
ihrer VVettkämpfe getrieben werden, war- 
um sie sich Kräfte, Rechte, Bündnisse und 
Besitztümer neiden, warum das Glück des 
einen der Schaden des andern ist; es sind 
längst nicht mehr Religionen, Sprachen, 
Kulturen und Verfassungen, die sie ent- 
fremden. Kulturformen und Zi vilisationen 
vereinigen sich friedlich innerhalb aller 
bekannten Landesgrenzen; Verfassungen 
lösen sich ab und hinterlassen leichtbe- 
sänftigte Spuren. VV^as dem Engländer un- 
möglich macht, in Deutschland heimisch 
zu werden, was dem Deutschen einen 
längern Aufenthalt in Frankreich verleidet, 

277 



sind Formen niederer Verwaltungspraxis, 
Polizei-, Sttuer- und Aufsichtsfragen. 
Was aber die Nationen hindert, einander 
zu vertrauen, sich aufeinander zu stützen, 
ihre Besitztümer und Kräfte wechselweise 
mitzuteilen und zu genießen, sind nur mit- 
telbar Fragen der Macht, des Imperialis- 
mus und der Expansion: im Kerne sind es 
Fragen der Wirtschaft. Verschmilzt die 
Wirtschaft Europas zur Gemeinschaft, und 
das wird früher geschehen als wir denken, 
so verschmilzt auch die Politik. Das ist 
nicht der Weltfriede, nicht die Abrüstung 
und nicht die Erschlaffung, aber es ist Mil- 
derung der Konflikte, Kräfteersparnis und 
solidarische Zivilisation. 

1913 



278 



1813 

EIN FESTGESANG ZUR 
JAHRHUNDERTFEIER 



BEDRÜCKUNG 



Die Stimme des Propheten 

Uu Menschenkind, so spricht der Herr: das Ende 
kommt, das Ende über alle vier Örter des Landes. 
Das Ende kommt, es kommt das Ende, es ist er- 
wacht über dich, siehe: es kommt. 

Hesckiel, 7, 2. 



Die Stimme der Not 

Brecht auf, ihr Herzen, ungewohnt, zu klagen, 

Ihr Stirnen, lernt euch neigen, 

Ihr Knie, lernt in Staub euch beugen, 

Lernt, stolze Schultern, Joch und Lasten tragen. 

Zu frecher Jugend schielt empor, ihr Alten! 
Die einst so flink im Flüchten, 
Sie halten euch in Knechteszüchten, 
Um königlich auf eurem Erb zu schalten. 

Errötet eures Wortes und Gewandes, 

Übt kauderwelsche Bitten, 

Liebt fremde Ehre, fremd Gesetz und Sitten, 

Vergeßt den Namen eures Vaterlandes. 



283 



Die Stimme des Grams 

Tages unbarmherzige Sonnen 
Schütteln ihre Feuerbrände, 
Ginge alles Licht zu Ende, 
Blieb uns ewige Nacht gewonnen. 

Nacht des ruhelosen Schlummers, 
Jammer schreitet durch die Gassen, 
Nacht durchzuckt von Feindes Prassen, 
Dämmrung schreckcrwachten Kummers. 

Blasses, übernächtiges Sehnen, 
Menschen bitte, nichtige Worte, 
Schließt sich des Gebetes Pforte, 
öffnet sich das Tor der Tränen. 



284 



Die Stimme der Verzweiflung 

Du harter Gott, der vom metallnen Turme 
Das All bewachst, 

Der trunken von des Schaffens Wirbelsturme 
Des Fleisches lachst, 

Wir Knechtsvolk dienten deiner Himmelsehre 
Ach, allzugern; 

Sie stampften lästernd deine Hochaltäre 
Und sind die Herrn. 

Hast du dem eitlen Cäsar, uns zu richten, 
Dein Schwert verliehn ? 
O laß durch deinen Donner uns vernichten, 
Doch nicht durch ihn. 

Geschändet stirbt dein Volk. Und keine Spende 
Des Himmelsborns 

Verwäscht die Schmach. Vollende, Herr, vollende 
Das Werk des Zorns. 



285 



Die Stimme der Rache 

Vom Schwerte gerichtet, 

Geblendet, vernichtet. 

An Felsen geschmiedet, verblutet die Kraft, 

Die andern im Glänze 

Erproben im Tanze 

Die schmeidigen Glieder, vom Siege gestrafft. 

Empor nun zu Göttern, 

Gerechtesten Rettern 

Die Zeugen der Unbill, des Frevels und Mords : 

Ihr blutigen Splitter, 

Ihr Tränen der Mütter, 

Zerreißet den Frieden des himmlischen Orts. 

Cheruben erbleichen, 

Gestirne entweichen; 

Das Haupt in blauendes Düster gehüllt. 

Sitzt schweigend der Zeuger, 

Titanenkraftbeuger, 

Bis Stunde und Urteil und Schicksal sich füllt. 

Der Stundenpfeil steiget. 

Die Schale sich neiget, 

Trompeten erzittern, schon reckt sich der Strahl; 

Zerflattert, ihr Schleier, 

Das Heer der Befreier, 

Es stürzet und wettert und donnert zu Tal. 



286 



Die Stimme des Schicksals 

Erbarmen nicht noch Göttergunst noch Bitten 
Versöhnen dein Geschick; 
Uralter Stempel, aus Demant geschnitten, 
Prägt Leid und Glück. 

Wie lange trübt der dunkle Quell der Trauer, 
Der Lust den Lebensstrom ? 
Nur Dumpfheit malt auf leere Nebelmauer 
Ihr Schreckphantom. 

Getrost hinab die innertiefen Schächte, 
Von Finsternis geschwellt; 
Im IVIittelpunkt vermählen sich die Mächte : 
Recht, Wille, Welt. 



287 



II. 



ERLÖSUNG 



Die Stimme des Propheten 

Oo spricht der Herr: ich will euch ein neu Herz 
und einen neuen Geist in euch geben und will das 
steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und 
euch ein fleischern Herz geben. 

Hcsekiel, 36, 26. 



1, 19 



Die Stimme der Reue 

Mensch, gedenke deiner höchsten Stunde, 
Heiße alle Erdenstimmen schweigen, 
Blicke einwärts, gib dem Gotte Kunde! 

Mensch, bedenke! Nichts ist dir zu eigen 
Als der einige kristallne Spiegel; 
Wehe ! Wessen Antlitz wird er zeigen ? 

Mensch! Vom Herzen lösen sich die Siegel 
Und Pandorens wirbelnde Gestalten 
öffnen ihre schillerbunten Flügel. 

Mensch! Des trügerischen Schleiers Falten 
Hüllen dir den Blick mit Eitelkeiten, 
Bergen dir der Gottheit ruhend Walten. 

Mensch! Vernimm des Geisterreiches Schreiten! 
Mensch! Vernimm des Paraklets Befehle! 
Mensch! Laß Mut und Furcht und Hoffnung 

gleiten! 
Mensch, o Mensch, gedenke deiner Seele! 



19» ^ 291 



Die Stimme des Opfers 

Durch des Sommers Sternennächte 
Lasset Feuer:'ungen schießen, 
Daß der Götter VVeihestätte, 
Heiliger Gipfel Waldeskette, 
Freiheitsdämmrung zu begrüßen, 
Sich zum Sternenkranze flechte. 

Flammender Opferbrand, 

Lautre mein Vaterland. 

Himmelan, du dunkle Säule, 
Spende deine Weihrauchdüfte, 
Scheuche, Glut von reiner Klippe, 
Lügengeister, Teufelssippe, 
Saubre Felder, kläre Lüfte, 
Töte Pestilenz und Fäule 

Flammender Opferbrand, 

Weihe mein Vaterland. 

Tilge, Flamme, was uns zehrte, 
Spieltand, den uns Sklaven preisen, 
Friß Damaste und Geschmeide, 
Hoher Frauen Opferfreude, 
Brenne Gold und gib uns Eisen, 
Wir genesen nur am Schwerte. 

Flammender Opferbrand, 

Rette mein Vaterland. 

An der Glut der Eichenstämme 
Zündet Fackeln, schwingt die Gluten! 
Nie mehr, Männer, Knaben, schwört es. 
Darf ein Feind, der Rächer hört es. 
Hochmutschwellend überfluten 
Deutscher Grenzen heilige Dämme. 

Flammender Opferbrand, 

Schütze mein Vaterland. 



292 



Die Stimme der Sehnsucht 

Blond und stahlblau Korn und Lüfte, 
Himmelaugen heiliger Seen, 
Dunkler Kiefern Waldesgrüfte, 
Blasser Dünen Schaumes wehen, 

Harter Boden, harte Herzen! 
Mag der Feind sich Sieger wähnen, 
Nie gelingt ihm, auszumerzen 
Ahnensaat von Blut und Tränen. 

Mag der Feind dich frech betreten, 
Adler hissen auf den Zinnen 
Über schmachbedeckten Städten: 
Nimmer wird er dich gewinnen. 

Mußte sich der Mund verschließen, 
Daß das Herz umpanzert bliebe. 
Endlich darf es überfließen: 
Land, mein Land, du meine Liebe! 



293 






Die Stimme der Königin 

Ihr zerbrochnen Mutterherzen, 
Die am Kreuzesstamme schauert, 
Schwestern tiefster Liebesschmerzen, 
Die ihr um die Knechtschaft trauert. 
Junge Seelen, leidgeboren, 
Heimatfremd in bangen Tagen, 
Kommt zu mir, die auserkoren, 
Dreifach euren Gram zu tragen. 

Laßt uns treu dem Gotte danken, 
Der uns höchstes Recht gewährte. 
Der aus dumpfer Kleinheit Schranken 
Uns durch Marterglück verklärte. 
Ja, mit Recht sind wir geschlagen, 
Selbstsucht darf die Welt betören, 
Wenn die Besten uns verzagen; 
Doch die Willkür kann nicht währen. 

Gott folgt ewigen Gesetzen. 
Mochten Cäsars Friedenslügen 
Väterbrauch und Recht verletzen; 
Keine Erdmacht konnte fügen, 
Daß das Wort sich nicht erfüllte: 
Demut nur soll Herrschaft erben. 
Da mir solches Gott enthüllte, 
Durfte ich getröstet sterben. 



294 



III. 



ERHEBUNG 



Die Stimme des Propheten 

1 röstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. 
Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß 
sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen 
und nicht müde werden, daß sie wandeln und nicht 
ermatten. 

Jesaias, 40. 



Die Stimme des Gebets 

Unser Vater, Gott der Höhen, 
Lenker aller Himmelsheere, 
Siehe Tausend vor dir stehen 
Hart gewaffnet, dir zur Ehre. 

Gib, daß nicht uns Haß und Rache, 
Menschenfurcht uns nicht entzweie, 
Gib, daß deine Gottessache 
Unberührte Seelen weihe. 

Jeder Strahl aus deinen Sonnen 
Klingt in unsrer Herzen Stille, 
Alle Wünsche sind zerronnen. 
In uns atmet nur dein Wille. 

Gib, daß deines Himmels Feuer 
Falschheit, Wust und Dunst zerstiebe; 
Härte uns, du Blitzestreuer, 
In dem Feuer deiner Liebe. 

Nicht, um Römerglück zu werben. 
Siehst du unsre Heere schreiten: 
Laß uns siegen, laß uns sterben. 
Dein der Kranz der Ewigkeiten. 



297 



Die Stimme der Jugend 

Standarten und Spiele, 
Wie blitzen die Höhn! 
Der Herbstwind wie kühle, 
Der Morgen wie schön! 

Ihr Brüder, uns bindet 
Ein königlich Band, 
Das Nichtige schwindet. 
Wir schützen das Land. 

Wie wuchsen im Frieden 
Wir träge heran ! 
Gefahren, sie schmieden 
Den Knaben zum Mann. 

Nun brausen die Wälder 
Dem feurigen Bund, 
Bald dampfen die Felder, 
Bald donnert der Grund. 

Frischauf! Wenn die zweite 
Der Sonnen erwacht, 
Sie leuchtet dem Streite, 
Der herrlichen Schlacht. 

Und kauert in Gräben 
Und lauert der Tod, 
Sprüht Freiheit und Leben 
Aus funkelndem Rot. 



298 



Die Stimme des Donners 

Im Donner stürzt das Schöpferwort zur Erde, 
Das Weltall atmet schwer; 

Durch Wirbel zuckt der Flammenruf: Es werde! 
Das Chaos ist nicht mehr. 

Schon schwingen sich zum Feuerkranz die Sonnen 

In Weißglutpracht, 

In Schattentälern ist der Tag zerronnen, 

Es blaut die Nacht. 

Gewaltge Spannung bannt die Firmamente, 
Es sprüht der Streit, 
Urewiges Hassen sträubt die Elemente, 
Die Windsbraut schreit. 

Da kracht die Feste, flammt die Atmosphäre, 
Der i\bgrund stöhnt, 

Zurück die Welt ins Chaos und ins Leere! 
Und Satan höhnt. 

Nun brechen blutige Segensströme nieder 
Aus Götterbrust, 

Aus höchstem Opfer trinken Welten wieder 
Sich Werdens Lust. 

Im Rosenlicht verklärt, der Himmelsbogen 
Besiegt die Nacht; 

Der Heros stürmt, vom Glanz emporgezogen: 
Es ist vollbracht. 



299 



Vox coelestis 

Gloria in Excelsis Deo et in terra pax hominibus 
bonae voluntatis. Amen. 



1913 



EIN WORT ZUR LAGE 



Sechs Mächte verabscheuen und fürchten den 
Weltkrieg und wissen dennoch nicht, wie sie 
sich seiner erwehren sollen. 

Vier von diesen Mächten sind sachlich an der 
Streitfrage uninteressiert; zwei haben ein Interesse. 

Man mag über den panslawistischen Anspruch 
denken wie man will, Rußland ist von Serbien als 
slawische Vormacht bisher anerkannt worden, es 
verliert diese Stellung, wenn es seinen Schützling 
in der Gefahr aufgibt. 

Das österreichische Interesse besteht, denn der 
Krieg gegen Serbien hat begonnen. Ob ein Krieg 
die Kraft hat, chauvinistische Wühlerei im besieg- 
ten Lande verstummen zu lassen, kann nach unsern 
Erfahrungen mit Frankreich bezweifelt werden; 
aber diese P'rage steht nicht mehr zur Erörterung, 
wenigstens nicht bei uns. 

Zwischen Österreich und Rußland bestehen Ver- 
handlungen, von denen der Weltfriede heute ab- 
hängt. Österreich hat durchblicken lassen, daß der 
Landbesitz Serbiens nicht versehrt werden soll. 
Will man die politische Unabhängigkeit des Landes 
vernichten ? Dann würde Rußlands tatsächliche 
Machtsphäre verringert, und der Krieg wäre schwer 
vermeidbar. 

Das Fortbestehen der Verhandlungen läßt ver- 
muten, daß Österreichs Absicht so weit nicht geht. 
Es scheint sich um Forderungen zu handeln, die 
der Gedankenreihe des Ultimatums entsprechen. 

Die Reichsregierung hat keinen Zweifel zuge- 
lassen, daß Deutschland unerschütterlich seiner 
alten Bündnistreue folgt. Ohne den Schutz 
dieser Treue konnte Österreich seinen 
Schritt nicht wagen. Deutschlands Regie- 

1, 20 305 



rung und Volk haben den Anspruch, zu wis- 
sen, welche Wünsche Rußland ausspricht 
und Österreich ablehnt. Eine Frage, wie 
etwa die, ob österreichische Kommissare 
bei den serbischen Umtriebsermittlungen 
mitzuwirken haben, ist keinAnlaß für einen 
Völkerkrieg. Die Politik Metternichs, in allen 
erreichbaren Staaten Überwachungskommissionen 
unter österreichischer Führung gegen Umtriebs- 
gefahr einzusetzen, gehört der Vergangenheit an 
und kann auch in der Monarchie nicht mehr beliebt 
werden. 

Verlangt dagegen Rußland das Arbitrium über 
die Entschlüsse einer Dreibundsmacht, sich bei be- 
nachbarten Nationen ihr Recht zu holen, so ist ein 
politisch unerträglicher Weltzustand geschaffen, 
der uns das Recht und die Pflicht gibt, an Öster- 
reichs Seite für ein würdiges Ziel zu fechten. 

Geschrieben am 29., veröffentlicht am 31. Juli 1914. 



306 



INHALT 

ZUR KRITIK DER ZEIT 7 

MAHNUNG UND WARNUNG 149 

1908 Über Englands gegenwärtige Lage . . 151 

191 1 Politik, Humor und Abrüstung .... 171 
Staat und Judentum 183 

1912 England und wir 209 

Politische Auslese 221 

19 13 Parlamentarismus 233 

Eumenidenopfer 251 

Deutsche Gefahren 265 

1813 279 

1914 Zur Lage 303 



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